Als bekannte Schauspielerin, die ihre jüdische Freundin in Wien jahrelang vor den Nazis versteckte, riskierte sie alles. Jürgen Pettinger rekonstruiert die Geschichte einer queeren Heldin.
Die berühmte Schauspielerin Dorothea Neff (1903–1986) nahm ab 1940 ihre jüdische Freundin Lilli Wolff als U-Boot in ihrer Wohnung auf. Mit viel Mut, Opferbereitschaft und List gelang die Geheimhaltung. Aber 1944 musste Lilli mit einem Tumor in der Brust ins Krankenhaus. Wie sollte sie operiert werden, ohne aufzufliegen?
Jürgen Pettinger rollt den Fall neu auf, spürt in den Dokumenten und von ihm wiederentdeckten Tonaufnahmen der Beziehung der beiden Frauen nach und zeigt, dass queere Aktivist:innen von heute auf den Schultern der queeren Held:innen von damals stehen.
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Eine bekannte Schauspielerin in Wien versteckt in der Zeit des 3. Reichs ihre Freundin, eine deutsche Jüdin, über Jahre in ihrer Wohnung. Das ist eine spannend erzählte Geschichte, ohne Effekthascherei, dennoch berührend. Ein Zeugnis von unglaublicher Tapferkeit, Chuzpe, Selbstbewusstsein, aber auch von Angst vor Entdeckung, Hunger, Einsamkeit, Widerstand.
Große Empfehlung
Lesenswerte und sensibel bearbeitete Romanbiografie
Lust_auf_literatur am 10.10.2023
Bewertungsnummer: 2041089
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Homosexualität unter der Nazidiktatur? Bei schwulen Männer ein schwerer Straftatbestand, ein „Sittlichkeitsverbrechen“, das mit Deportation in ein Konzentrationslager oder in eine psychiatrische Anstalt bestraft werden konnte. Bei Frauen sah die gesetzliche Sachlage auf Grund der „sehr bescheidenen Rolle der Frau im öffentlichen Leben“* etwas anders, wenn auch nicht weniger gefährlich aus. Für Frauen wie die berühmte deutsche Schauspielerin Dorothea Neff, die sich nicht dem Nazi Regime andiente, konnte schon der Verdacht jeglicher Devianz zu sozialer Isolation, Verlust des Arbeitsplatzes oder gar Kerkerhaft führen.
Jürgen Pettinger hat das Format der Romanbiografie gewählt, um endlich auf das Leben, den Mut und die Liebe von Dorothea Neff und ihren Freundinnen aufmerksam zu machen.
Denn Neff fühlte sich nicht nur zu Frauen hingezogen, sondern versteckte auch ihre Freundin Lilli Wolf, eine Jüdin, unter schwierigsten Bedingungen jahrelang in ihrer Wiener Wohnung.
Nicht nur die kleine Wohnung, auch die Beziehung zwischen Neff und Wolff wird zum Schutz und Gefängnis gleichermaßen.
Was es für die beiden Frauen bedeutete, permanent der Angst vor Entdeckung und ständiger innerer (im Falle Neffs) und auch wortwörtlicher (im Falle Wolfs) Isolation ausgesetzt zu sein, lässt sich sehr gut aus Pettingers Text herauslesen.
„Lilli war ein Geist geworden. Sie existierte, aber niemand außer Dorothea konnte sie je sehen.“
Gemeinsam schaffen es die Frauen, den schwierigen Umständen der Kriegsjahre zu trotzen. Sogar eine Operation der gesundheitlich sehr angeschlagenen Wolff in einem Krankenhaus wird mit einiger Hilfe und unendlicher Angst realisiert.
Doch diese Jahre der furchtbaren Angst und der Isolation hinterlassen Spuren, vor allem bei Lilli Wolff.
„War es nicht der Sinn des Lebens, einen Eindruck zu hinterlassen bei anderen und auf der Welt? Ein Mensch kann sich nur im Austausch mit anderen entwickeln, lernen, besser werden, leben. Was für einen Sinn hatte es, alleine zu sein, nichts zu bewirken, nichts zu schaffen, nichts zu hinterlassen, nichts zu dürfen, von niemandem gesehen und gehört zu werden?“
Ich möchte bei dieser Romanbiografie sehr lobend die schriftstellerische Zurückhaltung Pettingers hervorheben. Neff und Wolff, sowie ihre Freundinnen, äußerten sich auch lange nach dem Krieg niemals offensiv zur Natur ihrer Beziehung. Zwar lebten beide ohne Täuschung bis an ihr Lebensende in langjähriger Gemeinschaft mit Frauen, sich aktiv geoutet oder sich im Detail dazu geäußert haben sie sich nie.
Pettinger lässt den Frauen diese Privatsphäre und füllt diese Lücken in der Schilderung dieser Jahre nicht mit seiner eigenen Phantasie oder mit naheliegenden Spekulationen, sondern bezieht sich nur auf gesicherte Quellen und spätere Tonbandaufnahmen. Das schätze ich sehr, genauso wie seine einordnenden Worte im Epilog.
Ergänzt wird sein Text mit schönen schwarz-weiß Aufnahmen der Frauen und ihren Unterstützern und einem Vorwort von Andreas Brunner.
Ich möchte diese Buchvorstellung mit den Worten Erwin Ringels, eines Freundes und Unterstützers der Frauen, schließen:
»Sterben müssen wir doch alle früher oder später, dann lieber zu Lebzeiten das Richtige tun.«
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