Überall wird im öffentlichen Diskurs heute auf Befindlichkeiten Rücksicht genommen: Es werden vor Gefahren wie 'expliziter Sprache' gewarnt, Schreibweisen mit Binnen-I empfohlen, dritte Klotüren installiert. Es scheint, als habe der Kampf um die korrekte Bezeichnung und die Rücksicht auf Fragen der Identität alle anderen Kämpfe überlagert.
Robert Pfaller, Autor des Bestsellers 'Wofür es sich zu leben lohnt', fragt sich in 'Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur', wie es gekommen ist, dass wir nicht mehr als Erwachsene angesprochen, sondern von der Politik wie Kinder behandelt werden wollen. Steckt gar ein Ablenkungsmanöver dahinter? Eine politische Strategie? Es geht darum, als mündige Bürger wieder ernst genommen zu werden - doch dann sollten wir uns auch als solche ansprechen lassen.
Kundinnen und Kunden meinen
4.7/5.0
Bewertung
5/5
25.03.2019
Buch (Paperback)
Kompliziert, aber Lesenswert.
Robert Pfaller sagt in seinem Buch eine ganze Menge wahre Dinge zum aktuellen Stand der Sprache in unserer Gesellschaft, allerdings fiel es mir, als sprachwissenschaftlich zwar interessiertem, aber doch ein wenig unbewandertem Leser manchmal schwer, den Argumentationsketten des Autors zu folgen.
"Erwachsenensprache" ist kein Buch für zwischendurch, sondern eins auf das man sich einlassen muss und wenn man das als Leser schafft, dann ist es ein wirklich lesenswertes Buch.
leser1357
5/5
19.02.2018
Buch (Paperback)
Beunruhigende Entwicklungen…
Beunruhigende Entwicklungen unserer Kultur der Postmoderne erscheinen plötzlich in neuem Licht: Es besteht tatsächlich ein Zusammenhang zwischen Entsolidarisierung und Demokratiemüdigkeit, zunehmenden Empfindlichkeiten einzelner Gruppen und der Durchsetzung "korrekter" Sprache, und einem Neoliberalismus, der die Individualität des Menschen in den Vordergrund stellt anstatt auf Gleichheit der Staatsbürger zu pochen. Dafür, dass Robert Pfaller dies bereits in den beiden ersten Kapiteln in bemerkenswerter Klarheit darstellt, gebühren dem Buch 5 Sterne. Gleichheit setzt die Fähigkeit voraus, vom Privaten und Persönlichen abzusehen. Die gegenwärtige Entwicklung dagegen fördert persönliche Empfindlichkeiten und führt zu einer vielfachen Spaltung der Gesellschaft, der damit die Fähigkeit zu Kompromissen, zur Solidarisierung, zur Formulierung gemeinsamer Interessen, und somit die "Erwachsenensprache" verlorengehen. Die 9 Hauptkapitel sind sehr unterschiedlich geschrieben, leider schleichen sich im Mittelteil auch eine Reihe sinnentstellender Druckfehler ein. Pfaller belegt seine Aussagen unter Verweis auf ein umfangreiches Literaturverzeichnis, worin Slavoj Zizek und Sigmund Freud mit je 15 zitierten Werken den Schwerpunkt bilden. Man braucht nicht jeder psychoanalytischen Tiefgründelei des Autors im Detail zu folgen oder jede Attacke auf den Kapitalismus im Sinne von Yanis Varoufakis für bare Münze zu nehmen, um in diesem Buch erhellende Erklärungen zu finden.
Juti
aus HD
4/5
15.05.2018
Buch (Paperback)
Gegen Höflichkeit, Neoliberali…
Gegen Höflichkeit, Neoliberalismus und Rechtspopulismus Was bleibt eigentlich dann noch übrig? Aber von vorne. Der Autor kritisiert die wachsende Ungleichheit, geschaffen durch den Neoliberalismus. Auch die amerikanische Außenpolitik hat in den letzten Jahren keine Frieden gebracht, sondern nur „failed states“. Mit Hilary Clinton als Präsidentin wäre es wohl so weiter gegangen. Anstatt für mehr Gleichheit zu sorgen werden nur Randgruppen wie Homo– und Transsexuelle gleichberechtigt. Besonders missfällt dem Autor, dass anstatt die Lebensbedingung nur die Sprache verändert wird. Man kommt vom Binnen-I zum * um alle Geschlechter zu berücksichtigen, Wörter wie Negerkönig und Flüchtling werden politisch inkorrekt. Gremien zur Gleichberechtigung schaffen nur neue Verwaltungsstellen, für Arbeit in der Forschung fehlen dann diese vorwiegend Frauen. Die Diskussion um die Sprache erschwert auch die inhaltliche Debatte, etwa wie die Missstände des Neoliberalismus beseitigt werden können. Bei den Sozialdemokraten beispielsweise führt dies zu einer europaweiten Krise. Er schreibt von einem Studenten in Amerika, der der Vergewaltigung verdächtigt wurde, freigesprochen, aber dessen bürgerliche Existens dennoch zerstört wurde. Wie schon bei TTIP, so auch gegen Sex, übernehmen nun auch linksliberale Gruppen rechte Ideen. Damit erklärt er, warum die Amerikaner Trump gewählt habe. Dass Trump gewählt wurde, wusste er schon vor der Wahl, was mich heute ein wenig ärgert (er hätte das Buch vor der Wahl veröffentlichen sollen). Nach diesen 2 Kapiteln folgt ein theoretischer Teil, der in den Zeitungskritiken fehlt. Vielleicht haben ihn die Journalisten nicht verstanden. Pfaller bezeichnet Lügen aus Höflichkeit im Sinne Kants als weiße Lügen, weil sie niemanden schaden. Er meint, dass diese zunehmen, während schwarze Wahrheiten niemanden überzeugen. Zur schwarzen Wahrheit gehört auch der schwarze Humor, der ganz der political correctness widerspricht. Am Besten gefällt mir das Beispiel des zu Tode Verurteilten, der am Montag gehängt wird und sagt: „Die Woche fängt ja gut an.“ Gut, Pfaller ist Österreicher. Aber ich glaube, dass das Scheitern der FDP bei der Wahl 2013 an der 5%-Hürde zum großen Teil auf die Satire der Heute-Show zurückzuführen ist. Die Bedeutung des schwarzen Humors, also der Satire nimmt in der politischen Diskussion nicht ab, sondern zu. Im nächsten Kapitel schreibt Pfaller, dass neben der Kultur der Ehre und der Kultur der Würde nun auch eine Kultur des Opfers entstanden ist. Diese Opfer suchen die Öffentlichkeit, um ihre Missstände zu präsentieren aus denen Ressentiements entstehen, da andere für die Missstände verantwortlich sind. Er unterscheidet zwischen Aberglaube, Bekenntnis und Paranoia und zitiert viel Freud, der mich mit seinem „Über-Ich“ schon immer langweilte. Danach werden die Kapitel kürzer und praktischer. Pfaller beschwert sich über Wörter wie „Teamfähigkeit“, „Raumpflegerin“ und der Suche nach Identität. Er rät zum überschreiten von Prinzipien. Auch versteht er nicht, dass Frauen sich darüber beschweren, wenn Männer ihnen die Welt erklären. Und zum Schluss landen wir noch in der Religion, wobei er sogar Konfession meint. Es kommt bei einem Sachbuch nicht darauf an, ob man dem Autor immer zustimmt. Es muss neue Erkenntnisse liefern. Das zeigt schon meine lange Zusammenfassung. Ein Stern ziehe ich dennoch ab, weil der Teil über Trump besserwisserisch, der Teil über Religion unnötig und der Identitätsteil langatmig ist. 4 Sterne.
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5/5
15.02.2018
Buch (Paperback)
Am Atem unserer Zeit
Dieses Buch ist in seinen Thesen hochaktuell und am Atem unserer Zeit. Politisch- gesellschaftliche, philosophische und besonders sprachwissenschaftliche Aspekte werden abgehandelt. So manche ernsthafte Frage stellt der Autor: Sind Menschen noch erwachsen zu nennen, die jede auch nur gefühlte Kränkung an die Öffentlichkeit bringen? Den vermeintlich Kränkenden damit medial verurteilen lassen? Ist die übertriebene Fokussierung auf politisch korrekte Sprache, auf Minderheitenrechte nützlich, oder soll sie von anderen, wirklichen Problemen ablenken?
Keine leichte Kost, aber ein wichtiges Buch zu den Tendenzen unserer Zeit!
Wie wichtig ist Sprache in unserer Gesellschaft? Robert Pfaller zeichnet ein faszinierendes und trauriges Bild vom Zustand unserer Sprache und damit unserer Gesellschaft.
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