»Sashas Reflexionen über innere Zerrissenheit und die Angst vor dem Altern [lesen sich] wie Bekenntnisse aus dem Jetzt. Das beeindruckende an diesem Buch ist aber vor allem die zuversichtliche Kraft der Erzählstimme. Bei allem, was Sasha in ihrem jungen Leben Schlimmes widerfährt, wird ›Erfahrungen eines schönen Mädchens‹ nie zu einem Opferroman. Immer ist da dieses Lachen im Hintergrund, das von einer Gleichberechtigung kündet, für die es sich damals wie heute zu kämpfen lohnt.«
Lisa Kreißler, NDR Kultur
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Amerikanischer Klassiker der Emanzipationsliteratur
Bewertung aus Bergisch Gladbach am 18.10.2021
Bewertungsnummer: 1590297
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Der Roman „Erfahrungen eines schönen Mädchens“ der Autorin Alix Kates Shulman gilt in Amerika als feministischer Klassiker. Erstmals veröffentlicht 1972 gibt es nun im Zuge der #MeeToo-Bewegung eine Neuauflage mit Vorwort der Autorin, die erstmals auch ins deutsche übersetzt wurde.
Shulman ist eine amerikanische Schriftstellerin und Aktivistin, die sich für Frauenrechte und das Recht auf körperliche Selbstbestimmung einsetzt. Die fiktiven Memoiren „Erfahrungen eines schönen Mädchens“ schrieb sie, um auf die Missstände im Umgang der Gesellschaft mit Mädchen und Frauen aufmerksam zu machen.
INHALT
Sasha ist ein Mädchen aus der amerikanischen Mittelschicht, die behütet in den Nachkriegsjahren zum 2ten Weltkrieg aufwächst. Der Roman begleitet ihr Leben von der Kindheit bis in ihre Dreißigerjahre hinein.
Sasha ist ein intelligentes junges Mädchen, das sich für Literatur interessiert. Bereits früh bekommt sie ein Empfinden dafür, wie wichtig Schönheit für Mädchen und Frauen ist und wünscht sich nichts sehnlicher als schön zu sein. Dieser alles verzehrende Wunsch nach Schönheit bzw. der Erhalt ihrer Schönheit soll sie den Rest ihres Lebens begleiten und liegt im ewigen Zwist mit ihrem zweiten Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit. Dies führt sie auf einen turbulenten Lebensweg mit vielen Höhen und Tiefen
LESEEINDRUCK
Der gesamte Roman wird in der Ich-Perspektive aus Sicht der Protagonistin Sascha erzählt. Die Erzählweise ist so intim, dass ich zu Beginn Probleme hatte mich von der Idee loszusagen das es sich hierbei nicht um die tatsächlichen Memoiren der Autorin Alix Kates Shulman handelt. Man hat teilweise das Gefühl persönliche Tagebucheinträge zu lesen.
Was man stellenweise ebenfalls leicht vergessen kann ist, dass dieser Roman in den 40er und 50er Jahren spielt. Viele der Erlebnisse die Sasha auf ihrem Lebensweg hat und die direkt mit der Tatsache zusammenhängen dass sie eine Frau ist, könnten auch aus der heutigen Zeit stammen. Dies führt einem eindringlich vor Augen das wir mit der gesellschaftlichen Gleichstellung der Frau noch lange nicht so weit sind wie wir es gerne wären. So philosophiert die Ich-Erzählerin an einer Stelle z.B. darüber warum es Aufgabe der Mädchen und Frauen ist sich derart zu kleiden und zu verhalten das Männer sich nicht provoziert sehen ein Verbrechen an ihnen zu begehen. Und eben nicht Aufgabe der Männer ihr verhalten zu kontrollieren, eine Diskussion, die jüngst immer wieder in Medien und sozialen Netzwerken geführt wird.
So ging es mir auf dem gesamten Entwicklungsweg den Sasha im Laufe ihres Lebens durchlebt. Vieles davon kommt mir schmerzlich bekannt vor. Ihre Erlebnisse wie auch ihre innerliche Zerrissenheit und der stete Wunsch nach Schönheit. Je länger ich gelesen habe umso mehr habe ich mit Sasha darum mitgefiebert, ob sie es schafft ihren inneren Kampf zu gewinnen und sich ihren sich ihren Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit zu erfüllen.
FAZIT
Ein Roman der trotz seines Alters kein bisschen an Aktualität eingebüßt hat. Eindringlich hält er einem den Spiegel vor Augen und zwingt dazu sich einzugestehen das sich in den letzten Jahrzehnten i den Köpfen der Menschen zum Thema Geschlechterrollen und Rollendenken nicht viel getan hat. Definitiv ein Klassiker!
Ein 50 Jahre alter Klassiker…
ElliP aus Hessen am 23.10.2021
Bewertungsnummer: 2812945
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein 50 Jahre alter Klassiker der Frauenemanzipation neu übersetzt? Lohnt sich das? Ein Roman, der zu seinem Erscheinen auf der Seite des Establishments eine Welle der Entrüstung nach sich gezogen und auf der anderen Seite viele junge Frauen inspiriert und ihnen einen möglichen Weg in die Freiheit aufgezeigt hat. In Alix Kates Shulmans Roman begegnen wir Sasha, einer jungen, wunderschönen und intelligenten Frau, die in den gesellschaftlichen Netzen ihrer Zeit gefangen ist - eigentlich eine Prinzessin auf der Erbse auf der Suche nach ihrem Glück lässt sie sich von Männern immer wieder ausnutzen und fremdbestimmen. Ihre Fixierung auf ihr Aussehen ist für uns heute sehr befremdlich! Wir haben das Gefühl, eine Frau wie Sasha, die von Fortuna geküsst ist, hat diese totale Abhängigkeit von Äußerlichkeiten doch gar nicht nötig. Roxanne, ihre Freundin - geschieden, alleinerziehend, beruflich erfolgreich, intellektuell - ist ihr da schon ein weites Stück voraus und zeigt ein modernes Selbst- und Rollenverständnis - eine Figur, mit der man sich auch heute noch identifizieren kann. Es geht um eine unglückliche Kindheit, um desaströse Liebesverhältnisse, Schikane am Arbeitsplatz und sexuelle Nötigung, Doppelmoral, Schwangerschaftsabbruch, ungewollte Mutterschaft, Vergewaltigung in der Ehe und immer wieder die Suche nach Freiheit, Leichtigkeit und Glück. Zurück zur Ausgangsfrage: Ist die Neuübersetzung der „Erfahrungen eines schönen Mädchens“ für uns heute noch ein Gewinn? Nun ja, wir sind aufgeklärt und emanzipiert, verbinden Arbeit und Familie, tummeln uns erfolgreich auf dem gesellschaftlichen Parkett, werden Ärztin, Professorin, Kanzlerin, sind bei der Partnerwahl beteiligt und lassen uns nichts vorschreiben - glücklicherweise hat sich innerhalb dieser Jahrzehnte viel getan und wir begleiten die Protagonistin Sasha ungläubig in ihrem Netz voller Verpflichtungen und Abhängigkeiten. Andererseits ist der Roman hochaktuell - der Drang nach Schönheit, Bestätigung, Fitness ist allgegenwärtig: Bei vielen jungen Mädchen ist das Aussehen so wichtig wie nie und dominiert ihr Leben - erkennbar an den Auswirkungen wie Anorexie oder Bulimie und den vielen YouTube Influencern mit ihren Followern, deren Gedanken ständig um Themen wie Mode, Aussehen, Fitness, Ernährung kreisen. Sowohl im Bereich des extremen Körperkults, des Schönheits- und Jugendwahns als auch im Rahmen der #Me-too-Debatte ist die Aktualität (leider) immer noch gegeben und somit auch die Wiederentdeckung des Romans ein Gewinn!
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