Jeder Sturm hat seine Gründe, jedes Schicksal seinen Ursprung. Wie eine gelassene, weil machtlose Göttin sitzt die Großmutter inmitten von Zikadengezeter in der trägen Luft der Mittagshitze, als sie es Lina erklärt: warum ihre Freundin Dora einen Mann heiraten wird, der sie schlägt - und welche generationenalte Schuld sie unabwendbar ins Unglück zu führen scheint.
Viele Jahre später versucht Lina zu begreifen und zu erzählen: nicht nur von Dora, auch von Catalina, Beatriz und sich selbst. Alle sind sie jung, schön und reich, Teil der so konservativen wie frivolen Elite Barranquillas, einer Stadt an der kolumbianischen Karibikküste. Es sind Geschichten von Freiheitsträumen und Demütigungen, von weiblichem Begehren, von Sex und Unterwerfung, kolonialem Erbe und den Verbrechen der Erziehung - vor allem aber Geschichten von Frauen, die zum Skandal werden.
Marvel Morenos Sprache ist ein Ereignis: bildgewaltig, mal sarkastisch-fies, mal sinnlich, immer unerbittlich tiefenscharf. Ein lebenssattes lateinamerikanisches Sittengemälde der fünfziger Jahre, ein allzu lange verborgener Schatz der Weltliteratur - endlich in herausragender deutscher Erstübersetzung.
Kundinnen und Kunden meinen
3.0/5.0
dracoma
aus LANDAU
4/5
30.06.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Der Roman ist streng geglieder…
Der Roman ist streng gegliedert: drei Bücher, drei weise Frauen, drei Freundinnen und drei Zitate aus dem Alten Testament, die den Tenor des jeweiligen Kapitels vorgeben. Innerhalb dieser Struktur entfaltet sich eine überbordende Erzähllust und Fabulierfreude. Moreno stellt ihrem Leser eine wachsende und zum Schluss fast unüberschaubare Fülle von Personen vor, deren Geschichte sie in deren Familiengeschichte hinein zurückverfolgt und von deren Geschichte sich wieder andere Geschichten abästeln. Sie erzählt bizarre und teilweise absurde Vorkommnisse, die im Zwischenreich von Realität und Fiktion angesiedelt sind. Damit hält sie den staunenden Leser immer wieder in der Schwebe: ist das Erzählte glaubwürdig oder schon zu phantastisch, um in der Realität Bestand zu haben? Ein Beispiel: Verlässt der millionenschwere, aber liebeskranke Javier tatsächlich seine Fabriken, seine Häuser, seine Familie, seinen Country Club etc. und sucht auf den Weltmeeren, ähnlich dem Fliegenden Holländer, als zerzaustes Gespenst seine große Liebe? Oder ist es wahr, dass die vergewaltigte Donna Eulalia tatsächlich alle männlichen Haustiere abschlachten lässt und sogar das Vaterunser verbietet? Mit solchen und anderen Geschichten errichtet Moreno eine ungeheuer pralle und farbenprächtige, wenngleich auch morbide Welt. Auch Morenos Figuren schweben zwischen Realität und Fiktion. Sie unterscheiden sich zwar untereinander und sie finden verschiedene Wege, mit dem Patriarchat bzw. Machismo umuzugehen, aber ihnen fehlt die innere Differenzierung. Sie wirken daher eher wie Typen, an denen Moreno ihre Auffassungen zum Patriarchat bzw. zum Feminismus u. a. durchkonjugiert und weniger als Individuen. Die Personen bewegen sich ausnahmslos in der unendlich reichen kolumbianischen Oberschicht, die ihre Herkunft und damit ihren Anspruch auf Überlegenheit auf die spanischen Konquistadoren gründet und die daher der europäischen Kultur aufgeschlossen und bewundernd gegenübersteht - und gleichzeitig andere Ethnien verachtet. Aus dieser Schicht stammen die Frauen des Romans, die sich mit der Grausamkeit des herrschenden Patriarchats auseinandersetzen und verschiedene Wege - nicht immer Lösungen! - finden. Das Frauenbild (ebenso das Männerbild) fand ich allerdings entschieden zu einseitig, weil Frauen auf ihre biologischen Bedingungen reduziert werden und Emanzipation allein in der sexuellen Befreiung bzw. Selbstbestimmtheit der Frau gesehen wird. Moreno ist offensichtlich der Auffassung, dass die freie Verfügung der Frau über ihren Körper und ihre Sexualität die Grundlage aller gesellschaftlichen Veränderungen ist. Darüber kann man natürlich streiten. Die Folge dieser Auffassung zeigt sich aber im Roman: Sexualität spielt eine wesentliche Rolle und ist bis zur Übersättigung allgegenwärtig. Alle Handlungsfäden laufen in der Figur der Lina zusammen, die ihre Freundinnen und Verwandten beobachtet und ihr Leben aus der Rückschau erzählt. Lina hat ihr Land verlassen, wohnt im Sehnsuchtsort Paris, sie ist krank, ihr Leben neigt sich. Und jetzt blickt sie auf das Erlebte zurück, vor allem auf die alltägliche Gewalt, wie sie sich in den Ehen zeigt. Bei diesem Rückblick achtet die Autorin deutlich darauf, immer Zeugen für die Erzählungen zu benennen, und dafür nimmt sie einige Umwege in Kauf. So ist es z. B. einmal eine der Freundinnen, die dem Arzt etwas erzählt, der erzählt es einem Angehörigen, der wiederum erzählt es seinem Bruder, der seiner Tochter - und die gibt die Geschichte dann schließlich an Lina weiter. Damit erreicht die Autorin einerseits Authentizität, das ist unbestritten, aber andererseits verschachtelt sie damit die Handlung zu einem dichten Komplex, in dem man als Leser den roten Faden suchen muss. Der sich dann oft hinter langwierigen theoretischen Auslassungen zur Psychologie, zum Feminismus und anderen Themen verstecken muss. Diese Liebe zur Verschachtelung zeigt sich auch in der Sprache. Morenos Sprachkunst ist beeindruckend. Ihr gelingen starke und beeindruckende Bilder, die in ihrer Vielschichtigkeit die Handlung vertiefen. Ihre Formulierungen sind oft bitterböse und reizen zum Lachen, das einem dann am Ende des Satzes wieder im Halse stecken bleibt. Morenos Sprache fließt wie ein breiter und nicht endender Fluss vor sich hin. Aber die Verschachtelung der Sätze, die überaus komplizierte hypotaktische Syntax und die damit zusammenhängenden unklaren Kohärenzen stauten meinen persönlichen Lesefluss immer wieder auf. Das Lesen wird zu einer konzentrierten Kraftanstrengung, und erst gegen Ende, wenn das Buch auch zunehmend elegischere Töne anschlägt, wird das Lesen leichter. Trotzdem: mir hat der Roman letzten Endes gut gefallen. Aus dem Buch spricht nicht nur eine große Freude am Erzählen, sondern auch eine leidenschaftliche Wut, mit der die Autorin mit ihrer Gesellschaftsschicht und ihrem Land abrechnet.
Kristall86
aus an der Nordsee
3/5
10.08.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Bereits 1987 erschien dieses…
Bereits 1987 erschien dieses Buch der kolumbianischen Schriftstellerin Marvel Moreno auf dem Buchmarkt ohne große Beachtung. Im Jahr 2023 erschien das Werk in deutscher Übersetzung beim Verlag Wagenbach. Morenos Geschichte rund um Lina, Linas Großmutter, Linas Freundin Dora usw. ist selbst heute noch mehr als aktuell. Es geht um sexuelle Gewalt, seelische Gewalt, das Frauenbild an sich, das kolumbianische Leben an sich und hauptsächlich eben Frauen die auffallen und somit für jeden Skandal bereit sind bzw. diesen über sich ergehen lassen müssen. Es ist ein schweres Buch in jeglicher Hinsicht. Einerseits ist die Thematik keine leichte Kost aber auch Morenos Schreibstil macht es äußerst schwer hier am Ball zu bleiben. Ihre philosophischen Gedankengänge, ihre Wahl von Metaphern fand ich äußerst gelungen aber dennoch ist sie rau und hart und mutet so manchesmal dem Leser richtig schwere Kost zu, die am Rande des erträglichen ist. Moreno zeichnet ein „lebenssattes lateinamerikanisches Sittengemälde der fünfziger Jahre“ - aus Gesprächen mit Einheimischen des Landes kann ich nur klar sagen, Moreno traf wohl den Kern des Problems an der empfindlichsten Stelle. Nur das keiner laut über diese Zeit redet. Moreno hat es damals getan. Allein dafür muss man ihr heute noch Respekt zollen aber dennoch empfand ich den Verlauf der Geschichte, die ganzen Begebenheiten, die knallharten Erzählungen als zu hart. Hätte sie damals eine andere, etwas moderatere Sprache gewählt, wäre ich hin und weg von diesem Roman. Da er aber ist wie er ist, fiel es mehr als schwer allem zu folgen und vor allem zu verstehen. Wer Hintergrundwissen hat zu diesem Thema kann es besser nachvollziehen aber wer komplett frei an dieses Buch geht, wird klaglos an ihm scheitern. Ob die deutsche Übersetzung herausragend ist, kann ich keineswegs beurteilen, ich kann nur beurteilen, dass mehr als einige Parts so verschachtelt waren, dass ich sie mehrfach lesen musste um überhaupt mal irgendeinen Ansatz des Verstehens zu erhalten. Fazit: ein schwer verständliches Buch in jeder Hinsicht. Neutrale 2,5 Sterne hierfür
Kristall86
aus an der Nordseeküste
3/5
10.08.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Neutrale 2,5 Sterne
Klappentext:
„Jeder Sturm hat seine Gründe, jedes Schicksal seinen Ursprung. Wie eine gelassene, weil machtlose Göttin sitzt die Großmutter inmitten von Zikadengezeter in der trägen Luft der Mittagshitze, als sie es Lina erklärt: warum ihre Freundin Dora einen Mann heiraten wird, der sie schlägt – und welche generationenalte Schuld sie unabwendbar ins Unglück zu führen scheint.
Viele Jahre später versucht Lina zu begreifen und zu erzählen: nicht nur von Dora, auch von Catalina, Beatriz und sich selbst. Alle sind sie jung, schön und reich, Teil der so konservativen wie frivolen Elite Barranquillas, einer Stadt an der kolumbianischen Karibikküste. Es sind Geschichten von Freiheitsträumen und Demütigungen, von weiblichem Begehren, von Sex und Unterwerfung, kolonialem Erbe und den Verbrechen der Erziehung – vor allem aber Geschichten von Frauen, die zum Skandal werden.
Marvel Morenos Sprache ist ein Ereignis: bildgewaltig, mal sarkastisch-fies, mal sinnlich, immer unerbittlich tiefenscharf. Ein lebenssattes lateinamerikanisches Sittengemälde der fünfziger Jahre, ein allzu lange verborgener Schatz der Weltliteratur – endlich in herausragender deutscher Erstübersetzung.“
Bereits 1987 erschien dieses Buch der kolumbianischen Schriftstellerin Marvel Moreno auf dem Buchmarkt ohne große Beachtung. Im Jahr 2023 erschien das Werk in deutscher Übersetzung beim Verlag Wagenbach. Morenos Geschichte rund um Lina, Linas Großmutter, Linas Freundin Dora usw. ist selbst heute noch mehr als aktuell. Es geht um sexuelle Gewalt, seelische Gewalt, das Frauenbild an sich, das kolumbianische Leben an sich und hauptsächlich eben Frauen die auffallen und somit für jeden Skandal bereit sind bzw. diesen über sich ergehen lassen müssen.
Es ist ein schweres Buch in jeglicher Hinsicht. Einerseits ist die Thematik keine leichte Kost aber auch Morenos Schreibstil macht es äußerst schwer hier am Ball zu bleiben. Ihre philosophischen Gedankengänge, ihre Wahl von Metaphern fand ich äußerst gelungen aber dennoch ist sie rau und hart und mutet so manchesmal dem Leser richtig schwere Kost zu, die am Rande des erträglichen ist. Moreno zeichnet ein „lebenssattes lateinamerikanisches Sittengemälde der fünfziger Jahre“ - aus Gesprächen mit Einheimischen des Landes kann ich nur klar sagen, Moreno traf wohl den Kern des Problems an der empfindlichsten Stelle. Nur das keiner laut über diese Zeit redet. Moreno hat es damals getan. Allein dafür muss man ihr heute noch Respekt zollen aber dennoch empfand ich den Verlauf der Geschichte, die ganzen Begebenheiten, die knallharten Erzählungen als zu hart. Hätte sie damals eine andere, etwas moderatere Sprache gewählt, wäre ich hin und weg von diesem Roman. Da er aber ist wie er ist, fiel es mehr als schwer allem zu folgen und vor allem zu verstehen. Wer Hintergrundwissen hat zu diesem Thema kann es besser nachvollziehen aber wer komplett frei an dieses Buch geht, wird klaglos an ihm scheitern. Ob die deutsche Übersetzung herausragend ist, kann ich keineswegs beurteilen, ich kann nur beurteilen, dass mehr als einige Parts so verschachtelt waren, dass ich sie mehrfach lesen musste um überhaupt mal irgendeinen Ansatz des Verstehens zu erhalten. Fazit: ein schwer verständliches Buch in jeder Hinsicht. Neutrale 2,5 Sterne hierfür
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