Aktuelle Entwicklungen der Natur- und Technikwissenschaften werfen ein überraschend neues Licht auf
klassische Brennpunkte der Naturphilosophie. Ein Anderes der Natur zeigt sich: Natur ist Natur,
insofern sie zur Instabilität fähig ist. Instabilitäten gelten als Quelle des Werdens und Wachsens,
ja als Hintergrund des Lebens.
Angesichts dieser Erkenntnisse eröffnen sich neue Wege
naturphilosophischen Denkens. Vielfach kontrovers diskutierte Themen der Wissenschaften können
zusammengeführt und verständlich gemacht werden: Selbstorganisation, Zeit, Zufall, Kausalität,
Kosmos und Raum, Geist und Gehirn, Technik, Ästhetik, Ethik und Umwelt sowie Wissenschafts- und
Technikfolgen.
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Kurzbewertung: Sowohl für das philosophisch als auch naturwissenschaftlich interessierte Publikum bietet das Buch eine Fülle an Informationen und Anregungen, liefert einen sehr guten Überblick über Begriffe, wissenschaftshistorische Entwicklungen und diesbezügliche philosophische Positionen, und behält permanent die Spannung aufrecht, welche Argumente nun als nächstes folgen werden. Die wenigen auffindbaren Mängel werden durch die umfangreichen Verweise ausgeglichen und die gebotene Zurückhaltung bei sehr heiklen Fragen ist als kluge Vorsicht des Autors anzusehen, wodurch das Buch nicht nur eine überblickshafte Informationsaufbereitung darstellt, sondern zugleich eine Denkschule (Jaspers).
J. C. Schmidt gelingt es in seinem Buch Das Andere der Natur nicht nur einen interessanten Überblick über neuere naturwissenschaftliche Entwicklungen zu geben, sondern auch einen neuen Zugang zur Naturphilosophie zu eröffnen. Er sieht die Naturphilosophie nicht als getrennt von der Naturwissenschaft, insofern diese stets Deutungen mitliefert oder nahelegt, was denn Natur genau sei. Daher setzt der Autor auch bei dieser Frage an und thematisiert nicht was Natur ist, auch wenn dies gelegentlich nötig wird, sondern wie sich das Verständnis über diese verändert hat. Damit wählt der Autor, was gerade für philosophisch Ausgebildete und Interessierte von hoher Bedeutung ist, auch einen wissenschaftshistorischen Zugang zum Thema, wobei dem Autor die Mischung aus Ausführlichkeit und Überblick hervorragend gelingt. Ein solches Buch ist insofern ein wichtiges Novum, als es eine Kritik mit anderen Autoren teilt, wonach gerade philosophisch geschulte zu wenig Kenntnisse über neuere naturwissenschaftliche Entwicklungen besitzen, und vor allem, was dies für philosophische Implikationen mit sich bringt. Und dies ist auch die entscheidende Behauptung des Autors: Im Gegensatz zu früheren Zeiten legt die wissenschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte einen instabilitätsfähigen Naturbegriff nahe. Insgesamt rechtfertige dies zudem die Bezeichnung nachmoderne Wissenschaft, was eigens im Vor- und Nachwort erläutert wird. Dies ist leider eine philosophisch wenig nachvollziehbare Bezeichnung, dennoch wird mit dieser prägnant behauptet, dass der Naturbegriff der modernen Wissenschaften einen Naturbegriff der Stabilitäten nahelegte oder erlaubte zu behaupten, während eine Reihe neuerer Entdeckungen in den Bereichen Kosmologie (inflationäres Universum), Technik (Bionik), ja selbst Mathematik (Wiederkehrsatz) und so schillernde Begriffe wie Emergenz, Selbstorganisation und Fraktale als gemeinsames Fundament Aspekte von Instabilität aufweisen, was der Autor als das Andere bezeichnet, wobei die Phänomenologie für diese Begriffswahl eine Rolle gespielt haben dürfte. Der Autor erklärt nicht nur diese Begriffe und ihre wissenschaftshistorischen Zusammenhänge ohne nur die bekannte Geschichte der Systemwissenschaften zu wiederholen (Chaostheorie, Kybernetik, Synergetik, dissipative Systeme), sondern auch, und daher der Untertitel Neue Wege, die Implikationen für naturphilosophische Themenfelder wie Zeit, Raum, Ästhetik, Ethik und dergleichen zu durchleuchten. Dabei geht der Autor, ein profunder Kenner beider akademischer Tätigkeitsbereiche, so vor, dass er stets zu Beginn einen rudimentären Überblick über die grundsätzlichen Fragen und Positionen gibt, um sodann einen wissenschaftshistorischen Rückblick zu gewähren. Nicht immer wird eine letzte Antwort gegeben, vieles bleibt offen oder vage. Dies ist nicht weiter zu bemängeln, denn, wie Liebig anmerkte, Wissenschaft fängt immer da an, wo sie aufhört, doch was eindeutig fehlt ist einerseits eine zusammenhängende Gesamtschau aus den einzelnen Schlussfolgerungen der Kapitel der Verweis auf Instabilität ist dafür noch zu wenig und auch die genuin philosophische Perspektive ist bei diesem ambitionierten Ansatz zu kurz gekommen, was der Autor aber dadurch ausgleicht, indem er stets eine Fülle an Literaturvorschlägen mit erklärenden Anmerkungen gibt, wo die geneigte Leserschaft zusätzliche Informationen findet. Auch wenn zu Beginn versucht wir zu klären was Naturphilosophie ist, legt sich der Autor nur vage fest und führt einige Möglichkeiten an, jedoch dem Inhalt nach tendiert dieser eindeutig dazu sie als eine Wissenschaftstheorie des impliziten Verständnisses der Naturwissenschaften anzusehen, soll heißen: Naturphilosophie thematisiere die entsprechenden philosophischen Implikationen neuerer Entwicklungen der Naturwissenschaften. Dies ist gewiss sehr untypisch, und auch problematisch insofern, als Wissenschaften selbst sich entwickeln und Theorien neu entstehen und verworfen werden. Doch Naturphilosophie will mehr sein als nur dieses. Jedoch liegt es dem Autor auch nur daran neue Wege zu zeigen, nicht daran, sie sogleich bereits beschritten und im Detail beschrieben zu haben.
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