Li Kunwu erzählt die Geschichte seines Kindermädchens Chunxiu und erinnert an die fragwürdige chinesische Tradition der gebundenen Füße. Nach EIN LEBEN IN CHINA eine weitere grossartige Graphic Novel aus China.
„Bis heute habe ich das Bild unseres Kindermädchens Chunxiu vor Augen, wie sie uns von früher erzählte, und davon, wie man ihr einst nach alter Tradition die Füße gebunden hatte. Heute bin ich fast im selben Alter wie Chunxiu damals und spüre immer stärker, wie sie mir fehlt und wie dankbar ich ihr bin.“
Li Kunwu
Schuhgröße 17 – eine Fußlänge von 10 cm – galt in China als ideale Länge sogenannter Lotusfüße. Für dieses fragwürdige Schönheitsideal wurden chinesischen Mädchen im Alter von fünf bis acht Jahren die Zehen gebrochen und unter die Fußsohle gebogen. Dass sie somit quasi bewegungsunfähig wurden und ein Leben lang unter Schmerzen litten, wurde dabei billigend in Kauf genommen.
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»Auch andere Freundinnen von mir haben so ihr Leben verpfuscht. Ist man arm, kann man sich die Füsse nicht binden lassen. Hat man aber keine gebundenen Füsse, bleibt man arm.«
Chunxiu ist noch ein kleines Mädchen, als ihre Mutter es gut mit ihr meint. Sie soll es einmal besser haben, sie soll die Möglichkeit haben, einen wohlhabenden Ehemann zu bekommen. Ein gutes und sicheres Leben soll sie haben und niemals sich bei schwerer Feldarbeit abmühen müssen! Es wird eine Menge Geld kosten und Chunxiu wird viele Tränen weinen müssen, aber dafür mit einem wundervollen Leben belohnt werden...
Ende der 1950er Jahre bekommt der damals 4jährige Autor dieses Buchs ein neues Kindermädchen. Chunxiu heißt sie, ist eine alte Frau und schwere Arbeit gewöhnt, obwohl sie nur mit Mühen und langsam laufen kann. Mit viel Liebe kümmert sie sich um den Kleinen und seine Schwester - und sie erzählt den Kindern die Geschichte ihres Lebens. Der Autor, der bekannt und ausgezeichnet wurde für seine in drei Bänden erschienene autobiografische Graphic Novel "Ein Leben in China" möchte mit diesem Buch an Chunxiu und ihr Schicksal erinnern.
Gebundene Füße galten in China fast 1000 Jahre lang als Schönheitsideal. Kleine Füße sollten dem Mädchen eine gute Zukunft und ein Leben im Wohlstand sichern. Quer durch alle Schichten ließen Mütter ihren Töchtern die Füße binden, so wie sie es selbst durch ihre Mütter erfahren hatten. Nur die ärmsten Bauern konnten sich nicht anschließen, da die Mädchen dort ihre Füße bei der Feldarbeit brauchten. Nach dem Binden konnte das Mädchen/die Frau nie mehr weite Strecken gehen und litt lebenslang unter Schmerzen. Das Haus wurde nur noch selten verlassen, wer reich war, ließ sich in einer Sänfte tragen. Das Schönheitsideal wurde so gleichzeitig zum Zeichen des Wohlstands, denn ganz offenbar hatte die Frau es ja nicht nötig, arbeiten zu gehen! Und praktischerweise musste man sich auch um die Moral eines Mädchens oder einer Frau keine Sorgen mehr machen, die kaum in der Lage war, das Haus zu verlassen. Die im "Idealfall" nur zehn Zentimeter langen Füße (ungefähr Schuhgröße 17) galten als ungemein erotisch, es hieß, dass Männer bei der Wahl einer Frau als erstes darauf achteten, ob ihre Füße klein waren. Auch im Buch schwärmen Männer von der unglaublichen Anziehungskraft der "kleinen Lotusse" und ihrem angeblichen Wohlgeruch. Mir persönlich erschließt sich nicht, was an völlig verkrüppelten Füßen, die sich immer wieder entzündeten, erotisch sein soll. Und was den Wohlgeruch angeht: Die Bandagen wurden parfümiert, um faulige Gerüche zu überdecken. Der Vollständigkeit halber: Zu den Folgen der gebrochenen und eingeschnürten Klumpfüße gehörten eingewachsene und entzündete Fußnägel, eitrig infizierte Knochensplitter, verfaulte Haut und abgestorbene Zehen.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lehnten immer mehr gesellschaftliche Bewegungen das Füßebinden ab, ab 1911 verbot die Republik China die Praxis, die sich mit abnehmender Tendenz trotzdem noch lange hielt und erst 1949 unter Mao Zedung endgültig verboten wurde. Plötzlich galten die zuvor bewunderten Frauen als Huren, wurden geächtet und manchmal gezwungen, ihre Füße wieder aufbrechen zu lassen.
Heute leben immer noch ältere Frauen mit gebundenen Füßen in China. Die letzte Fabrik, die Spezialschuhe für abgebundene Füße herstellte, schloss 1988.
Der Leser dieser Graphic Novel erlebt in eindringlichen Bildern die wesentlichen Stationen von Chunxius Leben mit. Er sieht zu Beginn ein kleines, lebenslustiges Mädchen, das ausgelassen mit anderen Kindern herumtollt. Chunxiu ist flink und liebt ihr Leben. Als die Kinder ihre Schuhe ausziehen, um im Wasser zu planschen, sieht man ihre (normal großen) Schuhe und ihre Fußabdrücke im Sand. Dann kommt der Tag, der ihr Leben komplett verändern wird. Die Bilder sind drastisch, die Kleine schreit und weint und fleht ums Aufhören. Wie in einem Kameraschwenk verlassen die Bilder das Mädchen, man blickt über die Dächer der Stadt und sieht, wie sich ihre Schreie sicher weithin hörbar fortsetzen. Puh. Aber die nächsten Bilder haben mich fast noch mehr mitgenommen. In denen sitzt nämlich dieses einst so muntere Mädchen unbeweglich und leidend auf einem Schemel und starrt auf seine Füße...
Die sich wandelnde politische und gesellschaftliche Situation sorgte dann in der Folge dafür, dass der Plan des sorgenfreien Lebens für Chunxiu nicht aufging. Im Gegenteil.
Ich finde es höchst beeindruckend, wie Li Kunwu mit dieser Geschichte an das Schicksal seines Kindermädchens erinnert und damit gleichzeitig das Leiden unzähliger Mädchen und Frauen uns, die wir weitab leben, drastisch vor Augen führt. Die Dialoge wirken authentisch, die durchgehend schwarzweißen Zeichnungen sind von großer Intensität und vermitteln einen guten Einblick in die chinesische Kultur, in diese für uns so fremde Welt. Gleichzeitig zeigt die Novel den politischen und gesellschaftlichen Wandel im China des 20. Jahrhunderts.
Fazit: Ein Buch, das nachwirkt. Das man nicht so schnell vergisst.
»Meine Grossmutter hat meine Mutter die Kunst des Bindens gelehrt, meine Mutter wiederum mich. Ist das Mädchen zu jung, schadet es dem Fuss. Ist es schon älter, sind die Knochen bereits zu hart. Sechs oder sieben Jahre ist das ideale Alter, wenn die Haut noch elastisch ist und die Gelenke noch weich sind. ... Ich erinnere mich, wie sich meine Mutter zu helfen wusste: Sie hat kurzerhand einen Hahn getötet und liess sein Blut über meine Füsse laufen, die sich sofort entspannten. Dann hat sie sie auf ihre Knie gelegt, vier Zehen gepackt und gegen die Sohle gebogen. Ein schneller Schlag - und noch bevor ich begriffen hatte, wie mir geschah, waren meine Zehen auch schon zu einer Kugel geschnürt. Meine Mutter drückte auf den grossen Zeh und fixierte den Fuss mit einer Bandage, die sie über den Rist zur Ferse spannte. Das Ganze hat sie mehrmals wiederholt. Meine Mutter ging sehr zielstrebig vor, sie schlug links und rechts auf den Fuss und schon waren die fünf Zehen sauber eingebunden und verschnürt. Jetzt gab es kein Zurück mehr, selbst wenn ich es gewollt hätte.«
Chunxiu ist noch ein kleines…
Igelmanu aus Mülheim am 23.10.2015
Bewertungsnummer: 2700552
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Chunxiu ist noch ein kleines Mädchen, als ihre Mutter es gut mit ihr meint. Sie soll es einmal besser haben, sie soll die Möglichkeit haben, einen wohlhabenden Ehemann zu bekommen. Ein gutes und sicheres Leben soll sie haben und niemals sich bei schwerer Feldarbeit abmühen müssen! Es wird eine Menge Geld kosten und Chunxiu wird viele Tränen weinen müssen, aber dafür mit einem wundervollen Leben belohnt werden... Ende der 1950er Jahre bekommt der damals 4jährige Autor dieses Buchs ein neues Kindermädchen. Chunxiu heißt sie, ist eine alte Frau und schwere Arbeit gewöhnt, obwohl sie nur mit Mühen und langsam laufen kann. Mit viel Liebe kümmert sie sich um den Kleinen und seine Schwester - und sie erzählt den Kindern die Geschichte ihres Lebens. Der Autor, der bekannt und ausgezeichnet wurde für seine in drei Bänden erschienene autobiografische Graphic Novel "Ein Leben in China" möchte mit diesem Buch an Chunxiu und ihr Schicksal erinnern. Gebundene Füße galten in China fast 1000 Jahre lang als Schönheitsideal. Kleine Füße sollten dem Mädchen eine gute Zukunft und ein Leben im Wohlstand sichern. Quer durch alle Schichten ließen Mütter ihren Töchtern die Füße binden, so wie sie es selbst durch ihre Mütter erfahren hatten. Nur die ärmsten Bauern konnten sich nicht anschließen, da die Mädchen dort ihre Füße bei der Feldarbeit brauchten. Nach dem Binden konnte das Mädchen/die Frau nie mehr weite Strecken gehen und litt lebenslang unter Schmerzen. Das Haus wurde nur noch selten verlassen, wer reich war, ließ sich in einer Sänfte tragen. Das Schönheitsideal wurde so gleichzeitig zum Zeichen des Wohlstands, denn ganz offenbar hatte die Frau es ja nicht nötig, arbeiten zu gehen! Und praktischerweise musste man sich auch um die Moral eines Mädchens oder einer Frau keine Sorgen mehr machen, die kaum in der Lage war, das Haus zu verlassen. Die im "Idealfall" nur zehn Zentimeter langen Füße (ungefähr Schuhgröße 17) galten als ungemein erotisch, es hieß, dass Männer bei der Wahl einer Frau als erstes darauf achteten, ob ihre Füße klein waren. Auch im Buch schwärmen Männer von der unglaublichen Anziehungskraft der "kleinen Lotusse" und ihrem angeblichen Wohlgeruch. Mir persönlich erschließt sich nicht, was an völlig verkrüppelten Füßen, die sich immer wieder entzündeten, erotisch sein soll. Und was den Wohlgeruch angeht: Die Bandagen wurden parfümiert, um faulige Gerüche zu überdecken. Der Vollständigkeit halber: Zu den Folgen der gebrochenen und eingeschnürten Klumpfüße gehörten eingewachsene und entzündete Fußnägel, eitrig infizierte Knochensplitter, verfaulte Haut und abgestorbene Zehen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lehnten immer mehr gesellschaftliche Bewegungen das Füßebinden ab, ab 1911 verbot die Republik China die Praxis, die sich mit abnehmender Tendenz trotzdem noch lange hielt und erst 1949 unter Mao Zedung endgültig verboten wurde. Plötzlich galten die zuvor bewunderten Frauen als Huren, wurden geächtet und manchmal gezwungen, ihre Füße wieder aufbrechen zu lassen. Heute leben immer noch ältere Frauen mit gebundenen Füßen in China. Die letzte Fabrik, die Spezialschuhe für abgebundene Füße herstellte, schloss 1988. Der Leser dieser Graphic Novel erlebt in eindringlichen Bildern die wesentlichen Stationen von Chunxius Leben mit. Ich finde es höchst beeindruckend, wie Li Kunwu mit dieser Geschichte an das Schicksal seines Kindermädchens erinnert und damit gleichzeitig das Leiden unzähliger Mädchen und Frauen uns, die wir weitab leben, drastisch vor Augen führt. Die Dialoge wirken authentisch, die durchgehend schwarzweißen Zeichnungen sind von großer Intensität und vermitteln einen guten Einblick in die chinesische Kultur, in diese für uns so fremde Welt. Gleichzeitig zeigt die Novel den politischen und gesellschaftlichen Wandel im China des 20. Jahrhunderts.
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