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Der Klavierstimmer

Roman. Ausgezeichnet mit dem Marie Luise Kaschnitz-Preis 2006

Geschenkausgabe im kleinen Format, bedrucktes Ganzleinen mit Lesebändchen.

Ein berühmter italienischer Tenor wird während der Aufführung von Puccinis "Tosca" auf offener Bühne erschossen. Die Kinder des Täters, die Zwillinge Patrice und Patricia, reisen nach Berlin, um zu verstehen, wie es zu dieser Tat kommen konnte. Schicht für Schicht legen sie die Beweggründe frei, die ihren Vater, einen legendären Klavierstimmer und glücklosen Opernkomponisten, zur Waffe greifen ließen. Jahre zuvor waren sie vor ihrer inzestuösen Liebe in verschiedene Hemisphären geflohen. Ihr Wiedersehen und die zunächst unbegreifliche Tat des Vaters führen dazu, daß sie ihre Sprachlosigkeit beenden und aufschreiben, wie sie ihre einstige Intimität erlebt haben. Ein befreiender Prozeß des Erinnerns beginnt.

Ausstattung: mit Lesebändchen

Portrait
Mercier, Pascal
Pascal Mercier, geboren 1944 in Bern, heißt im richtigen Leben Peter Bieri und ist Professor für Philosophie an der Freien Universität Berlin.
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  • Patrice

    ERSTES HEFT
    Jetzt, da alles vorbei ist, wollen wir aufschreiben, wie wir es erlebt haben. Wir werden den Erinnerungen allein gegenübertreten, ohne Verführung durch die Gegenwart des anderen. Die Berichte sollen wahrhaftig sein, ganz gleich, wie groß der Schmerz sein mag beim Lesen. Das haben wir uns versprochen. Nur so, hast du gesagt, vermöchten wir den Kerker unserer Liebe zu zerschlagen, die mit der gemeinsamen Geburt begann und bis zum heutigen Tage gedauert hat. Nur so könnten wir frei werden voneinander.
    Du hast es gesagt, als wir in der Küche standen und die letzten Schlucke Kaffee aus den Zwillingsbechern tranken, die Maman am Abend meiner Ankunft aus dem hintersten Winkel des Buffets hervorgekramt hatte. Ihre Hände zitterten, und es wäre unmöglich gewesen, sie in ihrem verlorenen Lächeln, hinter dem sie einen Sprung in die unversehrte Vergangenheit versuchte, zu enttäuschen. So haben wir einen unsicheren Blick getauscht und die beiden blaßgelben Becher in die Hand genommen, du den heilen, ich denjenigen mit dem Sprung; wie früher. Wenn wir uns, weil wir keinen Schlaf fanden, nachts in der Küche trafen, hielten wir die
    Becher wie damals, und es schien mir, als würden sich unsere Bewegungen mit jedem Mal wieder ähnlicher. Nur angestoßen haben wir mit unserem Kaffee nicht wie früher, obwohl wir beide vom anderen wußten, daß er daran dachte. (In diesen Tagen waren wir füreinander wie aus Glas: hart und zerbrechlich zugleich, und in den Gedanken vollkommen durchsichtig.)
    Zweimal hast du heute morgen den leeren Becher an die Lippen geführt, bevor du ihn ausspültest. Als du nach einem Augenblick des Zögerns zum Küchentuch griffst, um ihn zu trocknen, hatte ich die Hoffnung, du würdest ihn in die Reisetasche stecken, die fertig gepackt im Entrée stand. Als einen Gegenstand, der uns über alle Abschiede hinaus verbände. Statt dessen tatest du den trockenen Becher in die Geschirrablage, als müßte er noch weitertrocknen. Es geschah langsam und mit großer Behutsamkeit. Dann gingst du voran. In dem Blick, mit dem du mich streiftest, lag erschöpfte Tapferkeit und der dunkle Schimmer der Resignation, denn wie immer fiel dir die grausame Rolle derjenigen zu, die den Abschied vollziehen mußte. Ich war froh, daß dies noch nicht der letzte Blick war. Gleichzeitig zitterte ich vor dem Moment, wo wir nachher unter der Haustür stehen würden, um den letzten Blick zu tauschen.
    Deine Stiefel waren laut auf den Fliesen. Mit einer schnellen Bewegung schlüpftest du in den Mantel und holtest die Handschuhe aus der Tasche. Während du sie anzogst, standest du mit gesenktem Kopf vor mir. Nie wieder würde ich diese Hände auf mir spüren. Ich dachte an die weißen Handschuhe aus Spitze und öffnete die Tür, um das Bild zu verscheuchen. Dann begegneten sich unsere Blicke. Mit leise zitternden Lippen versuchtest du ein Lächeln, das deinen und meinen Schmerz, wenn nicht zu leugnen, so doch zu verharmlosen suchte: Machen wir es uns nicht schwerer, als es ist! Einen entsetzlichen Augenblick lang dachte ich, du würdest mir die Hand geben, etwas, was wir - außer wenn wir andere spielerisch nachahmten, so daß die Geste wie ein Zitat war - niemals getan haben. Schon hattest du dich gebückt, um die Reisetasche aufzunehmen, da richtetest du dich wieder auf, und nun verlor sich dein Blick in Tränen. Ich habe keine Ahnung, ob auch ich mich bewegte, ich weiß nur, daß du auf mich zutratest wie sonst nie in diesen Tagen und den Kopf an meine Schulter legtest. "Wir werden alles aufschreiben, nicht wahr?" hast du geflüstert. Ich nickte in dein Haar hinein, das anders roch als früher. Dann umarmtest du mich mit der wunderbaren, entsetzlichen Rückhaltlosigkeit eines letzten Males. In der Zeit gab es einen Sprung, du standest am Gartentor und hobst die Hand, es war die gleiche Bewegung wie bei zahllosen Gelegenheiten in ferner Vergangenheit. Auch ich hob die Hand, glaube ich. Und dann sah ich dich, wie damals, mit einer Reisetasche die Straße entlanggehen, zur Seite geneigt als Gegengewicht. Es war eine andere Tasche als damals, und jetzt, im November, konnte mein Blick dir länger durch die kahlen Bäume folgen als an jenem Sommermorgen unseres ersten Abschieds, als mir die Zeit verlorenging.
    Nie werde ich vergessen, wie ich damals, vor sechs Jahren, von deiner Gegenwart auf dem Bettrand erwachte. Nicht die Bewegung des Hinsetzens war es, die mich weckte. Deine Nähe war es, dein Blick und der feine, kaum merkliche Geruch aus Seife und Parfum. Einen winzigen Moment lang glaubte ich, du wolltest zu mir kommen, und setzte an, die Arme nach dir auszustrecken. Doch dann sah ich im fahlen Licht der Morgendämmerung deine Reisekleidung. Nie zuvor bin ich so tief erschrocken wie damals, und jedes andere Erschrecken, das mir seither zugestoßen ist, war verglichen damit ein Nichts. Ich hoffe, nie wieder eine so große, so schmerzhafte Wachheit ertragen zu müssen wie in jenem Augenblick, als mir deine Absicht klar wurde. Du saßest sehr aufrecht, die Hände im Schoß. Es lag eine entsetzliche Bestimmtheit in dieser Haltung, und dein Blick besaß eine Entschlossenheit, die keinen Widerspruch duldete. "Adieu", sagtest du nur. Halb aufgerichtet wollte ich gerade fragen, wohin, da hast du nur stumm den Kopf geschüttelt. (Manchmal verfolgt mich dieses Kopfschütteln im Traum auch heute noch.) Wie nach einem
    Faustschlag sank ich ins Kissen zurück. Deine Entschlossenheit, so schien mir, geriet für einen Augenblick ins Wanken, als du meine Tränen sahst, und du schlossest die Augen, um in deinen Willen zurückzufinden. Immer noch mit geschlossenen Augen beugtest du dich plötzlich zu mir herunter und küßtest mich auf die Stirn. Dann warst du mit einer einzigen schnellen Bewegung bei der Tür, die du, ohne dich noch einmal umzudrehen, hinter dir zumachtest.
    Ich hörte deine leisen Schritte auf der Treppe und im Entrée, und einmal das Schleifen von etwas, das deine Reisetasche sein mußte. Erst jetzt sprang ich auf und trat auf die Galerie. Du hattest den Schlüssel außen ins Schloß gesteckt, ich sah, wie sich die Tür lautlos schloß, und hörte, wie der Schnapper leise ins Schloß glitt. Ich stürzte ans Fenster.

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Beschreibung

Produktdetails

Einband Taschenbuch
Seitenzahl 729
Erscheinungsdatum 21.09.2009
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-442-74041-3
Verlag btb
Maße (L/B/H) 15,2/9,5/4 cm
Gewicht 326 g
Buch (Taschenbuch)
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Buchhändler-Empfehlungen

Die Berichte eines Zwillingspaares

Maria Faustmann, Thalia-Buchhandlung Hoyerswerda

Dieses Buch handelt von einer zerbrochenen Familie. Die Mutter, eine geheimnisvolle Frau mit hohem Lebensstandard. Der Vater, einer der besten Klavierstimmer und verzweifelter Komponist vieler Opern, die immer abgelehnt und nie aufgeführt werden. Und schließlich die Kinder Patricia und Patrice, ein ehemals untrennbares Zwillingspaar, das nach etwas sie Unterscheidendem sucht. Die Geschichte setzt bereits mit der Tragödie ein: der geliebte Vater wird als Mörder des berühmten Opernsängers Antonio di Malfitano ins Gefängnis gebracht. Aufgrund dessen beschließen die Zwillinge, jeder für sich, alles Erlebte niederzuschreiben um die Absichten des Vaters zu rekonstruieren, aber auch um „voneinander frei zu werden“. Mit den Berichten klären sich Stück für Stück die Hintergründe der Zwillingsbeziehung, der Familienmitglieder und des seltsamen Mordes auf… Der Schreibstil ist typisch für den Pseudonymautor Pascal Mercier. In kleinen Geschichten beschreibt er stückweise seine Charaktere, deren Kenntnis wichtig für das Vorantreiben der Handlung ist. Mit der Sprache und Handlung des Romans erzeugt er eine nachdenkliche Stimmung, die auf den Leser übergeht. Dieses Buch ist für anspruchsvolle Leser sehr zu empfehlen.

Kundenbewertungen

Durchschnitt
5 Bewertungen
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Ein starkes Buch!
von einer Kundin/einem Kunden aus Wien am 04.09.2008
Bewertet: Einband: Taschenbuch

Pascal Mercier hat wirklich eine starke Erzählstimme. Eine unglaubliche Geschichte, spannender Aufbau, toll beschriebene Charaktere -nur leider bin auch ich der Meinung- der Schluss hätte offener sein können!

Langsam erzählt und dennoch fesselnd...
von einer Kundin/einem Kunden aus Essen am 07.05.2008
Bewertet: Taschenbuch

ist diese Geschichte, die uns Pascal Mercier hier erzählt. Da ich "Nachtzug nach Lissabon" noch nicht gelesen habe, kann ich hierzu keine Vergleiche anstellen. Erzählt wird eine tragische Familiengeschichte aus Sicht der Familienmitglieder. Zunächst schildern die beiden Zwillingsgeschwister, die zueinander eine ganz besonder... ist diese Geschichte, die uns Pascal Mercier hier erzählt. Da ich "Nachtzug nach Lissabon" noch nicht gelesen habe, kann ich hierzu keine Vergleiche anstellen. Erzählt wird eine tragische Familiengeschichte aus Sicht der Familienmitglieder. Zunächst schildern die beiden Zwillingsgeschwister, die zueinander eine ganz besondere fast inzestöse Beziehung entwickelt haben, die Geschichte der Familie und versuchen dabei, ihre eigene Vergangenheit nachzuspüren. Dabei wollen sie insbesondere herausfinden, warum ihr Vater einen berühmten Opernsänger während der Aufführung der Oper Tosca erschossen hat. Das Hauptthema hierbei ist die Erfolglosigkeit des Vaters als Opernkomponist. Insofern enthält der Roman kriminalistische Züge. Sprachlich ist der Roman auf sehr hohem Niveau, jeder Satz ist wohlüberlegt. Die Geschichte wird leise erzählt ohne Krawall, dennoch spürt man eine stetige Spannung und das Buch hat kaum unnötige Längen. Lediglich der Schluss wirkt auf mich etwas unrealistisch und daher gibt es von mir nur 4 statt 5 Sterne. Ein echtes offenes Ende hätte mir hier besser gefallen und hätte besser zur Geschichte gepasst.

genussvolles, ruhiges Leseerlebnis
von Urte aus Olching am 16.02.2007
Bewertet: Einband: Taschenbuch

Diese Buch ist ein reines Nachspüren einer Familiengeschichte, in der man sich als Leser selbst reflektiert. 4 Familienmitglieder erzählen wechselweise ihr Leben. Anfangs aus Sicht der Zwillingskinder, dann die der Mutter, dann die des Vaters. Ein bewehrtes Stilmittel eine Person durch eine andere zu beschreiben, um ihr Leben, i... Diese Buch ist ein reines Nachspüren einer Familiengeschichte, in der man sich als Leser selbst reflektiert. 4 Familienmitglieder erzählen wechselweise ihr Leben. Anfangs aus Sicht der Zwillingskinder, dann die der Mutter, dann die des Vaters. Ein bewehrtes Stilmittel eine Person durch eine andere zu beschreiben, um ihr Leben, ihre Gestalt, ihren Charakter zu formen. Das alles klingt jetzt vielleicht noch nicht spannend, wäre es nicht Pascal Mercier, der hier der Autor ist. Nicht alle großen Schriftsteller sind schon tot. Ein Beobachter der Extraklasse. Auf über 500 Seiten seziert der Autor Blicke, Gesten, zwischenmenschliche Beziehungen. Und das vor dem Hintergrund, der sich durch das Buch zieht: Warum hat der Vater diesen berühmten Tenor erschossen! Ein ruhiges und genussvolles Leseerlebnis.