Kann ein reich bebildertes Buch über das Tal der Fränkischen Saale
mit seinen über 100.000 Einwohnern mehr als Kultur- und Naturbetrachtung
bieten? Wir fahren diesen unterfränkischen Fluss hinauf
›in die deutsche Geschichte hinein‹. Die christliche Prägung und die
jüdische Vergangenheit der Gegend werden anschaulich beschrieben,
Persönlichkeiten vorgestellt, ein leiser Humor nimmt sich der liebenswerten
Eigenheiten der Menschen an. Die Reisebeschreibung beginnt
an der Mündung in den Main. Anschließend geht es vom regen Verkehrsknotenpunkt
Gemünden über das Rokoko-Kloster Schönau,
die hochmittelalterliche Homburg, Schloss Saaleck, Hammelburg,
Erdfunkstelle Fuchsstadt, Ruine Trimburg, Aura, Euerdorf mit seinen
Saurier-Spuren, Bad Kissingen mit dem von der UNESCO als Welterbe
ausgezeichneten Kurgelände, den Saaleauen samt Flugplatz, Ruine
Botenlauben, Kloster Frauenroth, die Museen in Schloss Aschach,
Bad Bocklet, Bad Neustadt mit der Salzburg, Münnerstadt und Bad
Königshofen im Grabfeld bis zum zweitgrößten jüdischen Friedhof
Bayerns und den Saalequellen bei Alsleben und Obereßfeld. Expertengespräche
mit dem Schlossbesitzer von Höllrich und dem Heimatpfleger
des Kreises Rhön-Grabfeld runden das epochenübergreifende
›Erlebnis Fränkische Saale‹ ab.
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Das Wandern ist des Lesers Lust. Hans-Jürgen Mahlitz über Stefan Wincklers Buch "Erlebnis Fränkische Saale"
Bewertung am 16.12.2024
Bewertungsnummer: 2365637
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Das Wandern, so ließ Franz Schubert vor nunmehr 200 Jahren seinen Liederzyklus
"Die schöne Müllerin" beginnen, sei "des Müllers Lust". Der Autor des Liedtextes hieß
zwar Wilhelm Müller, war von Beruf jedoch Lehrer und Bibliothekar. Und hätte er
damals ein Buch wie das jetzt hier vorliegende zur Hand gehabt, hätte er womöglich
gedichtet "Das Wandern ist des Lesers Lust"!
Unter dem Titel "Erlebnis Fränkische Saale" hat der Journalist und promovierte
Historiker Stefan Winckler ein Buch geschrieben, das – salopp gesagt – eher nicht
ins Bücherregal, sondern in den Rucksack gehört und deshalb zu Recht den
Untertitel "Ein Reisebegleiter" trägt.
Der Autor ging seinen Lesern mit gutem Beispiel voran und hat sich dieses Buch im
wörtlichen Sinne erwandert, und zwar mit der Kamera in der Hand. So entstand ein
rundum ansehnliches Werk mit rund 275 farbigen Fotos, von denen nur ein einziges
als aus fremder Quelle stammend zu kennzeichnen war. Natürlich ist nicht jedes
dieser Fotos der Kategorie "Hohe Kunst" zuzuordnen. Doch dies hat gute Gründe:
Im Zweifelsfalle war Winckler gut geraten, den angestrebten Informationsgehalt über
den künstlerischen Wert zu stellen. Der Erfolg gibt ihm recht. Die immer wieder
fotografisch unterstützten Texte vermitteln ein breit gefächertes Angebot an
Informationen über eine Region, die üblicherweise eher am Rande des touristischen
und publizistischen Interesses steht.
Schon der Buchtitel verweist auf eine weit verbreitete Wissenslücke: Wem ist schon
bewusst, dass es im Herzen Deutschlands gleich zwei Flüsse namens Saale gibt, die
übrigens beide im bayerischen Franken entspringen! Die bekanntere ist die
Sächsische Saale; sie fließt durch Städte wie Jena, Naumburg, Merseburg und
Halle, um nach 413 Kilometer in die Elbe zu münden.
Ihre kleinere und weniger bekannte "Schwester", die Fränkische Saale, bringt es nur
auf 135 Kilometer.Die aber haben es „in sich“. Von der Quelle bei Alsleben
(nördliches Unterfranken) bis zur Mündung in den Main bei Gemünden schlängelt
sich die Saale durch abwechslungsreiche Landschaften und attraktive Orte. So, wie
Winckler sie beschreibt, laden sie nicht nur passionierte Wanderer und Naturfreunde
ein, sondern sprechen auch jene Zeitgenossen an, die eher zur Bequemlichkeit
neigen. Denn die Lektüre dieses Buches ist auch dann ein Genuss, wenn man nicht
gleich nach dem ersten Kapitel die Wanderstiefel schnürt.
Das hat seine Gründe: Der Autor ist eben nicht nur aufmerksamer Beobachter einer
von Natur und Kultur gleichermaßen geprägten Landschaft, der sein journalistisches
Handwerkszeug – also den Umgang mit der Sprache – beherrscht, sondern zugleich
auch promovierter Historiker. So lässt er immer wieder geschichtliche Hintergründe
und Zusammenhänge einfließen, etwa in dem ausführlichen Kapitel, das er Bad
Kissingen widmet (S. 160 – 219).
Das Ergebnis sind Texte, die deutlich über die Funktion eines Reisebegleiters
hinausgehen und deren Informationswert spürbar zum sympathischen Image dieser
Flusslandschaft beiträgt. Ein Eindruck, der natürlich auch dadurch verstärkt wird,
dass der Autor offen zu erkennen gibt, wie sehr ihm diese Landschaft am Herzen
liegt.
Geschichtsbewusste Leser werden sich bei dem anfangs zitierten Liedgut erinnern,
dass auch das Wandern eine durchaus historische Dimension hat. Zum Beispiel
spielen im Schaffen des Dichterfürsten Goethe die Lehr- und Wanderjahre eine
wichtige Rolle.
Schon die alten Griechen wussten, dass περιπατεῖν (herumgehen, umherwandeln,
wandern) das Denkvermögen fördert, insbesondere die Fähigkeit,
zsammenhängende Gedankengänge zu entwickeln. Folgerichtig nannte sich die
Philosophenschule des Aristoteles "Peripatetiker".
Ebenfalls aus dem vierten vorchristlichen Jahrhundert datiert eine Inschrift, die am
Ostrand der Athener Akropolis gefunden wurde. Sie beschreibt fast schon im Stil
eines heutigen Reisebegleiters einen Weg namens "περίπατος" (Peripatos), auf dem
man den gesamten Burgberg umwandern konnte.
Oder, um in die jüngere Zeitgeschichte zu wechseln: Karl Carstens war der erste und
bislang einzige Bundespräsident, der nach seiner Wahl die Republik für sich
erschloss, indem er sie systematisch erwanderte – was ihn fundamental von jenem
seiner Vorgänger abhob, der es sich lieber „hoch auf den gelben Wagen“ bequem
gemacht hatte.
Mit so viel Historie im Marschgepäck ist denn auch unsere anfängliche Zuordnung zu
korrigieren beziehungsweise zu erweitern: Dieses Buch gehört eben nicht nur als
Reisebegleiter in den Rucksack, sondern auch ins Bücherregal, und zwar in die
Abteilung „informativ und unterhaltsam“ – ein Lesevergnügen, das sich allenfalls
noch steigern ließe, hätte man eine Karte, die Flussverlauf zeigt, hinzugefügt.
Stefan Winckler: Erlebnis Fränkische Saale. Ein Reisebegleiter. Würzburg:
Königshausen & Neumann. 404 S., ISBN 978-3-8260-8347-1;
24,00 €
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