Was ein Gedicht sein kann? Alles. Frieda Paris‘ Debüt "Nachwasser" ist durchlässig, tiefschichtig, auffächernd. Hier schreibt eine Schreibende, die den Einflüsterungen ihrer Wortmütter ebenso lauscht wie denen eines Vogels, der auf ihrer Schreibschulter ein Nest gebaut hat. Der Text lässt seine Leserinnen und Leser an der Entstehung eines langen Gedichts teilhaben, nimmt sie mit an den Schneidetisch, wo alles zusammenfindet: gestrandetes Poesiegut, Tränensalz, Wörter der Kindheit – und Zettelrückseiten aus dem Nachlass der großen Wortmutter Friederike Mayröcker. Unbeirrt legt die Autorin Sätze für sich und die Lesenden auf die Kante des Tischs, hin zu einem einzigen lebenslangen Satz, in der Hoffnung, er möge – irgendwann – auf jemanden zuhalten.
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Überraschend und erfreulich, dass Lyrik für den Österreichischen Buchpreis nominiert wird.
Nachwasser ist ein Langgedicht, bei dem man als Leser dicht an der Entstehung des Textes dran ist.
Erste Themen sind Kindheit, Eltern und Geschwister, eine verlorenen Liebe, besonders aber das Schreiben selbst.
Es gibt Bezüge auf Literaten wie Ingeborg Bachmann, Cesar Aira, Hilde Domin, Elke Erb und vor allen Dingen Friederike Mayröcker.
Mit Mayröckers Gedichten treten die von Frieda Paris in einen Dialog.
Eine junge Stimme begegnet der 2021 verstorbenen großen Wortmutter, wie Frieda Paris sie nennt.
Was für ein Debüt!
Beste neue Lyrik
Bewertung am 05.05.2024
Bewertungsnummer: 2194089
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
»Nachwasser« ist eine Hommage an Friederike Mayröcker. Auf Zettel hat selbige ihre Gedanken und Dichtungen verfasst, sie dann zusammengebracht und daraus ihr Werk erschaffen.
Ausgehend von Mayröckers Zettel-Archiv hat die Schneiderin, Theater-, Film und Medienwissenschaftlerin Frieda Paris einen von Mayröckers Arbeitsweise und Werk inspirierten | erschaffen, der sich auf die große Dichterin bezieht und sich traut, weiterzutreiben in einen ganz eigenen Sound. Das halten wollen, die Sprache, die Einsamkeit und ein den Stream verbindender Vogel sind im Spiel dieses harmonisch zugeschnittenen Langgedichts, wie das Drehen und Wenden der Zettel, denn »: jeder Satz hat eine Rückseite« |5.
»vielleicht ist dieser Text eine Auffaltung, von hier aus (ist gleich SCHNEIDETISCH) befinde ich alles.« |6
Alles? Frieda Paris befindet viel, wenn sie am SCHNEIDETISCH analog und konträr aus Stoffen, Papier, Büchern und Zitaten Szenen, Gedanken, Assoziationen, An- und Neuordnung der Fragmente schafft. Aber dieses Alles komplettiert sich erst, wenn ihre Ansprache Anklang findet, der Fluss des Sendens und Empfangens der Literatur weiterfließt. Indem Frieda Paris mit ihrer Ich-Figur Mayröcker loslässt, sich Erb, Monroe, Kirsch, Camus, Celan, Duras und anderen zuwendet, weitertreibt, zerschneidet und zusammensetzt, passiert beim Lesen ein Assoziieren, Treiben, Kreisen, Zerschneiden, ein Zusammengehen, -fallen und -setzen.
Das Sein, die Liebe, das Verlassen und Werden fallen in »Nachwasser« zusammen, sie fließen zu zentralen Motiven des Vogels, der Farbe gelb und zu aufeinander Bezug nehmenden Szenen wie
»dass ich einmal neben jemandes Rücken liegen möchte,
ohne Angst haben zu müssen, es könnte jederzeit vorbei sein,
weil einer weiter muss, weil noch immer einer fort muss,
auf die nächste Insel, indes ich dann wieder zurück
an den SCHNEIDETISCH« |10
»das Verlassen werden kam vor dem Schreiben
kurz nach der Geburt fast fallengelassen worden,
in der Ohnmacht meiner Mutter, kaum dass sie mich
auf die Welt gebracht/hatte/sie mich schon gerettet
und ich sie verloren ℎ ,
______________ℎ «|11
.
Ein beachtenswerter und erfreulicher Text, der nach Performance ruft. Menschen mit einem Herz für Lyrik und neue sich wagende Stimmen, verpasst Frieda Paris nicht.
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