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BuchhändlerInnen im Portrait

Michaela Höher
aus der Thalia-Buchhandlung in Berlin

Gesamte Empfehlungen 29 (ansehen)


Alter:
53 Jahre

Meine Empfehlungen

Die Übersetzung enttäuscht

Michaela Höher aus der Thalia-Buchhandlung in Berlin , am 15.05.2019

Biographien, die sich wie ein Roman lesen, beziehungsweise Romane mit biographischem Hintergrund erfreuen sich wachsender Beliebtheit. In den USA gibt es die Tradition der “true-life novel” schon viel länger. Denn die besten Geschichten schreibt das Leben… Mary Karr, “The Liar’s Club” erschien 1995. Jeannette Walls, “Glass Castle” von 2005 (“Schloss aus Glas”, das vor ein paar Jahren auch verfilmt wurde) und “Half Broke Horses” (“Ein ungezähmtes Leben”) von 2009, Cheryl Strayed “Wild” von 2012 und ebenfalls verfilmt, um nur einige Beispiele zu nennen, sind auch hierzulande bekannt.

All diese Bücher zeichnet aus, dass es sich um gute Literatur handelt und dass sie auch sprachlich ein Genuss sind, zumindest im Original. “Der Honigbus” ist eine tolle Geschichte, die ihren Platz in der Kategorie der literarischen Biographien eigentlich verdient. In diesem erzählenden Sachbuch wird nebenbei einiges Wissen zum Trendthema Bienen vermittelt: Die Begeisterung für die Bienen trägt dazu bei, das Trauma einer schweren Kindheit zu überwinden.

Auch wenn es grundsätzlich immer eine große Leistung ist, merkt man bei allem Respekt leider viel zu deutlich, dass es sich um eine Übersetzung handelt. Oft stolpert die Sprache, da die Syntax zu nah am Englischen bleibt. Der Ton ist manchmal sehr umständlich und gestelzt. Einzelne Wörter passen gar nicht in den Kontext. Stilistisch ist vieles schlicht ärgerlich.

Vielleicht bin ich zu anspruchsvoll; vielleicht stört sich sonst niemand daran. Für mich wird das Buch in der deutschen Übersetzung leider weitgehend zerstört. Die Summe der vielen Details hat meinen Gesamteindruck negativ beeinträchtigt.

Hier nur einige willkürlich ausgesuchte Beispiele, warum ich Probleme mit dem Text habe.

(Meredith entdeckt den Honigbus.)
“Durch die flatternde Wäsche stach mir etwas ins Auge.”
“Fasziniert von der inkongruenten Erscheinung konnte ich nicht anders, ich musste sie erforschen.”

“ ‘-Nicht jetzt, Meredith.’ Ich wusste, dass ich entlassen war…”
(“Entlassen” würde man in diesem Kontext, in dem die Mutter gar nicht erst mit ihrem Kind sprechen möchte, sondern in Ruhe gelassen werden will, wohl kaum verwenden.)

“Der massive Baum war höher als unser Haus…” (Sicherlich spricht man von massivem Holz. Aber ein “massive tree” ist eher ein riesiger bzw. mächtiger Baum.)

Die Enkel sollen den Großvater zwicken.
“ ‘Fühlt ihr Haut?’ Wir nickten. ‘Dann bin ich wirklich. Ich bin euer Großvater.’”
(Dann bin ich wirklich - was? Sicherlich muss es heißen “dann gibt es mich wirklich” o.ä.)

“Die Bienen lehrten mich auf einer unbewussten Ebene die Wichtigkeit, mich um mich selbst zu kümmern.”

(Anfangs darf Meredith nicht in den Honigbus.)
“Jetzt war ich sechs, trug um zwei Nummern größere Schuhe und agitierte heftig für Zugang.” Später “agitieren” Siebtklässler für ein “Sitz-Upgrade” im Schulbus.

(Meredith hält ein Glas Honig in den Händen.)
“Er war warm, und ich liebte ihn, weil er etwas Einleuchtendes war, als nichts anderes einen Sinn ergab.”

“Ihre Qual komprimierte sich in Trommelschlägen aus einem Wort.”

“Ich war gefangen im zerfallenden Geist meiner Mutter.”

“Statt sich wie unsere Mutter von der angsteinflößenden Aufgabe zu leben zurückzuziehen, machen sich die Honigbienen durch ihre Großzügigkeit unerlässlich.”

Der Honigbus - Meredith May
Der Honigbus
von Meredith May
(39)
eBook
18,99

Love can only ever be captured in a story

Michaela Höher aus der Thalia-Buchhandlung in Berlin , am 12.05.2019

“A tale as old as time”, they’re saying, and Julian Barnes makes no other claim when he opens his book with Samuel Johnson’s definition of a novel: “A small tale, generally of love.” It sounds so simple, almost insignificant in its “smallness”, and rather banal. A story that has been told many times before, that is being told again and again and again, ad infinitum.

What his protagonist does claim is that everybody has just one story, one that is making all the difference; it is the only story. Looking back on his life as an elderly man, he is ready to share all the wisdom he’s accumulated: “Strange how, when you are young, you owe no duty to the future, but when you are old, you owe a duty to the past.” A past that isn’t just about love, but also about pride, shame, living with consequences, sadness, and possibly closure. “It was a question of what heartbreak is, and how exactly the heart breaks, and what is left of it afterwards.” How one starts feeling protective of young lovers: “I want to protect them from what the world is probably going to do to them, and from what they will probably do to one another.”

A romance? Yes, there is some of that, but somehow the sheer banality of most people’s lives is pushed to the foreground. The point is that Julian Barnes is so very good at writing about the seemingly banal (and also the tragic) with such clarity and elegance and is so convincing at capturing life’s basic truths. One cannot help but love “listening” to his musings.

The Only Story - Julian Barnes
The Only Story
von Julian Barnes
(2)
eBook
8,49

"Gartenlexikon" einmal anders: Von Flora und Fauna und der merkwürdigen Spezies Mensch

Michaela Höher aus der Thalia-Buchhandlung in Berlin , am 12.05.2019

Ganz am Anfang hatte ich mit leichten Ladehemmungen zu kämpfen. Es beginnt mit lexikalischen Einträgen wie “Pastinake”, “Samen”, “Saatgutbörsen”, “Triebe”, “Vorziehen”, “Schneeglöckchen” usw. Als Nichtnutzgärtnerin zwar nah am Thema dran, war der allererste Eindruck, dass es auf Dauer ein wenig träge werden könnte, im schlimmsten Fall sogar langweilig.
“Meistens sind die Samen in Tütchen verpackt.”
“Ein Garten ist ein eingefasstes Grundstück, auf dem Pflanzen und/oder Tiere gehalten werden.”
“Ein Trieb ist ein Spross, der aus einem Samen durch den Boden bricht und dann sein grünes Blatt dem Licht entgegenstreckt.”

Mit dem allerersten Eindruck lag ich jedoch komplett daneben. Es lohnt sich unbedingt, sich weiter durchzuackern, denn dieses “Gartenlexikon der ganz anderen Art” nimmt bald schon gehörig an Fahrt auf, folgt entgegen der Befürchtung einem plausiblen Erzählstrang und ist dabei ungeheuer witzig. Lola Randl ist mit ihrem besonderen Roman eine perfekte, von Komik und (Selbst-) Ironie gespickte Kombination gelungen, die über so etwas (scheinbar) Harmloses wie das Gärtnern weit hinausgeht. Zwischen Flora und Fauna, Radieschen und Risograph, wächst sich die merkwürdige Spezies Mensch mit diversen Untergruppierungen aus: Stadt- und Landmenschen, “alte” und “neue Menschen”, Brandenburger und Japaner, Liebhaber und Analytiker, Designer und Minimalisten, Künstlerinnen und Kuratorinnen usw., usf. Klingt verwirrend, ist es aber gar nicht.

Stilistisch changiert das Ganze gelegentlich zwischen Kinderaufsatz (“die Sieglinde und die Linda sind dem Herrmann seine Lieblingskartoffeln”) und einer Fülle herrlich banaler Aphorismen, die mit ihrer Direktheit bestechen: “Manchmal glaubt der Mensch, dass er die Lösung gefunden hat, und dann ist er glücklich. Oft merkt er aber ein wenig später, dass seine Lösung nur eine vorübergehende Lösung war, und dann ist das Glück wieder vorbei.” Der Sinn des Lebens besteht eindeutig aus der Selbstverwirklichung. Doch die Suche nach alternativen Lebensformen gestaltet sich als gar nicht so einfach: “Oft kommen andere Sachen dazwischen oder man merkt, nachdem man sich schon fast oder ganz selbst verwirklicht hat, dass sein Wesen doch ein ganz anderes ist.” Wenn man schon mit der Mutterrolle zu kämpfen hat, kann man sich schließlich nicht auch noch um sein inneres Kind kümmern.

Es ist ein Buch voller verrückter Konstellationen. “Heute soll jeder möglichst individuell sein und seinen eigenen Weg gehen. (…) Mithilfe seiner Individualität kann man sich von anderen Menschen abgrenzen und sich ganz besonders fühlen, noch besonderer als in einer Gruppe. Aber das muss man auch erst mal aushalten, so besonders zu sein.” Da Lola Randl Filmemacherin ist, hat sie aus ihrer Geschichte jüngst auch einen Film gemacht: “Von Bienen und Blumen.”

Mein Lieblingswort aus dem Roman lautet “Gnurpscheligkeit.” Lesen Sie los und viel Spaß dabei!

Der Große Garten - Lola Randl
Der Große Garten
von Lola Randl
(2)
eBook
17,99

A saga set in Iceland

Michaela Höher aus der Thalia-Buchhandlung in Berlin , am 09.05.2019

Speaking of enticing covers… again, this book draws attention with its beautiful and mesmerizing cover design. Another reason for picking this one is a fascination with Nordic myths and landscapes.

Although the author is from New Jersey, she has done a brilliant job conjuring up a rich, authentic atmosphere of 17th century Iceland. Rough, cold, and snowy, it reminded me a little of the 1987 movie “Ofelas” (Pathfinder), although the movie is about a war between Norwegian tribes and ultimately revenge.

But Lea has invented a saga in its own right, albeit on a smaller scale, concerning but a small group of people. It is basically set in two Icelandic villages, one of them right by the sea. After the loss of her father, Rósa has no choice but to agree and marry a widower whose first wife has not long passed. It is a matter of sheer survival. Missing her old life, her mother, her old home, her childhood love and her hunger for knowledge, she is torn, struggling to be a dutiful and pious wife to a strangely distant husband. She feels exposed to all sorts of forces in a lonely and increasingly uncanny new place.

Almost nothing is like it seems in this story, for “the truth isn’t solid, like the earth; she knows that now. The truth is water, or steam; the truth is ice. The same tale might shift and melt and reshape at any time.” You will probably not want to put this tale down until you're done reading it.

There are some surprising similarities to “The Binding” by Bridget Collins. I would highly recommend Kristín Marja Baldursdóttir’s “Karitas” (German: “Die Eismalerin”), set about 250 years later, also about an Icelandic woman who must find her calling.

The Glass Woman - Caroline Lea
The Glass Woman
von Caroline Lea
(2)
eBook
10,99

Seductive and entertaining

Michaela Höher aus der Thalia-Buchhandlung in Berlin , am 05.05.2019

On a recent visit to the UK I noticed how many new titles have very opulent cover designs, with either stylish graphics like “The Salt Path” or rich, intriguing patterns like this one. Books can be educational, entertaining, or simply seductive, and these new cover designs are definitely out there with that very intention.

“The Binding” is pure seduction, and one you can easily fall for. There’s a certain bookish magic in it, and the “binder’s” apprenticeship with a “witch” on the heath somewhere in the middle of nowhere brings back memories of scenes from “Penny Dreadful” (minus the gore and the horror). Besides, a tantalizing romantic entanglement will keep you on your toes.

Collins has written young adult fiction so far, and “The Binding” is her first attempt for adults (who are feeling young). Readers who liked Erin Morgenstern’s “Night Circus” will also love this one. A highly entertaining guilty pleasure, it has reached the top twenty of the British bestselling charts.

The Binding - Bridget Collins
The Binding
von Bridget Collins
(2)
eBook
9,99

Nachrichten aus der Zwischenwelt

Michaela Höher aus der Thalia-Buchhandlung in Berlin , am 05.05.2019

Die japanische Autorin Banana Yoshimoto steht schon länger auf meiner Bucket List, um genau zu sein seit exakt 30 Jahren, als ihr Debut “Kitchen” in England erschien. “Lebensgeister” knüpft stilistisch und thematisch an “Kitchen” an. Yoshimoto hat diesen Roman als Reaktion auf die Katastrophe von Fukushima geschrieben, wobei die zwar keine Rolle in der Geschichte spielt, dafür aber um so mehr die Nahtoderfahrung nach einem schweren Unfall, Tod, Verlust, Trauer und das eigene Überleben und Weiterleben in einer Art Zwischenwelt. Wie selbstverständlich stehen hier Geister herum oder schieben ihr Fahrrad durch die Straßen.

Es ist eine Erzählung zwischen Faszination und Befremden. Dabei findet sich alles wieder, was für mich japanisches Schreiben ausmacht: Sprachliche und erzählerische Eleganz, dazu eine kühle Distanziertheit, die auch in Anbetracht der schlimmen Erlebnisse abgeklärt und kaum emotional, dann wiederum total naiv wirkt. So manches scheint etwas zusammenhangslos. Eliptische Handlungssprünge, eingestreute Lebensweisheiten und Aphorismen, ständige Stilbrüche zwischen “elitärer” Sprache und Umgangssprache (“kann man nix machen, was soll’s”). Der Roman bildet eine Zwischenwelt ab, durch und durch. “So lauert, wo der Himmel ist, stets auch die Hölle.”

“Änderung bedeutet, dass die Zeit plötzlich zerrissen wird. Eine Person, die eben noch da war, ist plötzlich nicht mehr da. Dinge, die man eben noch hatte, sind auf einmal verschwunden. Außer der eigenen Existenz im Hier und Jetzt ist nichtsmehr gewiss.”

“Im Jetzt leben – schön und gut, aber vielleicht bedeutet es auch, dass man zu einem Einfaltspinsel wird, der sich keinerlei Gedanken mehr macht.”

Ein Roman wie ein literarisches Manga, in dem seelische Verwundungen sichtbar werden und das zeigt, wie die Dinge im Fluss sind und nichts bleibt, wie es ist. Das einzige, das bleiben kann und muss, ist Akzeptanz.

Ein ähnliches “literarisches Manga” (wenn auch dusterer), ebenfalls bei Diogenes erschienen und wie “Lebensgeister” übersetzt von Thomas Eggenberg ist Fuminori Nakamuras “Die Maske.” Eggenberg hat die Übersetzung von “Lebensgeister” mit zahlreichen Fußnoten ausgestattet, die u.a. die japanischen Ortsbezeichnungen sowie kulturelle Gegebenheiten erklären.

Lebensgeister - Banana Yoshimoto
Lebensgeister
von Banana Yoshimoto
(33)
eBook
8,99

A fox's written message to all of us Yumans

Michaela Höher aus der Thalia-Buchhandlung in Berlin , am 19.04.2019

George Saunders is not only an acclaimed short story writer but also the winner of the 2017 Man Booker Prize for his novel "Lincoln in the Bardo", a rather challenging read. His little book "Fox 8" is so short they didn't even bother to number the pages.

It's a letter written by a fox who has managed to learn "Yuman" by listening to a mother read to her "pups":
"I listened to those music werds until the sun went down, when all of a suden I woslike: Fox 8, crazy nut, when sun goes down, werld goes dark, skedadle home, or else there can be danjer!" And yes, the whole letter is written in this kind of phonetic fox spelling which is hilarious as it is endearing.

The setting is reminiscent of "Watership Down". The foxes' home, a forest, has been cut down to make space for a new Mawl and the adjacent Par King. With his letter to us, Fox 8 holds up the mirror to all our questionable human realities and behaviours. It may look like a children's book, but for all its humour it's very upsetting and very difficult to bear in places.

It has the most beautiful illustrations, simple black and red line drawings in the style of the 1930s (a little like Noel Coward song book illustrations, a little like Saint-Exupéry and a little like Tolkien's Mr. Bliss). They complement this funny and heartbreaking little gem just perfectly.

"By now I know that you Yumans like your Storys to end hapy?
If you want your Storys to end happy, try being niser."

Fox 8 - George Saunders
Fox 8
von George Saunders
(2)
Buch (gebundene Ausgabe)
9,69

Meet me there, where the sea meets the sky, lost but finally free.

Michaela Höher aus der Thalia-Buchhandlung in Berlin , am 14.04.2019

(Vorab eine Anmerkung: Das Buch erscheint am 14. Mai 2019 in deutscher Übersetzung bei Dumont.)

This is an achingly beautiful story, and even more so since it’s based on real life events. I kept having to remind myself that it wasn’t actually fiction; it reads just as smoothly as a novel, is very poetic, and is just as craftily constructed.

Ray and her husband Moth, in their early fifties, are no dropouts who decide one day to quit their jobs and go off on a hike. They lose their dream, which they have worked very hard for all their lives, a lovely little farm in Wales, their family home (their daughter and son are “safe” at uni), their beloved animals, and then the rest of their savings over legal disputes and mistakes made under stress. It happens way too often that the law is far removed from justice.

They find themselves homeless as well as penniless, but rather than going through the humiliation of having to file for social welfare, they decide to rough it and walk the famous coastal path, literally on a shoestring. An act of desperation, since Moth is newly diagnosed with a terminal illness.
“Only one thing was real, more real to me now than the past that we’d lost or the future we didn’t have: if I put one foot in front of another, the path would move me forward and a strip of dirt, often no more than a foot wide, had become home.”

It turns out to be a journey of extremes as they go from being parched to being drenched, burnt by the sun and freezing cold, and always hungry. The story is told from Ray’s point of view, and there is in fact very little coming from pain-riddled Moth, but the man is an admirable stoic. It’s amazing how Ray is keeping her humour, very rarely giving in to self-pity, although she feels that she must be living someone else’s life.
“Everything we’d ever worked for or towards in our long years together was gone … the memories drained, worthless, because it was all gone.”
It’s a fight, and they’re fighting very bravely. Together.

They may have nothing, they have lost any “closed, safe sense of security”, spiralling down, but at the same time they have everything: they have each other, without any doubt. They hold on to each other. They truly are the loves of each other’s lives: “I was home, there was nothing left to search for, he was my home.”

Needless to say, “nature” plays a big role in this book, as well as something that Ray may call “geology porn.”

“I could stand in the wind and I was the wind, the rain, the sea; it was all me, and I was nothing within it.”
“The sun was setting, lighting the sky in late July tones of gentle southern colour. The land ahead turned blue in the falling shadows and the lagoon fell silent, birdlife fading away as the water receded without wave or motion, leaving only channelled streams in the muddy sand.”

The Salt Path - Raynor Winn
The Salt Path
von Raynor Winn
(2)
eBook
8,49

Poetische Biographie eines norddeutschen Dorfes

Michaela Höher aus der Thalia-Buchhandlung in Berlin , am 07.04.2019

Ein norddeutsches Bauern-Kaff: irgendwo zwischen Kiel und Niebüll soll dieses Brinkebüll liegen. Das kann ja nur Prosa bedeuten, denkt man sich, und doch ist diese auf den ersten Blick so bescheiden daherkommende Erzählung reinste Poesie:

“Seine Sorte Schaf schien gegen jeden Glauben imprägniert zu sein. Wind- und wetterdichtes Fell, nichts Frommes drang da durch. Alles Göttliche lief ab an ihrem Fell wie Wasser am Gefieder einer Gans.”

“…sie konnte Fledermäuse hören und auf gepflügten Feldern Feuersteine finden…”

…”der Himmel legte Steine auf das Land, Schleifsteine und Schieferplatten, Beton, Granit, Zement, Kies, Schotter. Dicke Stapel schweres Grau, als müsste dieses Land noch flacher werden.”

“Den Männern lief das Wasser von den Mützenschirmen in die Augen. An den Koppelrändern standen Kühe mit gesenkten Köpfen wie Melancholiker.”

“Wie kalter Schorf verschloss das Eis die Schrammen in der Erde.”

Solche Sätze klingen wie Stabreime aus altvorderen Zeiten: und darum geht es hier ja auch.

Das Buch ist ein Erinnerungsalbum an eine verschwundene Lebensform. Babyboomer erinnern sich vielleicht noch an holzvertäfelte Dorfkneipen, an die Sonntagsfrühschoppen der in die Jahre kommenden Männer, an kleine landwirtschaftliche Betriebe, Tante-Emma-Läden und schwarzweiße Einschulungsfotos samt Jahreszahl auf einer Schiefertafel. Der eine oder andere hat sicher sofort die Melodie zu “Wir wollen nie mehr auseinandegeh’n” im Kopf. Wer denkt schon noch an die “Flurbereinigung” und wie katastrophal diese Maßnahmen eigentlich waren?

Es ist eine wunderbar erzählte Geschichte von einfachen Leuten und ihren kleinen, komplizierten Leben, eine Geschichte vom Loslassenmüssen, von vielen Abschieden und ein paar Neuanfängen; eine zärtliche Liebeserklärung an Ort und Zeit, ohne jegliche Langeweile und ohne jede Sentimentalität.

Vielleicht sollte man im Sommer doch noch zu Neil Young in die Waldbühne. So oft kommt der auch nicht mehr.

Mittagsstunde - Dörte Hansen
Mittagsstunde
von Dörte Hansen
(91)
eBook
19,99

Junges Schreiben par excellence

Michaela Höher aus der Thalia-Buchhandlung in Berlin , am 01.04.2019

Lesen Sie dieses Buch, wenn Sie sich trauen! Wenn Sie sich einlassen können auf reinste Sprache, auf die reinste Sprachgewalt jungen Schreibens, auf einen philosophischen Prosa-Slam, auf eine unglaubliche Vorstellungskraft, von der man Seite um Seite denkt, jetzt muss doch bestimmt gleich das Ende der Fahnenstange erreicht sein, jetzt wird sie gleich enden und versickern, die aber einfach nicht aufhören oder gar nachlassen will und sich mit unerbittlicher elektrischer Energie durch das ganze Buch zieht. Trauen Sie sich?!

Eine Mutter, ein alle süchtig machendes Objekt der Begierde, eine Verrückte, scheint abgehauen und für immer verschwunden zu sein. Ihre drei Kinder “suchen” sie. Sie suchen überall und nirgends. Sie suchen auf ganz kleinem Raum, der unendlich weit ist, sie suchen Jahre um Jahre, die wie eine Stunde vergehen. “Als sie fort war, war uns, als fielen wir durch die Tage.” Es geht um fast nichts, und es geht um das ganze Leben.

Das Buch ist “trippig”, ein nicht enden wollender Trip, der schrecklich ist, aber kein Horror. Schrecklich schön, das ja. Die starken Bilder sind wie Halluzinationen der Benommenheit, die einen bei lang anhaltenden Schmerzen oder großer Erschöpfung überkommen. Das Szenario hat mythologische und dystopische Anklänge, die Atmosphäre ist sowohl post- als auch prä-apokalyptisch; ein wenig von “Erlöse uns, Lynx”, ein wenig "Melancholia" und "Bird Box." “Ein brennendes Tier rannte brennend aus der brennenden Turnhalle.” Es brennt und rennt noch eine Zeitlang durch den Roman. Schrecklich, aber schön, das schon.

Johanna, die Mutter, hatte verkündet, dass Zugehörigkeit einfach endet. Die Kinder sind wie abgeschnitten, orientierungslos, wie auf Entzug. Ihre Unschuld und seltsame tiefgründige Weisheit wechseln sich ab mit Bosheit und bitterer Aggression. Und wieder bestimmen Naturbeschreibungen, Wasser und Wald die Bilder: “…wie ein ganzer Nadelwald, ein dunkler, noch dunkler, noch viel dunkler, in dem jemand Blaubeeren stiehlt, vergeblich, nachdem er im Meer geschwommen ist.”

Und wer ist diese Johanna, die sicher nicht zufällig den Namen der Autorin trägt? Wie erzählt man als Johanna von einer Johanna? Wer ist dieses “Wir”, sind diese Kinder? Vielleicht ist es eine Suche nach sich selbst, eine Suche von Teilchen des Selbst, die nicht mehr zum Ursprung zurückfinden können, von dem sie sich gelöst haben. Vielleicht ist diese Johanna ja auch eine Art mythologische Ur-Mutter am Ende der Zeit.

Der Ton und Erzählstil, “in dessen Fell es knistert und blitzt,” haben mich sehr an Teresa Präauer erinnert (“Für den Herrscher aus Übersee” von 2012, zuletzt: “Tier werden”, 2018). Das nur als zusätzliche Leseempfehlung!

Unser großes Album elektrischer Tage - Johanna Maxl
Unser großes Album elektrischer Tage
von Johanna Maxl
(2)
Buch (gebundene Ausgabe)
20,00

 
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