Hamburg 1617, Kirchspiel um St. Jakobi. Dunkle, enge Twieten, die vor Unrat starrten. Ortsfremde Bettler, die aus Angst vor Staupenschlag und Vertreibung nur verstohlen ihre Schüssel aus den Schatten zur Straße hielten. Strichkatzen, die mit gehobenen Röcken versuchten Freier für ein schnelles Geschäft in eine Gasse zu locken. Ärmliche Kammern voll von Hungerleidern und Habenichtsen. ¿Glunterschratzen¿, also Hurenkinder, wurden sie im Rotwelsch, der Geheimsprache der Vagabunden und Diebe, abfällig genannt. Abseits der großen Handelshäuser bot das Stadtviertel der ärmlichen Handwerker, Gauner und Landarbeiter nur wenig vom sonstigen Glanz der aufblühenden Hansestadt. Doch dieser Pfuhl aus Dreck und krummen Geschäften war das vertraute Zuhause des knorrigen Veteranen und Tagelöhners Johann Gabelschlag. Eigentlich gingen seine Geschäfte gerade gut genug, dass er sich kaum Sorgen um den anstehenden Winter machte. Wäre da nicht diese beunruhigende Geschichte gewesen, die von Tag zu Tag längere und düstere Schatten warf. Denn wahrlich nicht jeder, den die schmutzigen Gassen verschluckten, wurde vermisst oder gar betrauert.
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Albrecht Sommerfeldts historische Kriminalromane der frühen Neuzeit sind immer und immer wieder eine literarisch-virtuelle Reise wert! Tagelöhner Johann Gabelschlag geht, sein Leben riskierend, rätselhaften Ereignissen auf den Grund! Sympathisch, spannend und beeindruckend! Nachdem ich 2022 den historischen Kriminalroman „Der Pesthof“ (Hamburg, 1619) und den Band „Gassengeflüster“ mit vier schwarzen, historischen Geschichten gelesen habe, musste ;-) ich auch „Von Huren, Bettlern und Glunterschratzen“ lesen, denn Albrecht Sommerfeldts Zeitreisen in die Anfänge des 17. Jahrhunderts und u.a. ins Hamburg der damaligen Zeit sind wahrlich faszinierend. Dieses Buch nun (ent)führt mich ins Hamburg der Jahre 1617 und 1618, spielt also zeitlich vor dem „Pesthof“, was absolut unproblematisch ist, da alle Geschichten in sich abgeschlossen sind. Zum Inhalt selbst werde ich nicht viel verraten, denn schließlich kann und sollte jede(r) diese fesselnde Geschichte selbst erlesen und erleben. Schon vertraut mit dem flüssigen und zur damaligen Zeit wunderbar passenden Schreibstil des Autors, bin ich gleich mittendrin im Geschehen, in den Straßen und schmutzigen Twieten Hamburgs, sehe dank der wunderbaren und historisch genauen Schilderungen des Autors die Behausungen der Bewohner des Armenviertels St. Jakobi vor mir und gehe mit Johann Gabelschlag, seines Zeichens Veteran und Tagelöhner, durch die Stadtviertel Hamburgs, in düstere Kneipen, zum Bader und zu manch anderer Gestalt, deren Beschreibungen so bildhaft sind, dass man meint, sich mitten unter ihnen und sich, genau wie Johann, wiederholt in Gefahr zu befinden. Es entspinnt sich eine spannende Geschichte, die mich von Anfang an packt. Ich ermittle gemeinsam mit Johann, denn, ja, es gilt, rätselhafte und teils mysteriöse Vermisstenfälle aufzuklären. Ich leide mit Johann, bange um ihn und kämpfe ;-) an seiner Seite. Figuren, die ich schon im „Pesthof“ kennengelernt habe, begegnen mir hier wieder, so dass ich etwas von ihrer Vorgeschichte erfahre; andere hingegen lerne ich hier kennen, unter ihnen ärmliche Handwerker und windige Händler, am Hungertuch nagende Bettler und bemitleidenswerte Habenichtse, gefährdete Huren und gefährliche Gauner. Auch sprachlich ist diese Geschichte (be)merkenswert, denn so manche Gestalt spricht Rotwelsch, eine Art Geheimsprache, durch deren Gebrauch Gesprochenes für Fremde und Angehörige der höheren Schichten möglichst unverständlich sein soll. Keine Sorge, ein Glossar erläutert viele Begriffe, obwohl einige sich schon aus dem Zusammenhang heraus selbst erklären. Was ich hier lese, fesselt mich, auch wenn die Ereignisse und deren Darstellung immer wieder erschütternd sind, zuweilen sogar erschreckend, aber so war sie wohl, die damalige Zeit, die Gesellschaft und das Leben überhaupt (nicht nur) in Hamburg vor mehr als 400 Jahren. „Von Huren, Bettlern und Glunterschratzen“ (die Letztgenannten sind die im Rotwelsch so genannten Kinder von Huren) möchte ich ausdrücklich all denen empfehlen, die – ob nun als Kenner oder Genre-Neulinge - eine historische, hervorragend recherchierte, bildhaft geschriebene, fesselnde und spannende Kriminalgeschichte lesen und mit dieser eine auch sprachlich interessante Zeitreise in eine ganz andere Zeit, ich würde fast sagen, in eine noch so ganz andere Welt machen möchten. Von mir gibt es – genau wie schon für die anderen, oben genannten Bücher von Albrecht Sommerfeldt - 5 große ;-) histo-kriminalistische Sterne!
Stefan
aus Lohmar
5/5
26.07.2022
Buch (Taschenbuch)
Interessanter Mittelalterkrimi
Der Protagonist, Johann Gabelschlag, ein Kriegsveteran, welcher sich mit Gelegenheitsjobs als Geldeintreiber im mittelalterlichen Hamburg über Wasser hält, gerät in diesem Krimi in eine Geschichte, in die er mehr und mehr hineingezogen wird. Dabei muss er einiges einstecken und Leichen pflastern seinen Weg.
Sehr gut ist das Leben und die Umstände der damaligen Zeit geschildert. Das Buch ist toll und flüssig zu lesen.
Im Anhang werden geschichtliche Hintergründe erläutert und ein Vokabular der Rotwelschen Sprache ist ebenfalls vorhanden. Hilfreich da diese häufig in dem Buch vorkommt. Man hätte dieses aber an den Anfang des Buches stellen können.
Mir hat das Buch sehr gut gefallen und eine Fortsetzung würde mir gut gefallen!
clematis
5/5
18.07.2022
Buch (Taschenbuch)
Die dunkle Seite von Hamburg
Die frühe Neuzeit in Hamburg ist nicht überall von Glanz und Reichtum geprägt. Während mancherorts der Handel floriert, dominiert anderswo das Elend. Das Kirchspiel Jacobi ist damals, im Jahre 1617, eine gefährliche Ecke, Bettler mit einem einzigen zerlumpten Hemd am Körper, Dirnen mit lückenhaftem Gebiss, Taschendiebe und in Banden organisierte Kinder treiben sich um in den stinkenden Gassen und finsteren Twieten. Zugige Löcher dienen als notdürftige Unterkünfte, die Hungerleidenden kämpfen mit den Ratten um verschimmeltes Brot. Mittendrinnen an diesem ungastlichen Ort kommt der Kriegsveteran Johann Gabelschlag nicht am schlechtesten zurecht. Als Geldeintreiber für den Juden Nagelstein und als Tagelöhner hat er genug, um über den Winter zu kommen, auch verfügt er über beste Kontakte, um sich stets über Wasser halten zu können. Und genau dadurch fällt ihm auf, dass er die junge Klara schon länger nicht gesehen hat. Johann beginnt, Fragen zu stellen und gerät dadurch selber in Schwierigkeiten.
Außerordentlich realitätsnah schildert Autor Sommerfeldt die Zustände in diesem heruntergekommenen Viertel Hamburgs, bildreiche Beschreibungen lassen einen als Leser einen Blick wagen in die windschiefen Verschläge, die notdürftig mit Lumpen abgeteilt als Nachtlager dienen, den Gestank einatmen, der von Unrat und Morast aus den sumpfigen Straßen aufsteigt und die Angst verspüren, welche die stadtfremden Bettler und Strichkatzen verfolgt. Kaum jemandem kann man vertrauen, der Blick über die Schulter ist Gewohnheit. Das Leben in Jacobi ist ein täglicher Kampf, wer heute untergeht, ist morgen schon vergessen. Nicht jedoch, wenn man mit Johann Gabelschlag bekannt ist. Seiner Aufmerksamkeit entgeht nichts und so wird er zum Helden, der geschickt seine Kontakte und manchmal auch Fäuste einsetzt, um an Informationen zu kommen.
Hervorragend, wie Albrecht Sommerfeldt diese abscheuliche Kulisse als Zentrum des Geschehens in Szene setzt und den vom Leben gezeichneten Gabelschlag in den Mittelpunkt stellt. Ein Tagelöhner, ein Getriebener, der heute nicht weiß, was übermorgen sein wird, aber dennoch sein Herz am rechten Fleck hat. Authentisch, mit vielen Begriffen und Dialogen im Rotwelsch (hilfreiche Übersetzung im Anhang), der Sprache der Randgruppen, und bestens recherchierten Orten und Lebensgewohnheiten lässt der Autor hier ein Stück Geschichte wieder aufleben. Genau so könnte sich alles zugetragen haben, genau so hat das Leben wohl vielen übel mitgespielt.
Aus unterschiedlichen Blickwinkeln, einmal sogar aus den Augen einer Ratte, wird das Geschehen dargestellt und ist dadurch stets spannend und abwechslungsreich. Der Schreibstil selbst ist fesselnd und mitnehmend, wodurch sich dieser außergewöhnliche Roman in seiner Gesamtheit als tolle und interessante Lektüre gestaltet. Hätte Sommerfeldt eine Zeitmaschine gehabt und Gelegenheit, selbst ein paar Tage im damaligen Pfuhl an Dreck und Verbrechen zu verbringen, er hätte das Buch nicht besser schreiben können.
Wer gerne von authentischen Figuren und Lebensverhältnissen liest, dazu noch auf die Suche gehen möchte nach der verschwundenen Klara und raffinierte Auflösungen liebt, der ist hier goldrichtig!
Titel Von Huren, Bettlern und Glunterschratzen
Autor Albrecht Sommerfeldt
ISBN 979-8647901002
Sprache Deutsch
Ausgabe Taschenbuch, 331 Seiten
Erscheinungsdatum 22. Mai 2020
Verlag Independently published
Bewertung
aus Wertingen
5/5
20.04.2021
Buch (Taschenbuch)
Von Huren, Bettlern und Glunterschratzen
Ein historischer Krimi, der in Hamburg im Jahr 1617 spielt. Er entführt uns in das Kirchspiel St. Jakobi, wo Bettler, Huren, Straßenkinder und kriminelle Subjekte ihre Heimat haben, in stinkenden Häusern, übereinanderliegend, die Ratten über den Leibern der Menschen ihre Tänze aufführen. Hier wird geliebt, gesoffen, gestohlen, gehungert und gestorben. Von dem feinen Hamburg mit den großen Handelshäusern und den vornehmen Hanseaten ist hier nichts zu spüren. Das Volk hier spricht eine andere Sprache, Rotwelsch, die nur die Gestrandeten verstehen. In diesem Viertel wohnt der Veteran Johann Gabelschlag in einem ärmlichen Zimmer. Seinen Lebensunterhalt verdient er sich als Geldeintreiber für den Juden Nagelstein. Er hält guten Kontakt zu dem Volk in seiner Umgebung und spendet auch immer wieder für die Bettler und Huren. Als eines Tages plötzlich die junge Hure Klare verschwunden ist und ihre Kleider sich bei einer alten Lumpensammlerin befinden, macht sich Johann auf die Suche nach dem Mädchen. Er sticht dabei in ein Wespennetz von Intrigen, wird desöfteren überfallen und kommt nur knapp mit seinem Leben davon. Aber Johann läßt nicht locker und kommt einer dubiosen Machenschaft auf die Spur. Das Buch liest sich derart interessant und spannend, dass man es nicht mehr aus der Hand legen kann. Man taucht in eine unbekannt Welt ein, es sind Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, zerlumpt, stinkend, mit Ungeziefer behafet und schon ab einem gewissen Alter wie Greise wirken, so ausgemergelt sind sie. Man spürt den Gestank in den Twieten, man riecht den Unrat, die Fäkalien, das Faulende und Verwesende. Und in aller Dramatik versteht der Autor derart Spannung aufzubauen, man zittert und bebt mit Johann und oft kann ma nicht unterscheiden , wer hier Freund und Feind ist. Gewisse Realität bekommt das Buch durch das Rotwelsche und man hat ja am Ende das Vokabular und kann es übersetzen. Mit jedenfalls hat das Lesen unbändigen Spaße gemacht. Das Titelbild zeigt ein Gemälde von Gerard van Honthorst, der in dieser Zeit gelebt hat und das Buch noch interessanter macht.
Shilo
aus Ulm
5/5
20.04.2021
Buch (Taschenbuch)
Authentisch und nachvollziehbar, spannend und düster
Auf den Inhalt möchte ich hier nicht näher eingehen, denn dieser ist aus dem Klappentext ersichtlich. Meine Meinung:
Schon der Titel des Buches und das historisch anmutende Cover machten mich neugierig auf dieses Buch und der Klappentext tat sein übriges dazu. Ich wurde in keinster Weise enttäuscht.
Mit einem flüssigen und gut lesbaren Schreibstil wird überwiegend aus der Sicht von Johann, dem Geldeintreiber, erzählt. Schon ab der ersten Seite trat die Spannung ein und der Spannungsbogen steigerte sich kontinuierlich bis zum Schluß. Bildgewaltig hat man den Slum um St. Jakob vor Augen und das Leben des „Abschaums“ im 17. Jahrhundert. Teilweise ekelhafte Szenen, die jedoch zu der Geschichte gehören und nachvollziehbar sind, lassen das Kopfkino nur so tanzen.
Das Leben dieser Schicht ist sehr gut recherchiert, nur hat der teilweise rotwelsche Dialekt mich manches Mal im Lesefluss unterbrochen. Aber im Anhang ist eine Übersetzung, die das wieder ausgleicht.
Mein Fazit:
Ein überaus fesselndes und durchaus realistisches Buch, das man nicht so schnell aus der Hand legen kann. Ich vergebe dicke 5 Sterne und eine ganz klare Leseempfehlung.
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