Blaubart

Eine Erzählung

Max Frisch

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Beschreibung


»Freispruch mangels Beweis. Wie lebt einer damit? Ich bin vierundfünfzig«, heißt es zu Beginn der Erzählung. Dr. med. Felix Schaad stand in Verdacht, mit seiner Krawatte seine ehemalige Frau Rosalinde Zogg erdrosselt zu haben. Für den Staatsanwalt steht das Motiv fest: Eifersucht. Der Staatsanwalt will Schaad für zehn Jahre ins Zuchthaus schicken, doch das Gericht erkennt auf Freispruch. »Was meinen Blaubart betrifft: Schaad weiß nicht, was er unter Schuld versteht, und er ist nicht der einzige, der das heute nicht weiß, glaube ich. Schaad hat ein latentes Schuldgefühl. Vor Gericht wird ihm ein Delikt unterstellt, das er nicht begangen hat. Er weiß, daß er nicht der Täter gewesen ist, aber er kann nicht sagen: Ich bin unschuldig. ... Für mich geht es in diesem etwas schauerlichen Buch zentral um die Frage von Schuld - Unschuld in einem Fall, wo die Schuld nicht belegbar ist durch die Tat. ... Ich habe den Kriminalfall so durchschnittlich wie möglich gewählt, damit er nicht das Interesse abzieht, denn nicht dieser Kriminalfall hat mich interessiert, sondern die Technik der Wahrheitsfindung, das Gericht als Beispiel...« (Aus einem Gespräch zwischen Max Frisch und Günter Kunert)

Max Frisch wurde am 15. Mai 1911 in Zürich geboren und starb am 4. April 1991 an den Folgen eines Krebsleidens in seiner Wohnung in Zürich. 1930 begann er sein Germanistik-Studium an der Universität Zürich, das er jedoch 1933 nach dem Tod seines Vaters (1932) aus finanziellen Gründen abbrechen musste. Er arbeitete als Korrespondent für die Neue Zürcher Zeitung.
Seine erste Buchveröffentlichung Jürg Reinhart. Eine sommerliche Schicksalsfahrt erschien 1934 in der Deutschen Verlags-Anstalt Stuttgart. 1950 erschien Das Tagebuch 1946-1949 als erstes Werk Frischs im neugegründeten Suhrkamp Verlag. Zahlreiche weitere Publikationen folgten.

Produktdetails

Einband Taschenbuch
Erscheinungsdatum 25.04.1993
Verlag Suhrkamp
Seitenzahl 172
Maße 17,6/10,9/1,1 cm
Gewicht 112 g
Auflage 13. Auflage
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-518-38694-1

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3.5/5.0

2 Bewertungen

5 Sterne

4 Sterne

3 Sterne

2 Sterne

1 Sterne

3/5

Kein Märchen, - ein Prozess!

Zitronenblau am 27.10.2011

Bewertet: Buch (Taschenbuch)

Frischs Spätwerk "Blaubart" erinnert vom Titel her an das berühmte Märchen vom frauenmordenden Ritter Blaubart. Im Märchen selbst wurde er nach einer mir bekannten Fassung von den Brüdern seiner letzten Frau, nachdem sie im von ihm verbotenem Zimmer war und er sie dafür strafen wollte, erschlagen. In Frischs Buch geht alles weniger mittelalterlich zu. Blaubart ist der Pressename des Arztes Felix Schaad, der in Verdacht steht bzw. stand, eine seiner Exfrauen ermordet zu haben. Er wird jedoch wegen der Unbeweisbarkeit vom Gericht freigesprochen. Die Erzählung vollzieht sich nicht episch-erzählerisch. Sie erinnert an den Joyceschen stream of consciousness. Die Stimmen des Staatsanwalts, des Richters und der Zeugen zu ihren Aussagen wiederholen sich im Kopf des Dr. Schaad. Dabei arbeitet Frisch wie in anderen seiner Werke mit der Montagetechnik, d.h. in diesem Falle, dass das Gedankengewebe zwischen der Wiedergabe des Prozesses und der normalen Alltagsgedanken springt. Die Syntax ist wieder sehr stark reduziert. Insgesamt bleiben die Gedanken unreflektiert. Die Gedanken werden dann auch zu Reminiszenzen, nachdem der laufende Prozess endet, jedoch ein innerlicher Prozess in Schaad fortführt, der so einen starken Einfluss auf die Außenwahrnehmung Schaads hat, dass er am Ende ein Geständnis ablegt und dann einen Unfall baut. Das Geständnis wird jedoch nicht abgenommen, da man meinte, der Täter wäre ein gewisser Nikos Grammaticos gewesen. Frisch behandelt hier evident das Motiv der Schuld. Doch mit genauso großer Priorität ist ihm an der Identitätsproblematik gelegen (wie bei Stiller). Denn das Ich wird hier während des Prozesses konstruiert - jedoch zum Zwecke der Schuldbarmachung durch die Staatsanwaltschaft einerseits, durch die Unschuldbarmachung durch die Verteidigung andererseits. Die Qualität Schaads kann nicht en Detail offenbart werden. Weder der Vorgang des Prozesses selbst mit seiner formaliter zweckreduzierten Sprache (Sieg der Sprachstruktur = Nikos Grammaticos) noch seine ohnehin nur auf Urteilsfindung ausgerichtete Verhandlungslogik bieten Raum und Zeit einer Realkonstruktion. Schlimmer noch, die Urteilswut treibt einen innerlichen Prozess in Schaad auch nach Prozess voran, der die ganze Person destabilisiert, bis an den Rand der Wahrnehmung! "Blaubart" ist kein Meilenstein der Literaturgeschichte. Der Bezug zum Märchen ist m.E. ausgesprochen oberflächlich. Das Licht seiner literarischen Billanz fällt auf dieses seiner Werke kaum...

3/5

Kein Märchen, - ein Prozess!

Zitronenblau am 27.10.2011
Bewertet: Buch (Taschenbuch)

Frischs Spätwerk "Blaubart" erinnert vom Titel her an das berühmte Märchen vom frauenmordenden Ritter Blaubart. Im Märchen selbst wurde er nach einer mir bekannten Fassung von den Brüdern seiner letzten Frau, nachdem sie im von ihm verbotenem Zimmer war und er sie dafür strafen wollte, erschlagen. In Frischs Buch geht alles weniger mittelalterlich zu. Blaubart ist der Pressename des Arztes Felix Schaad, der in Verdacht steht bzw. stand, eine seiner Exfrauen ermordet zu haben. Er wird jedoch wegen der Unbeweisbarkeit vom Gericht freigesprochen. Die Erzählung vollzieht sich nicht episch-erzählerisch. Sie erinnert an den Joyceschen stream of consciousness. Die Stimmen des Staatsanwalts, des Richters und der Zeugen zu ihren Aussagen wiederholen sich im Kopf des Dr. Schaad. Dabei arbeitet Frisch wie in anderen seiner Werke mit der Montagetechnik, d.h. in diesem Falle, dass das Gedankengewebe zwischen der Wiedergabe des Prozesses und der normalen Alltagsgedanken springt. Die Syntax ist wieder sehr stark reduziert. Insgesamt bleiben die Gedanken unreflektiert. Die Gedanken werden dann auch zu Reminiszenzen, nachdem der laufende Prozess endet, jedoch ein innerlicher Prozess in Schaad fortführt, der so einen starken Einfluss auf die Außenwahrnehmung Schaads hat, dass er am Ende ein Geständnis ablegt und dann einen Unfall baut. Das Geständnis wird jedoch nicht abgenommen, da man meinte, der Täter wäre ein gewisser Nikos Grammaticos gewesen. Frisch behandelt hier evident das Motiv der Schuld. Doch mit genauso großer Priorität ist ihm an der Identitätsproblematik gelegen (wie bei Stiller). Denn das Ich wird hier während des Prozesses konstruiert - jedoch zum Zwecke der Schuldbarmachung durch die Staatsanwaltschaft einerseits, durch die Unschuldbarmachung durch die Verteidigung andererseits. Die Qualität Schaads kann nicht en Detail offenbart werden. Weder der Vorgang des Prozesses selbst mit seiner formaliter zweckreduzierten Sprache (Sieg der Sprachstruktur = Nikos Grammaticos) noch seine ohnehin nur auf Urteilsfindung ausgerichtete Verhandlungslogik bieten Raum und Zeit einer Realkonstruktion. Schlimmer noch, die Urteilswut treibt einen innerlichen Prozess in Schaad auch nach Prozess voran, der die ganze Person destabilisiert, bis an den Rand der Wahrnehmung! "Blaubart" ist kein Meilenstein der Literaturgeschichte. Der Bezug zum Märchen ist m.E. ausgesprochen oberflächlich. Das Licht seiner literarischen Billanz fällt auf dieses seiner Werke kaum...

4/5

Nichts als die Wahrheit

Polar aus Aachen am 21.06.2008

Bewertet: Buch (Taschenbuch)

Freispruch aus Mangel an Beweisen. Ein Freispruch zweiter Klasse setzt einen zwar wieder auf freien Fuß, aber es gilt von da an, mit dem Verdacht zu leben, dass man es womöglich getan hat. Das Leben eines Verdächtigen ändert sich schlagartig, die Patienten bleiben weg und er verfügt plötzlich über eine Menge Zeit für sich. In seine Tage geworfen tauchen Fragen auf, pochen auf Antworten, melden sich Stimmen von Lebenden wie Toten, von Menschen, die im Prozess ausgesagt haben, oder sich über ihn äußern, weil sie ihn seit Jahren kennen. Wie schuldig ist dieser Arzt? Wie unschuldig? Max Frisch setzt ein Fixierbild zusammen, aus dessen Splitter, Meinungen, Lügen die Wahrheit herausgefiltert werden soll. Und obwohl ein Mord eine sehr konkrete Angelegenheit ist, Mörder sich durch Indizien und DNA überführen lassen, zeichnet Max Frisch vor allem ein Bild des Ungefähren, zu dem jeder, der davon erfährt, sich eine eigene Meinung bilden soll. Wer will da nicht gestehen, angesichts des Materials, das über ihn zusammengetragen wird?

4/5

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