Ein junger Mann sitzt im Naturkundehaus des Nürnberger Tiergartens vor einem Terrarium und beobachtet Fauchschaben. In einem inneren Monolog erinnert er sich an seinen älteren Bruder, an die sie einende Faszination für diese urzeitlichen Lebenskünstler. Er blickt zurück in die gemeinsame Kindheit in einer bayerischen Kleinstadt, in die Zeit, in der die beiden ein eigenes Leben beginnen und den Kontakt zueinander verlieren. Der junge Mann erzählt die Lebensgeschichte seines depressiven Bruders. Vielleicht für ein letztes Verzeihen, vielleicht um Frieden zu finden, vielleicht um zu verstehen.Robert Wolfgang Segel stellt in seinem Roman über das Verhältnis zweier Brüder Fragen nach den Anfängen einer Geschichte, den Ursachen einer Entwicklung, der Zwangsläufigkeit eines Endes, - den Symptomen einer Krankheit.
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"Schaben sind beherrschbar, solange sie hinter einer Glasscheibe oder auf Madagaskar leben, solange sie sich nicht unter die Haut und in die Seele eines Jugendlichen fressen."
Seit 30 Jahren lastet die schwierige Beziegung zu seinem Bruder Micha auf dem Protagonisten Tommi, nun kehrt er an den Lieblingsort ihrer Kindheit zurück, das Naturkundehaus des Nürnberger Tiergartens und kann sich zum ersten Mal mit dem Bruder und desser Depressionen auseinandersetzen. Inmitten der Fauschschaben erwachen vergessene Erinnerungern zum Leben und Tommi reflektiert in Rückblicken seine Kindheit und den Weg, den die Depressionen seinem Bruder aufzwangen.
Als Kinder waren die beiden Brüder unzertrennlich, verbunden in ihrer Faszination für die Fauchschaben vebrachten sie Stunden im Nürnberger Tiergarten. Doch nach und nach fordert die Depression seines Bruders immer mehr Raum der Beziehung ein und nagt an Michael. Tommi spürt, wie ihm sein Bruder entgleitet, doch er fühlt sich machtlos und alleine mit den Problemen. Der Vater der beiden hat die Familie verlassen, die Mutter, eine Pastorin, ist überfordert und will nicht sehen, was vor ihren Augen passiert und versucht den Schein der heilen Familie um jeden Preis zu wahren. Lieber stürtzt sie sich auf das Pornoheftchen für Schwule, dass sie in Tommis Zimmer findet, will ihn umerziehen, "heilen". Tommi flüchtet aus diesem Leben, nach seiner Ausbildung als Koch geht er nach London, lässt sich faszinieren von dieser belebten Stadt, weit weg von seiner Kindheit aber auch weit weg von dem Leben mit seinem Bruder. Micha scheit sich zu fangen, heiratet, bekommt zwei Kinder, eine liebende Familie, eine, die er nicht hatte, mit dem abwesenden Vater und der bibeltreuen Mutter. Doch unter der heilen Oberfläche verliert sich Micha immer mehr selbst, niemand will es sehen, bis es zu spät ist. Nur aus der Ferne erlebt Tommi die Höhen und Tiefen mit, immer der stumme Vorwurf, er hätte die Familie und v.a. seinen Bruder im Stich gelassen.
Robert Wolfgang Segel hat in seinem Debütroman das Thema Depression sehr authentisch und nachvollziehbar aus der Sicht der Angehörigen geschildert, die Machtlosigkeit, die man verspürt angesichts dieser stillen, oft ungesehenen Krankheit geliebter Menschen, die Ohnmacht, die einen befällt. Auch wenn das Bewusstsein für diese Krankheit wächst, werden noch Depressionen immer oft als lachhaft oder unwichtig dargestellt, daher sind solche Romane umso wichtiger. Segels Sprache ist sehr kraftvoll, fast poetisch und verströmt eine düstere Melancholie und Sehnsucht nach dem Bruder aus Kindheitstageb. Ich habe etwas gebraucht um mich an seinen Erzählstil zu gewöhnen, denn Tommi spricht seinen Bruder immer wieder direkt an, als wäre es ein Dialog, der nie geführt, oder wie ein Brief, der nie abgeschickt wurde.
Tommi fühlt sich schuldig, weil er dem Bruder nicht geholfen hat, sondern sich für ein eigenes Leben, eine eigene Welt entschieden hat. Diese Schuld ist mit jedem Wort und jedem Satz beim Lesen spürbar, man tauscht hinab in den Strudel aus Erinnerungen und sieht den schleichenden Prozess, der alle an den Punkt gebracht hat, an dem sie heute sind. Der langsame Rückzug in sich selbst, das Verstummen Michas, die Anzeichen, über die man hinwegsah. Und immer wieder sind da die Schaben, die im Zentrum von allem stehen und derem fast unzerbrechlichen Ideal, die beiden Brüder nicht nachkommen konnten.
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