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Profilbild von Sabine van Ahlen Sabine van Ahlen Buchhandlung: Thalia Münster - Münster-Arkaden
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Meine letzte Rezension Mrs Palfrey im Claremont von Elizabeth Taylor
Mrs. Palfrey ist eindeutig eine Dame, gut gekleidet, würdevoll und dezent. Gleiches lässt sich von der dem Whiskey und anderen Alkoholika allzu sehr zugetanen Mrs. Burton auch mit viel Wohlwollen nicht behaupten. Die Arthrose-gebeugte Mrs. Arbuthnot hört, sieht und durchschaut alles und neigt in besonders schmerzgeplagten Augenblicken zu - leider stets treffsicheren - Boshaftigkeiten. Ihr Lieblingsopfer ist die verhuschte, reizend unbedarfte Mrs. Post, die, über einer Handarbeit plaudernd, nur ganz aus Versehen einmal etwas Kluges sagt. Und dann ist da noch Mr. Osmond, ein nach persönlichem Dafürhalten Mann von Vernunft, Bildung und Geschmack, der seinen Zeigefinger in zahllosen Leserbriefen unaufgefordert aber unermüdlich hebt, und die enervierend unvernünftige Gesellschaft der ihn umgebenden Damen nur mäßig schätzt. Freilich, Mrs Palfrey in ihrer zurückhaltenden Vornehmheit verdiente vielleicht eine nähere Betrachtung... Dem Manager des Claremont Hotels sind sie allesamt ein Dorn im Auge: der ärgerliche Anblick alter Leute, die hier ihren letzten Wohnsitz aufgeschlagen und sowohl in finanzieller wie körperlicher Hinsicht eindeutig schon bessere Zeiten erlebt haben, die allabendlich den Speise-, den Fernsehraum und – gütiger Himmel - auch die Bar okkupieren und mit ihren Ansprüchen und Marotten obendrein die Nerven der Angestellten strapazieren, sind nicht gerade dazu angetan, dem Ruf seines eher durchschnittlichen Hotels aufzuhelfen. Kurz: er wäre nur zu froh, sie allesamt still und leise los zu werden, und zwar bevor sie in seiner Lobby vor den Augen solventer Touristen der allfällige Schlag trifft - oder gar Schlimmeres. „Mrs Palfrey im Claremont“ ist ein Roman über die letzte Phase des Lebens, über den mehr oder weniger gelungenen aber durchaus tapferen Versuch, sie möglichst würdevoll und selbstbestimmt zu durchschreiten. Jeder der betagten Gäste bringt ein gelebtes, nun beinahe vergangenes Leben mit in diese bizarre Hotelgesellschaft, ein Leben, von dem nicht viel mehr geblieben ist, als Erinnerung, Verlust und Schmerzen und von dem für die allzu kurze Zukunft außer dem drohenden Pflegeheim kaum noch etwas zu erwarten ist. Und da ist der Makel, von Familie und Freunden vergessen, lange schon ungeliebt und vollkommen unsichtbar zu sein. Die damit einhergehende erniedrigende Bedürftigkeit gilt es unter allen Umständen zu verbergen, schon der eigenen Selbstachtung zuliebe, denn der Konkurrenzdruck und die Angst vor Entlarvung in dieser zusammengewürfelten Gemeinschaft ist groß. Mrs. Palfrey verfällt diesbezüglich spontan auf einen eigenwilligen „Enkeltrick“, der in eine traurige Verwechslungskomödie mündet – und die Ironie der Geschichte ins Doppelbödige steigert, denn der auserkorene Ersatzenkel ist nicht nur ein wirklich reizender junger Mann, sondern auch angehender Schriftsteller, dem durch die Bekanntschaft mit Mrs Palfrey im wahrsten Sinne des Wortes ein Thema vor die Füße gefallen ist... Elizabeth Taylor, die man tunlichst nicht mit der Filmdiva gleichen Namens verwechseln sollte, erging es in einer Hinsicht wie den Protagonisten ihres wundervollen Romans – sie geriet in Vergessenheit und erreichte, zumindest zu Lebzeiten, nie die literarische Anerkennung, die ihr zweifelsohne gebührte. Dabei erweist sie sich - nicht nur in diesem Roman - als glänzende und präzise Beobachterin, als überaus feinsinnig und voll (gänzlich unsentimentalen) Mitgefühls. Sie ist eine Meisterin punktgenau gesetzter Sprache und zielsicherer, durchaus schonungsloser Ironie, der hier aber immer auch die Melancholie seufzender Rückschau und trauriger Erkenntnis innewohnt. „Mrs. Palfrey im Claremont“ stand 1971 auf der Shortlist des Booker Preises und ist längst in die von der englischen Zeitung The Guardian erstellten Liste der 100 besten englischen Romane aufgenommen worden. Dem Schweizer Dörlemann Verlag ist es zu verdanken, daß wir die Romane Elizabeth Taylors in der überaus gelungenen Übersetzung von Bettina Abarbanell und in schön gestalteten, Leinen - gebundenen Ausgaben endlich wieder lesen und genießen dürfen.
ab 25,00 €
Mrs Palfrey im Claremont
5/5
5/5

Mrs Palfrey im Claremont

Mrs. Palfrey ist eindeutig eine Dame, gut gekleidet, würdevoll und dezent. Gleiches lässt sich von der dem Whiskey und anderen Alkoholika allzu sehr zugetanen Mrs. Burton auch mit viel Wohlwollen nicht behaupten. Die Arthrose-gebeugte Mrs. Arbuthnot hört, sieht und durchschaut alles und neigt in besonders schmerzgeplagten Augenblicken zu - leider stets treffsicheren - Boshaftigkeiten. Ihr Lieblingsopfer ist die verhuschte, reizend unbedarfte Mrs. Post, die, über einer Handarbeit plaudernd, nur ganz aus Versehen einmal etwas Kluges sagt. Und dann ist da noch Mr. Osmond, ein nach persönlichem Dafürhalten Mann von Vernunft, Bildung und Geschmack, der seinen Zeigefinger in zahllosen Leserbriefen unaufgefordert aber unermüdlich hebt, und die enervierend unvernünftige Gesellschaft der ihn umgebenden Damen nur mäßig schätzt. Freilich, Mrs Palfrey in ihrer zurückhaltenden Vornehmheit verdiente vielleicht eine nähere Betrachtung... Dem Manager des Claremont Hotels sind sie allesamt ein Dorn im Auge: der ärgerliche Anblick alter Leute, die hier ihren letzten Wohnsitz aufgeschlagen und sowohl in finanzieller wie körperlicher Hinsicht eindeutig schon bessere Zeiten erlebt haben, die allabendlich den Speise-, den Fernsehraum und – gütiger Himmel - auch die Bar okkupieren und mit ihren Ansprüchen und Marotten obendrein die Nerven der Angestellten strapazieren, sind nicht gerade dazu angetan, dem Ruf seines eher durchschnittlichen Hotels aufzuhelfen. Kurz: er wäre nur zu froh, sie allesamt still und leise los zu werden, und zwar bevor sie in seiner Lobby vor den Augen solventer Touristen der allfällige Schlag trifft - oder gar Schlimmeres. „Mrs Palfrey im Claremont“ ist ein Roman über die letzte Phase des Lebens, über den mehr oder weniger gelungenen aber durchaus tapferen Versuch, sie möglichst würdevoll und selbstbestimmt zu durchschreiten. Jeder der betagten Gäste bringt ein gelebtes, nun beinahe vergangenes Leben mit in diese bizarre Hotelgesellschaft, ein Leben, von dem nicht viel mehr geblieben ist, als Erinnerung, Verlust und Schmerzen und von dem für die allzu kurze Zukunft außer dem drohenden Pflegeheim kaum noch etwas zu erwarten ist. Und da ist der Makel, von Familie und Freunden vergessen, lange schon ungeliebt und vollkommen unsichtbar zu sein. Die damit einhergehende erniedrigende Bedürftigkeit gilt es unter allen Umständen zu verbergen, schon der eigenen Selbstachtung zuliebe, denn der Konkurrenzdruck und die Angst vor Entlarvung in dieser zusammengewürfelten Gemeinschaft ist groß. Mrs. Palfrey verfällt diesbezüglich spontan auf einen eigenwilligen „Enkeltrick“, der in eine traurige Verwechslungskomödie mündet – und die Ironie der Geschichte ins Doppelbödige steigert, denn der auserkorene Ersatzenkel ist nicht nur ein wirklich reizender junger Mann, sondern auch angehender Schriftsteller, dem durch die Bekanntschaft mit Mrs Palfrey im wahrsten Sinne des Wortes ein Thema vor die Füße gefallen ist... Elizabeth Taylor, die man tunlichst nicht mit der Filmdiva gleichen Namens verwechseln sollte, erging es in einer Hinsicht wie den Protagonisten ihres wundervollen Romans – sie geriet in Vergessenheit und erreichte, zumindest zu Lebzeiten, nie die literarische Anerkennung, die ihr zweifelsohne gebührte. Dabei erweist sie sich - nicht nur in diesem Roman - als glänzende und präzise Beobachterin, als überaus feinsinnig und voll (gänzlich unsentimentalen) Mitgefühls. Sie ist eine Meisterin punktgenau gesetzter Sprache und zielsicherer, durchaus schonungsloser Ironie, der hier aber immer auch die Melancholie seufzender Rückschau und trauriger Erkenntnis innewohnt. „Mrs. Palfrey im Claremont“ stand 1971 auf der Shortlist des Booker Preises und ist längst in die von der englischen Zeitung The Guardian erstellten Liste der 100 besten englischen Romane aufgenommen worden. Dem Schweizer Dörlemann Verlag ist es zu verdanken, daß wir die Romane Elizabeth Taylors in der überaus gelungenen Übersetzung von Bettina Abarbanell und in schön gestalteten, Leinen - gebundenen Ausgaben endlich wieder lesen und genießen dürfen.

Sabine van Ahlen
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