Rezension
Erlesener Zugang zu theosophischen Klassikern -
Sanskrit wird noch heute in Indien als Literatur- und Gelehrtensprache verwendet. Mit „Die Sprache der Götter. Sanskrit als Schlüssel zu den Mysterienlehren“ öffnet Judith M. Tyberg eine Tür für alle, die für die Mysterien und das Wissen des alten Indien empfänglich sind. Sie macht Mut, in sich zu gehen und die eigene Intuition als Erkenntnisweg zu entdecken. Auf diese Weise wird der in jedem Sanskritwort zum Ausdruck kommende philosophische Gedanke belebt. Dieses Bild einer durch und durch lebendigen Welt ist auch für die heutigen gesellschaftlichen und ökologischen Herausforderungen ausgesprochen wertvoll.
Sanskrit ist der Stolz der Menschen Indiens – eine großartige Sprache, wenngleich auch anspruchsvoll. Die meisten religiösen Schriften des Hinduismus, von den Veden bis zur Bhagavad-Gîtâ, wurden auf Sanskrit verfasst. In den beiden einführenden Abschnitten von „Die Sprache der Götter“ gibt Tyberg nach biographischen Hinweisen einen Überblick über die Geschichte, die Entwicklung und den Charakter des Sanskrit. Wertvoll sind auch die Hinweise auf die Aussprache und Schreibweise in der Devanâgarî-Schrift.
Das Interessante an diesem Buch ist, dass Tyberg ihre Expertise auf dem Gebiet des Sanskrit an kenntnisreiche Einblicke in grundlegende Literatur der Theosophie knüpft. Sanskrit-Terminologie spielt in der Theosophie eine überaus wichtige Rolle. Es ist ein großes Verdienst von Autoren wie Helena P. Blavatsky und Gottfried von Purucker, dass sie mit der Theosophie wichtige Aspekte der altindischen Philosophie – viel mehr als nur die Zwillingslehren von Reinkarnation und Karman – einer eher westlichen Leserschaft nähergebracht haben. In ihrem Vorwort erklärt Tyberg ihren eigenen Zugang zu Theosophie und Sanskrit: „Der Inhalt dieser Seiten ist das Ergebnis mehrjähriger spezieller Studien und Unterweisungen unter Prof. Dr. Gottfried von Purucker [Leiter der Theosophischen Universität Point Loma, Kalifornien] und eigener Erfahrungen damit, diese Sanskrit-Wörter, von denen jedes einzelne ein Symbol für etwas Wahrheit ist, anderen zu lehren und zu erklären.“ Jedes einzelne Wort ist ein lebendes Symbol unendlicher sichtbarer und unsichtbarer Lebenswelten.
Tyberg zieht vier Bücher aus der theosophischen Grundlagenliteratur heran. Nach einer Kurzbiographie des Autors bzw. der Autorin folgt eine kurze Einleitung zum Inhalt des jeweiligen Buches. Die Terminologie wird in thematischen Lektionen erläutert, damit der philosophische Kontext leichter erfasst werden kann, wie z. B. Aspekte zur Kosmologie und Anthropologie, zur Evolution des Menschen oder zum Weg der Buddhas. Die Abschnitte werden jeweils mit einem Index abgeschlossen.
Mit „Das Meer der Theosophie“ von William Q. Judge führt Tyberg in das grundlegende Verständnis von Kosmologie, Evolution des Menschen, Reinkarnation und Karma sowie die Charakteristik der Natur ein anhand von Begriffen wie Mahâ-Manvantara und Parabrahman. Helena P. Blavatskys „Stimme der Stille“ enthält Auszüge (Verse) aus dem „Buch der goldenen Regeln“, das Schülern östlicher Weisheitsschulen in die Hände gelegt wird. Auch hieraus erläutert Tyberg wesentliche Inhalte über das Sanskrit. Ebenso geht sie auf wichtige Begriffe in „Die Geheimlehre“ ein, das epochale Standardwerk für die Verbindung von Wissenschaft, Religion und Philosophie. Mit ihrer Auswahl der Sanskrit-Terminologie aus „Grundlagen der Esoterischen Philosophie“ von Gottfried von Purucker führt Tyberg in die Kosmologie ein, erklärt Begriffe zu Planetenkonstellationen, erläutert sichtbare und unsichtbare Welten (Arûpa- und Rûpa-Welten), ordnet Begriffe wie Pralayas und Manvantaras zu und gibt damit Einblicke in die „Sieben Juwelen der Weisheit“ auf dem Pfad der Unsterblichkeit. Es wird deutlich, weshalb von Puruckers Werk ein unverzichtbarer Kommentar zu „Die Geheimlehre“ ist.
Ein abschließender Gesamtindex ist hervorragend geeignet, sich einen Überblick über Inhalte und die erklärte Sanskrit-Terminologie zu verschaffen.
Dieses Buch ist mehr als „nur“ ein Lehrbuch für eine Sprache. Wenn Tyberg Sanskrit als die „Sprache der Götter“ bezeichnet, gibt sie einen ersten Hinweis auf die äonenlange geistige Evolution des Menschen. Was für den heutigen traditionell westlich denkenden Menschen zunächst befremdlich klingt, ist in den Seelen derer, die mit östlichen Philosophien vertraut sind, tief verwurzelt. Mit dem Einblick in die Geschichte, die Entwicklung und den Charakter des Sanskrit geht die Autorin über die klassische philologische Einordnung der Sprache und die rein chronologische Art der westlichen Geschichtsschreibung hinaus. Sie macht deutlich, dass ohne den Gedanken der zyklischen Wiederkehr aller Lebewesen in der Natur ein Verstehen der Sprache nicht möglich ist.
Alles in allem: Aufgrund der profunden Kenntnisse der Autorin und ihrer inneren Verbundenheit mit der Sanskritsprache eröffnet „Die Sprache der Götter“ interessierten Leserinnen und Lesern einen philosophisch-intuitiven Zugang zu einer Welt spirituell-geistigen Denkens. So erweist sich Sanskrit als „Sesam, öffne dich!“ für eine Gedankenwelt, die heute nichts an Relevanz eingebüßt hat.