»Ein wenig kann ich die Anstrengungen der Freiheitskämpferinnen jetzt wohl nachfühlen. In einem aussichtslosen System standhaft zu bleiben, ist ein enormer Kraftakt.« (aus 'Diffamie') Blicke, die viel zu lange an ihnen kleben bleiben und ihnen quer durch den Raum folgen. Oder durch eine Menschenmenge. Schritte, die sie in der Dunkelheit augenscheinlich verfolgen. Oder tatsächlich. Hände, die sie wie zufällig streifen. Oder ganz ungeniert zupacken. Der Vorgesetzte oder gar der Partner, der sich wie selbstverständlich nimmt, was ihm seiner Ansicht nach zusteht. Im Stich gelassen von Gesetz und Mitmenschen, bleiben den Protagonistinnen in der Kurzgeschichten-Sammlung »Fährnis der Frau« nur zwei Möglichkeiten: schweigen oder zurückschlagen. Ein Albtraum, dem nicht alle Frauen lebend entkommen.
Ein neues Kapitel für Ihre Bücher
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Diese Kurzgeschichtensammlung enthält mehr Realität als Fiktion. Und das macht unendlich traurig…
Ob auf Konzerten, dem Weg zur Arbeit, zu Hause oder im Internet: Noch immer sind es vor allem Frauen/weiblich gelesene Personen, die von sexualisierter Gewalt (sowohl physisch als auch psychisch) &/oder Stalking betroffen sind.
Darum ist dieses Buch auch keines, dass man mal eben zum Einschlafen liest, eben vor allem nicht als weibliche Person. Denn auch in meinem Umfeld stimmt die Theorie, dass jede Frau mindestens eine benennen kann, welche schon einmal Opfer eines Verbrechens aus den oben genannten Kategorien wurde. Passieren kann so etwas nahezu überall, selbst in den eigenen vier Wänden kann man sich nicht gänzlich schützen.
Autorin Ava Morgan greift diese Thematik in ihrem Buch Fährnis der Frau in 12 Kurzgeschichten auf. Die meisten davon beruhen in der Tat auf eigenen Erfahrungen oder solchen, die andere erlebt haben, sind also, so schlimm das ist, weit weg von Fiktion. Die einzelnen Erzählungen bringen jeweils zum Nachdenken, es kommen sofort Fragen im Kopf auf, etwa, ob diese Story bekannt vorkommt, ob & wenn ja, wie die Geschichte hätte anders laufen können, ob man eine oder sogar mehrere Personen kennt, der/denen das schon passiert ist. Oder gar mir selbst…?
Leider glaube ich, dass es viel zu viele Frauen gibt, die sich in einer, wenn nicht gar in mehreren dieser Geschichten wiedererkennen können. Eben denjenigen wird hier ein Stück weit eine Stimme gegeben: Du bist nicht allein. Wir verstehen dich. Wir können deine Gefühle nachvollziehen. Wir waren da, wo du jetzt bist. Das relativiert die Problematik nicht, das nimmt auch nicht den Schmerz, die Scham, die Angst, aber es benennt den Schrecken, die Gewalt, die Straftaten. Jede Person, die bei dieser Thematik mit „aBer wAs WooOolLt iHR frAuen dEnn noCh, Ihr habT doCH scHon aLlEs!!11“ oder gar „Stellt euch doch nicht so an, ihr steht doch drauf, angemacht zu werden!“ sollte gezwungen werden, dieses Buch zu lesen. Okay, ich merke gerade, dass ich beim Verfassen dieser Rezension wirklich traurig & auch echt sauer werde, dass das alles überhaupt noch ein Thema ist. Ein Thema, welches noch viele Bücher, Gespräche & wohl auch Gesetze braucht, bis es vielleicht in Zukunft endlich, endlich keines mehr ist, über das man so ausführlich sprechen sollte, oder nein, sogar sprechen MUSS!
Ein letztes noch: Von der Länge & der gewählten Sprache her lassen sich die einzelnen Geschichten (bitte entschuldigt dieses unpassend wirkende Wort in der Rezension) trotz allem angenehm lesen. Zum Abschluss also noch ein positives Wort, denn irgendwie tut das doch auch immer gut.
In diesem Sinne: Danke Ava, für ein Buch, das den Finger zwar in eine Wunde legt, aber auch Mut macht, zeigt, dass man nicht allein ist & ein weiterer Schritt auf dem Weg in eine gerechtere Welt sein kann.
Zwölf Mal weibliche Hölle
Kwinsu aus Salzburg am 24.11.2023
Bewertungsnummer: 2075070
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Zwölf Geschichten, so grausam, dass das ungute Gefühl in der Magengegend beim Lesen kaum zu unterdrücken ist. Ava Morgan schildert in “Fährnis der Frau” Ereignisse, denen Frauen oder weiblich gelesenen Personen tagtäglich ausgesetzt sind. Seien es Äußerlichkeiten-Rankings beim Festival, die so üblich sind, dass sie kaum mehr aufregen. Oder die patriarchale Hierarchie im hippen Unternehmen, die es Männern scheinbar erlaubt, sich alles zu holen, was sie wollen und die unterdrückenden Strukturen so tief verankert sind, dass sich Frau kaum dagegen wehren kann. Oder Stalking-Vorkommnisse, die sich dank Social Media und dem gläsernen Internet nur allzu leicht vom Virtuellen in die Wirklichkeit begeben. Auch intime Übergrifflichkeiten werden geschildert, die sogar von jenen abgetan werden, die doch solidarisch sein sollten: andere Frauen. Das Erschreckende dabei: neun von zwölf Erzählungen basieren auf wahren Begebenheiten und auch die restlichen drei sind absolut vorstellbar.
Neben der realistischen Darstellung ist besonders der angenehme Erzählstil der Autorin hervorzuheben. Die Kurzgeschichten werden aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt, sei es aus erster, zweiter oder dritter Person, auch eine Interviewform ist dabei und macht das Lesen abwechslungsreich. Das ist auch essentiell, da die einzelnen Geschichten sehr aufs Gemüt drücken. Ava Morgan schafft es, dass sich die Lesenden absolut in das Erzählte hineinversetzen können, was Fassungslosigkeit hinterlässt und zur Rebellion aufruft. Und bewusst macht, dass es zur Gleichberechtigung noch ein langer Weg ist; dass wir uns solidarisieren müssen und jeglicher Sexismus und die Annahme, dass Frauen und jene, die weiblich gelesen werden, Freiwild sind und die kontinuierlichen Grenzüberschreitungen weiterhin toleriert werden, bekämpft werden müssen.
Mein Fazit: ein enorm gelungenes, wichtiges Buch, das in seiner Episodenhaftigkeit hervorragend dafür geeignet wäre, als Feminismus-Black-Mirror verfilmt zu werden! Meines Erachtens eignet sich das Buch sehr gut als Lehrmaterial für die Aufklärung über die tief verankerten patriarchalen Strukturen, egal ob für Jung oder Alt. Ein Lese-Muss für alle, die dazu bereit sind, die gesellschaftlichen Gegebenheiten zu reflektieren und sich nicht davor scheuen, die oft brutale Wirklichkeit von Frauen zu betrachten.
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