wer nicht wagt, es zu betreten, der versäumt etwas.«
Peter Pisa, Kurier
Nach ausgiebiger Sturm-und-Drang-Zeit hat Stella das Erbe ihrer Herkunft angetreten: als Orgelbauerin auf dem gemeinsamen Hof mit dem heimlich begehrten Finn und dem amüsanten Winzernachbarn Jerome.
Doch die schwere Erkrankung des Vaters überschattet schon bald ihre Idylle und zwingt sie, sich zwischen den unwürdigen Bedingungen des Pflegesystems und den Launen des Vaters zu behaupten. Ein Leben zwischen Traum und Wirklichkeit beginnt.
»Eine Frau zwischen Stadt und Land,
in einer Männerdomäne und als Frau gerne unsichtbar,
mit geheimen Sehnsüchten und großen Ängsten,
einsam und doch im Leben stehend, in alten Rollen verhaftet,
aber auf der Suche nach neuen Mustern,
mit einem endlich pragmatischen Zugang zur Romantik,
findet am Ende ihren Seelenfrieden.
Geradezu atemlos erzählt Regine Koth Afzelius
über ein Frauenleben an der Kippe.
Jeder Satz eine Welt, jedes Kapitel ein Universum.«
Sabine Nikolay, Ö1
Ein neues Kapitel für Ihre Bücher
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Die wirklich guten Geschichten seien alle schon geschrieben, antwortete mir mein Vater einmal auf die Frage, warum er denn nie daran gedacht habe, ein Buch zu schreiben. „Ist es nicht“, wollte ich sofort antworten, und immer, wenn ich ein wirklich gutes Buch aus der Hand lege, weil ich es wie üblich viel zu schnell gelesen habe, fällt mir das wieder ein.
Der Vater stirbt, die erzählende Tochter Stella in Regine Koth Afzelius´ neuem Roman „Die Leibwächterin“ kann dabei nur zusehen, nur versuchen, dass es unmerklich oder auch von ihm unbemerkt leichter geht. Eine äußerst genaue Beobachterin ist die Autorin, in jedem Satz habe ich vertraute Gefühle wiedergefunden – die Hilflosigkeit, die Entwürdigung durch den Pflegealltag, das Handeln-Wollen, wo eben nicht mehr viel getan werden kann. Aber das ist nur ein Teil des Buchs, das für mich ein ganz großer Roman über die Liebe, oder auch das Lieben-Lernen ist.
Stella ist aufs Land zurückgekehrt – dort lebt und arbeitet sie mit ihrem Nachbarn Finn in seiner Werkstatt – die beiden restaurieren – auch mit viel Sorgfalt, Geduld und Liebe zu Musik Orgeln. Sie mögen einander, sie können miteinander besonders gut schweigen und ab und zu mit dem anderen Nachbarn, dem französischen Winzer, auch Abende ohne jeden der Protagonistin verhassten Small Talk bei ausgezeichnetem Wein verbringen. Sie fühlen sich miteinander wohl, sie kennen einander ungeschminkt.
Die Dorfrunde, zu der Stella manchmal geht, ist ihr minimaler Tribut ans „gesellschaftliche Leben“, in dem sie sich zwar nicht wirklich wohl fühlt, wofür sie sich aber trotzdem „herrichtet“. Besser geht es ihr, wenn sie spazieren geht – auch die Liebe zur Natur, wird hier ganz nebenbei, unaufdringlich und ohne mystischen Firlefanz abgehandelt.
Parallel zum fortschreitenden Verfall des Vaters entdeckt Stella ihre eigene Liebesfähigkeit. Das Buch beginnt mit dem Nichtkommen mit sich selbst, pro weiterem Versuch wird es besser. Schon lange nicht habe ich Fantasien so gut beschrieben gelesen, und dabei immer wieder leise lächeln müssen.
Überhaupt hat mich der Wortwitz der Autorin – wie schon in den vorigen Büchern – sehr beeindruckt – sei es, dass sie Ausdrücke verwendet, die ich definitiv noch nie gehört habe, die aber aus dem Zusammenhang heraus leicht verständlich sind, sei es, dass sie fast pro Seite einen unerwarteten Satz formuliert.
Ich bin gerade in meinen Forellenteich schwimmen gegangen, ich bin von Stufe zu Stufe ganz langsam hineingestiegen. Wenn ich so ins eiskalte Wasser gehe, mag ich dann ganz lange darin schwimmen. Ungefähr so stelle ich mir vor, dass es Stella auch gegangen ist. Mehr wird hier nicht gespoilert. Schwere Empfehlung!
Sehr lesenswert, sehr originell
Bewertung am 29.05.2022
Bewertungsnummer: 1720577
Bewertet: Buch (Paperback)
Regine Koth Afzelius befasst sich nicht mit Nebenthemen, bei ihr geht's ums Leben, um Lebendigkeit, Leibhaftigkeit und um dem Tod. Die Autorin verfügt über Charme, ist ungemein originell und sie hat sich eine ganz eigene Sicht auf die Dinge erarbeitet. So entsteht Literatur, die in die Tiefe geht, mit Leichtigkeit in die Tiefe geht. Applaus.
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