RS

Rolf Peter Sieferle

Der 2016 verstorbene Rolf Peter Sieferle war ein Gelehrter und Denker von ganz unzeitgemäßer Statur, ein Universalhistoriker ohne "Spezialisierung", aber mit breitem Blick und speziellen Kenntnissen dort, wo sie nötig sind, um Vergangenheit, Gegenwart und die kommende Transformation unserer Epoche zu verstehen. 1949 geboren, studierte er Geschichte, Politikwissenschaft und Soziologie in Heidelberg und Konstanz. 1977 erfolgte seine Promotion, 1984 die Habilitation. Ab 1991 lehrte Sieferle in Mannheim Neuere Geschichte. Seit 2005 war er ordentlicher Professor für Allgemeine Geschichte an der Universität St. Gallen. Sein Fachgebiet war die Naturgeschichte der menschlichen Gesellschaften, deren Eigenarten und Funktionsweisen Sieferle aus der jeweiligen Energiewirtschaft ableitete. Zu seinen Hauptwerken zZu seinen Hauptwerken zählt neben "Epochenwechsel" (1994) auch der vorliegende universalhistorische
"Rückblick auf die Natur" (1997). Sein 1982 erschienenes Werk "Der unterirdische Wald" gilt bis heute als Standardwerk zur Durchsetzung des Energieträgers Steinkohle. Die Sieferle-Werkausgabe des Landtverlags eröffnet dem Leser die Möglichkeit, einen Schriftsteller zu entdecken, der einmal zu den großen Persönlichkeiten der Wissenschafts- und Literaturgeschichte gezählt werden wird.

Die Krise der menschlichen Natur / Bevölkerungswachstum und Naturhaushalt von Rolf Peter Sieferle

Zuletzt erschienen

Die Krise der menschlichen Natur / Bevölkerungswachstum und Naturhaushalt
  • Die Krise der menschlichen Natur / Bevölkerungswachstum und Naturhaushalt
  • Buch (gebundene Ausgabe)

Einem größeren Kreis ist Rolf Peter Sieferle heute als politischer Autor bekannt. Dabei darf aber nicht übersehen werden, daß er ein umfangreiches wissenschaftliches Werk hinterlassen hat. Zu den wichtigsten Arbeiten aus seiner Feder gehören die hier in einem Band zusammengestellten Bücher "Bevölkerungswachstum und Naturhaushalt" sowie "Die Krise der menschlichen Natur".
Das die beiden Titel verbindende Thema ist jene große Transformation, die seit dem 18. Jahrhundert zur Ablösung des älteren – von der christlichen Religion wie dem Erbe der Antike – bestimmten Weltbildes durch ein neues führte. Nach Sieferles Meinung spielte dabei die Aufklärung nur eine Nebenrolle, da sie im Grunde weiter eine stabile, entweder in sich ruhende oder immer wieder ausgleichende Natur vorstellte. Erst am Beginn des 19. Jahrhunderts wuchsen Zweifel an diesem Modell. Der „Malthusianismus“ mit seiner Angst vor den Folgen einer Überbevölkerung war insofern symptomatisch. Allerdings konnte sich sein pessimistisches Deutungsmuster nicht gegen die optimistischen des Liberalismus wie des Sozialismus durchsetzen. Beide kehrten zu einem harmonischen Naturbild zurück, verknüpften es aber wirkungsvoll mit der Erwartung unbegrenzten wirtschaftlichen Wachstums und fortschreitender Weltverbesserung.
Für eine gewisse Zeit glaubten die Anhänger der beiden Ideologien sogar, daß die Evolutionstheorie Charles Darwins sie bestätige. Erst nach und nach begriffen sie, daß die Vorstellung vom Struggle for Life andere und härtere Lehre bereithielt. Der, wie Sieferle ihn nannte: „eigentliche Sozialdarwinismus“ bot dagegen ein revolutionäres Modell der Daseinsdeutung, die auch in die mörderische „Biopolitik“ des NS-Regimes mündete. Die aus der Abwehr dieser Konsequenz resultierende „Naturblindheit“ moderner Weltanschauungen hielt Sieferle allerdings für einen Fehler, den es zu korrigieren gelte.

Alles von Rolf Peter Sieferle