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Hexenherz. Eisiger Zorn

(3)
Aus den Annalen des Goldenen Reiches
~1466~
Erschüttert von der Hinrichtung einer unschuldigen Jugendfreundin als Hexe erheben sich die Schwestern Beatrix und Stephanie gegen den Wunsch der bislang geheimen Hexen­elite und verhindern zusammen mit Gleichgesinnten eine weitere Hexenverbrennung.
Von der Inquisition verfolgt offenbaren die Schwestern ihren Anhängern, dass jede Frau eine Hexe ist, erwecken die Magie in ihnen und machen es sich fortan zur Aufgabe, Frauen wie Männer aus den Fängen der Inquisition zu befreien.
Als die Zahl der unter ominösen Umständen befreiten Gefangenen immer weiter ansteigt, reagiert die Inquisition mit vermehrten Verhaftungen und Eilprozessen. Währenddessen steigt die Zahl der Erweckten stetig an.
Einige Frauen machen es sich zur Aufgabe, die neu erweckten Hexen heimlich in ihrer Magie zu unterweisen.
Kapitel 3
Missmutig schaue ich auf. Ich bin gerade dabei gewesen, mir eine Karte der westlichen Region des Großen Moldawischen Reiches einzuprägen, als jemand meinen Namen gerufen und mich aus meiner Konzentration gerissen hat. Ich bin sowieso in gereizter Stimmung: Da die Woche meiner Magieerneuerung begonnen hat, kann ich nicht mit auf Patrouille gehen. Nicht mal so einfache Dinge wie Schutzzauber über Uniformen sprechen oder Heiltränke zubereiten ist mir möglich. Wie ich es hasse, hier untätig herumzusitzen, während meine Schwestern ihr Leben riskieren! Aber so ist es nun mal und den anderen Frauen geht es nicht anders: In dieser Zeit ohne Magie wäre ich den aufständischen Männern mit ihren Waffen schutzlos ausgeliefert oder schlimmer noch, würde die anderen Frauen der Garde in Gefahr bringen. Also verbringe ich meine Abende in dem Einzelzelt, das mir als Gardenzweite zusteht, und vertreibe mir die Zeit mit dem Studieren von Landkarten. Tagsüber drille ich junge Anwärterinnen im körperlichen Kampf. So kann ich wenigstens einen kleinen Beitrag leisten, während sich meine Magie erneuert.
„Herein“, rufe ich unwillig. Die Zeltplane wird auseinander geschoben und herein tritt Richard, Rickie, mein kleiner Bruder. Überrascht schaue ich ihn an. „Was willst du denn hier?“
„Welch warmherzige Begrüßung, Schwesterchen“, grummelt er gutmütig und schenkt mir sein schiefes Lächeln. „Willst du mich denn nicht umarmen?“
Er schließt die Tür und kommt mit ausgebreiteten Armen auf mich zu. Ich zucke mit den Schultern, stehe auf und lasse es zu, dass er mich an sich drückt. Ich fühle mich seltsam spröde dabei. Zärtliche Gefühlsbekundungen sind nicht mein Ding. Ich bewege mich keinen Millimeter, lasse die Berührung nur kurz zu und winde mich dann heraus.
Erleichtert lasse ich mich wieder auf den Boden sinken. Mit einer Geste fordere ich Richard auf, es mir gleich zu tun. Als Tisch dient mir eine kleine Truhe mit Platz für meine persönlichen Sachen: Uniform, Notfallwaffen, falls es während meiner Tage der Erneuerung zu einem Angriff kommt, ein paar Heiltränke. Jede hohe Gardistin hat solch eine Truhe in ihrem Zelt, die einfachen Kriegerinnen müssen sich mit einem Rucksack und Zweier- oder Viererzelten zufrieden geben. In einer Ecke liegt meine Schlafdecke, in der anderen ist eine kleine Feuerstelle, das war‘s. Richard scheint sich ähnliche Gedanken zu machen: Er sieht sich in meiner schlichten Behausung um und verzieht das Gesicht.
„Himmel, ein bisschen mehr Luxus hatte ich schon erwartet!“, lächelt er und setzt sich mir gegenüber auf den Zeltboden.
Ich zucke mit den Schultern. Irgendetwas an der Art, wie er das sagt, geht mir auf die Nerven.
„Was denn? Dachtest du, dass die Frauen, die das Reich und auch all die ach so armen Männer beschützen, es sich hier gut gehen lassen und ein Leben in Luxus führen?“, fauche ich. Richard zuckt zusammen. Kein guter Start. Vor allem wenn man bedenkt, dass wir uns seit vier Jahren nicht mehr gesehen haben. Mir war allerdings noch nie groß daran gelegen, über Belanglosigkeiten zu plaudern, lieber komme ich direkt zur Sache.
„Was willst du hier?“
„Du hast dich kein bisschen verändert“, seufzt Richard und mustert mich aus seinen dunklen, schönen Augen.
„Warum sollte ich auch?“
Ich habe nicht vor, mich vor meinem kleinen Bruder für irgendwas zu rechtfertigen. Und, es tut fast weh es zuzugeben, seine Worte verletzen mich; in allem, was er sagt, klingt ein Vorwurf durch.
Richard schüttelt den Kopf, schließt für einen Moment die Augen, holt tief Luft. Atmet bedächtig wieder aus. Als er die Augen wieder öffnet, ist sein Blick mild.
„Ich bin kaum eine Minute hier und schon fangen wir an zu streiten“, sagt er leise. „Dabei freue ich mich so, dich endlich wiederzusehen, Schwesterchen! Zu viel Zeit ist vergangen, seit du das letzte Mal Heimaturlaub hattest!“
Sofort fühle ich mich wieder in die Defensive gedrängt: „Die Moldawier lassen mir kaum eine andere Wahl. Du weißt, wie es aussieht. Auch das aufständische Gesocks auf unserer Seite der Grenze ist lange nicht so friedlich, wie du und deinesgleichen vielleicht gerne glauben würdet.“
Wütend zeige ich auf die Landkarte, die ich auf den Tisch gelegt habe.
„Das große Moldawische Reich breitet sich immer weiter aus und wird uns gegenüber nicht mehr lange so friedlich bleiben. Und auch auf unserer Seite sieht es nicht so gut aus, wie du vielleicht denken magst: Die Rebellen versuchen immer öfter, verbotene Technik ins Land zu schmuggeln. Da stecken natürlich Regierungen hinter und wenn sie’s noch so leugnen! Wir sind vielen Ländern ein Dorn im Auge; sie beliefern unsere Aufständler und hoffen so, uns von innen heraus zu schwächen, und genau das dürfen wir nicht zulassen! Du siehst also, lieber Bruder, ich habe eine ganze Menge zu tun, um den Frieden zu sichern. Um das Land zu beschützen. Und auch dich und all die Männer, die sich beschweren, wie schwer sie es doch haben. Ich …“
„Helena!“
Richard steht auf, kommt auf mich zu und hockt sich direkt vor mich. Er schaut mir fest in die Augen und legt seine Hände auf meine Schultern. Ich unterdrücke das Verlangen, sie wegzuschlagen.
„Helena“, wiederholt er. „Was ist nur los mit dir?“
„Mit mir?“
„Mit uns, was weiß ich denn?“ Richard schaut zu Boden, lässt seine Hände aber auf meinen Schultern.
„Helena, hör dich doch mal reden! Du redest zu mir von ‚dir und deinesgleichen‘! Du bist meine Schwester, meine Familie! Was ist nur aus dir geworden?“
Das muss ich mir nicht länger anhören. Wütend schüttele seine Arme ab und springe auf.
„Was mit mir passiert ist? Das fragst du noch?“
„Lena“, sagt Richard leise, „wie lange ist das jetzt her mit Amelie?“
„Was meinst du?“, zische ich. „Von welchem ihrer Tode sprichst du?“
„Ich meine ihren Freitod“, murmelt Richard und senkt die Augen.
„Acht Jahre“, sage ich kalt. „Vor zwölf Jahren und einem Monat, am 08.08.2004, haben ihr Schultes Männer alles genommen, was ihr Leben lebenswert gemacht hat. Und vor acht Jahren, drei Wochen und sechs Tagen hat sie sich das Leben genommen, am 09.08.2008, es war ein Samstag. Und? Willst du mir auch dafür die Schuld geben?“
Richard erbleicht und schüttelt den Kopf.
„Was redest du denn da? Das habe ich nie gesagt, nie sagen wollen. Aber …“
„Aber was?“
„Du musst doch zugeben, dass etwas … falsch läuft, völlig verkehrt. Wenn sich eine Frau von 21 Jahren das Leben nimmt, nur weil sie nie wieder Magie anwenden oder Kinder bekommen kann. Mensch, da läuft doch was vollkommen falsch im System! Dass eine Frau anders keine Anerkennung mehr bekommen kann, als Mensch, der sie ist, und nur noch diesen Ausweg sieht …“
„Ach, also ist es ihre eigene Schuld? Willst du das damit sagen, ja? Dass sie nicht stark genug war? Nach allem, was sie ertragen musste, nach allem, was die ihr angetan haben?“ Ich grabe die Fingernägel tief in das Fleisch meiner geballten Fäuste. Trotz all meiner Wut, die sich wie ein roter Schleier über mich legt, bin ich plötzlich froh, meine magieerneuernde Zeit zu haben: Wäre Richard eine Woche später gekommen, er hätte seine Dreistigkeit vielleicht mit dem Leben bezahlt. Es wäre nicht das erste Mal, dass meine Magie in einem Moment der Wut aus mir herausfließt. Meine Magie ist aus Eis und Eis ist ein sehr schmerzhafter Tod.
„Helena, Helena!“ Richard brüllt jetzt, steht ebenfalls auf.
„Nein Helena, hör mir doch mal zu! Es muss doch einen Weg geben“, seine Stimme klingt mühsam beherrscht, als er sie wieder auf normale Lautstärke senkt, „wie wir alle zusammenleben können: Menschen mit Magie und ohne. Frauen und solche, die unfruchtbar sind und keine Magie in sich tragen. Großmütter. Und … Männer.“
Ich atme hektisch ein und aus, dieses Gerede habe ich schon zu oft gehört. Ich will es nicht hören, will gleichzeitig schreien und mir die Ohren zuhalten. Doch ich tue nichts von beidem, sondern stehe wie erstarrt da und lasse zu, dass Richard seine Worte wie giftige Pfeile auf mich abfeuert.
„Es muss doch eine Möglichkeit geben, wie alle Menschen, Männer und Frauen, gleichberechtigt und in Frieden miteinander leben können!“
„Ach ja?“ Ich lache laut auf.
„Meinst du etwa so wie in all den Jahrhunderten, als die Männer die Frauen unterdrückt haben?“
„Nein.“ Richard schüttelt energisch den Kopf.
„So meine ich das nicht und das weißt du. Mensch Helena, denk doch mal nach: Du denkst, du würdest als Frau zu einer Mehrheit gehören, aber das stimmt nicht! Wie lange habt ihr Magie? 30, 35 Jahre, wenn es hochkommt? Das ist eine Minderheit, zu der du gehörst. Meine Güte“, er lacht bitter auf, „viele dieser sogenannten Frauen sind noch 11, 12 Jahre alte Kinder, überleg doch mal! Gleichzeitig fällt die Zahl der Geburten mit jedem Jahr weiter … Es ist eine Minderheit, die uns regiert und bestimmt. Und was willst du machen, wenn du selbst Großmutter bist, hm? Der Tag ist nicht so fern, wie du vielleicht denken magst. Das kann doch alles nicht sein, es muss doch möglich sein, das besser zu machen! Ich meine eine Gesellschaft, in der jeder Mensch die gleichen Rechte hat, egal ob Mann oder Frau oder Nicht-Frau oder Großmutter. Es muss einen Frieden zwischen uns geben können! Das ganze System ist doch falsch, siehst du das nicht? Es ist allerhöchste Zeit, etwas zu ändern, eine Gesellschaft aufzubauen, die …“
„Richard!“, unterbreche ich ihn erschrocken. „Richard, was redest du denn da?“
Ich spüre förmlich, dass ich erblasse. Meine Brust zieht sich zusammen und schnürt mir die Luft ab. Unwillkürlich fasse ich mir an die Kehle, in meinen Ohren rauscht es.
„Richard“, wiederhole ich mühsam beherrscht und kann kaum verhindern, dass meine Stimme zittert. „Du redest wie … du hörst dich an, wie ein …“
Ich kann es nicht aussprechen, so sehr fürchte ich, Richard würde meinen Verdacht bestätigen und somit zur furchtbaren Wahrheit machen. Ich will es nicht hören, doch Richard kennt keine Gnade. Vollkommen ruhig sieht er mich an.
„Ja. Ich werde mich den Rebellen anschließen. Darum bin ich hergekommen. Dies ist vielleicht das letzte Mal, dass wir uns sehen werden, Schwester.“
Atmen. Ich stehe da und kann nichts weiter tun, als zu versuchen weiterzuatmen. Richard. Mein Bruder! Der mit ein paar wenigen Worten alles zerstört, was je zwischen uns gewesen ist. Alles in mir schreit, will ausbrechen, wüten und toben. Unsichtbare Fäuste trommeln von innen gegen mein Herz, drohen es zu zerreißen. Mein eigener Bruder.
„Rickie!“ Verzweifelter Aufschrei.
„Lena.“ Resigniert.
Ich schlucke. Tränen laufen mir über die Wangen. Ich wische sie weg. Erinnere mich daran, wer ich bin.
„Richard“, wiederhole ich und obwohl nicht ich der Verräter bin, ist mir, als würde mein Herz zerspringen. „Du weißt, dass uns das zu Feinden macht?“
Der Blick, den mein Bruder mir zuwirft, werde ich meinen Lebtag nicht vergessen.
Richard dreht sich um und geht.
Ich lasse mich zu Boden sinken und weine, bis mein Herz zu Eis gefriert. Rickie, mein kleiner Bruder, dem ich vor so langer Zeit und in einem anderen Leben das Bäuchlein gekitzelt habe, bis er vor lauter Lachen umgeplumpst ist. Den ich geliebt habe, wie niemanden sonst. Jetzt ist er mein Feind.
Portrait
Monika Loerchner wurde 1983 geboren und machte 2007 ihren Magisterabschluss in Vergleichender Religionswissenschaft an der Philipps-Universität Marburg. Als Nebenfächer studierte sie Friedens- und Konfliktforschung und Rechtswissenschaften. Anschließend ließ sie sich zur Projektmanagerin ausbilden. Heute lebt sie mit ihrer Familie wieder in ihrer Heimat im Sauerland. Erste Schreiberfahrungen machte sie bereits zu Schulzeiten als freie Mitarbeiterin einer Tageszeitung. Seit 2015 nimmt sie an Schreibwettbewerben verschiedener Genre teil.
„Ich schreibe daheim am PC meines Mannes (er hat den bequemeren Stuhl) oder gemütlich per Laptop auf dem Sofa. Unterwegs nutze ich mein Handy als Notizblock. Selbst großer Fantasy-Fan wollte ich mit „Hexenherz – Eisiger Zorn“ eine ganz neue, magische Welt erschaffen. Und zwar nicht irgendwo, sondern hier, mitten in Deutschland. Besonders wichtig ist mir, dabei auch Werte zu vermitteln: Grausamkeit, Machtgier und Gewalt haben viele Gesichter, aber kein Geschlecht. Freundlichkeit, Güte und Anstand zum Glück aber auch nicht.“
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Beschreibung

Produktdetails


Einband Taschenbuch
Seitenzahl 440
Erscheinungsdatum 13.02.2017
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-86282-456-4
Verlag Acabus Verlag
Maße (L/B/H) 211/141/40 mm
Gewicht 463
Auflage 1. Originalausgabe
Buch (Taschenbuch)
15,00
inkl. gesetzl. MwSt.
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Grausamkeit und Unterdrückung haben hier System - hervorragende Idee und Umsetzung
von annlu am 23.03.2017

Die Hexe Helena ist in einer Welt aufgewachsen, in der Frauen das Sagen haben. Durch ihre erweckte Magie herrschen sie in großen Teilen Europas über die Jungen, Alten und Männer. Ein einschneidendes Erlebnis in ihrer Jugend – die Zerstörung der Magie ihrer Freundin durch die Rebellen – hat sie... Die Hexe Helena ist in einer Welt aufgewachsen, in der Frauen das Sagen haben. Durch ihre erweckte Magie herrschen sie in großen Teilen Europas über die Jungen, Alten und Männer. Ein einschneidendes Erlebnis in ihrer Jugend – die Zerstörung der Magie ihrer Freundin durch die Rebellen – hat sie zu einer erbitterten Kämpferin des Systems gemacht. Dies ändert sich schlagartig, als ihr jüngerer Bruder zu ihr ins Grenzlager kommt und ihr eröffnet, dass er den Rebellen beitreten will. Der Umstand, dass sie seinen Verrat nicht meldet, wird von einer Rivalin ausgenutzt und Helena wird verhaftet. Ihr wird die gemeinsame Flucht mit einem Flüchtlingsjungen ermöglicht, den sie nicht versteht. Als die Beiden auf Rebellen treffen, rettet ihr der Zufall und die Tatsache, dass sie zur Zeit ihrer Tage keine Magie ausüben kann, das Leben. Sie beschließt, sich der Rebellengruppe anzuschließen, um ihren Verrat wieder gut zu machen und sie der Herrscherin ausliefern zu können. Die Geschichte lässt sich locker lesen. Der erste Abschnitt beschreibt Helenas Kindheits- und Jugendjahre und bringt einige Einblicke in die Gesellschaft. Wie es zu dieser kam, wird durch die nach jedem Kapitel eingefügten Annalen des Goldenen Reichs erklärt. Aus der guten Absicht heraus, die Menschen aus den Fängen der Inquisition zu retten hat sich ein System entwickelt, das der frauenunterdrückenden Vergangenheit an Geringschätzung und moralisch bedenklichen Regeln in nichts nachsteht. Hier sind es nun aber die Männer und die gebärunfähigen Frauen, die die unterste Stellung einnehmen. Die Gesellschaft basiert auf strenger Hierarchie und von oben weitergegebenen Befehlen, die nicht hinterfragt werden dürfen. Wie gut die Indoktrinierung funktioniert zeigt Helena am eigenen Leib. Gegen ihre Verhaftung lehnt sie sich nicht auf, denkt selbst, dass sie Verrat begangen hat. Auch die Rebellen sieht sie als Verräter und will sie der nicht vorhandenen Gnade der Goldenen ausliefern. Sie scheint die Fähigkeit verloren zu haben, in ihnen Menschen zu sehen. Obwohl sie mir durch ihre abfälligen Gedanken teilweise unsympathisch war, konnte ich die bedingungslose Hingabe durch ihre Vergangenheit verstehen. Die Rebellen denen Helena begegnet sind zwar freundlich zu ihr, dass das aber nicht immer der Fall ist, wird schon früh klargestellt. Dass ihrer Freundin die Magie entzogen wurde, indem sie ihrer Gebärmutter beraubt wurde, fand ich sehr grausam. Der Sprung vom ersten Abschnitt und diesem Ereignis zu den aktuellen Handlungen beträgt zwar über zehn Jahre, Helena konnte aber nicht vergessen. Im Gegenteil nährte sie ihre Wut und hat damit in diesem Teil der Geschichte wenig gemein mit der lebensfrohen Jugendlichen aus dem ersten Abschnitt. Nicht einmal ihrem Bruder gegenüber zeigt sie Zuneigung. Umso netter fand ich ihr Aufeinandertreffen mit dem jungen Mojserce. Obwohl sie und das Kind sich nicht verständigen können, zeigt er ihr seine Zuneigung, auf die sie vorerst nicht weiß, wie sie reagieren soll. Den dritten Teil der Geschichte fand ich insofern brutaler, als dass er die Charaktere in die Hauptstadt des Reiches führt. Hier werden die Regeln und Gesetze, die nun den Part der Annalen übernehmen und die Ungerechtigkeiten rechtfertigen, jeden Tag gelebt. Grausam sind nicht sosehr die einzelnen Handlungen, als vielmehr die Institutionalisierung der Unterdrückung. Helena selbst zeigt sich mit vielen der Gesetze einverstanden, wenn sie sich auch gegen unnötige Bösartigkeiten stellt. So zeigte sie einiges Gedankengut, das ich überhaupt nicht gutheißen konnte, war dann aber wieder ihren Freundinnen und dem Jungen gegenüber nett, sodass ich ihr nie lange böse sein konnte. Neben Helenas ambivalenten Charakter war es die Handlung und das Setting, die mich überzeugen konnten. Unfreundliche Welten sind mir in mehreren fantasy-Geschichten begegnet. Diese aber schaffte es, mich über Moral und Wertvorstellungen nachdenken zu lassen, ohne dabei belehrend zu wirken. Auch entsprach der Fortgang der Geschichte nicht dem, was ich man sich vielleicht erwarten hätte können – Helena ändert sich nicht von einem Moment zum nächsten und entspricht damit dem Klischee der Systemunterwürfigen, der plötzlich die Augen geöffnet werden. Viel zu sehr lebt und liebt sie dazu den Glauben, der ihre Person ausmacht. Umso realistischer fand ich ihre Entscheidungen und Gedanken. Fazit: Die Geschichte spielt nicht in einer heilen Welt, will vielmehr auf Unrecht hinweisen, ohne dass sie dabei mit Schuldzuweisungen um sich wirft. Helenas Charakter war passend gewählt. Sie macht es dem Leser zwar nicht immer leicht sie zu mögen, zeigt dafür aber umso besser, wie tief das System einen Menschen beeinflussen kann. Hervorragende Idee und Umsetzung!

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Hexen an die Macht, oder lieber nicht?
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Ein interessantes Buch, das bei mir einen zwiespältigen Eindruck hinterlassen hat
von Flaventus (Frank) aus Köln am 05.03.2017
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Interessant: Eine Welt, in der die Frauen, die im Mittelalter als Hexen angeklagt wurden, gemerkt haben, dass sie tatsächlich magiebegabt sind. Interessant, dass diese Magiebegabung mit der Fruchtbarkeit der Frau einhergeht. Ist sie nicht fruchtbar, ist sie noch nicht oder nicht mehr magiebegabt. Interessant, dass die Frauen die Macht... Interessant: Eine Welt, in der die Frauen, die im Mittelalter als Hexen angeklagt wurden, gemerkt haben, dass sie tatsächlich magiebegabt sind. Interessant, dass diese Magiebegabung mit der Fruchtbarkeit der Frau einhergeht. Ist sie nicht fruchtbar, ist sie noch nicht oder nicht mehr magiebegabt. Interessant, dass die Frauen die Macht in Europa übernommen haben. So werden nicht nur die Frauenquoten der Neuzeit hinfällig, sondern der Leser wird sogleich damit konfrontiert, wie die Welt aussähe, würden sie nicht von Männern in Führungsebenen dominiert. ### Keine Weiterentwicklung? ### Okay, nein, letzteres irgendwo dann doch nicht. Denn während ich das Buch gelesen habe, so ist mir nie die Frage aus dem Kopf gegangen, warum sich die Welt innerhalb von 500 Jahren kaum verändert hat. Denn das Buch ist 2004 angesiedelt, liest sich aber wie ein Mittelalterroman. Auch wenn es magiebegabte Hexen sind, die ab dem 16. Jahrhundert die Herrschaft in Europa an sich gerissen haben und vermutlich so manche Erfindung hinfällig wurde, weil es sich einfach erzaubern lies, so klingt es wenig wahrscheinlich, dass das Streben der Menschen nach Verbesserung vollständig eingedämmt wurde. Hinzu kommt, dass nur Europa von den Hexen beherrscht wird. Die anderen Kontinente nicht. Das passt in meinen Augen nicht. Rein gedanklich hat dieser Roman irgendwo im 17. Jahrhundert gespielt, denn von der Beschreibung her passt er genau dorthin. Zudem wird nur an sehr wenigen Stellen darauf hingewiesen, dass er 300 Jahre später spielen soll, so dass der Umstand schlussendlich nur ein bisschen gestört hat. ### Licht und Schatten ### Das Buch bleibt während der gesamten Erzählung bei der Hauptprotagonistin Helena, die aus der Ich-Perspektive den Leser mit in diese andere Welt mitnimmt. Vor allem der Einstieg in die neue Welt ist recht gut gelungen (wenn man von dem eingangs erwähnten Gefühl absieht). Dem Leser wird recht anschaulich und gut diese doch so andersartige Welt präsentiert. Helena als ranghohes Mitglied der Garde wird Opfer einer Intrige und muss fliehen. Auf ihrer Flucht gerät sie in die Fänge von Rebellen, die sie in ihre Gemeinschaft aufnehmen. Dieser Part ist ebenfalls sehr lesenswert und mit zahlreichen Anspielungen gespickt, die auf einige Wendungen in der Geschichte hindeuten. Die dann aber ausbleiben. Wodurch ich etwas irritiert war. ### Sichtweisen ### So kann ich schon fast sagen, dass die ausbleibenden Wendungen und die gewisse Vorhersehbarkeit in der Geschichte die größeren Überraschungen waren. Ebenfalls etwas störend war die Denkweise der Hauptprotagonistin. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, was mich an ihrem Verhalten gestört hat. Bis ich drauf gekommen bin: sie ist das in der Rangfolge zweithöchste Mitglied in einer Garde, die als recht ruppig und rauh beschrieben wird. Helena verhält sich mal so, aber dann sehr oft wieder nicht. Manchmal denkt und verhält sie sich wenig nachvollziehbar und für mein Gefühl zu naiv, um ein derart hohen Rang in dieser beschriebenen Welt zu belegen. Das passte irgendwie nicht zusammen. Ebenfalls gut begonnen hat der Wechsel zwischen den Zeiten. Mit kleinen Rückblenden am Anfang eines Kapitels wird auf die Geschichte Europas zurückgeblickt und wie die Kirche und die Männer an Macht und Einfluss verloren haben. Diese Rückblenden enden allerdings Ende des 17. Jahrhunderts und es treten an diese Stelle Gesetzestexte, die seither gelten. Allerdings sind die Gesetze zum Teil zu stark überzogen und wirken etwas unpassend. ### Fazit ### Das Buch hat einen zwiespältigen Eindruck bei mir hinterlassen. Es hat gut und stimmig begonnen und ich als Leser habe sehr gut in die Geschichte finden können. Dass sie sich liest, als würde sie im 17. und nicht im 21. Jahrhundert spielen, habe ich schnell vergessen. Die ersten zwei Drittel des Buchs sind wirklich gut geschrieben. Aber dann lässt die Geschichte nach. Wendungen bleiben aus, einige Unstimmigkeiten im Verhalten der Protagonisten und der Weltbeschreibung dämmen das Lesevergnügen dann doch stark ein. Und haben bei mir ein Gefühl hinterlassen, dass die Geschichte irgendwie unrund ist. Bei der Bewertung habe ich geschwankt zwischen einer Empfehlung für Genrefans (drei Sterne) und einer für unterhaltsame Lesestunden (vier Sterne). Es liegt irgendwo dazwischen. Es ist das Ende, das mich wieder etwas versöhnlich mit der Geschichte werden lässt und das Quäntchen auf der Waage ist. Ein Ende, das erklärt, was wirklich die Triebfeder der Rebellen ist und wo die eigentlichen Ängste der Obrigkeit liegen. Schlussendlich spreche ich eine Leseempfehlung aus.

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