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BuchhändlerInnen im Portrait

Tobias Groß
aus der Thalia-Buchhandlung in Gotha

Gesamte Empfehlungen 27 (ansehen)


Alter:
29 Jahre
Abteilung:
Belletristik; Reise; Sachbuch; Sprachen
Funktion:
Buchhändler-Azubi
Lieblingsautoren:
Stefan Zweig, Pascal Mercier, Fernando Pessoa, Erling Kagge, Loriot
An meinem Beruf gefällt mir:
... dass ich meine Leidenschaft professionell ausüben kann. Ich liebe es zu lesen und darüber zu schreiben - und somit meinen Gedanken in Form von Renzensionen freien Lauf zu lassen.
Im Beruf seit:
2019
Das beste Buch aller Zeiten:
Pascal Mercier - Nachtzug nach Lissabon

Meine Favoriten

1.

Nachtzug nach Lissabon

von Pascal Mercier

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2.

Stille

von Erling Kagge

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3.

Hier sind Drachen

von Husch Josten

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4.

Der Alchimist

von Paulo Coelho

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5.

Als wir träumten

von Clemens Meyer

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6.

Die Welt von Gestern

von Stefan Zweig

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9.

Der Sprung

von Simone Lappert

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10.

Lea

von Pascal Mercier

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Meine Empfehlungen

Perspektivlosigkeit, diffuse Ängste und Hass - eine fatale Kombination

Tobias Groß aus der Thalia-Buchhandlung in Gotha , am 03.10.2019

Deutschland ist ein tief gespaltenes Land. Wir sind getrennt in Arm und Reich, in Stadt und Land, in Systemprofiteure und Abgehängte. Und ganz besonders in Ost und West. Auch wenn die alte Mauer nicht mehr existiert und wir - theoretisch - wieder ein Land sind, so existiert noch immer eine unsichtbare Mauer. In den Köpfen, in den Vorstellungen. Davon besonders betroffen ist der Osten Deutschlands, in welchem Regionen, welche wir heute gerne als strukturschwach bezeichnen, eher die Regel als die Ausnahme sind. Wer die Chance hat, der verlässt diese Einöden in Richtung der boomenden Städte. Zurück bleiben nur die Alten, die die sich nichts anderes leisten können, die Abgehängten. Berührungen mit anderen Kulturen? Fehlanzeige.

Eine fatale Kombination. Und damit der ideale Nährboden für diffuse Ängste und tiefgreifenden Hass: auf die Politik und ihre Vertreter, auf alle Andersdenkenden, auf alles Fremde. Der Rechtsextremismus ist zurück, gefährlicher und tödlicher, als je zuvor.

‚Mit der Faust in Welt schlagen‘ ist die romangewordene Geschichte dieser Entwicklung. Im Mittelpunkt des Debütromans von Lukas Rietzschel stehen die Brüder Phillip und Tobias, die ihre Kindheit in der sächsischen Provinz verbringen und in scheinbar behüteten Verhältnissen aufwachsen. Eine folgenreiche Illusion, die nach und nach zusammenbricht. Der Eine draufgängerisch, angstfrei, der Andere schüchtern und immer im Schatten des Älteren stehend.

So unterschiedlich sie auch sind, beide wollen Teil einer Gruppe sein. In dieser suchen sie nach Akzeptanz, nach Sicherheit und vielleicht sogar nach einer Liebe, welchen ihnen ihre Eltern nie geben konnten. Sie wollen ihr Leben besonders werden lassen und aus dem öden Alltagstrott ausbrechen - und geraten dabei in die falschen Hände. Ohne es wirklich zu merken, werden beide zu Neonazis. Ihre Gedanken werden von vielen Menschen geteilt und sind akzeptiert, doch sie verleihen ihrem Hass und ihren aufgestauten Aggressionen in xenophoben Taten Ausdruck. Schlagen auf ihre Art und nicht nur verbal um sich.

Wer verstehen will, warum gerade in der ostdeutschen Provinz AfD und Konsorten mittlerweile so stark sind und wie tief fremdenfeindliches Denken dort verwurzelt und akzeptiert ist, der sollte dieses Buch unbedingt lesen. Jedoch mit Vorsicht. Leider verliert sich ‚Mit der Faust in Welt schlagen‘ in einer gefährlichen Romantik à la ‚Die bösen Nazis hatten eine schwere Kindheit und sind Produkte der Umstände, in denen sie aufgewachsen ist. Die können ja gar nichts dafür, dass sie so sind wie sie sind‘. Bei so einer Betrachtungsweise sind sogar Sympathien für das Bruderpaar nicht ausgeschlossen. Natürlich tragen Zivilgesellschaft und Politik eine Mitschuld an derartigen Biografien, doch es ist zu leicht, ihnen den alleinigen schwarzen Peter zuzuschieben. Wer wütend ist, muss nicht rechts werden und Hass auf alles andere entwickeln.

Rietzschel will mit seinem Debüt wachrütteln und auf die lauernde Bedrohung von rechts aufmerksam machen. Das hat er geschafft, dafür gebührt im Anerkennung. Er läuft dabei jedoch Gefahr massiv missverstanden zu werden. ‚Mit der Faust in Welt schlagen‘ ist sowohl eine Erklärung, als auch eine Warnung - aber leider eine viel zu eindimensionale.

Mit der Faust in die Welt schlagen - Lukas Rietzschel
Mit der Faust in die Welt schlagen
von Lukas Rietzschel
(83)
Buch (gebundene Ausgabe)
20,00

Vom Suchen und Finden der Stille

Tobias Groß aus der Thalia-Buchhandlung in Gotha , am 18.09.2019

Wir leben in einer Zeit der Ruhelosigkeit. Rastlos eilen wir von einem Termin zum anderen, lassen uns durch Smartphones unser Leben diktieren und empfinden es als seltsam, wenn wir einmal nichts zu tun haben. Langeweile und Müßiggang sind verpönt, nur wer ständig auf Achse und viel beschäftigt ist, ist ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft. Wir haben einfach verlernt zur Ruhe zu kommen, Stille ist für uns ein Fremdwort. Mehr noch: wir empfinden Stille als etwas unangenehmes, sie macht uns nervös. Eine fatale Entwicklung, gefährlich und ungesund zugleich.

Was können wir dagegen tun? Wie können wir Stille endlich wieder als etwas angenehmes und nicht störendes empfinden? Was überhaupt ist die Stille? Diesen Fragen hat sich einer angenommen, für den Stille - normalerweise - etwas unbekanntes sein sollte, denn Erling Kagge ist ein Getriebener: Abenteurer, Kunstsammler und Unternehmensberater. Dazu noch Maler, Verlagsinhaber und Buchautor. Wie viele Stunden mag die Uhr dieses Menschen wohl haben? 24 reichen in seinem Fall wohl kaum. Doch Kagge hat es irgendwie geschafft trotz all der Herausforderungen und Aufgaben zu sich zu finden, Hektik und Stress die Stirn zu bieten.

Das Ergebnis seiner Erfahrungen ist dieses Buch. Es ist eine Sammlung von 33 Essays, von kleinen Texten, in denen Erling Kagge seine Gedanken zum Suchen und Finden der Stille wiedergibt. Mal schreibt er über die Sichtweisen anderer, mal philosophiert er selber, doch die Erkenntnis ist die gleiche: wer lernt Stille auszuhalten, es zulässt sie bewusst zu erleben und sie sogar genießt, der ist ein reicherer Mensch. Doch ‘Stille‘ ist kein Ratgeber, keine esoterische Lebenshilfe. Es trägt zwar den Untertitel ‘Wegweiser‘, doch Kagge schreibt niemandem vor, was er zu tun, was er zu denken hat. Und trotzdem schafft er es, dass sich der Leser seiner Gedanken annimmt - und selber anfängt in den hektischsten Momenten Ruhe zu bewahren. Und die Stille zu suchen.

‘Stille‘ ist ein einzigartiges Buch. Ein poetisches und philosophisches Vergnügen, was immer wieder aufs Neue gelesen werden kann. Zugleich ist es wunderschön aufgemacht, da sowohl das Cover, als auch die minimalitische Textgestaltung nah dran sind an der optischen Perfektion. Bücher dieser Art begegnen einem nur ganz selten, umso so froher kann der Leser sein es gefunden zu haben. Wahrhaftig ein Buch für das gesamte Leben.

Stille - Erling Kagge
Stille
von Erling Kagge
(50)
Buch (gebundene Ausgabe)
14,00

Erwachsenwerden in seiner härtesten Form

Tobias Groß aus der Thalia-Buchhandlung in Gotha , am 12.09.2019

Momentan erleben Romane über das Erwachsenwerden ein echtes Revival. Dies geht so weit, dass Coming-Of-Age innerhalb der Belletristik ein eigenes Subgenre bildet. Kein Wunder, denn diese oftmals sympathischen Geschichten aus dem Leben junger Menschen, üben eine unvergleichliche Faszination auf viele Leser aus. Sei es um sich selber noch einmal jung zu fühlen oder um einfach nachzuvollziehen, wie andere sich während dieser Zeit gefühlt haben - einer aufregenden, spannenden, aber auch unglaublich harten Zeit.

Auch Matthias Brandt hat sich in seinem ersten echten Roman diesem Thema gewidmet. Im Mittelpunkt des in den 1970ern angesiedelten ‘Blackbird‘, steht der 16-jährige Morten, welcher von allen nur Motte genannt wird. Motte ist ein Scheidungskind und durchschnittlicher Schüler, der durchschnittliche Leistungen erbringt und durchschnitt bliebt ist. Ginge es nach ihm, dann könnte sein Leben gerne ein bisschen weniger normal sein. Sein Wunsch wird wahr, jedoch anders als erhofft. Als er einen Anruf bekommt, dass sein bester Freund Bogi im Krankenhaus liegt und Krebs hat, verändert sich alles.

Ein Paukenschlag für Motte, der sein Leben auf den Kopf stellt. Doch damit nicht genug, denn Motte entwickelt Gefühle für ein Mädchen, erlebt das Wunder des verliebt seins zum ersten Mal. Eine Zeit der krassen Gegensätze, in dem der nahende Tod des besten Freundes und das Leben in seiner schönsten Form um Mottes Aufmerksamkeit ringen. Schmerz und Freude, so untrennbar miteinander verbunden.

Matthias Brandt ist mit ‘Blackbird‘ ein tolles Debüt gelungen. Einfühlsam und sympathisch erzählt er eine ungewöhnliche Geschichte vom Erwachsenwerden in seiner prallsten und härtesten Form. Ein kluger Roman über eine Herkulesaufgabe, der auch sprachlich überzeugt, nicht zuletzt Dank der Ich-Perspektive Mottes. So ist ‘Blackbird‘ einerseits emotional brutal und todtraurig, andererseits komisch und frech. Eine gut funktionierende Mischung, die Lust auf kommende Werke des Multitalents Brandt macht.

Blackbird - Matthias Brandt
Blackbird
von Matthias Brandt
(45)
Buch (gebundene Ausgabe)
22,00

Das Leben wäre so viel einfacher - wenn wir nur miteinander reden und uns zuhören würden

Tobias Groß aus der Thalia-Buchhandlung in Gotha , am 11.09.2019

Das A und O im Leben eines Menschen ist die Kommunikation. Im Grunde ist Sprechen ein recht simpler Vorgang und gleichzeitig doch so unendlich schwer. Deshalb passiert es recht häufig, dass wir miteinander reden und am Ende doch nichts gesagt haben. Oder unserem Gegenüber einfach nicht zuhören. Oftmals können ganz besonders lang verheiratete Paare ein Lied davon singen.

Das Ehepaar Greilach, welche die zentralen Personen in Jan Peter Bremers ‘Der junge Doktorand‘ sind, gehören genau zu dieser Kategorie. Beide bereits im Rentenalter und kinderlos. Er ein erfolgloser Maler, sie Hausfrau. Seit Jahrzehnten miteinander verheiratet, kennen sie sich scheinbar in und auswendig, reden viel - und haben sich doch nichts zu sagen. Sie sind alles andere als glücklich, ihre Ehe gleicht mehr der Hölle, als einem Paradies der Zweisamkeit. Was sie brauchen ist Veränderung. Da beide jedoch unwillig sind sich selbst zu verändern und aus ihren Vorurteilen auszubrechen, kann dies nur von außen geschehen.

Wie gut, dass Hilfe naht. Seit Ewigkeiten warten sie auf die Ankunft des - titelgebenden - jungen Doktoranden. Mit ihm soll alles besser werden. Einfach alles. Und so erwarten sie sich von ihm die Erfüllung ihrer Wünsche: Ruhm und Anerkennung, Abwechslung und Freude und insgeheim sogar ein Ende ihrer eingeschlafenen Ehe. Endlich ist der junge Doktorand da und doch so ganz anders als erwartet. Er ist nicht der, der er in der Vorstellung der Greilachs sein sollte. Jeder versucht ihn für sich zu vereinnahmen und auf seine Seite zu ziehen. Doch so plötzlich er da war, so schnell ist er auch schon wieder weg.

Was zwischen Ankunft und Abschied des jungen Doktoranden geschieht ist so unglaublich skurril und komisch, dass sich der Leser zeitweise sogar an den großen Loriot und seine unvergesslichen Ehesketches erinnert fühlt. Genau wie dieser, weiß Bremer die vielen hier Absurditäten des ehelichen Miteinanders, das aneinander vorbei reden, die ganzen Vorurteile (des einen über den anderen und seine Umwelt) meisterlich zu erzählen.

Jan Peter Bremer liefert uns in diesem tollen Buch unzählige Paradebeispiele menschlicher Misskommunikation und warnt ohne den moralischen Zeigefinger davor, sich in Empathielosigkeit und einer getrübten Wahrnehmung zu verlieren. Gerne hätte dieses groteske Kammerspiel noch ein wenig länger sein können, denn wie sich dieses Paar gegenseitig fertig macht, gehört zum lustigsten und bösesten, was deutschsprachige Literatur zu bieten hat.

Der junge Doktorand - Jan Peter Bremer
Der junge Doktorand
von Jan Peter Bremer
(8)
Buch (gebundene Ausgabe)
20,00

Eine Geschichte über Rassismus und die Entmenschlichung des Menschen

Tobias Groß aus der Thalia-Buchhandlung in Gotha , am 09.09.2019

Mühlen malen ja bekanntlich langsam, ganz besonders dann, wenn es sich um die Aufarbeitung der eigenen Geschichte handelt. Gerne werden Schandflecke ignoriert, verschwiegen oder sogar grundsätzlich geleugnet. Immer getreu dem Motto: „Was nicht sein kann, das nicht sein darf.“ Jedes Land hat seine ganz speziellen dunklen Flecken, etwas, was nicht zum Selbstbild und zum eigenen Bewusstsein passt. Ist es in Deutschland der Nationalsozialismus, in Russland die stalinistische Diktatur oder der franquistische Klerikalfaschismus in Spanien, so kämpfen die USA bis heute mit dem Rassismus - sowohl mit dem historischen, als auch mit dem aktuell existierenden.

Einer der besonders ehrlich und dementsprechend auch besonders schonungslos das Erbe des US-amerikanischen Rassismus aufarbeitet ist Colin Whitehead. Dieser widmet sich in seinen Romanen immer dem Verschwiegenen, dem jahrzehntelang Ignorierten. So auch in seinem 10. Roman. ‚Die Nickel Boys‘ ist die fiktive Geschichte einer Jugenderziehungsanstalt im Florida der 1960er-Jahre. Einer ganz besonders berüchtigten Einrichtung, in der Gewalt, Demütigungen und sogar sexuelle Übergriffe an der Tagesordnung waren. Ganz besonders hart traf es die schwarzen Jungen, welche vom sadistischen Wachpersonal wie Tiere behandelt wurden. Sie waren den weißen Männern schutzlos ausgeliefert - so wie Elwood und Turner, den beiden Protagonisten des Romans.

Beide sind aus unterschiedlichen Gründen im ‚Nickel‘ gelandet, beide jedoch zu Unrecht und aus eindeutig rassistischen Motiven. Zusammen durchstehen sie die Zeit in dieser Hölle auf Erden, trotzen dem System auf ihre Weise. Sie machen so lange mit, bis sie es nicht mehr aushalten und ausbrechen. Eine Flucht mit fatalen Folgen, welche bis in die heutige Zeit reichen.

Whiteheads Roman ist ein schockierender und auf wahren Ereignissen beruhender Bericht über die menschlichen Abgründe. Schonungslos schildert er die erlebte Gewalt, beschreibt die Ungerechtigkeiten und das nicht vorhandene Unrechtsbewusstsein der Täter. Dies tut er nüchtern und sachlich, emotional unglaublich kalt. ‚Die Nickel Boys‘ geht deshalb ganz schön an die Nieren und fordert die volle Aufmerksamkeit des Leser bis zur letzten Seite. Es ist keine simple, aber dennoch eine sehr lohnenswerte Lektüre, welche den Leser trotz der einfachen Sprache fordert - und in ihm ein neues Bild auf dieses abartige Kapitel US-amerikanischer Geschichte entstehen lässt.

Die Nickel Boys - Colson Whitehead
Die Nickel Boys
von Colson Whitehead
(112)
Buch (gebundene Ausgabe)
23,00

Die Geschichte vom Aufstieg und Fall einer Freundschaft

Tobias Groß aus der Thalia-Buchhandlung in Gotha , am 06.09.2019

Auch wenn viele Menschen mit den Auswirkungen der Wendezeit bis heute zu kämpfen haben, so waren die 1990er trotz allem eine extrem spannende Zeit. Ein Jahrzehnt voller Veränderungen und ungekannten neuen Freiheiten, welches vor allem für junge Menschen die Zeit ihres Lebens darrstellte. Besonders Berlin übte eine faszinierende Anziehung aus, die Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten anzog. Grenzen gab es nicht mehr, sodass Ekstase, Wildheit und Zügellosigkeit zum Markenzeichen der wiedervereinigten Stadt wurden.

Die beiden Protagonisten in Gregor Sanders sechstem Buch ‘Alles richtig gemacht‘ waren Teil dieser einzigartigen Epoche. Beide aufgewachsen in Rostock und extrem unterschiedlich - und doch miteinander befreundet. Zusammen verbrachten Thomas und Daniel ihre Kindheit, zusammen wurden sie erwachsen, zusammen gingen sie nach Berlin. Sie ließen sich treiben, feierten jeden Tag Partys voller Alkohol und Drogen, waren ständig verliebt. Mehr Brüder als Freunde.

Doch sie entfremden sich. Thomas, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt ist, wird ein erfolgreicher Anwalt. Daniel dagegen bereist als Koch die Welt, lebt jedoch mehr schlecht als recht. Er ist mit seinem Schicksal als heimatloser Vagabund zufrieden, für Thomas kommt diese Art Lebensführung nicht (mehr) in Frage. Doch auf einmal ist Daniel wieder in Berlin. Gerade dann, als Thomas‘ Ehe vor dem Aus steht, er deswegen eine Sinnkrise durchlebt und er in Ungnade bei einem Klienten gefallen ist - alles schwerwiegende Ereignisse für sein weiteres Leben.

Gregor Sander hat mit ‘Alles richtig gemacht‘ sehr viel richtig gemacht. Sympathisch erzählt Geschichte einer Freundschaft zwischen zwei Männern, die eigentlich nicht zusammen passen und doch unglaublich viel miteinander verbindet: Erlebnisse, Momente, Frauen. Trotzdem sie sich ab und zu verlieren, kreuzen sich ihre Wege immer wieder. Leider ist das Ende ein unbefriedigend, denn es hinterlässt mehr Fragen als das es Antworten gibt. Trotzdem ist die Lektüre lohnenswert, denn die Vermittlung des Gefühls der Nachwendezeit, des Lebens im Ostdeutschland der 1990er-Jahre, könnte authentischer nicht sein - ohne zu verkitschen.

Alles richtig gemacht - Gregor Sander
Alles richtig gemacht
von Gregor Sander
(27)
Buch (gebundene Ausgabe)
20,00

Eine romangewordene Vorarbeit, die ihr großes Potenzial verschenkt

Tobias Groß aus der Thalia-Buchhandlung in Gotha , am 04.09.2019

Auch 2019 kämpft Spanien noch immer mit den Geistern der Geschichte, die Francozeit macht der Gesellschaft bis heute zu schaffen. Denn im Gegensatz zu Deutschland, hat das Land seine Vergangenheit nicht aufgearbeitet, die Verbrecher wurden nicht bestraft. Vielleicht sind spanische Autorinnen und Autoren deshalb so besessen von diesen Zeit zwischen 1939 und 1975, denn jährlich erscheinen unzählige Bücher zu diesem Thema.

Zu den Autoren, welche die Literatur als Aufarbeitung der Geschichte nutzen, gehört Fernando Aramburu. Mit ‘Patria‘ landete er auch in Deutschland einen überraschenden Erfolg und so erscheint mit ‘Langsame Jahre‘ nun eine Art Vorgeschichte. Die Erzählung spielt in den 1960er-Jahren, also inmitten der Franco-Ära. In einer bleiernen Zeit, die bestimmt ist von Traditionen und einer Dominanz der katholischen Kirche. Scheinheiligkeit, Doppelmoral und das Bewahren des Ansehens der Familie, das sind die Eigenschaften die zählen.

Inmitten dieser Zeit wächst der 8-jährige Txiki in einem Arbeiterviertel im baskischen San Sebastián auf. Nicht bei den Eltern, sondern in der eigenwilligen Familie seiner Tante. Der Onkel lethargisch, die Tante herrisch, der Sohn fanatischer baskischer Nationalist und die Nichte mit 17 bereits schwanger von einem Unbekannten - alles andere als eine franquistische Musterfamilie. In Briefen schildert Txiki die Jahre seines Erwachsenwerdens, die eigenen Erlebnisse und die seiner Ziehfamilie. Das besondere dabei: er schreibt sie dem Schriftsteller. Dieser wiederum verarbeitet Erzählte in Form von Fragmenten und Szenen, offenbar als gedankliche Vorlage für einen späteren Roman.

Und genau das ist die große Schwachstelle von ‘Langsame Jahre‘. Die Notizen des Schriftstellers sind auf einer Metaebene sehr interessant, zerstören jedoch den Erzählfluss und somit das Potenzial der Geschichte. Denn an sich sind die Beschreibungen der spanischen Kultur und die Entwicklung der ETA aus der Sichtweise eines 8-jährigen Zeitzeugens sehr unterhaltsam. Und äußerst lehrreich. Schade, dass es sich bei ‘Langsame Jahre‘ anscheinend nur um eine romangewordene Vorarbeit handelt. Doch zum Glück gibt es ja ‘Patria‘.

Langsame Jahre - Fernando Aramburu
Langsame Jahre
von Fernando Aramburu
(8)
Buch (gebundene Ausgabe)
20,00

Das Portrait einer Gesellschaft, die höchst verunsichert und zerbrechlich ist

Tobias Groß aus der Thalia-Buchhandlung in Gotha , am 03.09.2019

2019. Es scheint, als würden wir das letzte bisschen Anstand was wir noch haben, verlieren. Mehr miteinander kämpfen als zusammen leben. Empathie ist für viele ein Fremdwort, nur noch das eigene ich zählt. Das Mistrauen regiert. Kein Wunder, das wir dadurch psychisch verwundbarer werden und so reicht manchmal schon eine klitzekleine Kränkung, eine eigentlich nicht bös gemeinte Tat und alles bricht zusammen.

Genau so ergeht es der eigentlichen Protagonistin in Simone Lapperts Erstlingswerk ‘Der Sprung‘. Eine junge Frau steht auf dem Dach eines Mietshauses, anscheinend bereit ihrem Leben ein Ende zu setzen. Doch irgendetwas stimmt nicht. Sie brüllt, flucht und wirft ständig Gegenstände auf die am Boden stehenden Polizisten und schaulustigen Gaffer, äh, Passanten. Zudem weigert sie sich strikt herunterzukommen. Über 24 Stunden geht dieses Spiel. Aber verhält sich so eine lebensmüde Frau? Ist das vielleicht alles nur ein Missverständnis? Und wieso interessieren sich so viele Menschen für diesen Vorfall?

Fragen über Fragen, die alle im Laufe dieser Geschichte geklärt werden. So, dass am Ende alles zusammenhängt. Und genau hier liegt die große Stärke dieses Episodenromans, bei dem insgesamt elf Menschen im Mittelpunkt der Handlung stehen. Die Zusammenhänge wirken nicht künstlich, nicht gezwungen. Alles ergibt irgendwie Sinn, alles ist glaubhaft und könnte sich genau so in jeder mittelgroßen deutschen Stadt abspielen. Auch das Ende, welches den Leser überraschen und schockiert zurücklassen wird - und neue Fragen aufwirft.

‘Der Sprung‘ ist kein Krimi, auch kein Psychothriller und fesselt doch von der ersten bis zur letzten Seite. Mit einer zeitgemäßen und klaren Sprache schafft es die Autorin eine Atmosphäre zu erzeugen, die ihres Gleichen sucht. Eine dichte Atmosphäre die aufgrund ihrer Normalität sehr beklemmend ist. Höchst ungewöhnlich für ein Debüt dafür umso bemerkenswerter. Wie das gesamte Buch, denn Simone Lappert ist ein beeindruckender, ja ein fantastischer Roman gelungen. Es ist das Portrait einer labilen Gesellschaft, höchst verunsichert und fragil. Ein Psychogram unserer Gesellschaft.

Der Sprung - Simone Lappert
Der Sprung
von Simone Lappert
(93)
Buch (gebundene Ausgabe)
22,00

Erwachsenwerden, kriminell sein, sich zum Guten verändern? Und das alles gleichzeitig?

Tobias Groß aus der Thalia-Buchhandlung in Gotha , am 27.08.2019

Die wohl schwerste Herausforderung im Leben eines Menschen ist es, sich von seinen Gewohnheiten zu lösen, auszubrechen aus dem Umfeld, welches für lange Zeit prägend war für die eigene Persönlichkeit. Den allermeisten gelingt es nicht und sie machen mitunter jahrzehntelang genau so weiter, wie sie es gewohnt sind.

Der unbekannte Protagonist in Tobias Wilhelms Debütroman ‘Weisser Asphalt‘ kann ein Lied davon singen, denn ihm ergeht es exakt so. Als Jugendlicher verbrachte er aufgrund verschiedenster Delikte eine längere Zeit im Jugendarrest. Doch die seinen Therapeuten und Lehrern versprochene positive Veränderung in der Zeit danach, geschieht nicht. Im Gegenteil. Denn unmittelbar nach seiner Rückkehr ist er wieder mitten drin in seiner gewohnten Welt. Drogen verkaufen, mit den falschen Freunden abhängen, sich prügeln - das ist sein alter, das ist sein neuer Alltag.

Doch auch er muss sich den Veränderungen die das Erwachsenwerden so mit sich bringt stellen. Und so ist er nach dem Tod der Mutter und der Flucht des Vaters in seine serbische Heimat auf sich allein gestellt. Er findet eine feste Freundin, macht sein Abitur und fängt an zu studieren. Aber er dealt weiter und driftet immer tiefer in die Kriminalität ab. So weit, bis er schließlich fast den Sündenfall begeht und einen seiner Freunde aus Rache tötet. Der Knast wartet wieder auf ihn, seine neugeborene Tochter muss ohne ihren Vater aufwachsen.

Dem Autor ist ein ergreifender Coming-of-Age-Roman gelungen. Eigentlich ist es die Geschichte eines Antihelden. Von einem, der immer wieder kriminell wird, seine Handlungen nicht in Frage stellt und nicht heraus findet aus dieser Spirale. Und doch schafft es Wilhelm mit einfachen und direkten Worten, dass dem Leser dieser unbekannte Protagonisten sogar sympathisch wird, dass er mitfühlt und sogar Mitleid mit ihm empfindet. Der Junge Mann kann einfach nicht anders, denn er ist ein Gefangener unserer Gesellschaft. Eines Systems, indem es schwierig bis nahezu unmöglich ist aufzusteigen und sich von seiner Wurzeln komplett zu lösen.

Weißer Asphalt - Tobias Wilhelm
Weißer Asphalt
von Tobias Wilhelm
(4)
Buch (gebundene Ausgabe)
16,00

 
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