Warenkorb

BuchhändlerInnen im Portrait

Meine Lieblingsbuchhändler

Michaela Höher
aus der Thalia-Buchhandlung in Berlin

Gesamte Empfehlungen 76 (ansehen)

Es ist ein Problem aufgetreten. Bitte laden Sie die Seite neu und versuchen es noch einmal.


Alter:
54 Jahre

Meine Empfehlungen

Wichtiges Buch, auch wenn diese Bauernfängerei mit den vielen "A...löchern" in Buchtiteln nervt

Michaela Höher aus der Thalia-Buchhandlung in Berlin , am 24.05.2020

Narzissmus, der leider allzu oft konkret darauf abzielt, bei anderen Schaden anzurichten und andere abzuwerten, um sich selbst großartig zu fühlen, ist derart weit verbreitet und "normal", dass sich eigentlich jeder Mensch darüber informieren sollte. Denn: Gefahr erkannt, Gefahr gebannt, zumindest im besten Fall. Auch wenn man vorher nie genau sagen kann, wie sich das Verhalten mancher Menschen entwickeln wird, hilft es dennoch sehr, Verhaltensweisen zu erkennen und zu wissen, womit man rechnen muss und wie man damit umgehen kann und sollte. Frei nach Goethe: Man sieht nur, was man weiß. Die Verhaltensmuster laufen immer gleich ab, sind vorhersehbar nach Schema F. Selbst dann bleibt der Umgang damit eine hochkomplexe Angelegenheit. ///

Es ist bereits viel darüber geschrieben worden, und leider fällt das meist recht polemisch aus. Herrn Dr. Hagemeyer ist es allerdings gut gelungen, Grauzonen zuzulassen. Auch wenn er sich selbst als Narzisst bezeichnet, merkt man schnell, dass es sich um eine mildere Variante handelt, in der nicht alles verloren gegeben werden muss. Er stellt sich selbst sogar in den Hintergrund, denn das Buch wirkt wie ein einziger Liebesbrief an seine Frau, die er ausnahmslos bewundert. Dabei wollen Narzissten doch gerne der Mittelpunkt sein. Vielleicht steckt ja dahinter, dass alle sehen sollen, was für eine tolle Frau er hat, mit der er sich schließlich sehr gerne schmückt. Da Narzissten sich selbst sehr gerne reden hören, könnte das Buch auch locker einen Umfang von nur ca. 100 Seiten haben statt 250. Manchmal geht darüber ein wenig verloren, was an der entsprechenden Stelle die Kernaussage gewesen sein sollte. Zuweilen fällt das alles auch gar zu flapsig aus, wie wenn sich seine Vorzeige-Prototyp-Patientin allzu bissig-ironisch zur Todesursache ihres vormaligen Ehemanns äußert, der seinerseits ein schon fast krass überzeichneter Prototyp ist. Obwohl, wir bekommen das Phänomen jetzt fast täglich vom amerikanischen Präsidenten demonstriert. Darf natürlich keiner laut sagen. ///

Stichelei beiseite, dies ist ein sehr ordentliches Buch zum Thema geworden, auch wenn es die schlimmen Schäden und brandgefährlichen Situationen eher nebensächlich erwähnt. "Der Angriff eines Narzissten kann auch die Absicht haben, Sie zu vernichten. Finanziell, beruflich, und vor Gericht. Es kann sein, dass der Narzisst plötzlich die Moralkeule schwingt, sich selbst als anständigen Bürger und moralisch integren Menschen darstellt, was er nicht ist, und Sie mit Anwaltsbriefen, Klageschriften, Anzeigen und übertriebenen finanziellen Forderungen überzieht." ///

Der Grundton bleibt jedoch positiv, hoffnungs- und humorvoll. "Statt unseresgleichen als Beute zu sehen ... sollten wir angesichts der weltweiten Ausbreitung des bösartigen Narzissmus an gegenseitig nützlichen Beziehungen und am gegenseitig nützlichen Dialog arbeiten. Nur, wenn es uns als Gesellschaft gelingt, die Psychopathen von wichtigen Entscheidungspositionen fernzuhalten, wird das Projekt Menschheit gelingen." Auch wenn es an der Stelle wahrscheinlich nicht ironisch gemeint ist: Das wäre natürlich nur in einer rosawolkig himmelblauen Gaga-Utopie zu erreichen. Durch Macht und Geld, meist in Kombination anzutreffen, bleiben Narzissten praktisch unverwundbar. Für die anderen bleibt nur übrig: Auch Wissen ist Macht.

»Gestatten, ich bin ein Arschloch.« - Pablo Hagemeyer
»Gestatten, ich bin ein Arschloch.«
von Pablo Hagemeyer
(11)
Buch (Paperback)
16,95

A Captivating Timeless Classic, Charming and Enchanting

Michaela Höher aus der Thalia-Buchhandlung in Berlin , am 24.05.2020

First of, I have to admit that I had this book read to me. HarperCollins has produced an audio version, and I do hope it will find its way onto this website. Tom Hanks has done the honours, and he has done so as beautifully and as charmingly as ever. I am truly and positively enchanted.

Secondly, I simply had to buy a paper version. I love the portrait on the cover. And when the picture was finally featured in the novel (towards the end; I may have missed it being mentioned earlier), there was no way around it any longer, I had to have a hard copy.

What's not to like about Ann Patchett? Not only is she a very good writer, she is also a colleague, as it were, as the co-owner of Parnassus Books in Nashville. She seems to have done everything right in the Dutch House.

"The Dutch House" is a timeless classic. It's set in the sixties and in the years running up to the turn of the century, but it would also work if it was set a couple of hundred years before our time or after; the time doesn't even matter. It's timeless like an old house, and possibly as steadfast. There's sadness, there's joy (remember "Happy families are all alike; every unhappy family is unhappy in its own way"). A jewel, a treasure, pure gold. It also reminded me very much of "The Great Gatsby", although there are no glamorous parties at the Dutch House, at least not at first. What's not to love?

(P.S. German translation "Das Holländerhaus" due to be published on June 2, 2020!)

The Dutch House - Ann Patchett
The Dutch House
von Ann Patchett
(2)
Buch (Taschenbuch)
16,19

Paso Doble mit Pablo, Jive mit Jack, oder aber ein Pas des Trois

Michaela Höher aus der Thalia-Buchhandlung in Berlin , am 24.05.2020

Mit “Waterland” (dt.: Wasserland) wollte der Zugang zu Graham Swift seinerzeit nicht recht gelingen, doch fand ich “Ein Festtag” wunderschön und war sehr beeindruckt. Mrs. Dalloway goes Downton Abbey. (Man hat außerdem fast nicht gemerkt, dass man nicht gerade Julian Barnes las – und Julian Fellows bleibt ohnehin außen vor…) ///

“Ein Festtag” könnte man sich sehr gut als Film vorstellen, so wie “Da sind wir” auch. Nur “passiert” in den beiden Romanen nicht sonderlich viel. Es bleibt ein Spiel mit der Wahrnehmung, der Perspektive, der (lückenhaften) Erinnerung und damit einem Kreisen der Figuren umeinander, einem Tanz mit wechselnden Partnern, einem Pas des Trois. Dieses Kreisen bringt zahlreiche Wiederholungen mit sich, da die Tänzer immer wieder an Stellen vorbeikommen, an der sie schon waren. Es gibt Auslassungen und Unwägbarkeiten, die nicht nur die Figuren, sondern die man auch als Leser aushalten muss. Nichts anderes ist die Zauberei. ///

Das ist sicherlich genial konstruiert. Am besten gefiel mir dennoch Ronnies (Pablos) Zeit bei den Zieheltern nach seiner Kinderlandverschickung, weil hier die Erzählung plötzlich in Fluss gerät und sich kurz aus dem Kreisen zu befreien scheint. Aber vielleicht ist auch das eine beabsichtigte Konstruktion. ///

Wie oft tauchen Schausteller und Zauberer in der Literatur auf? Bei Evie muss man an Angela Carters “Fevvers” aus “Nights at the Circus” denken, oder an die Zwillinge aus “Wise Children” (hierzulande bereits beides in Vergessenheit geraten). Es gibt eine lange Tradition: Angela Mason, “The Illusionist”; John Fowles, “Magus”, Paul Auster, “Mr. Vertigo.” In “Station Eleven” ist die Zugehörigkeit zu einer Shakespeare-Schauspieltruppe gleichbedeutend mit dem Überleben. In Austers “In the Country of Last Things” entsteht ein Plan für die Zukunft nach einer möglichen Flucht: “He wants the four of us to create a magic show... He will be the magician, of course, dressed in a black tuxedo and a silk hat.”

“The show must go on”, heißt es demnach auch bei Swift. “Aber das Leben ist ungerecht, und entweder kommt man dran oder man kommt nicht dran, und wenn die Show enden muss, bleibt immer noch die Theaterweisheit: Spar das Beste bis zum Schluss auf.”

Da sind wir - Graham Swift
Da sind wir
von Graham Swift
(12)
Buch (gebundene Ausgabe)
20,00

In the Wake of an Epidemic

Michaela Höher aus der Thalia-Buchhandlung in Berlin , am 24.05.2020

When I was reading "Station Eleven" (from 2014) recently, I was constantly reminded of Paul Auster's "In the Country of Last Things" (from 1987), my first encounter with Auster, exactly 30 years ago, when I came across the book in a small basket outside a shabby Finsbury Park thrift shop. Just for reference, Cormac McCarthy's "The Road" wasn't published until 2006. ///

Auster is one of the most fascinating authors of our time. Utterly fascinating and also very often frustrating, as he keeps challenging his readers, shoving them out of their comfort zones. Many times I have found myself wanting to shake the characters out of their annoying inertia. Why would they just sit there, waiting, dazed, as they are slowly reduced to "nothing"? Why are they walking open-eyed into their demise? But it doesn't take much for the whole world to topple over, does it? It doesn't take much to lose everything; it can happen very quickly. ///

There has been some kind of epidemic. "Life as we know it has ended, and yet no one is able to grasp what has taken its place. Those of us who who were brought up somewhere else, or who are old enough to remember a world different from this one, find it an enormous struggle just to keep up from one day to the next. I am not talking only of hardships. Faced with the most ordinary occurrence, you no longer know how to act, and because you cannot act, you find yourself unable to think. The brain is in a muddle." ... "For nothing is really itself anymore. There are pieces of this and pieces of that, but none of it fits together." ... "My mind is not quite what it used to be. It is slower now, sluggish and less nimble, and to follow even the simplest thought very far exhausts me." ///

Everyday things that are taken for granted disappear, and as soon as they go, so does the memory of them: "What about an airplane? I said. What's an airplane? he asked, smiling at me in a puzzled sort of way, as though I had just told a joke he didn't understand. An airplane, I said. A machine that flies through the air and carries people from one place to another. That's ridiculous, he said. There's no such thing." ///

There is no going back. People who believe "that however bad things were yesterday, they were better than things are today" are just speaking the language of ghosts. "Governments come and go quite rapidly here, and it is often difficult to keep up with the changes." One of them starts the project of building a gigantic wall to protect the homeland against foreign invasion. ///

This novel, with all its allusions to Beckett and Kafka, is highly allegorical of course, of politics, society, city life. But at the same time, now more than ever, it seems to have been written with an eerie foresight.


In the Country of Last Things - Paul Auster
In the Country of Last Things
von Paul Auster
(2)
Buch (Taschenbuch)
6,99

Im Tiergewand auf seine Stärke vertrauen

Michaela Höher aus der Thalia-Buchhandlung in Berlin , am 11.05.2020

Dieses Buch hat es 2020 auf die Shortlist des Leipziger Buchpreises geschafft. Es liest sich wie eine wilde Mischung aus Juli Zehs “Unterleuten”, dem “Rattenfänger von Hameln” und einer düsteren Version von “Pippi Langstrumpf”: “Und die Häuser der Familien werden leer gefischt, die Kinderzimmer ausgetrocknet sein…” ///

Es ist einigermaßen schräg und streckenweise gewollt verstörend, denn schließlich will es ja provozieren. Eine Jury von 30 Personen, davon mehr als die Hälfte mit mindestens einem Doktortitel, hat es tatsächlich auf die monatliche Liste der “Besten Bücher für junge Leser” des Deutschlandfunk im Monat Mai gesetzt; Leseempfehlung ab 14 Jahren. Als ambitionierte Schullektüre vielleicht? “Sogar ihre Zunge bot sie ihm am Ende an, streckte sie heraus, und er biss hinein, ein bisschen nur, aber doch so, dass sie Blut schmeckte.” Diese Direktheit erinnert an “Mädchenmeute” von Kirsten Fuchs: “Weißte, das wird der neue Trend. In den Wald gehen.” Der britische Tierarzt und Anwalt Charles Foster versuchte wochenlang, möglichst authentisch wie verschiedene Tiere zu leben (“Der Geschmack von Laub und Erde”): “Letztlich geht es auch um eine philosophische Frage: Was bedeutet es, Mensch zu sein?” ///

Im Gegensatz zur Selbsterkenntnis (nosce te ipsum…), die den Menschen vom Tier unterscheidet, führt hier der Weg des “Homo ferus” offenbar nicht hin zur Menschwerdung, sondern in umgekehrter Richtung “zurück zum wilden Tier”. Um den vermissten Hund zu finden, so die Überzeugung der Kinder, müssen sie sich selbst in herrenlose Hunde, wenn nicht gar Wolfsmenschen, verwandeln. Wie in Ovids Metamorphosen ändern sie zuerst die Sprache, wollen sich nicht mehr im Sprechen ausdrücken; sie beginnen zu bellen. Werden sie durch dieses Morphing zu mutierten Wesen? ///

Der Mensch lässt sich keineswegs scharf vom Tier abgrenzen, der Abgrund dazwischen bleibt schmal, schreibt Teresa Präauer 2018 in “Tier werden”. Wieviel Ambivalenz erträgt der Mensch? “Das Erlebte und das Erfundene, sie bauen zusammen ein Drittes, dessen riskante Existenz nur Bestand hat, solange die Menschen bereit sind, sich beim Zuhören, Schauen und Lesen etwas vorzustellen und sich damit auf die Spielregeln der Fiktion einzulassen, die alles in diese Spannung versetzt. Bilder werden erschaffen und verraten, zerstört und neu erfunden, andernorts zitiert, kopiert und wiederholt”, schreibt Präauer. Das Mädchen Kerze wird von Geistern bedrängt, die sich möglicherweise durch ihre “schamanistische Tiermaske” beschwichtigen lassen. Tiermenschen stehen für Ängste wie auch für Verführungen. ///

“Der Mensch im Tiergewand ist einer, der sich ermächtigt, auf seine natürlichen Instinkte und auf seine Stärke zu vertrauen, frei von den Anforderungen der Zähmung…” heißt es in “Tier werden” weiter. Kerze befindet sich im Übergang, zwischen Mensch und Tier, zwischen Kindheit und Erwachsenwerden. Frei nach Rousseau, laut dem “die menschliche Natur nicht rückwärts geht und man niemals zu den Zeiten der Unschuld und der Gleichheit zurückkehren kann.” So spielt auch das erwachende sexuelle Begehren eine Rolle. Fast scheint es, dass der Name “Kerze” ein gekürztes Konglomerat aus den Begriffen “Kind, Erwachsen, Zeit” ist. “Sie hat gelernt, dass, wer nicht aufgibt, ans Ziel kommt.” ///

Güntners Sprache und die dadurch geschaffene (alb)traumhafte Atmosphäre sind durchweg faszinierend: “Ob das Wasser kalt ist oder warm, sie weiß es nicht, also geht sie ein paar Schritte tiefer hinein, aber immer noch nichts, sie hat kein Gefühl. Sie geht weiter, die Kleidung wird nass, das kann sie sehen, aber nicht fühlen, sie steht bis zum Bauch im Meer, bis zur Brust, zum Hals und schaut nach oben, wo der Himmel gelbe Wolken durchs Bild schiebt, und sie macht noch einen Schritt und noch einen, bis das Wasser über ihr zusammenschlägt, aber wieder kein Gefühl, weshalb sie weitergeht, Schritt für Schritt ins tiefe Meer hinein, die gelb verzerrten Wolken fest im Blick, bis ein Klingeln sie weckt.”

“Alles wandelt sich, nichts vergeht. Es schweift unser Geist, kommt hierher von dort, von hier dorthin, und dieser und jener Glieder bemächtigt er sich, geht über aus Tieren in Menschenleiber und wieder in Tiere, und niemals geht er zugrunde”, heißt es bei Ovid. “Leben und Tod halten sich im Wald die Waage, das hat sie gelernt in den letzten Wochen. Für eins, das kommt, muss ein anderes gehen, sonst bricht alles zusammen”, so klingt Ovid dann bei Güntner.

Power - Verena Güntner
Power
von Verena Güntner
(24)
Buch (gebundene Ausgabe)
22,00

Let's ditch the diary, burn the calendar,smash the clocks and instead pretend that today is infinite

Michaela Höher aus der Thalia-Buchhandlung in Berlin , am 26.04.2020

If you feel like reading an excellent feel-good novel that will enchant you all the way, try this one. It keeps all the promises that come with reading. It’s simply about life. It takes you to a truly wonderful place on the British coast up north. Here you will find the soul of all time. You will dream by another's hand. The magic of this book begins its slow workings and soon becomes extremely powerful. Be happily seduced.

One of the main characters of this novel is Literature itself. Other main characters are landscape, nature, the sea: “I looked out across the water as it rose in gentle berms and then curled and rose and broke in waves of hissing white spume, shifting the shale beneath in a hypnotic percussive rattle of stone on stone.” Everything is magical: the story and history, the lovable characters, the beautiful language, a perfect setting and atmosphere. It’s about hopes and dreams that against all odds might become true after all. It’s about honest, sincere friendship. It’s about what's really important in life, since "after all there are only a few things truly worth fighting for: freedom, of course, and all that it brings with it. Poetry, perhaps, and a good glass of wine. A nice meal. Nature. Love, if you’re lucky. And that's about it." It's stock-full of wisdom, mostly presented by the jocular and quick-witted Dulcie, a classic grande dame of literature, in her tiny cottage. And it's about all the goodness of simple food. What is the best thing about being at the receiving end of generosity? That one day you may bestow it on someone else with all your heart.

By the time you reach “the poetry”, after small encounters with memories of Noël Coward and John Clare, “White Horses” may even drive tears. But Dulcie will still remain a guarantee for humour: “Bless the Germans. They have a word for everything and when they don’t they craft a bastard hybrid on the spot. Many the mangled word has been grafted to another, Dr Frankenstein-like, and then reanimated into existence.”

"It is a reminder that permanence is an impossibility. All is flux. And nature always wins." But there is a trick to stall flux to some extent at least, and it’s called storytelling. The summer narrated here will last forever. "Let's cock a snook at time, for time is just another set of self-imposed arbitrary boundaries designed to capture and control. Let today run forever…"

This novel is just superb. It deserves the same sucess as J.L. Carr's "A Month in the Country".

The Offing - Benjamin Myers
The Offing
von Benjamin Myers
(2)
Buch (Taschenbuch)
8,99

Lockdown Literature, or Survival is Insufficient

Michaela Höher aus der Thalia-Buchhandlung in Berlin , am 26.04.2020

I was so sad when this book ended. Isn’t that weird? Wouldn’t it have been more appropriate to feel tremendous relief about being able to wake up from the nightmare of this dystopian novel about a pandemic, published in 2014? Except we can’t leave it behind any longer. It has gained in momentum as, here and now, we are catching mere glimpses of everything that can or could happen: Civilization is brutally interrupted. Nature conquers back Earth: “The forest has crept up to the edges of the school parking lot and sent an advance party out toward the building, small trees growing through cracks in the pavement.” ///

Mandel has turned the nightmare into a strange dream. She writes like a goddess, no less. And like a goddess, she gets to decide who will live and who will die: “As flies to wanton boys are we to the gods”! Even so, you will instantly trust her fully and wholeheartedly. Any resentment is impossible. Like a goddess she has woven the strands of various loosely connected characters and their stories together, from the recent past before and up until twenty years after the pandemic catastrophe, mercifully leaving out the middle. Even the shortest insights into their lives will make you feel you know these characters and “get them”. Mandel lulls you and snows you in, with both real and fake snow. At times, it does seem easier to let snow bury all the memories, softening the pain of all this loss, mostly of things (and people!) we take for granted. ///

This novel leans heavily on “King Lear”.
“The weight of this sad time we must obey,/
Speak what we feel, not what we ought to say./
The oldest hath borne most: we that are young/
Shall never see so much, nor live so long.”///

It’s a consolation that Shakespeare should have survived it all. Along with the quotes from Star Trek. And some Calvin and Hobbes philosophy. But also this wonderful graphic novel about Dr. Eleven, Captain Lonagan and Station Eleven, aka the Undersea. There is a strange comfort in it that some characters in the book feel, even with very different results. I wish someone would actually draw it and make it a “real” thing. I would love to read that, too. Dive in and linger there, just like I would have wanted to linger in this superb novel much longer.

Station Eleven - Emily St. John Mandel
Station Eleven
von Emily St. John Mandel
(2)
Buch (Taschenbuch)
9,89

Den Kalender verbrennen, die Uhren zertrümmern und so tun, als wäre das Heute unendlich

Michaela Höher aus der Thalia-Buchhandlung in Berlin , am 25.04.2020

Wollen Sie einen richtigen Feel-Good-Roman lesen, der auf ganzer Linie verzaubert? ///

Mit großer Leichtigkeit löst dieses Buch all die Lese-Versprechen ein: “Lies, um zu leben,” Flaubert. “Bücher lesen heißt wandern gehen in ferne Welten,” Jean Paul. “In Büchern liegt die Seele aller gewesenen Zeit,” Thomas Carlyle. “Lesen heißt, durch fremde Hand träumen,” Fernando Pessoa. “Literatur ist nichts anderes als ein gelenkter Traum,” Jorge Luis Borges. Eine der Hauptpersonen dieses Romans ist die Literatur. Weitere Hauptpersonen sind Landschaft und Natur. Zu den zahlreichen Zutaten des Zaubertranks gehören in gleichem Maße: die Geschichte in zweierlei Wortsinn, die Figuren, die Sprache, der Handlungsort und die Atmosphäre. ///

Vielleicht wirkt der Beginn zunächst etwas beschaulich, und womöglich auf den ersten Blick ein wenig aus der Zeit gefallen. Doch der langsam wirkende Zauber des Buches ist äußerst mächtig. Man lässt sich nur zu gern davon verführen. Erzählt wird von Hoffnungen und Träumen, die sich vielleicht doch noch erfüllen könnten. Erzählt wird von aufrichtiger Freundschaft. Erzählt wird von dem, was wirklich wichtig ist, denn “im Grunde gibt es nur wenige Dinge, für die es sich zu kämpfen lohnt: Freiheit natürlich und alles, was sie bedeutet. Dichtung, vielleicht, und ein schönes Glas Wein. Ein gutes Essen. Die Natur. Liebe, wenn du Glück hast. Und das war’s auch schon.” Es steckt voller kleiner Weisheiten, die größtenteils von der wunderbar patenten Dulcie, einer ganz klassischen Grande Dame der Literatur in ihrem winzigen Cottage zum Besten gegeben werden. Was ist wohl das Schönste an Großzügigkeit, die einem zuteil wird? Dass man sie eines Tages aus vollem Herzen weitergeben kann. ///

“Es erinnert daran, dass nichts von Dauer ist. Alles ist im Fluss. Und die Natur trägt immer den Sieg davon.” Dennoch wird der hier erzählte Sommer nie wirklich enden und vieles überdauern. "Drehen wir der Zeit eine lange Nase, denn Zeit ist auch bloß ein System von selbst gewählten, willkürlichen Grenzen, die einengen und kontrollieren sollen." Wer eine Spur anglophil ist und auch J.L. Carrs “Ein Monat auf dem Land” gerne gelesen hat, wird ohnehin voll auf seine Kosten kommen.

Offene See - Benjamin Myers
Offene See
von Benjamin Myers
(88)
Buch (gebundene Ausgabe)
20,00

Fingerspitzenschmeichelnde Geistesnahrung

Michaela Höher aus der Thalia-Buchhandlung in Berlin , am 18.04.2020

Es muss das schönste und edelste Buch dieses Frühjahrs sein: Fingerspitzenschmeichelnder, zweifarbig blau und auberginenfarben changierender Leineneinband; im Sonnenlicht glänzt er wie Kupfer. Die kleinen Bakteriengruppenmuster sind silbern eingeprägt; auch der Kopfschnitt ist silbern. Dazu fadengeheftete Papierbögen von der Qualität 100g/qm Fly hochweiß; 1,2 faches Volumen – ein einziger sinnlicher Bibliophilenschmaus. Die vorgestellten Bakterien sind nicht etwa schnöde per (Mikro-)Fotografie abgebildet sondern allesamt filigran von Falk Nordmann gezeichnet; so kommt noch ein Fest der Farben hinzu.

Es muss darüber hinaus (auch ohne die gegenwärtige Situation, denn es war ja schon längst in Herstellung) die Überraschung dieses Frühjahrs sein: Ein bibliophiler Bakterienatlas! Wie uns gerade ganz klar vor Augen geführt wird: die Welt gehört den Menschen nicht, ganz und gar nicht. Sie befindet sich in fester Hand der wahren Herrscher: der Bakterien, Ursprung und Grundlage allen Lebens. Die großen Aufräumer, die fast alles überleben. They rule. Ihre Kumpel - oder Erzfeinde - sind die Viren. Aus Bakterien kann man Impfstoffe gegen Viren entwickeln: “Das Video eines britisch-japanischen Forscherteams etwa zeigt in Echtzeit, wie das fadenförmige Erbmaterial eines Virus durch das Enzym eines Bakteriums angegriffen wird, um es zu zerschneiden.” Aber umgekehrt können Viren auch Bakterien auflösen.

Man beginnt zu ahnen, dass wir mit dem vergleichsweise milden Coronavirus fast noch Glück haben, bei allem, was da draußen (und drinnen) so lauert. Ludger Weß erzählt seinen Stoff wunderbar unterhaltsam. Seine Thriller, z.B. “Vironymous” von 2017, dürften bereits ein Wink mit dem Zaunpfahl auf all das sein, was den Wissenschaftlern schon lange klar ist. (Oder wie es kürzlich aus Regierungskreisen hieß: “Die Bevölkerung muss nicht alles wissen”).

Genauso geht dieses Bändchen als Thriller durch. Permanentes Staunen ist garantiert. Alle Bakterien der Erde zusammengenommen wiegen hunderte Male mehr als alle Menschen; ihre Anzahl hat dreißig Nullen. Es gibt eines namens “Propionibacterium acnes zappae”, es ist tatsächlich nach Frank Zappa benannt. Sie verleihen einem Fadenwurm ein Fell, das ihn wie einen ordentlich gekämmten Wookiee aussehen lässt. Zum Teil kommen sie mit Meteoriten sogar aus dem All. Genauso wurden sie schon von der Erde aus weit ins All geschossen.

Gönnen Sie sich dieses Buch! Sie unterstützen damit nicht nur einen kleinen, feinen Verlag, sondern erfahren auch auf die angenehmste Weise, was Weiße oder Schwarze Raucher sind (die kommen ohne Tabak aus…), was es mit dem rosa Gefieder von Flamingos auf sich hat, oder was eine Bio-Batterie ist. Wie Sie mit Ihrem Schweizer Käse unweigerlich das Propionibacterium freudenreichii mitverzehren. Ergötzen Sie sich an Namen wie “Strahlenüberdauernde Schreckenskugel” oder “Walter H. Burkholders Pseudo-Rotz-Erreger” (mit dem nicht zu spaßen ist, so lustig er klingt) und suchen sie sich aus den fantastischen Illustrationen die putzigsten Bakterien aus (wie wär’s mit “Pseudomonas aeruginosa” – will man allerdings auch nicht haben).

Winzig, zäh und zahlreich - Ludger Wess
Winzig, zäh und zahlreich
von Ludger Wess
(2)
Buch (gebundene Ausgabe)
25,00

 
zurück