Die Brüder Grimm erhalten im Jahr 1838 den Auftrag, ein Wörterbuch der deutschen Sprache zu erstellen. Voller Eifer forschen sie – und verzetteln sich gründlich. Am Ende ihres Lebens haben sie nur wenige Buchstaben bewältigt. Günter Grass erzählt das Leben von Jacob und Wilhelm Grimm als Liebeserklärung an die deutsche Sprache. Er durchstreift die Geschichte und schlägt manche Brücke in seine eigene Zeit.
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Im Jahr 1838 erhielten die Gebrüder Wilhelm und Jakob Grimm von den Leipziger Verlegern Reimer und Hirzel den ehrenvollen Auftrag: ein „Deutsches Wörterbuch“ zu erstellen. Voller Eifer machten sie sich an das Werk, unterstützt von mehr als achtzig Mitarbeitern, die über 600.000 Belege beschafften. Sie arbeiteten nach Buchstaben: Aberwitz, Angesicht … Barfuß, Bettelbrief … Capriolen, Comödie … Doch die Gebrüder unterschätzten den gigantischen Umfang des Vorhabens, denn zu jedem Wort erforschten sie Herkommen und Verwendung. Zu ihren Lebzeiten bewältigten sie nur wenige Buchstaben (A bis F). Nach ihrem Tode wurde die Arbeit von mehreren Forschungsgenerationen fortgesetzt, bis das „Opus Magnum“ 1961 nach über 120 Jahren endlich vollständig war. Günter Grass erzählt in seinem neuen Roman „Grimms Wörter“ die Lebensgeschichte der Brüder, wobei auch die Familie und Verleger, Freunde, Verehrer und Verächter ihre Be-achtung finden. Es ist jedoch keine Biografie, vielmehr verfolgt Grass die Stationen der Geschichte des Wörterbuches von Buchstaben zu Buchstaben. Er schildert die unendliche Arbeit an diesem Projekt. Diese „Liebeserklärung“, wie es im Untertitel heißt, ist der deutschen Sprache gewidmet, die für den Nobelpreisträger ebenfalls ein Leben lang die eigentliche Heimat war. Grass verbleibt in seiner wortgewaltigen Schilderung jedoch nicht in der Mitte des 19. Jahrhunderts, immer wieder reflektiert er Zeitläufte der deutschen Geschichte danach bis in die jüngste Gegenwart. Daneben schlägt der Autor auch so manche Brücke in seine eigene Biografie und in sein eigenes umfangreiches literarisches Schaffen. Neben der lebenslangen Mühsal der Gebrüder Grimms steht als Parallel der Kraftakt des Grass'schen Schreibens. Manfred Orlick
Ambivalentes Spätwerk Es war…
Bories vom Berg aus München am 24.11.2020
Bewertungsnummer: 2735320
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Ambivalentes Spätwerk Es war nicht sein letztes Buch, wie er befürchtet hatte, es folgten noch zwei weitere, mit «Grimms Wörter» hat Günter Grass seinem belletristischen Œuvre noch eine ambivalente «Liebeserklärung» hinzugefügt. Der überbordenden Liebe zum geschriebenen Wort, die hier wortmächtig und sprachverliebt zum Ausdruck kommt, steht erneut eine seiner peinlichen Selbstdarstellungen gegenüber. Eine unverhüllte Eitelkeit, die dem Literatur-Nobelpreisträger und künstlerischem Multitalent wahrlich nicht zur Ehre gereicht. Lange galt er als führender Intellektueller Deutschlands, seine Stimme hatte Gewicht, er hat sich politisch eingemischt wie kein zweiter und oft den Nagel auf den Kopf getroffen. Dieser Roman über die Gebrüder Grimm wäre ohne die selbstverliebten autobiografischen Einschübe ein amüsanter und lehrreicher linguistischer Parforceritt für sprachlich Interessierte. Wäre! Die Geschichte um das Jahrhundertwerk der begnadeten Philologen Jakob und Wilhelm Grimm beginnt mit dem Rauswurf der «Göttinger Sieben» aus der berühmten niedersächsischen Universität, Jakob wurde sogar des Landes verwiesen. Nachdem Berufungen an andere deutsche Universitäten ausgeblieben waren, bietet sich mit dem Auftrag für ein Deutsches Wörterbuch ein Jahr später endlich für beide die Chance, ihrer inzwischen entstandenen finanziellen Misere zu entrinnen. Von Buchstabe zu Buchstabe und Wort zu Wort hangelt sich Günter Grass durch die deutsche Sprache, deren Ursprüngen und linguistischen Varietäten die gelehrten Brüder mit höchstem wissenschaftlichem Anspruch nachspürten. Eine Mammutaufgabe, wie sich schon bald erweist, es vergehen sechzehn Jahre, bis 1854 der erste Band erscheinen kann. Aus der Feder der beiden Grimms stammen dann noch die Bände bis zum Buchstaben F, den Jakob erarbeitet hat, bevor der Tod auch seinem Fleiß ein Ende setzte. Der große Rest wurde von vielen anderen Wissenschaftlern erstellt, der 32te und letzte Band erschien dann erst 1961. Die Taschenbuch-Ausgabe des dtv von 1999 enthält 320.000 Stichwörter auf 34.824 Seiten. Mit erkennbarer Lust breitet Günter Grass linguistische Varianten ausgesuchter Wörter und diverse, von den Grimms als Belege angeführte Zitate aus der Literatur vor dem Leser aus. Er ergänzt sie um heutige, neu hinzu gekommene Worte und weist auf die Dynamik hin, der Sprache permanent unterworfen ist. Seine erkennbare Freude an barocken, altertümelnden Sprachformen findet sich auch in anderen Werken von ihm, «Das Treffen in Teltge» nennt er selbst als Beispiel. Aber er weist auch völlig unnötig auf viele andere seiner Werke hin, obwohl er solch plumpe Eigenwerbung als weitaus erfolgreichster deutscher Schriftsteller gar nicht mehr nötig hatte. Noch peinlicher aber sind die vielen einfließenden Reden, Begegnungen, politischen Aktivitäten und verbalen Scharmützel mit der Springer-Presse, durch die er sich in diesem Buch selbst inszeniert. So sehr man seinen Ansichten zu politischen und sozialen Problemen auch heute noch nur zustimmen kann, so sehr sind sie in diesem Roman fehl am Platze, es fehlt nämlich jedweder Zusammenhang mit dem Grimm-Thema. Und anders als bei den Gebrüdern hat seine Aufmüpfigkeit auch nie gravierende Folgen für ihn gehabt, sie hat ihn im Gegenteil auflagesteigernd nur bekannter gemacht. Größte Stärke des Buches ist sicherlich der virtuose Umgang mit Sprache, hinzu kommt der interessante Einblick in die Entstehungsgeschichte des kolossalen Grimmschen Werkes. Aber auch der historische Kontext mit den vielen prominenten Zeitgenossen jener Epoche, über die da munter fabuliert wird, ist bereichernd. Es gelingt Grass aber nicht, kurzweilig zu plaudern, wie das der von ihm zitierte und bewunderte Theodor Fontane so perfekt konnte, insoweit hat der Roman auch wenig Unterhaltungswert aufzuweisen. Das posthume Herbeizitieren der Grimms zu fiktiven Gesprächen im Berliner Tiergarten, zur gemeinsamen Bootsfahrt gar am Ende, wirkt zudem eher deplatziert als mystisch bereichernd.
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