Im Sommer 1964 hat der junge Ich-Erzähler Moritz Schoppe in dem oberfränkischen Städtchen Wunsiedel zehn leidvolle Wochen zugebracht; sein Engagement bei den dort alljährlich stattfindenden Luisenburg-Festspielen geriet zum Fiasko. Seine Bearbeitung des 'Götz von Berlichingen' wurde als 'zu intellektuell' verworfen, er bekam nur winzige Rollen zu spielen, auch für den angehenden Regisseur gab es angesichts schlampiger Inszenierungen so gut wie nichts zu lernen. Er litt an Heimweh. Unter den Schauspielern blieb er ein Fremder, Überflüssiger, von allen verlassen, auch von seiner Freundin, die ihn während seiner Abwesenheit betrog (wie bei Shakespeare Cressida den Troilus). Allein die Lektüre der Romane des in Wunsiedel geborenen Jean Paul, die poetische Kraft seiner Sprache, hielt ihn am Leben.44 Jahre später stellt sich der einstige 'Verfinsterungsort' für Schoppe anders dar. Zwar hat er anfangs Schwierigkeiten, sich zurecht zu finden, doch es gefällt ihm auf Anhieb in der würzigen Luft des Fichtelgebirges, er unternimmt romantische Wanderungen in die fränkische Vergangenheit, forscht nach den Gräbern seiner Wirtsleute, seines alten Intendanten, und steht unerwartet vor dem Grab von Rudolf Heß. Auch den Hauptort frühen Unglücks, die Naturbühne der Luisenburg, sucht er auf, doch das einst so geliebte Theater ist ihm gänzlich fremd geworden, der Theaterrock endgültig zerschlissen. Im Gehen und Beobachten liegt die Chance eines Neuanfangs.
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Metamorphose eines Miesepeters Das Theater in der kleinen, fränkischen Stadt, nach der dieser Roman benannt ist, eine saisonale Sommerbühne im Luisenburg-Felsenlabyrinth, auf der man im Rahmen jährlich stattfindender Festspiele den »Götz von Berlichingen« und ähnlich Volkstümliches spielt, nennt Michael Buselmeier »abstoßend, heruntergekommen, eine subventionierte Abgeschmacktheit«. Starker Tobak also, was der Autor da so schreibt in seinem als Theaterroman deklarierten Werk mit unverkennbar autobiografischem Hintergrund, kaum camoufliert jedenfalls. Bisher nur von Wenigen hauptsächlich als neoromantischer Lyriker wahrgenommen, ist er durch seine Nominierung für den Deutschen Buchpreis 2011 nun auch einem breiteren, zur Prosa hin orientierten Publikum bekannt geworden, zu dem ich mich ausdrücklich auch selber zähle. In diesem Roman wird die Geschichte eines jungen Theatermenschen geschildert. Der Ich-Erzähler Moritz Schoppe, Schauspieler und Regieassistent, scheitert grandios - unpragmatisch wie er ist - bei seinem ersten Engagement, teils an den selbstgesetzten Ansprüchen, aber auch an seiner Unbelehrbarkeit. Als Misanthrop schimpft er nicht nur auf fast alles, was mit Theater zu tun hat, auch an der Stadt Wunsiedel und an seinen Bewohnern lässt er kaum ein gutes Haar. Nur die fränkische Natur und einige wenige Lichtgestalten des Theaters wie Gustav Gründgens lässt der Außenseiter gelten, bewundert außerdem fast grenzenlos Wunsiedels Dichtersohn Jean Paul. Bei einer Aufführung von Goethes »Torquato Tasso« fühlt er inniglich mit Will Quadflieg, «da litt ein Dichter, ein Fremder genauso wie ich, an der Welt und an den Menschen«. Nach 44 Jahren kehrt der Gescheiterte, inzwischen als Schriftsteller (sic!) tätig, an die Stätte seiner Niederlagen zurück. Und findet wieder nur Negatives, die Verödung des Bahnhofs in Wunsiedel, die Trübsal des Kurortes Alexandersbad mit Konzerten im Musikpavillon vor einem größtenteils debilen Publikum. Alles ist ein einziges Scheitern, ein Desaster in diesem Roman, der Frust ist riesengroß. Sogar Ulla, ehemalige Freundin, »notorisch erfolglos, so gut wie nichts gelang ihr«, wie er anmerkt, die Frau also, die ihn damals verlassen hatte, stirbt einsam einen schlimmen Krebstod und wird, obwohl aus begütertem Hause, in einem anonymen Grab beigesetzt. Ich dachte an dieser Stelle, da fehlt jetzt eigentlich nur noch eine schadenfrohe Anmerkung im Sinne von »selber schuld, wäre sie damals mal lieber bei unserem Romanhelden geblieben«! Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier ein ausgewiesener Solipsist vorgeführt werden soll, das literarische Alter Ego des Autors vermutlich, der fast gar nichts gelten lässt neben sich. Benutzt man den Begriff Kritik im kantschen Sinne für Analyse und Prüfung, schlägt die Rundum-Schelte voll auf den Autor zurück. In einer holperigen, unbeholfen wirkenden Sprache, ja im Stile eines Schüleraufsatzes wird die belanglose Geschichte eines unsympathischen Außenseiters erzählt, ohne irgendwelche Höhepunkte, ohne jede sprachliche Finesse, ohne einen Funken von Humor, üppig angereichert nur mit kitschiger Naturromantik. Das alles ist wegen seiner miesepetrigen Stimmung sehr unerfreulich zu lesen, es ist auch nicht wirklich bereichernd, man erfährt kaum Neues in diesem langweiligen Plot. Positiv ist eigentlich nur, dass man nach lediglich 158 Seiten das Buch erleichtert zuklappen kann.
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