„Annie Bot“ von Sierra Greer erzählt die Geschichte einer Androidin, die darauf programmiert ist, die ideale Partnerin für ihren Besitzer zu sein. Besonders aufschlussreich ist dabei die Perspektive, aus der Annie ihre Umwelt und insbesondere zwischenmenschliche Beziehungen wahrnimmt. Soziale Regeln und Erwartungen erschließen sich ihr nicht selbstverständlich, sondern werden von ihr bewusst beobachtet, analysiert und schrittweise erlernt. Ihr Verhalten richtet sie dabei immer wieder an den Erwartungen ihres Gegenübers aus und passt es entsprechend an.
Gerade für neurodivergente Leser*innen kann diese Perspektive überraschend vertraut wirken. Das genaue Analysieren von Gesprächen, die Unsicherheit im Umgang mit sozialen Erwartungen und das bewusste Anpassen des eigenen Verhaltens erinnern an Erfahrungen, die viele kennen. Gleichzeitig wird deutlich, wie anstrengend es sein kann, ständig das Gefühl zu haben, einer bestimmten Rolle entsprechen zu müssen.
Der Roman zeigt außerdem, wie problematisch es werden kann, wenn Anpassung zur Voraussetzung dafür wird, akzeptiert zu werden. Annie lernt nach und nach, ihre eigenen Bedürfnisse zurückzustellen und die Erwartungen anderer zu erfüllen. „Annie Bot“ ist deshalb nicht nur eine Auseinandersetzung mit künstlicher Intelligenz und Beziehungen, sondern auch eine spannende Reflexion darüber, wie wir mit Andersartigkeit umgehen und welchen Preis es haben kann, ständig zu versuchen, in eine vorgegebene soziale Rolle zu passen.