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Die Heimat
Über meine Kindheit wäre wenig zu sagen, wenn ich nicht von meiner Heimat sprechen wollte, die durch die Schuld der Deutschen, schließlich den schmählichen Verrat der Novembermänner preisgegeben ist. Die Deutschen haben sich niemals darum gekümmert, wie es bei uns aussah, und es lebt schwerlich jemand, der die Zustände der 50er Jahre schildern könnte; ich kann noch darüber hinaus Charakteristisches nach den Erzählungen meiner Mutter und aus der Tradition mitteilen. Die ersten Eindrücke haften ja am festesten im Gedächtnis, und wo sich etwas sagenhaft verschoben haben sollte, weiß jeder wirkliche Historiker die typische Wahrheit zu schätzen. Mein ältester Bruder Hugo hat sein Leben dem Dienste der Provinz gewidmet, erst als Landrat des Kreises Inowrazlaw, das damals noch den Kreis Strelno mitumfaßte, also größer war als mancher deutsche Staat, zuletzt als Oberpräsident, dazwischen in der Selbstverwaltung. Wir haben uns nahegestanden, so daß ich über die Verhältnisse manches weiß. Er hatte mit Treitschke abgemacht, ihm das Material für den Polenaufstand von 1848 zu liefern. Das ward durch Treitschkes Tod verhindert, und er hat es nicht nachgeholt. Historische Studien irgendwelcher Art habe ich nicht gemacht, und ich kenne eigentlich nur die engste Heimat aus dauerndem Mitleben mit ihm und seinen Kindern, die jetzt auf seinen Gütern sitzen. Sein Schwiegersohn hat die Geschichte von Markowitz aus den Akten mit weitem geschichtlichem Blicke dargestellt, was mir sehr nützlich geworden ist1. Solcher Bücher sollte es viele geben. In meiner Darstellung behandele ich die Provinz noch als preußisch; nur die erst spät willkürlich veränderten Ortsnamen sind mir selbst nicht geläufig geworden. Gerade die deutschen Besitzer haben ihren Gütern die Namen, unter denen sie sie ererbt hatten, nicht rauben lassen. Daß das Vorwerk von Markowitz den gar nicht bezeichnenden Namen Gay, wie viele Waldvorwerke heißen, mit »Möllendorf« schon ganz früh vertauscht hat, kommt dagegen nicht in Betracht.
[12] Es pflegt den Deutschen nicht bewußt zu sein, daß die Kolonisation des Ostens, nicht nur in Thüringen und der Mark, sondern auch im Oder- und Weichsellande auf alten germanischen Boden wieder vorgedrungen ist. Wir werden nicht bezweifeln, daß vor den Germanen Menschen, vermutlich gar nicht indogermanischer, vielleicht finnischer Rasse, hier ge wohnt haben; aber ob die Bodenforschung schon Spuren von ihnen im Netzedistrikt entdeckt hat, weiß ich nicht. Als die Römerzeit vom Weichsellande einigermaßen sichere Kunde erhält, sind nordgermanische Stämme herübergekommen, Goten, Vandalen, Burgunder. Aber auch sie sind vielleicht in die Sümpfe und Wälder meiner engsten Heimat nicht eingedrungen. Die Erforschung der vorgeschichtlichen Siedelungen ist nicht weit getrieben, und der Pflug hat viel zerstört. Rohes, handgeformtes, oft ungebranntes Geschirr wird vielfach gefunden und ist meist verkommen; es war wohl slawisch.
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