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Interview mit Alexandra Cedrino
„Berlin liegt mir einfach im Blut“

Ihre illustre Familiengeschichte hat Alexandra Cedrino zu ihrem bemerkenswerten Debütroman inspiriert – so sehr, dass es für eine Trilogie reicht.

Sie haben die Atmosphäre der unruhigen Jahre in Berlin um 1930, das Partyleben der Boheme, die Kunstszene und das Erstarken der Nazis in der Stadt wunderbar nachempfunden. Wie haben Sie das geschafft?

Ich habe viel gelesen – angefangen bei den Büchern von Erich Kästner über aktuelle sowie zeitgenössische Romane bis hin zu Sach- und Tagebüchern. Da ich ein visuell veranlagter Mensch bin, sehe ich mir gerne zeitgenössische oder zeithistorische Filme an. Und ich habe natürlich zugehört, wenn in der Familie von Berlin erzählt wurde. Konkret recherchiert habe ich erst nach dem Tod meines Vaters 2011, als meine Schwester und ich Briefe unseres Großvaters Wolfgang Gurlitt geerbt hatten. Die Recherchen meines Vaters habe ich dann zur Ausgangsbasis für meine eigenen Nachforschungen gemacht, bin in Archive gegangen und habe Kontakte zu Kunsthistorikern genutzt.

Als Enkelin der ungewöhnlichen Gurlitt-Familie weist Ihr Stammbaum viele kunstinteressierte Vorfahren auf: Maler, Musiker, Kunsthistoriker und Sammler, Galeristen, Museumsdirektoren ebenso wie Tänzerinnen und Kunsthändler. Hat Sie das inspiriert?

Bei meinen Recherchen habe ich so vieles erfahren und gelernt, das musste irgendwann zu Papier gebracht werden. Natürlich orientiert sich mein Roman hauptsächlich an der eigenen Familiengeschichte. Wie könnte es anders sein! Aber er stellt keine historische Abhandlung oder eine Eins-zu-eins-Abbildung dar. Ich greife konkrete Ereignisse, Orte und Handlungen auf, führe sie aber anders aus oder interpretiere sie. Das ist die schöne Freiheit, die sich Romanautorinnen und -autoren nehmen können.

Haben Sie sich immer schon oder erst im Zusammenhang mit Ihrem Buchprojekt für die Familiengeschichte interessiert?

Die Neugier war schon immer groß. Ich habe sehr früh angefangen, mich, angeregt durch die Lektüre von Kästners „Pünktchen und Anton“, für diese Epoche zu interessieren. Meine Mutter hat mir erzählt, wie sehr ihr Vater sie und ihre Schwester verwöhnt hatte – allerdings auch, wie viel Angst sie im Krieg ausstehen mussten. Das war natürlich interessant!

Konnten Sie auf Tagebücher oder andere Aufzeichnungen aus dem Familienarchiv zurückgreifen? Haben Sie Unbekanntes entdeckt?

Es gibt dort einige sehr bewegende persönliche Briefe, die mir meinen Großvater menschlich sehr nahegebracht haben. Auf einmal wurde aus einer (zeit-)historischen Person ein Mensch aus Fleisch und Blut. Und auch zeitgeschichtlich haben mir diese Briefe ungeheuer geholfen, da sie trockenes Faktenwissen in menschliche Stimmen verwandelt haben.

Wie geht die Geschichte von Alice und John weiter? Bleiben Sie in der Nazizeit?

Es wird auf jeden Fall dunkler. Ganz klar! Alice kehrt 1938 vorübergehend – entgegen Johns Warnungen – aus London nach Berlin zurück und wird dort unmittelbar mit den radikalen Veränderungen durch das NS-Regime konfrontiert, die natürlich nicht vor der eigenen Familie, den Freunden und der Galerie haltmachen. Nach Kriegsende kommt sie mit den Alliierten zurück und steht vor den Fragen, wie weit sich ihre Familie auf das herrschende Unrechtssystem eingelassen hat, wie es sie möglicherweise verändert hat und was sie getan – oder auch nicht getan – hat.

Wie viel von der Atmosphäre der frühen 1930er-Jahre findet sich noch oder wieder in Berlin, wenn man danach sucht?

Es ist dabei schon nötig, sehr genau hinzusehen, aber wer weiß, wo und wie man suchen muss, kann noch erstaunlich viel finden. Für mich ist das sehr reizvoll: Ich ziehe einen Schleier nach dem anderen zur Seite, um so das Darunter zu entdecken.

Sie leben heute in Berlin. Hat Ihnen das beim Verfassen des Romans geholfen?

In München hätte ich das Buch nicht schreiben können. Oder zumindest anders. Berlin liegt mir wahrscheinlich einfach im Blut. Hier fühle ich mich zu Hause.

Die Autorin im Portrait

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Das neue Buch von Alexandra Cedrino

Die Galerie am Potsdamer Platz

Der erste Teil der Trilogie

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