Warenkorb
 
Start: alle Kategorien zeigen

Joachim Gauck

Autoren-Portrait
Der Autor im Portrait
… weiterlesen
Toleranz: einfach schwer
Buch (gebundene Ausgabe)
22,00  
inkl. gesetzl. MwSt.
Details zum Artikel In den Warenkorb
Inhalt
Die Lebensentwürfe, Wertvorstellungen, religiösen und kulturellen Hintergründe der Menschen werden immer vielfältiger. Manche erleben dies als Bereicherung, nicht wenige aber als Last. Was muss die Gesellschaft, was muss der Einzelne tolerie…
Die Lebensentwürfe, Wertvorstellungen, religiösen und kulturellen Hintergründe der Menschen werden immer vielfältiger. Manche erleben dies als Bereicherung, nicht wenige aber als Last. Was muss die Gesellschaft, was muss der Einzelne tolerieren und wo liegen die Grenzen der Toleranz? Wie viel Andersartigkeit muss man erdulden und wie viel Kritik aushalten? In seinem neuen Buch streitet Joachim Gauck für eine kämpferische Toleranz. „Ich war und bin bis heute der Meinung, dass es kein Laisser-faire geben darf gegenüber jenen, die Pluralität und Toleranz mit Füßen treten. Toleranz, die Nachsicht und Duldsamkeit preist gegenüber den Verächtern der Toleranz, hilft den Tätern und nicht den Opfern. Intoleranz gegenüber einer Intoleranz, die Menschen unterdrückt und verachtet, ist eine Haltung von Demokraten im Namen der Menschenwürde.“ Aus der entschiedenen Überzeugung heraus, dass die Gesellschaft eine deutlichere und bewusstere Debatte über Toleranz benötigt, spürt er den Fragen nach: Was macht Toleranz aus und was macht sie notwendig? Und warum ist Intoleranz heute so populär und attraktiv?

Die großen Themen der Zeit – wie das Erstarken populistischer Parteien, die Debatten in der Migrationspolitik, die Zunahme des Islam in europäischen Gesellschaften, die drohende Klimakatastrophe und die zunehmende Digitalisierung der Welt – bieten viel Angriffsfläche für das Maß dessen, was ein Einzelner bereit ist zu akzeptieren und zu ertragen. Daraus erwachsen Formen des Extremismus und der Intoleranz, die der ehemalige Bundespräsident als die großen Herausforderungen unserer Zeit bezeichnet, denn zum bereits vorhandenen Links- und Rechtsextremismus gesellt sich der islamische Fundamentalismus. Intoleranz jedoch nur denjenigen vorzuwerfen, die extreme Haltungen vertreten, ist kurzsichtig. Die „Intoleranz der Guten“ kann ebenso die Gemeinschaft schwächen. Diese politische Korrektheit im Sinne einer politischen und ethischen Orientierung trägt zwar zu gegenseitigem Respekt und Verständigung bei, dennoch müssen kontroverse Diskussionen möglich sein. Dies zeigt sich besonders in Migrationsfragen. Die derzeit größte Zerreißprobe für die individuelle und gesellschaftliche Toleranz ist die hohe Zahl von Menschen, die Schutz in Deutschland und Europa suchen. Kritisch hinterfragt Joachim Gauck, wo die Grenzen der Toleranz erreicht werden.

Der große Demokrat schließt mit einem starken Plädoyer für die Erhaltung und Wahrung von Toleranz als Tugend und als Gebot der politischen Vernunft, die gut ist für jeden Einzelnen und unerlässlich für die Gesellschaft. „Es ist nicht die schlichte Vertrautheit mit dem Eigenen, was uns sicher macht, das Richtige zu verteidigen. Sondern die Gewissheit, dass der Verteidigung wert ist, was allen Menschen zukommt: Würde, Unversehrtheit, Freiheit und Recht. Es wird sich immer und immer wieder lohnen, dafür zu streiten mit Verantwortungsbewusstsein, mit Mut und – mit kämpferischer Toleranz.“

Der ehemalige Bundespräsident im Interview


Sehr geehrter Herr Gauck, in Ihrem neuen Buch plädieren Sie für ein „kämpferische Toleranz“. Was ist damit gemeint?

 Toleranz gebietet, dass ich aushalte und dulde, was ich falsch finde und ablehne. Aber Toleranz ist nicht beschränkt auf passives Erdulden, sie schließt auch den kämpferischen Wettstreit um die richtige oder richtigere Meinung ein. Außerdem muss es in einer demokratischen Gesellschaft Grenzen der Nachsicht und Duldsamkeit geben. Wenn Toleranz und Pluralität bedroht sind, ist gegenüber Intoleranten auch Intoleranz geboten – als eine Haltung von Demokraten im Namen der Grund- und Menschenrechte.

 

Gibt es in Ihrer eigenen Biografie Zeiten, in denen Ihnen Toleranz unzumutbar erschien?

 Natürlich, wie bei jedem Menschen immer wieder! Vor 1990 zum Beispiel gegenüber einem repressiven Staat, gegenüber dem ich in keiner Weise tolerant sein wollte. Da befand ich mich politisch und moralisch allerdings auf der Seite der „Guten“. Aber nach 1990 merkte ich, dass ich auch mit vielem Neuem und Fremden im freien Westen meine Schwierigkeiten hatte. Aus der eher abstrakten Idee Toleranz wurde nun eine nicht immer bequeme Anforderung im Alltag. Das hat mich herausgefordert. Wie weit sollte meine Toleranz reichen? Wo aber war Intoleranz angezeigt, damit Intolerante nicht einfach von Gleichgültigkeit oder falscher Nachsicht profitieren?

Dieser Konflikt tauchte besonders auf, nachdem ich mit der Funktion des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen betraut worden war. Mir vorzustellen, dass ähnlich wie in den 1950er Jahren in der Bundesrepublik ehemalige Nazis nun Richter, Staatsanwälte oder auch Militärs aus der DDR-Diktatur unterschiedslos und ungeprüft von der neuen Demokratie übernommen wurden, erschien mir nicht nur politisch unklug, es widersprach auch zutiefst meinem Gerechtigkeitsempfinden. Das wäre falsche Toleranz gewesen.

 

Die vielen Aufrufe zur Toleranz klingen oft sehr angestrengt und anstrengend. Muss Toleranz immer so sein?

 Ich denke, Toleranz ist ohne eine gewisse Anstrengung nicht zu haben. Das liegt ganz einfach an der spannungsgeladenen Ausgangssituation: Ich soll aushalten, was mich doch immer auch abstößt. Aber Toleranz „lohnt“ sich auch – und zwar individuell wie politisch. Sie ist ein Gebot der Vernunft und belohnt uns, wo wir sie praktizieren, mit einem gesellschaftlichen Zusammenleben, das weniger aggressiv, weniger provokativ, weniger polarisierend ist. Hinzu kommt: Die Überwindung, die in jedem toleranten Akt steckt, wirft als weitere Belohnung ein Freiheitserlebnis ab. Jeder tolerante Akt führt uns vor Augen: Der Mensch hat eine Wahl – ich habe eine Wahl. Toleranz ist, so gesehen, nicht nur Zumutung und Beschränkung, sondern auch Selbstermächtigung und Befreiung!

 

Ist Toleranz in der multikulturellen Gesellschaft nicht notwendige Voraussetzung von allem?

 Ja – denn Vielfalt kann ohne Toleranz nicht existieren. Und eine Gesellschaft, die ethnisch, religiös, kulturell vielfältiger wird, stellt auch höhere Anforderungen an unsere Toleranz.

 Wenn Multikulturalismus nun meint, dass sich Menschen trotz unterschiedlicher Prägungen und auch unterschiedlich langer Anmarschwege zu einem gleichberechtigten Zusammenleben zusammentun in der Verteidigung und dem Ausbau eines demokratischen, liberalen Gemeinwesens, dann bejahe ich Multikulturalismus. Einwanderer haben unser Land reicher, stärker, vielfaltiger gemacht.

Wenn Multikulturalismus aber eine politische Theorie und Praxis meint, die es verbietet, Kulturen, Glaubensrichtungen und Lebensformen kritisch zu hinterfragen, dann lehne ich das Konzept ab. Ich halte es für falsch, Nachsicht gegenüber Kulturen zu üben, die Vorbehalte gegenüber der Aufklärung und den Menschenrechten haben und frauenfeindlich, homophob, antisemitisch, antidemokratisch oder intolerant sind. Eine offene und liberale Gesellschaft strebt universelle Menschen- und Bürgerrechte an – für alle, aus welcher Tradition sie auch immer kommen mögen.