Meine letzte RezensionIch, die ich Männer nicht kanntevon Jacqueline Harpman
Wie würde die Menschheit aussehen, wenn sie so gut wie ausgestorben wäre? Wenn von ihr nichts mehr übrig bliebe als 40 Frauen, die in einer nicht endenden Landschaft von Bergen und Tälern nach den letzten Anzeichen einer Zivilisation suchen? Was macht uns als Gesellschaft aus, und was ist der Sinn unseres Daseins? Ist das Leben als solches sinnvoll, oder wird ihm erst durch eine Aufgabe bzw. ein Ziel Sinn verliehen?
Das sind nur einige von vielen Fragen, die ich mir gestellt habe, nachdem ich „Ich, die ich Männer nicht kannte“ zu Ende gelesen hatte. Der Roman lässt einen mit einem merkwürdigen Gefühl der Stille und Einsamkeit zurück. Einer Stille, die sich in einer Leere mit vielen unbeantworteten Fragen ausdrückt. Wenngleich genau dies der Grund ist, weshalb man das Buch kaum aus der Hand legen kann: Auf der Suche nach Antworten auf all die offenen Fragen treibt es einen dazu, immer weiterzulesen, und lässt einen dennoch mit einem unbefriedigten Gefühl zurück. Denn die Geschichte lebt davon, sich in ihren vagen Zügen zu behaupten und Raum für mögliche Interpretationsansätze zu lassen. So kann sie für den einen feministische Züge haben, für den anderen die Grundlagen gesellschaftlicher Strukturen erläutern usw.
In jedem Fall ist es ein Buch, das nachklingt und einen somit noch eine Weile mit den eigenen Gedanken begleitet. Das ist für mich ein Aspekt, der große Literatur ausmacht.
Wir betrachten die Geschichte aus der Sicht der jüngsten Protagonistin der 40 Frauen. Schon seit geraumer Zeit sind diese in einem Keller eingesperrt und werden rund um die Uhr von Wärtern bewacht. Der Grund dafür ist ihnen unbekannt – sie leben in stiller Übereinkunft zusammen, zehren von der Erinnerung an ein früheres, besseres Leben und versuchen, das jetzige so sinnvoll wie möglich zu gestalten. Doch plötzlich ändert sich ihre Lage, und sie können ihr Gefängnis verlassen. Mit diesem neuen Gefühl von Freiheit und Hoffnung begeben sie sich auf Erkundung, nur um mit der Zeit festzustellen, dass diese Welt da draußen vielleicht gar nicht die ihre ist …