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Dr. M. Unsere Top-BuchhändlerInnen

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Über mich:
42 meiner Rezensionen verschwanden hier 2018. 2019 sind es jetzt bereits 81! Hier zu rezensieren lohnt sich eigentlich nicht.

Meine Bewertungen

Ein Spion in der Ego-Falle

Dr. M. , am 15.03.2019

Wenn Major Hellmut Scheithauer ein Verräter im klassischen Sinne gewesen wäre, hätte er sich in den Westen abgesetzt. Probleme hätte ihm eine solche Flucht nicht bereitet, denn er war ständig im Westen. Mit diesen Aufenthalten beginnt sein Drama. Zu Anfang der 1960er Jahre entfaltet die westliche Konsumwelt ihre Verführungen bei Scheithauer. Er zweigt kleine Beträge von Zahlungen an seine Westspione ab und benutzt sie für seinen privaten Konsum. Die Stasi erhält gefälschte Quittungen von ihm. Als zwei seiner Leute sich anfangen zu beschweren und seinen Chef sprechen wollen, gelangt Scheithauer an den Scheideweg: Entweder die Sache fliegt auf und seine Karriere beim militärischen Geheimdienst der DDR ist zu Ende oder er löst das Problem anders.

Scheithauer kommt auf die für ihn einfachste, aber wohl auch dümmste Idee. Er richtet seine beiden Spione hin. In Waldstücken nahe der Transitautobahn. Fünf Jahre später wird er gefasst. Wie die Ermittler ihm auf die Spur gekommen sind, ist eigentlich eine Meisterleistung, denn die Spurenlage war dünn und die aufgefundenen Toten konnten nicht so einfach identifiziert werden.

Selbstverständlich hielt die DDR dieses Verbrechen geheim. Nicht einmal Scheithauers Ehefrau kannte die Vorwürfe gegen ihn, noch erfuhr sie, dass man ihn zum Tode verurteilt hatte. Er starb eben in der Haft. Wäre dieser Fall bekanntgeworden, hätte er mit Sicherheit die Rekrutierungsversuche der Stasi im Westen erheblich erschwert. Wer will schon gerne von seinem Führungsoffizier ermordet werden?

Jürgen Schreiber hat sich durch unzählige Akten gequält, um Scheithauers Doppelmord der Öffentlichkeit bekanntzumachen. Interessant ist nach den vielen Jahren nicht nur der reale Fall, sondern vor allem das Offenlegen der tatsächlichen Verhältnisse innerhalb des im Westen so gefürchteten DDR-Geheimdienstes. Wenn man dieses Buch gelesen hat, bleibt vom Selbstporträt der Hauptabteilung Aufklärung und anderer Dienste der DDR nicht mehr viel übrig. Besonders imposant sind dabei die gegenseitigen Bespitzlungen selbst hoher Offiziere, für die Schreiber zahlreiche Belege anführt, die im Nachhinein ziemlich lustig und albern klingen.

Für Leser, die niemals in diesem System gelebt haben, mag das Buch mitunter seine Längen haben. Der tatsächliche Fall ist eigentlich banal und lässt sich kurz abhandeln. Schreiber aber hat so viele DDR-Akten gelesen, dass er ihn etwas in die Länge zieht und dabei immer wieder mit Einzelheiten etwas abseits des eigentlichen Geschehens ausschmückt, auch wenn dies durchaus interessant sein kann. Auch bei seinen psychologischen Ausführungen über Scheithauers Persönlichkeitsprofil kann man geteilter Meinung sein, denn im Grunde ist die Sache recht einfach. Scheithauer ist gewissermaßen ein Klassiker, jedenfalls was sein Mordmotiv anbelangt. Es dürfte in der Kriminalgeschichte recht häufig vorkommen. Menschen wie Scheithauer finden nicht zufällig zum Geheimdienst. Ihnen liegt diese Tätigkeit, weil sie bereits mit genügend krimineller Energie ausgestattet sind. Scheithauer konnte lügen, dass sich die Balken biegen.

Das musste er auch, denn die Rekrutierung von Spionen läuft sehr häufig auf Erpressung hinaus. Den Kandidaten wird etwas vorgespielt, sie werden in eine bestimmte Falle gelockt und dann damit erpresst. Das war auch im Falle seiner Opfer so.

Kommen solche Menschen erst einmal auf die schiefe Bahn, und ist dann ihre Enttarnung möglich, dann handeln sie konsequent nach ihrem bisherigen Muster, immer vorausgesetzt, sie können auch morden und haben die Mittel dazu.

Das Buch ist also in vielerlei Hinsicht eine interessante Quelle. Vielleicht empfindet nicht jeder Leser den Stil von Jürgen Schreiber als besonders flüssig. Aber das ist nur eine Randbemerkung.

Ein Verräter wie er - Jürgen Schreiber
Ein Verräter wie er
von Jürgen Schreiber
(2)
eBook
14,99

"Vorschläge für mehr Langfristigkeit"

Dr. M. , am 15.03.2019

Hans-Werner Sinn gehört zu den geistigen Vätern der Agenda 2010 des abgewählten Kanzlers Schröder, dem seine Partei den Schwenk in die angeblich falsche Richtung bis heute nicht wirklich verziehen hat, obwohl er Deutschland damit wenigstens ansatzweise in eine Position gebracht hat, von der es heute profitiert. Und zwar im Gegensatz zu den meisten anderen EU-Staaten.

In diesem schmalen Büchlein zieht Professor Sinn nun Bilanz und mahnt neue Reformen an, um Deutschland noch viel nachhaltiger vom Weg in den Abgrund abzubringen. Denn dass das Land völlig unabhängig von der EU-Schuldenkrise dahin unterwegs ist, vermittelt allein der unverstellte Blick auf die demografische Entwicklung, wenn man diese gemeinsam und im Zusammenhang mit den noch vorhandenen Wohltaten des Sozialstaates betrachtet.

Aber das sind bei Weitem nicht die einzigen Probleme, die sich nicht dadurch in Luft auflösen, dass man sie einfach ignoriert. Der Inhalt dieses Textes lässt sich am besten durch seine Kapitelüberschriften verdeutlichen:

- Arbeit, Armut, Steuer - aber richtig!
- Energiewunde statt Energiewende - Aussteigen aus dem Ausstieg
- Familien, Mütter und Kinder nicht mehr diskriminieren
- Zuwanderung als Zeitbombe - den Sozialstaat vor dem Kollaps schützen
- Schule sinnvoll reformieren, aber nicht auf alles hören.

Professor Sinn wird in diesem Buch von Jens Schadendorf, einem der Herausgeber dieser neuen "Edition Debatte", befragt und antwortet in der gebotenen Kürze, in der manches vielleicht nicht so ausführlich und gründlich erklärt werden kann, wie es vielleicht nötig gewesen wäre.

"Der Politik genehm sind Wissenschaftler, die sich entweder mangels eigener analytischer Kraft oder aus Karrieregründen, wohlfeil der normativen Kraft des Faktischen beugen und der Regierung helfen, die selbst gesetzten roten Linien zu verschieben, damit man sie nicht überschreiten muss." Das liest man gleich zu Beginn des Textes. Sinn zählt sich selbst nicht zu dieser Gattung von Geistesgrößen und musste deswegen auch schon manche Beschimpfung ertragen, die unter Politikern offenbar zum guten Ton gehört.

Bereits an den oben genannten Kapitelüberschriften wird deutlich, dass Sinn in seinen Aussagen deutlich und nachdrücklich eine Abkehr von offenkundigen und vorrangig ideologisch begründeten Irrwegen verlangt und eine Hinwendung zu mehr Rationalität und Nachhaltigkeit fordert. Besonders seine Kommentare zur angeblichen Energiewende machen dies deutlich. Bei rationaler Betrachtung vermag Sinn nicht zu erkennen, wie man in einem hochindustriellen Land wie Deutschland die notwendige Energie im Wesentlichen aus Wind und Sonne erzeugen will, also mit Energiequellen, die keine Grundlast hervorbringen können.

Er prognostiziert, dass das Land gezwungen werden wird, von diesem sehr kostspieligen Irrtum abzugehen, zumal Deutschland wie ein Geisterfahrer unterwegs sei. Alle anderen würden mit zunehmender Geschwindigkeit in die Gegenrichtung fahren.

Eine ähnlich kontroverse Position nimmt Sinn bei der Zuwanderung ein. Es müsse endlich Schluss sein mit der Zuwanderung in die sowieso schon überlasteten Sozialsysteme. Man kann das mit einfachen Maßnahmen regeln, die allerdings Prinzipien der EU widersprechen. Stattdessen sollte man eine Zuwanderung in Arbeit fördern.

Natürlich werden Sinns Forderungen auf erheblichen Widerstand stoßen, weil sie kurzfristigen Interessen von gesellschaftlichen Gruppen und Gruppierungen entgegenstehen, die diese geschickt als Interessen aller tarnen oder hinter scheinmoralischen Forderungen verstecken. Für langfristig wirkende und den tatsächlichen Gegebenheiten entsprechende Entscheidungen reichen leider weder das Verständnis, noch die politische Kraft und erst recht nicht das persönliche Rückgrat des handelnden Personals.

Am Ende des Buches findet man in einer Zusammenfassung Sinns Vorschläge für eine neue Agenda.

Verspielt nicht eure Zukunft! - Hans Werner Sinn
Verspielt nicht eure Zukunft!
von Hans Werner Sinn
(1)
eBook
3,99

Mysteriöse Ereignisse in London

Dr. M. , am 15.03.2019

Nachdem Lady Constances Weihnachtsparty gründlich daneben gegangen war, muss nun das von den drei Unerziehbaren demolierte Herrenhaus renoviert werden. Doch das ist für die Lady zu nervenaufreibend. Deshalb kommt sie auf die Idee, mit allen für einige Zeit um Zerstreuung zu suchen nach London zu flüchten.

Dort finden dann natürlich die nächste Abenteuer für Miss Penelope Lumley und ihre drei Unerziehbaren statt. Geheimnisvolle Weissagungen einer Zigeunerin, merkwürdige neue Bekanntschaften, Penelopes seltsames Treffen mit ihrer alten Lehrerin, ein Richter, der keiner ist, und Lord Fredrick, der sich sehr merkwürdig benimmt, bestimmen das Geschehen und tragen zur Verwirrung bei.

Die Autorin schafft es auch in diesem zweiten Band die Spannung aufrecht zu erhalten, die sich jedoch nur aus dem ungelösten Rätsel um die drei wilden Wolfskinder ergibt. Im Gegensatz zum ersten Band wird man dabei gelegentlich das Gefühl nicht los, dass die Geschichte etwas künstlich in die Länge gezogen wird.

Die schnörkelhafte Erzählweise, die ein wenig altmodisch und aus der Zeit gefallen und dazu noch recht ausschweifend erscheint, unterstützt dies leider. In diesem Teil passiert zwar recht viel, aber dem Geheimnis kommt man dadurch nicht viel näher. Es wird eher noch seltsamer, sodass man gespannt auf den nächsten Teil warten kann, der hoffentlich etwas schneller folgt, als es dieser nach dem ersten tat.

Das Geheimnis von Ashton Place, Band 2: Die Jagd ist eröffnet - Maryrose Wood
Das Geheimnis von Ashton Place, Band 2: Die Jagd ist eröffnet
von Maryrose Wood
(6)
eBook
11,99

Muss nur noch kurz die Welt retten ...

Dr. M. , am 15.03.2019

Eigentlich darf man dieses Buch nicht kritisieren, und ich tue es auch wirklich ungern. Denn wenn man es macht, kommt man leicht in eine Position, in der man des Unverständnisses bezichtigt und obendrein niemals zu Wohlstand kommen wird. Das ist nämlich der Trick hinter solchen Büchern: Die Verfasser setzen sich auf den Thron der Unfehlbarkeit. Müht man sich also nach dem Lesen erfolglos, ihre Verhaltensanordnungen auszuführen, dann kann man nur selbst am eigenen Elend schuld sein.

Diese Strategie aller Motivations- und Glücksverheißungsgurus ist absolut perfekt und unangreifbar. Sie bringt diese Leute auch genau dahin, wo die anderen, die hoffnungsvoll ihre Bücher kaufen oder ihre Seminare besuchen, selten hingelangen, nämlich zu materiellem Wohlstand. Aber das wäre noch kein Grund, dieses Buch zu kritisieren. Leider aber ist dieser relativ kurze Text schlecht geschrieben, zum Teil schwer verständlich und voller ständiger Wiederholungen, bei denen man sich relativ schnell vorkommt, als würde man wirklich unter dem berüchtigten Nürnberger Trichter sitzen.

Das Ganze ist eine etwas seltsame Mischung aus den Grundzügen der buddhistischen Lehre, positivem Denken und den berühmten "Bestellungen beim Universum". Und weil in all diesen Ansätzen doch einige Wahrheit steckt, bezieht sich meine Kritik vor allem auf die Darstellung und die permanente Verheißung, dass alles ganz einfach wäre und man es nur einfach kapieren und umsetzen müsse.

Nehmen wir einmal an, jemand wäre in einer Lebenskrise und würde einen Ausweg suchen. Tepperwein empfiehlt solchen Menschen in diesem Buch, negativen Gedanken nicht mehr als wenige Sekunden zu schenken und sie dann einfach loszulassen, also zu ignorieren. Wie das aber gehen soll, verrät er nicht. Aber das ist genau der Punkt, an dem solche Menschen wirkliche Hilfe brauchen. Hilfe, die deutlich über Sprüche und in solchen Situationen schwer realisierbare Anweisungen hinausgeht. Und da aber alles als ganz einfach hingestellt wird, es aber nicht immer ist, fühlen sich Menschen, bei denen die Verheißungen solcher Texte nicht aufgehen, erst recht als Versager.

Das Buch besteht aus drei Teilen. Zunächst versucht der Autor die buddhistische Lehre vom Selbst zu erläutern. Das ist nach meinem Empfinden der schlechteste Teil des Textes, weil er für Menschen, die sich damit noch nie beschäftigt haben, kaum zu verstehen ist. Tepperwein unterscheidet zwischen dem Ich und dem Selbst. Erst wenn man vom Ich zum Selbst finden würde, hätte man eine echte Chance auf Glück. Dahinter steckt Buddhas Lehre, dass alles Leid durch Anhaftungen entsteht, die das Ich verursacht. Und das Ich ist eine Illusion, die nicht einfach zu durchschauen ist.

Tepperwein schreibt: "Solange jemand etwas tut und willentlich beeinflussen will, sind wir nicht in der Realität. Dieser Jemand ist hartnäckig, und hat er erst erreicht, was er will, will er wieder etwas anderes oder noch mehr haben." Erst wenn man, so Tepperwein, nicht mehr ein bestimmtes Ziel oder Ergebnis erreichen will, hätte man den Widerstand gegen das Leben abgebaut. Es ginge darum, das Spiel des Lebens mit reiner Anwesenheit zu spielen und zu genießen (S. 35). Das ist in der Tat Buddhas Lehre. Wenn man nach ihr leben würde, träte man nach Tepperwein ins "Wohlstandsbewusstsein" ein.

Damit hätte man dann auch die notwendigen Änderungen auf der Bewusstseinsebene erreicht. Die beiden restlichen Teile sind dann der "materiellen" und der "mentalen" Ebene gewidmet. Merkwürdigerweise geht es nun nämlich um "Wunscherfüllung" und um die "Schärfung unseres Geldbewusstseins". Das würde sich aber als ungefährlich und als kein Grund für weiteres Leiden erweisen, da sich ja nun nicht mehr das Ich, sondern das Selbst damit befasst.

Den Weg vom Ich zum Selbst zu finden, erweist sich in der Tat als nicht ganz einfach, weil fast alles, was um uns herum passiert, in der Gegenrichtung unterwegs ist. Erreicht man das Ufer des Selbst aber nicht, dann geht alles, was Tepperwein dann im Folgenden beschreibt, genau in in die falsche Richtung.

Wir können die Welt nicht ändern, wohl aber unsere Einstellung. Im Grunde trifft man an dieser Stelle auf die Grundaussage jedes Motivationsgurus. Und sie stimmt. Blöderweise finden die meisten Menschen aber den Knopf nicht, auf den sie bei sich drücken müssen, damit das endlich passiert.

Einstellungen oder "Glaubenssätze" sind tief in jedem verwurzelt. Wer verkündet, dass alles ganz einfach wäre und man nur seine Einstellung in die richtige Richtung transformieren müsse und dass dazu das Lesen eines Büchleins reichen würde, ist ein Illusionist. Die Wirkung solcher Illusionen hat ungefähr die Halbwertzeit von guten Vorsätzen zu Silvester.

Damit soll nicht gesagt sein, dass alles, was in diesem Buch steht, Quatsch ist. Im Gegenteil, es enthält Einsichten und Techniken, die durchaus eine gewisse Wirkung besitzen. Und wer wirklich die Transformation vom Ich zum Selbst hinbekommt, den erwartet ein völlig neues Leben.

Mich stört nur dieses unermüdliche Gerede davon, dass alles so einfach wäre, dass man für Wohlstand nur seine Einstellung verbessern oder seine hinderlichen Glaubenssätze über Bord schmeißen muss. Unser Handeln wird fast immer vom Unterbewusstsein gesteuert. Um uns zu ändern, benötigen wir einen Zugang zu den Programmen, die dort über Jahre im Ich implementiert wurden. Jeder, der schon einmal versucht hat, sich etwas abzugewöhnen, kann ein Lied davon singen.

Sicher funktionieren fast alle Vorschläge in diesem Buch in gewissen Situationen und bei bestimmten Menschen. Aber als Grundkonzept um die Welt zu ändern - und genau das ist der Tenor dieses Werkes - vermitteln sie lediglich eine schöne Illusion.

Wohlstand ist für alle da - Kurt Tepperwein
Wohlstand ist für alle da
von Kurt Tepperwein
(1)
Buch (gebundene Ausgabe)
12,90

Streben nach Dominanz

Dr. M. , am 15.03.2019

Amerikanischen Geschäftsleuten scheint der Drang nach Größe und Dominanz besonders im Blut zu liegen. Die Geschichte des inzwischen größten Internet-Händlers bietet dafür einen einzigartigen Beleg. Den meisten Kunden dürfte das indes völlig egal sein, denn Amazon vermittelt sehr konsequent eine einfache Botschaft (S.110): "Ganz gleich, was irgendjemand kaufen (möchte), über Amazon (bekommt) er es wahrscheinlich am günstigsten. Und (wird) ein Artikel dort nicht am allerbilligsten angeboten, (lohnt) sich der Aufpreis, weil die Bestellung bei Amazon schlicht verlässlicher (ist)."

Dem kann man nur schwer etwas entgegensetzen. In diesem Buch findet man eine kurze Geschichte des Konzerns von der Idee über die Gründung bis hin zur gegenwärtigen Dominanz. Nebenbei erfährt man auch etwas über die Strategien und die Persönlichkeit des Gründers Jeff Bezos. Allerdings halten sich diese Informationen doch in engen Grenzen.

Als ebenso limitiert erweisen sich die Blicke hinter die Kulissen. Vielmehr erklärt der Autor seinen Lesern mehr oder weniger ausführlich die Geschichte des Konzerns entlang der Zeitlinie. Und die beginnt mit der Dotcom-Blase, in der sich Bezos fragte, womit man am einfachsten durch Verkaufen im Internet Geld verdienen könne. Als ausgebildeter Techniker geht Bezos bei seinen Überlegungen stets sehr planvoll und systematisch vor. Da er vor Gründung von Amazon in Wall-Street-Unternehmen Abwicklungsprogramme für den Handel schrieb und umsetzte, verfügte er bereits sowohl über Kontakte zum Finanzsystem als auch über Erfahrungen in der Erstellung und Implementierung großer Software-Programme. Beides erwies sich als überaus hilfreich.

Sparsamkeit und Konzentration aufs Wesentliche sind offenbar entscheidende Charakterzüge von Bezos. Und genau dies macht auch die Amazon-Website aus. Aber sie charakterisieren auch all seine geschäftlichen Schachzüge. Man erfährt in diesem Buch, dass Bezos Größe und Dominanz am Anfang stets vor Gewinn ging. Manchem wird das als eine sehr risikofreudige Strategie erscheinen. Aber sie war genial, und der Erfolg gibt Bezos schließlich recht. Es dauerte recht lange, bis der Konzern erstmals profitabel wurde. Dass Bezos das überhaupt bei der Geschwindigkeit seines Expansionskurses durchhalten konnte, verdankt er dem Börsengang in einer Blasen-Zeit, in der man für Hoffnung gigantische Ausgabekurse seiner Aktien bezahlte.

Wenn man sich über die Strategien von Bezos und die Geschichte des Konzerns informieren möchte, bietet dieses Buch eine gute Grundlage. Ich hätte mir manchmal eine etwas tiefere Analyse und mehr Details oder eine kritischere Darstellung gewünscht. Beispielsweise kommen Aussteiger aus der Firma nur sehr kurz zu Beginn des Buches zu Wort. Aber immerhin reichten diese Erklärungen bereits aus, um meinen Eindruck von der Vordergründigkeit vieler Floskeln des Unternehmens zu bestätigen.

Eine lesenswerte Geschichte, die gut geschrieben ist und durch die man wesentliche Strategien von Amazon viel besser zu verstehen lernt.

One Click: Jeff Bezos and the Rise of Amazon.com - Richard L. Brandt
One Click: Jeff Bezos and the Rise of Amazon.com
von Richard L. Brandt
(1)
Buch (Taschenbuch)
12,19

Piratinnen der Karibik

Dr. M. , am 15.03.2019

Pine, Elli und Wanda sind völlig verschiedene Mädchen und Messerlillis wilde Töchter. An ihrem zehnten Geburtstag bekommen sie ihr erstes eigenes Schiff geschenkt. Obwohl es sich dabei nur um einen ziemlich heruntergekommenen alten und recht kleinen Segler handelt, sind die drei überglücklich. Endlich sind auch sie wie Ihre Mutter Messerlillli und deren Mutter Säbeloma richtige Piratinnen.

Nun müssen sie auch noch gleich einen Auftrag erfüllen und einen Schatz für Messerlilli irgendwo auf einer einsamen Insel in der Karibik bergen und in den heimatlichen Piratenhafen bringen. Auf dieser Reise erleben sie jede Menge Abenteuer und kommen dabei ständig mit Piratenkapitän Antonio und seinen Jungs in Konflikte. Natürlich erweisen sich die wilden Mädchen dabei als ebenbürtig.

Eigentlich gehören Piratengeschichten eher ins Reich der Abenteuer kleiner Jungs. Doch in diesem Mädchenbuch geht es auch anders. Bei allen wilden Abenteuern der drei wilden Mädchen kommt keine wirkliche Gewalt ins Spiel. Wenn mit Kanonen geschossen wird, dann nur um die Segel der Gegner zu treffen.

Ein eher sanftes Mädchen-Abenteuerbuch, das am Ende auch die Frage klärt, warum die so unterschiedlichen Piratentöchter der berüchtigten Messerlilli alle am selben Tag zehn Jahre alt werden, wo sie doch gewiss keine Drillinge sind. Die Altersbegrenzung für die Zielgruppe würde ich eher zwischen sieben und zehn Jahren ansetzen.

Auf Schatzsuche in der Karibik / Messerlillis wilde Töchter Bd.1 - Alexandra Fischer-Hunold
Auf Schatzsuche in der Karibik / Messerlillis wilde Töchter Bd.1
von Alexandra Fischer-Hunold
(1)
Buch (gebundene Ausgabe)
9,95

Zu blöd, um wahr zu sein

Dr. M. , am 15.03.2019

In England soll dieses Büchlein ein Bestseller sein. Obwohl es viele witzige Antworten auf vermeintliche Prüfungsfragen enthält, merkt man doch sehr schnell, dass der gute Richard Benson seine Leser gehörig auf den Arm nimmt, denn die meisten Antworten sind einfach zu frech und zu intelligent, als dass sie besonders blöden Prüflingen eingefallen sein können.

Das Ganze ist nichts weiter als ein gut gemachter und recht lustiger Schwindel. Unter Prüfungsstress gibt kein Mensch ausgemacht freche Antworten, die garantiert falsch sind, oder bemüht sich besonders witzig zu sein. Immerhin hat Benson eine Marktlücke gefunden, denn egal ob nun wahr oder nicht: Das Buch verbindet die Schulzeit mit dem schönen Gefühl, sich über all das Zeug lustig machen zu können, an das man sich hinterher sowieso kaum noch erinnert.

Witzig, aber zur Nachahmung nicht empfohlen.

Der verschimmelte Reiter - Richard Benson
Der verschimmelte Reiter
von Richard Benson
(4)
eBook
9,99

Gegen den Zeitgeist: eine andere Sicht auf die Kreuzzüge

Dr. M. , am 15.03.2019

Vier Jahre nachdem Papst Urban II. im November 1095 zu den Kreuzzügen aufgerufen hatte, eroberte ein Heer von christlichen Rittern 1099 die Stadt Jerusalem. Spätestens seit der Aufklärung hat sich in Europa die Meinung durchgesetzt, dass diese Feldzüge barbarisch waren und nicht mit der Lehre von Jesus Christus zu vereinbaren sind.

Noch heute werden christliche Vertreter und manche Politiker nicht müde, sich für die Greueltaten der Kreuzritter zu entschuldigen, die viele Jahrhunderte zurückliegen. Dieses etwas irrationale Verhalten kennt man von der muslimischen Seite nicht, obwohl es auch hier ausreichend viele Gründe zur Entschuldigung gäbe, zum Beispiel in Richtung der Bewohner des indischen Subkontinents.

Rodney Stark versucht in seinem Buch nachvollziehbar zu begründen, warum die inzwischen gängige westliche Sichtweise über die Kreuzzüge falsch ist. Das ist insofern recht mutig, weil er sich damit nicht nur mit der muslimischen Auffassung, sondern vor allem auch mit den Vertretern der politischen Korrektheit anlegt.

Er schreibt (S. 17): "Nach vorherrschender Auffassung waren die Kreuzzüge ein Werkzeug des expansionistischen, imperialistischen Christentums, das Territorien eines toleranten und friedlichen Islam brutal unterwerfen, ausplündern und kolonisieren wollte."

Am Ende des Buches fasst er dann seine gut belegte Sichtweise folgendermaßen zusammen: "Die Kreuzzüge fanden nicht ohne vorhergehende Provokationen statt. Sie waren nicht die erste Runde des europäischen Kolonialismus. Sie wurden nicht wegen Land, Beute oder aus Bekehrungsabsichten geführt. Die Kreuzritter waren keine Barbaren, die die kultivierten Muslime schlecht behandelten. Sie glaubten ernsthaft, dass sie in Gottes Bataillonen dienten."

Der Text beginnt mit einer Beschreibung der Machtverhältnisse rund ums Mittelmeer um 600 nach Christus. In einem Küstenstreifen des nördlichen Afrika, in großen Teilen Europas und im Nahen Osten hatte sich das Christentum ausgedehnt. Das sah 200 Jahre später ganz anders aus. Mohammeds Erben hatten den Auftrag ihres Propheten angenommen und den Islam mit dem Schwert verbreitet.

Doch erst als die Muslime fast das ganze heutige Spanien beherrschten und Pilgerreisen ins "Heilige Land" nur noch unter Lebensgefahr möglich waren, reagierte der Papst. Der Autor erklärt im ersten Kapitel die Prinzipien der muslimischen Kriegsführung, ihre Eroberungsfeldzüge und danach ihr weiteres Vorgehen in den eroberten Gebieten. Mit religiöser Toleranz hatte es jedenfalls nicht sehr viel zu tun. Starks Ausführungen sind durch im Anhang aufgelistet umfangreiche Quellen belegt.

Nachdem im zweiten Kapitel die ersten militärischen Erfolge des Christentums bei der Rückeroberung verlorener Territorien zur Sprache kommen, befasst sich das sehr interessante dritte Kapitel mit der Legende, dass Technik und Wissenschaft des Abendlandes denen der Muslime unterlegen waren. Der Autor belegt, dass muslimische Errungenschaften in den meisten Fällen aus der sogenannten Dhimmi-Kultur der assimilierten Völker (insbesondere Juden, Perser Inder) stammten. Selbst wenn man das nicht glauben will, so zeigen doch die Siege der zahlenmäßig viel kleineren Ritterheere wenigstens ihre militärische und technische Überlegenheit.

Kapitel sechs und sieben befassen sich mit den Kreuzfahrten bis zur Eroberung Jerusalems. Dabei zeigt der Autor, dass sich hier vor allem Netzwerke von nur wenigen adligen Großfamilien engagierten. Keineswegs aber hätten sich daran nur Ritter beteiligt, die in der Erbfolge zu kurz gekommen waren oder sich schlagen wollten. Ein Kreuzzug musste schließlich auch finanziert werden. Spätere Kreuzzüge wurden dann sogar von Königen angeführt.

Die letzten vier Kapitel beschreiben die Gründung, Verteidigung und Vernichtung der Kreuzfahrerstaaten sowie die übrigen Kreuzzüge. In diesem Zusammenhang geht der Autor auf den Vorwurf der Kolonialisierung ein. Er argumentiert, dass die heute übliche Definition von Kolonien auf die Kreuzfahrerstaaten nicht passt, denn diese Länder wurden keineswegs ausgebeutet. Ganz im Gegenteil: Für ihren Bestand waren umfangreiche finanzielle, materielle und personelle Aufwendungen von außen nötig. Daran scheiterten sie letztlich.

Bleibt noch das Argument, dass die mittelalterliche Metzelei der Kreuzfahrer nicht mit der christlichen Lehre vereinbar ist. Das kann man so sehen, wenngleich diese Einschätzung dann aber auf alle Kriege zutrifft. Man sollte allerdings beachten, dass sich Jesus in seiner Lehre nicht mit dem Verhalten großer Gemeinschaften, sondern vor allem mit dem einzelnen Menschen befasste.

Geschichte wird leider fast immer aus dem Blickwinkel der Gegenwart gesehen. Man muss dem Autor zustimmen, wenn er es für lächerlich hält, die Genfer Konvention auf die Kriegsführung im Mittelalter anwenden zu wollen. Man muss das, was geschehen ist, immer aus der Sicht der damaligen Verhältnisse und Regeln werten. Und dann sieht es ganz anders aus.

Blutige Massaker gab es auf beiden Seiten. Etwas anderes zu behaupten, ist in sich schon deswegen unsinnig, weil es menschliches Verhalten ignorieren würde. Es widerspricht aber auch völlig den historischen Tatsachen.

Heutige Kriege erscheinen nur deswegen weniger blutig, weil sie nicht mehr im Nahkampf ausgetragen werden. In Wirklichkeit ist die Metzelei nicht weniger schlimm.

Rodney Starks Buch liest sich nicht nur gut, es ist auch für Laien verständlich. Starks Argumente erweisen sich wegen ihrer inneren Logik als leicht nachvollziehbar. Und schließlich beruft er sich auf zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen. Vielleicht hilft dieses Buch, die Geschehnisse etwas rationaler zu betrachten.

God's Battalions - Rodney Stark
God's Battalions
von Rodney Stark
(1)
eBook
9,99

Vom Traum zum Albtraum

Dr. M. , am 15.03.2019

Schon als Kind träumte Nick Ward davon, einmal an der Fastnet-Regatta teilnehmen zu können. Ward wuchs in Hamble an der englischen Südküste auf, wo Segeln für Kinder zum Leben gehört. Und in Hamble beginnt die berühmte Regatta. Sie führt durch den Ärmelkanal vorbei am Südzipfel Englands, durch die Irische See bis zur Südspitze Irlands, wo man den Fastnet-Felsen umrunden und dann zurück nach England segeln muss, bis man schließlich das Ziel in Plymouth erreicht.

Im August 1979 war es endlich so weit. Ward durfte auf der Grimalkin mitsegeln, zusammen mit dem Eigner, dessen Sohn und drei weiteren Seglern. Nachdem man im Ärmelkanal mit einer Flaute zu kämpfen hatte, änderte sich am Abend des 13. August das Wetter dramatisch. Als die Crew bereits in der Irischen See war, begann ein Orkan zu toben, von dem in den offiziellen Meldungen der Rennleitung zunächst nicht die Rede war.

Eigentlich ist Windstärke 8 schon viel zu viel zum Segeln, doch bei 12 wird es unmöglich und lebensgefährlich. Der Orkan dauerte die ganze Nacht und war für die Besatzung die Hölle. Das Boot kenterte mehrfach und wurde von der See immer wieder zurückgegeben. Zwar hielten die Sicherheitsleinen der Segler, doch die körperlichen Belastungen durch das permanente Hinundher-Schleudern mit Wasserungen und Aufschlägen aufs Deck brachten die Besatzung bald ans Ende ihrer Kräfte und an den Rand der Verzweiflung.

Ward, der nach seinen Angaben erst von der Mitautorin dazu gebracht wurde, sich nach so vielen Jahren zu Wort zu melden, beschreibt diese schreckliche Nacht sehr detailliert und extrem spannend. Für Segler ist dies sicher eine unglaublich interessante Lektüre. Aber auch wenn man sich mit dem Hochseesegeln nicht besonders auskennt, kann man diesen Thriller sehr gut verstehen. Zwar wird man bei einigen Begriffen nicht wissen, was sie bedeuten, doch da die Dramaturgie der Ereignisse so fesselt, spielt das kaum eine Rolle.

Die Grimalkin war ein relativ kleines Boot. Sieht man sich die Statistiken über die Fastnet-Regatta von 1979 an, die am Ende des Buches abgedruckt ist, dann bemerkt man schnell, dass in den kleineren Bootsklassen fast alle Teilnehmer ausschieden, während die größeren Segler fast alle das Ziel erreichten. Die 15 Todesfälle geschahen auf Seglern der unteren drei Klassen.

Wards sehr plastische und glaubwürdige Schilderung dieses Desasters ist natürlich seine Sicht der Dinge. Die anderen drei Überlebenden der Grimalkin, die die in einer Augenblicksentscheidung und unter enormen Stress und körperlichen Grenzbelastungen für tot Gehaltenen zurückließen, kommen mit ihrer Sicht in diesem Buch kaum zu Wort.

Allein mit dem Tod - Nick Ward
Allein mit dem Tod
von Nick Ward
(1)
eBook
11,99

Im Zweifel für den Beschuldigten? Oder doch besser nicht?

Dr. M. , am 15.03.2019

Horst Arnold, Studienrat und Lehrer für Biologie und Sport, soll 2001 an einer Schule im Odenwald eine Kollegin während der Pause im Bio-Raum brutal vergewaltigt haben. Als einzigen Beweis für diese angebliche Tat präsentiert die Staatsanwaltschaft die Aussage der Frau. Das reicht auch dem Richter, und er verurteilt Arnold zu fünf Jahren Haft. Weil Arnold uneinsichtig ist und die Beschuldigung bis zuletzt vehement abstreitet, kommt er gleich in die geschlossene Psychiatrie.

Nach 700 Tagen im Psycho-Knast überstellt man den Uneinsichtigen ins Gefängnis. 2006 wird er entlassen und lebt fortan von Hartz 4. Erst durch einen Zufall wird ein Berliner Anwalt auf den Fall aufmerksam. Er erreicht durch Hartnäckigkeit ein Wiederaufnahmeverfahren, in dem Arnold 2011 freigesprochen wird. Man könnte meinen, die Gerechtigkeit hätte gesiegt. Doch das ist nicht der Fall. Das Leben eines völlig Unschuldigen wurde von der Strafjustiz zerstört. Arnold stirbt 2012 an Herzversagen. Inzwischen muß sich das angebliche Vergewaltigungsopfer wegen Falschaussagen in diesem und anderen Fällen vor Gericht verantworten.

Der Fall Arnold steht symptomatisch für zahlreiche krasse Fehlurteile der letzten Jahre, die in diesem Buch ausführlich behandelt werden. Sind sie seltene Kollateralschäden der Justiz, wie eine Insiderin meint, oder sind sie häufig und weisen auf wesentliche Fehler in der Konstruktion des deutschen Rechtssystems hin? Ralf Eschelbach, Richter am Bundesgerichtshof, schätzt die Fehlerquote auf ein Viertel. Und wie der Fall Arnold zeigt, kann es jeden treffen.

Es existieren keinerlei Untersuchungen aus den letzten Jahren über solche Fehler. Ein Qualitätsmanagement wie in anderen Bereichen der Gesellschaft kennt man in der deutschen Justiz nicht. Warum auch? Deutsche Richter machen sich über ihre Fehler wenig Gedanken, liest man in diesem Buch. Schließlich sind sie unangreifbar. Selbst bei krassen Fehlurteilen haben die Opfer keine große Chance auf die Feststellung der Wahrheit, denn ein Berufungsgericht prüft Urteile unterer Instanzen nur nach formalen Fehlern. Und selbst neue Beweise eröffnen nicht immer die Möglichkeit eines Wiederaufnahmeverfahrens.

Der Autor zeigt an den in diesem Buch diskutierten Fällen, wie die deutsche Strafjustiz in der Regel agiert und warum es deshalb zu Fehlurteilen einfach kommen muss. Bereits die Ermittlungsbehörden gehen in vielen Fällen völlig unwissenschaftlich vor. Sie stellen eine Hypothese des Tathergangs auf und neigen dann leider nicht selten dazu, gegenteilige Fakten zu unterdrücken. Die Beispiele in diesem Buch sind zum Teil erschütternd.

Als besonders bedrückend empfand ich die ausführliche Darstellung der Wormser Kinderschänder-Prozesse, in denen sämtliche Angeklagte freigesprochen wurden. Eine wild gewordene Meute selbsternannter Kinderschützer hatte allerdings vorher dafür gesorgt, dass Existenzen und Familien zerstört wurden.

Hält der juristische Grundsatz "Im Zweifel für den Beschuldigten" nicht mehr? Vermutlich galt er in dieser Allgemeinheit noch nie. Öffentlicher Druck, politischer Wille oder die Sehnsucht nach Vergeltung führten nicht erst in der jüngsten Zeit zum richterlichen Bestreben, ein entsprechendes Urteil zu erlassen. Denn würde der obige Grundsatz wirklich in reiner Form gelten, dann müsste es viel mehr Freisprüche geben. Ob man das aber auf Dauer durchhalten kann, erscheint sehr zweifelhaft. Das System ist beginnend mit den polizeilichen Ermittlungen auf Verurteilungen ausgelegt und nicht auf Freisprüche. Und genau das versucht der Autor auf allen prozessualen Ebenen dem Leser zu verdeutlichen.

Am Ende und natürlich auch während der Schilderungen der in diesem Buch diskutierten Prozesse mahnt Thomas Darnstädt immer wieder grundsätzliche Korrekturmaßnahmen an. Insbesondere verlangt er, dass Richter nicht nur die Gesetze kennen sollten, sondern auch Fähigkeiten zur Wahrheitsfindung erwerben müssten. Das jedoch würde eine grundlegende Veränderung ihrer Ausbildung erfordern.

Leider offenbart aber auch Darnstädt unwissentlich einen merkwürdigen Hang, Beweise zu erfinden, wo es vielleicht gar keine gibt. Am Ende und bei seinen Auslassungen zum Kachelmann-Prozess fordert er den Einsatz wahrscheinlichkeitstheoretischer Methoden bei der Wahrheitsfindung. Das aber geht völlig daneben. Ohne hier ins Detail gehen zu können, sei dem Autor nur folgender Hinweis gegeben:

Die Wahrscheinlichkeit, den Tod durch einen Flugzeugabsturz zu finden, ist in Deutschland extrem gering. Das wird aber diejenigen, die ihn erleiden müssen, in den letzten Sekunden ihres Lebens nicht trösten. Oder mit anderen Worten: Selbst wenn die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses im Prinzip Null ist (wie zum Beispiel bei einem Sechser im Lotto), kann es dennoch eintreten.

Darüber hinaus ergeben sich bei einer solchen Herangehensweise bereits grundsätzliche Probleme, die die Ermittlung solcher Wahrscheinlichkeiten über Statistiken betreffen. Hier kann es bereits zu gravierenden Fehlern kommen, die die Vertrauenswürdigkeit späterer Anwendungen erheblich untergraben würden. Wie auch immer - Wahrscheinlichkeiten geben keinerlei sichere Auskunft über Einzelereignisse. So vorzugehen, würde mit Sicherheit weitere Fehlurteile erzwingen. Allerdings wären diese dann scheinbar wissenschaftlich begründet.

Thomas Darnstädts Buch ist bestens geeignet, Zweifel an der deutschen Strafjustiz zu erzeugen. Was er an Ungeheuerlichkeiten schildert, macht Angst, denn viele der in diesem Buch auftretenden Justizopfer traf es völlig unerwartet. Sie hatten keine Chance den Mühlen der Strafjustiz zu entgehen, die anschließend ihr Leben zerstörte. Einen echten Ausweg aus diesen Zuständen konnte ich trotz aller Vorschläge des Autors nicht wirklich entdecken.

Die meisten im Buch behandelten Prozesse sind durch die Medien gegangen. Sie stellen, glaubt man Richter Eschelbach, nur die Spitze des ganzen Dramas dar.

Der Richter und sein Opfer - Thomas Darnstädt
Der Richter und sein Opfer
von Thomas Darnstädt
(2)
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10,99

 
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