Meine letzte RezensionDie Sonne, so strahlend und Schwarzvon Chantal-Fleur Sandjon
Mit ihrem Versroman verbindet Chantal-Fleur Sandjon geschickt und entdramatisiert die Erfahrungen des Erwachsenwerdens mit Perspektiven auf Alltagsrassismus, Queerness und der Lebensrealität Schwarzer Jugendlicher in Deutschland.
Mit dem Einzug in eine neue Wohnung markiert der Handlungseinstieg auch den Startpunkt für Novas neuen Lebensabschnitt. Sie hofft auf einen Neuanfang, trotz des emotionalen Ballastes, den sie mit sich herumträgt und dessen Ausmaß den Lesenden erst im Verlauf der Handlung stückweise sichtbar gemacht wird. Neben ihren Ängsten, Unsicherheiten und Problemen zeichnet der Roman das positive Bild einer Jugendlichen, die sich durchkämpft, trotz Rückschlägen weiter macht und sich das erste mal richtig verliebt. Und zwar in die selbstbewusste Akoua, die Novas Welt zum strahlen bringt. Es ist Liebe auf den ersten Blick und während die beiden Mädchen sich gegenseitig besser kennenlernen, lernt Nova auch sich selbst, ihre Werte und ihre Identität besser kennen. In ihrer Beziehung findet sie Sicherheit und Glück, entstehende Konflikte werden auf Augenhöhe besprochen und gelöst. Sandjon spricht direkt und indirekt gewichtige, oft nicht leicht verdauliche Themen wie häusliche Gewalt, Alltagsrassismus, Alkoholismus, Mobbing, Kindesverlust und Suizid mit einer jugendlichen Leichtigkeit an, ohne sie ihrer Ernsthaftigkeit zu berauben. Die Lesenden begleiten Nova durch all diese in ihrem Leben
mal mehr und mal weniger präsenten Themen und ihre damit verbundenen Gefühle. Mit vergleichsweise wenigen Worten gelingt es der Autorin, starke Emotionen bei den Leser:innen hervorzurufen und die Eindringlichkeit der Handlung darzustellen. Dazu lässt sie häufig die besondere typographische Gestaltung des Textes oder die überdeutlich hervorgehobenen Lücken zwischen den Versen wirken. Somit können die Lesenden insbesondere bei den retrospektiven, oft nur angedeuteten Szenen der erfahrenen häuslichen Gewalt im wörtlichen Sinne zwischen den Zeilen lesen. Auch Novas positive Gefühle werden durch den besonderen Satz hervorgehoben. Beispielsweise, wenn die
Beschreibung ihrer Verliebtheit, die Nova für Akoua empfindet, in Herzform auf der
Buchseite steht. Durch die aus verschiedenen sozialen Gruppierungen stammenden Haupt- und Nebenfiguren schafft der Roman die Repräsentation einer bunten Gesellschaft, wobei der Fokus auf der Darstellung von Figuren marginalisierter Gruppen liegt. Dabei ist die Identität der Protagonistin nicht flach, sondern erfrischend komplex. Denn Nova lässt sich nicht als rein queere Figur oder Schwarze Figur, als reines Gewaltopfer inszenierte Figur, ehemalige Sportlerin oder einfache verliebte Jugendliche lesen – Sie vereint all diese ‚Vielheiten‘ in sich. Damit ist sie eine starke Schwarze weibliche Repräsentationsfigur, deren Geschichte Kindern in der Phase der Identitätsfindung eine Möglichkeit bietet, sich selbst darin wiederzufinden, oder auch die eigenen Perspektiven zu reflektieren und zu erweitern.
Als Own Voice-Autorin ist Sandjon ein einzigartiger, in seiner Form und Sprache sowie in seinem Inhalt aus der Masse herausstechender Roman gelungen, der mit heteronormativen Perspektiven bricht und darüber hinaus einfach schön zu lesen ist.