Bern, 20. Juli 1974: Lily Kolbe zerreißt wütend die Zeitung, die an das Hitler-Attentat vor 30 Jahren erinnert. Sie kann nicht ertragen, dass die Welt nie von der geheimen Widerstandsgruppe an der Berliner Charité erfahren hat. Lily will das Schweigen endlich brechen und wendet sich an den Journalisten Eddie Bauer. Dieser kann kaum fassen, welch brisante Informationen er da bekommt. Bald jedoch wird Lily von längst vergessenen Feinden bedroht und auch Bauer verhält sich merkwürdig. Wem kann sie noch trauen?
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Eine bewegende Geschichte über eine Widerstandsgruppe
Sikal am 01.08.2019
Bewertungsnummer: 1233749
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Während der 2. Weltkrieg tobt, formiert sich in der Charité in Berlin eine Widerstandsgruppe rund um den genialen Mediziner Professor Sauerbruch. Die engsten Mitarbeiter Sauerbruchs und auch seine Ehefrau gehören dieser Gruppe an, die sich einmal pro Woche trifft, um die weiteren Schritte zu planen. Ebenfalls Mitglied in diesem Donnerstagsclub ist die junge Privatsekretärin Sauberbruchs, Lily Hartmann, die sich an einen Mitarbeiter Rippentrops heranmachen soll, um ihn zu überzeugen, gegen das Regime zu arbeiten. Doch dieser Mitarbeiter, Fritz Kolbe, wird nicht nur geheime Dokumente aus dem Ministerium schmuggeln, er wird auch Lilys Freund und später Ehemann.
Immer enger und gefährlicher wird das Terrain auf dem sich die Mitglieder des Donnerstagsclubs betätigen. Die Gestapo und mehrmals Ernst Kaltenbrunner persönlich rücken ihnen auf die Pelle. Doch Sauerbruch lässt sich nicht beeindrucken, hat immer Argumente parat und ein besonderes diplomatisches Gespür, mit dem er seine Runde aus der Affäre ziehen kann. Welchen Gefahren sich Fritz Kolbe aussetzt, als er diese geheimen Dokumente in die Schweiz schmuggelt, um diese den Amerikanern zu übergeben, kann man sich nur schwer vorstellen. Viel Mut und Idealismus gehören dazu, um sein Leben aufs Spiel zu setzen, um anderen zu helfen.
Doch auch einen Gegenspieler gibt es in Sauberbruchs Charité: De Crinis, der Psychiater, der entgegen Sauerbruchs Anweisung agiert und einen jungen behinderten Patienten in eine Euthanasie-Anstalt überführen lässt.
Am Ende des Krieges gibt sich der Donnerstagsclub das Versprechen, nie mit jemandem über diese Aktivitäten zu reden. Dies behalten alle Mitglieder so bei, bis sich Lily Kolbe in den 70er Jahren entschließt, ein Interview zu geben, um das Erbe ihres Mannes zu würdigen. Sie erzählt einem amerikanischen Journalisten ihre Geschichte, doch plötzlich nimmt dieses Zusammentreffen eine überraschende Wendung und Lily gerät in Gefahr.
Der Schreibstil des Autors Christian Hardinghaus ist perfekt für diese Geschichte. Er schafft es, langsam Spannung aufzubauen und diese hochzuhalten, zwischendurch historisches Wissen einzuflechten und eine persönliche Geschichte drum herum zu bauen. Realität und Fiktion werden vermischt, einige Charaktere - wie Sauerbruch, Kolbe, de Crinis – tragen deren tatsächliche Namen, während andere wieder mit erfundenen Namen genannt werden. Diese Pseudonyme werden im Anhang genannt.
Sehr prägnant zeigt Hardinghaus wie viel Einsatz erforderlich war, um so lange Zeit agieren zu können. Nicht nur (verbotene) Operationen an Juden wurden durchgeführt, auch Gesuchte wurden versteckt, Nahrungsmittel für Bedürftige beschafft… Beeindruckend mit welchem Einsatz diese Menschen ihr Leben aufs Spiel setzten. Unbedingt muss ich nun auch noch das Sachbuch über Sauerbruch lesen.
Wer Christian Hardinghaus bereits kennt, weiß, dass seine Projekte „Sachbuch und Roman zu einem Thema“ durchaus Qualität haben und immer eine Empfehlung sind. Ich denke, auch dieses Mal werde ich hier nicht enttäuscht werden.
Für den Roman vergebe ich auf jeden Fall schon mal 5 Sterne, das Sachbuch wird sich erst weisen …
Wenn der Donnerstag und der Widerstand an der Charité lebendig werden,...
Elke Seifried aus Gundelfingen am 29.07.2019
Bewertungsnummer: 1232337
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Christian Hardinghaus hat mich schon mit seiner äußerst gelungen Zusammenstellung an Feldpostbriefen in seinem Sachbuch „Wofür es sich lohnte zu leben“ und auch mit „Ein Held dunkler Zeit“, in dem er diese zu einem fesselnden und emotionalen historischen Roman verarbeitet hat, begeistert, deshalb habe ich mich sehr auf „Die Spionin der Charité“ gefreut, nicht zu Unrecht.
„Langsam hielt sie diese höllischen und dabei so realistischen Albträume nicht mehr aus.“ Genau diese holen Lily wieder ein, seit Eddie Bauer, der Journalist der New York Times sie mehrmals kontaktiert hat, weil er bei Recherchen über den Namen Fritz Kolbe gestolpert ist, herausgefunden hat, dass dieser während des Krieges mit dem amerikanischen Geheimdienst zusammengearbeitet hatte und nun mehr wissen will. Ein Zeitungsbericht über eine Gedenkfeier zum 30. Jahrestag um an die Frauen und Männer des 20. Juli 1944 zu erinnern, bewegt sie zudem. „Sollte sie jetzt sprechen? Sich alles von der Seele reden? Hatten die anderen es nicht genauso verdient wie sie selbst und Fritz, ob sie wollten oder nicht?“ Lily entscheidet sich dazu, ihr Schweigen zu brechen, ruft Eddie Bauer an und dieser steht schon am nächsten Tag vor der Tür. Und sie erzählt.
Als Leser ist man bei den Gesprächen mit dem Journalisten anwesend und erfährt so von der Vorgeschichte, die mit Lilys Vorstellungsgespräch an der Charité beginnt. Mit ihr lernt man Prof. Sauerbruch kennen, bekommt die Stelle als seine Sekretärin und darf durch das Gelände und die Gebäude der Charité wandern, erlebt ihren Alltag und muss Bekanntschaft mit dem besonders hinterhältigen Chefarzt der Psychiatrischen und Nervenheilklinik De Cranis machen. Man lernt ihn kennen und muss auf ergreifende Art und Weise von seinen Machenschaften bei der Aktion Gnadentod erfahren. Man ist bei der Gründung des Donnerstagsclubs mit dabei, legt mit diesem zusammen De Cranis das Handwerk. Außerdem umwirbt man mit Lily Erich Kolbe, den Mitarbeiter Ritters, dem offiziellen Verbindungsmann zwischen Außenminister Joachim von Ribbentrop und dem Oberkommando der Wehrmacht, der er über alle Entwicklungen an der deutschen Kriegsfront informiert war, gewinnt diesen für den Widerstand und erfährt so, wie die USA über die geheimen Reichssachen informiert werden konnten, die eigentlich unter gar keinen Umständen in fremde Hände, am allerwenigsten natürlich in die des Feindes fallen durften. Genauso wie man in Lilys Berichten anschließend darum bangen muss, dass die Gruppe nach dem 20. Juli 1944 auffliegt, gilt es in der Jetzt-Zeit des Romans zu zittern, denn der Journalist entpuppt sich als ein ganz anderer als gedacht.
„»Aufmachen, Kolbe!«, rief der Mann vor der Tür. »Wir wissen, dass Sie da drin sind.« Fritz’ Herz raste, sie kannten seinen Namen. Was zum Teufel war passiert? Wer hatte ihn verraten? Jemand aus dem Club? Doch nicht Neumann? »Ich zähle bis fünf, wenn Sie dann nicht aufsperren, schießen wir durch die Tür.« Was sollte er tun? Er war geliefert. Ein toter Mann.“ Christian Hardinghaus versteht es Spannung zu erzeugen. Dramatische Szenen, bei denen man denkt, jetzt ist alles vorbei, dem Autor gelingt es schon von Anfang an den Roman zu fesseln. Schreckensszenarien, die sich als Alpträume entpuppen, oder gegen Ende hin leider immer weniger als solche, halten den Spannungsbogen durchgehend hoch und ich habe die angenehm, kurzen Kapitel nur so verschlungen. Der Autor macht Geschichte lebendig und ich hatte das Gefühl, selbst ein Mitglied der Gruppe sein zu dürfen. Man wandert mit den teils wirklich existierenden Protagonisten durch die Krankenhausflure, erlebt deren Alltag dort mit, ist auch bei den konspirativen Treffen mit anwesend und wird so in einzelne Spitzelpläne eingeweiht. Mit Lily, die sich in Erich Kolbe verliebt, gibt es auch ein bisschen etwas fürs Herz, klar fiebert man mit ihr gemeinsam so noch mehr, dass er nicht auffliegt. Gut gefällt mir auch die feine Prise an Humor mit der der Autor seinen Roman würzt. So kann von einer Margot Sauerbruch schon mal kommen, „Der Wagen ist nicht angesprungen, war so geplant, mein Mann sitzt im Taxi“, wenn sie ihn geschickt nicht über eine Aktion informieren will, oder die Beteiligten mit ihren Eigenheiten werden folgendermaßen beschrieben: „Wetterstein hatte wie immer als Erstes das Buffet geplündert und rührte seelenruhig mit seinem Weißbrot in der Erbsensuppe herum, während er mit vollem Mund kaute. Margot plauderte mit Mescher über Komplikationen bei einer Darmoperation, die sie heute durchgeführt hatten. Beide tranken wie gewohnt Bier. Apotheker Brandt blätterte in einer seiner üblichen Micky-Maus-Zeitungen, und Professor Neumann saß im weißen Kittel regungslos da und musterte Fritz mit seinen scharfsinnigen braunen Augen. Alles wie immer,“. Auch im Jetzt, bzw. im Jahr 1974 kann sich eine Lily darüber ärgern, „dass sie mit ihren sechsundfünfzig Jahren heute optisch von einer Barbiepuppe so weit entfernt war wie ein Kaktus von einer Seerose.“
Genau so muss Geschichte aufbereitet sein, dass sie mir lange im Gedächtnis bleibt. Hatte ich vorher nichts vom Donnerstagsclub gewusst, habe ich hier einen tollen Einblick erhalten. „Und er war Arzt, zu mir hat er mal gesagt, Krebs ist Krebs, es gibt weder einen jüdischen Krebs, noch einen arischen. Entsprechend behandelte er alle Patienten gleich.“ Ich habe nicht nur Professor Sauerbruch, vor dem ich meinen Hut ziehe, kennengelernt, sondern auch viel vom Klinikalltag in der Charité zu der Zeit erfahren zudem davon, wie die Spitzeltätigkeit der Gruppe organisiert war, was die USA dadurch wusste und warum die Mitglieder des Donnerstagsclubs nach Kriegsende beschlossen haben, dass es besser ist zu schweigen. Ebenfalls musste ich mir schmerzhaft Gedanken darüber machen, welche Verbrechen mit diesen Informationen eigentlich verhindert hätten werden können.
Genau um solche wenigstens für die Zukunft verhindern zu können, muss Geschichte lebendig und somit die Erinnerungen an die schrecklichen Verbrechen der Nazi Herrschaft wach gehalten werden, was der Autor hier gelungen tut. Allein schon aus diesem Grund sollte man diesen Roman unbedingt lesen. Absolute Empfehlung für diesen fesselnd, bewegenden und extrem kurzweiligen historischen Roman, der auf gekonnte Art und Weise so viele reale Fakten transportiert.
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