Kira ist die Frau, die immer unterwegs ist: sehnsüchtig, verletzt, einsam, stark-schwach, liebend, voller Angst, krank – wie die Violetta Valéry aus der Oper La Traviata eine "vom Weg Abgekommene". Lakonisch, behutsam und doch in ihrer Beharrlichkeit sehr intensiv, begegnet die Ich-Erzählerin dieser Frau ständig wieder.
Es entsteht mehr.
Gleichzeitig wird ‚Die Traviata’ zu einem eigenwilligen Leitmotiv des Geschehens. Das Buch hat die Form einer Geschichtencollage und entwickelt einen inneren Sog, dem man sich beim Lesen kaum entziehen kann.
Und natürlich muss man die Traviata ganz und gar nicht kennen, um das alles verstehen zu können.
Ein neues Kapitel für Ihre Bücher
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Beim Besuch der Oper La Traviata lernen sie sich kennen, die Ich-Erzählerin, die sich als "Menschensammlerin" begreift und Kira, die Suchende, nach Liebe, nach sich selbst, nach dem Leben, die wie Violetta aus der Oper allein versucht, ihre widersprüchlichen Gefühle zu begreifen.
Sie treffen sich immer wieder in Abständen, die Ich-Erzählerin möchte über Kira schreiben, ist von ihr fasziniert, wird in etwas hineingezogen, das sie weitertreibt und das sie gleichermaßen fürchtet.
Kira erzählt, es sind Episoden aus ihrem Leben, Begegnungen mit Menschen, die Momentaufnahmen gleichen. Immer stärker spürt man beim Lesen ihre Ruhelosigkeit. Es scheint, als habe sie ein Glas, das sie immer wieder füllen muss, bevor es völlig leer ist. Füllen, indem sie sich auf den Weg macht. Abtaucht, auftaucht, eintaucht. Durch das Leben der Menschen, denen Kira begegnet, durch ihre Augen, ihr Empfinden begreift der Leser (und auch die Ich-Erzählerin) etappenweise die Unruhe. Ist das Glas gefüllt, leert es sich unmerklich. Neuer Aufbruch steht bevor. Oft sind es Kleinigkeiten, die Kira zu sich bringen (für Augenblicke) oder auch von sich wegführen. Fast beiläufig wirft die Autorin Einzelheiten hin – über die Umgebung, die Menschen, Gegenstände – und beim Lesen ist man erstaunt, was für ein starkes Bild sich ergibt. Immer wieder aufs Neue. Man erlebt Kiras Hunger (metaphorisch und real), ihre Unersättlichkeit, erlebt ihr Sattsein, aber auch ihre Verzweiflung. Das ist auch für die Ich-Erzählerin schwer auszuhalten, sie lechzt nach den Treffen, möchte gleichzeitig Distanz schaffen, weil es aufrührt, im Inneren eine Begegnung mit sich selbst fordert und das mag auch dem Leser so gehen.
Kira gleicht einem heimatlosen Wind. Die Orte und Begegnungen, von denen sie erzählt, flirren vorüber, bleiben windesgleich in Baumästen hängen, lassen innehalten, sich fangen und weiterwehen.
Kira und Violetta aus La Traviata verschmelzen für die Ich-Erzählerin immer stärker. Kiras Worte keimen in ihr gleich einem Samen, den sie sich aber nicht traut, wachsen zu lassen. Wiederbegegnung ist wie ein Schmerzblatt.
Beide Stränge, die Erzählungen Kiras und die Begegnungen aus Sicht der Ich-Erzählerin sind eng miteinander verknüpft, eine Geschichtencollage, wie ich sie noch nie gelesen habe. Trotz allen Wechsels führt ein roter Faden zum Ende.
Während mir Kira sehr nahe ist (vielleicht gar nicht vom Weg abgekommen, sondern auf ihrem Weg geblieben, den sie versucht zu begrünen), bleibt die Ich-Erzählerin fern, in einer kleinen Distanz, in der auch ich mich als Leser befinde. Und das fühlt sich richtig an.
Oft kurze, aber einprägsame Sätze machen das Lesen leicht, lassen lächeln, weinen, innehalten und staunen.
Wenn man sich einlässt auf das Geschriebene, dann wird man am Ende fast traurig sein, dass es vorbei ist und vielleicht das eine oder andere noch einmal lesend atmen.
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