Eine Frau zwischen alten Rollenverhältnissen und neuen Rollenansprüchen
Eine Frau – Mutter, Partnerin, Versorgerin – fährt eines Morgens nicht zur Arbeit, sondern in die Psychiatrie. Am Abend hat sie sich mit ihrem Partner gestritten, vielleicht ist etwas zerbrochen, jetzt muss sie den Tag beginnen, sie muss die Tochter anziehen, an alles denken, in der Wohnung und ihrem Leben aufräumen. Doch sie hat Angst: das Geld, die Deadline, die Beziehung, nichts ist unter Kontrolle, und vor allem ist da die Angst um ihren Stiefvater, der früher die Welt für sie geordnet und ihr einen Platz darin zugewiesen hat. In der Psychiatrie, denkt sie, wird jemand sein, der ihr sagt, wie ihr Problem heißt. Dort darf sie sich ausruhen.
Siegfried ist ein Roman über alte Ordnungen und neue Ansprüche, über Gewalt und das Schweigen darüber, über eine Generation, deren Eltern nach dem Krieg geboren wurden und deshalb glaubten, er sei vorbei.
Ein neues Kapitel für Ihre Bücher
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Nicht ganz einfach lesbar, erzählt die Ich- Erzählerin von ihrer klaustrophobischen Kindheit und ihrer späteren Beziehung zu einem Mann, der scheinbar den Ausbruch aus altbekannten Mustern bedeutet. Bedrückend und wahrscheinlich auch alltäglich...
fraedherike
5/5
05.04.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Alptraum. Siegfried ist…
Ein Alptraum. Siegfried ist tot. Siegfried, ihr Stiefvater, der Mann, mit dem sie aufgewachsen, der immer da gewesen war. Es kann nicht sein, alles war nur ein Traum. Doch er lässt sie nicht los, der Gedanke, dass er nicht mehr da ist, wühlt sie auf. Und dann ist da diese Sirene. Durchdringend füllt sie ihren Kopf, den Raum, es kann nicht sein, dass nur sie dieses auf- und abschwellende Heulen hört. Alles ist zu viel, der Gedanke an Siegfrieds möglichen Tod, das Manuskript, die Deadline, die sie einzuhalten hat. Alex, den sie mit ihrem Lektor Benjamin betrogen hatte. Johnny, ihre Tochter. Sie musste noch Waschmittel kaufen gehen. Geld. Der Vorschuss war aufgebraucht. Sie brauchte Zeit, Zeit um zu schreiben; sie hatte keine Seite geschrieben. Heute würde sie nicht zur Arbeit fahren. In Trenchcoat, ohne Schuhe, den Laptop unter dem Arm fährt sie in die psychiatrische Ambulanz. Dort wird jemand sein, der ihr helfen kann, ihr Leben zu ordnen, das Problem zu finden, das alles aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. Sie würde sich endlich ausruhen können. Neun Lettern, die von Macht sprechen, von altem Geld, von Regeln. Davon, nach dem Besten zu streben, keine Kompromisse: Siegfried. Alle Wege führen zu ihm, denn er war immer da gewesen im Leben der Protagonistin aus Antonia Baums neuem Roman „Siegfried“, körperlich wie geistig, in ihren Gedanken, in ihren Handlungen – Siegfried. Das personifizierte Patriarchat, der Macher. Sie ist fahrig und aufgewühlt, die namenlose Protagonistin, ihr Leben am Rand einer Klippe, im Fallen begriffen, doch sie kann sich nicht halten. Seit einem Jahr hat sie eine Schreibblockade, ihr Buchprojekt ein ruheloses Blinken des Cursors auf dem Display, und sie hat Angst: dass das Geld ausgeht, vor der Reaktion ihrer Verlegerin, vor Alex. Geld war schon immer ein Streitpunkt ihrer Beziehung. Denn Geld bedeutet für sie Sicherheit. Das war etwas, das er – anders als sie – von seinen Eltern nicht mitbekommen hatte. Sie wuchsen in der DDR auf, die Wende hatte etwas mit ihnen gemacht. Alex schämte sich für sie, die Platte, den Nippes, ihre Kleingeistigkeit; dafür, dass sie kein Geld und keine Ambitionen zu haben schienen: „Sie kämen ihm vor die Kinder, die sich erschreckt hätten, als die Mauer fiel, und sich von dem Schreck nicht mehr erholten. Es ging bei uns nur um Angst. Die haben alles aus Angst gemacht. Das Höchste, was man erreichen konnte, war Sicherheit. Es gab nichts, was ich nachmachen konnte. Oder wollte.“ (S. 125) . Angst, das war etwas, ihrer Familie auch nicht unbekannt war. Sie blickt zurück, in ihre Kindheit, die Wochen, die sie im Sommer bei Hilde, der Mutter ihres Stiefvaters Siegfried, verbrachte. Hilde ist eine Marke, anders kann man es nicht sagen. Sie vergöttert ihren Sohn, doch liebevoll ist sie nicht, in ihrem Haus wohnt Traurigkeit. Ein wenig kauzig, sonderbar, liebt raffinierte Dinge, eine Macht- und Respektsperson, die sich nach der Sicherheit und Stabilität der 80er Jahre sehnt, immer wieder ihre Erinnerungen an den Krieg nebenbei ins alltägliche Gespräch einfließen lässt. Das Mädchen bekommt jeden Tag die Enttäuschung darüber zu spüren, dass sie eben das ist: kein Junge. Sie wird gefordert, ihre Fortschritte gemessen, klein gehalten; der Blick in den Spiegel wird ihr verwehrt, der offenbaren würde, dass sie älter wird, als könne es den Lauf der Dinge aufhalten. . Angst auch in ihrem Elternhaus: häusliche Gewalt, Berechnung, patriarchale Macht. Und Angst, als sie – ihr Elternhaus hatte sie lange verlassen – Alex kennenlernt. Sie sehnte sich nach jemandem, der anders ist, anders, als sie es kennengelernt, von Hilde gelehrt bekommen hatte, und fand all das in Alex: Er schien sorglos, was das Leben angeht, seine Zukunft, wollte sich lösen von alten Mustern, seinem Zuhause, doch sie wurde immer wieder befallen von den Zügen, die sie ihr Leben lang vorgelebt bekam. Neurotische Ordnungssucht, genug Waschpulver, Brot. Geld. Das große Streitthema. Und immer wieder scheint Alex sich wie Siegfried zu sein, ihre Beziehung wie die ihrer Eltern: „Ich zitterte, er sah mich lächelnd an, und ich war voller Glück. Ich sah ihn an und dachte, dass er überhaupt keine Ahnung hatte und vor allem keine Angst. Nicht davor, bei mir zu sein, auch nicht davor, allein zu sein. Als ich Jahre später in der Psychiatrie saß, fragte ich mich, was aus Alex und mir geworden war, wie es sein konnte, dass es dem so ähnelte, was meine Eltern miteinander veranstaltet hatten, die Lügen, die Kälte, die Brutalität. Ich konnte es nicht sagen, aber ich hatte eine Ahnung." (S. 113)
Bewertung
aus Leutesdorf
5/5
27.03.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein einziger Tag
Nach der LP und dem Klappentext habe zunächst ein anderes Buch erwartet. Aber die Geschichte um SIEGFRIED von ANTONIA BAUM hat mich sehr beeindruckt. Siegfried ist der Stiefvater einer Frau, die wirklich kein schönes Leben hatte. Völlig fertig beschließt die Frau, dass sie heute in die, in der Nähe gelegenen Psychiatrie fährt. Sie hat erzählt bekommen, dass man sich dort einfach ohne Termin hinsetzen kann und geholfen bekommt. So sitzt sie den ganzen Tag im Wartezimmer und denkt über ihr Leben nach. Und wie es so kommen konnte, wie es kam. Und dabei spielt Siegfried die Hauptrolle, denn er hat sich um sie bemüht.
Die Autorin hat mich mit ihrem Buch und dem Schreibstil eingefangen, so dass ich mich schnell ins Denken einfühlen und so am Leben teilhaben konnte. Mich hat es erstaunt, als ich registriert habe, dass es tatsächlich nur ein einziger Tag war, den das Buch erzählt und doch ein ganzes Leben.
Renate
aus Leutesdorf
5/5
27.03.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein einziger Tag Nach der LP…
Ein einziger Tag Nach der LP und dem Klappentext habe zunächst ein anderes Buch erwartet. Aber die Geschichte um SIEGFRIED von ANTONIA BAUM hat mich sehr beeindruckt. Siegfried ist der Stiefvater einer Frau, die wirklich kein schönes Leben hatte. Völlig fertig beschließt die Frau, dass sie heute in die, in der Nähe gelegenen Psychiatrie fährt. Sie hat erzählt bekommen, dass man sich dort einfach ohne Termin hinsetzen kann und geholfen bekommt. So sitzt sie den ganzen Tag im Wartezimmer und denkt über ihr Leben nach. Und wie es so kommen konnte, wie es kam. Und dabei spielt Siegfried die Hauptrolle, denn er hat sich um sie bemüht. Die Autorin hat mich mit ihrem Buch und dem Schreibstil eingefangen, so dass ich mich schnell ins Denken einfühlen und so am Leben teilhaben konnte. Mich hat es erstaunt, als ich registriert habe, dass es tatsächlich nur ein einziger Tag war, den das Buch erzählt und doch ein ganzes Leben.
Tizia
5/5
23.03.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Super tiefgründig und trotzdem leicht lesbar
Dieser Roman handelt von gesellschaftlichen Erwartungen und Rollendruck. Es geht nicht nur um Gewalt in der Familie, sondern auch der Gesellschaft, die immer Menschen innerlich zerstört.
Ja, es ist kein schönes heile-Welt-Bild, dass die Autorin hier zeichnet, es ist aber ein ehrliches. Und mit jeder gelesenen Seite habe ich mehr Parallelen zu unserer Lebensrealität erkannt.
Ich persönlich mag auch den Schreibstil von Antonia Baum sehr. Diese fast schon poetische Auswahl an Wörtern machen das Buch zu etwas ganz Besonderem. Ich glaube aber trotzdem, dass das Buch nicht für jeden etwas ist. Kinder und auch Jugendliche sollten es vielleicht besser nicht lesen, auch Menschen mit einer Vergangenheit, die von Missbrauch geprägt ist, sollten vorsichtig sein und schauen, ob es nicht doch etwas zu hart ist.
Denn die beschriebenen Szenen sind z.T schon sehr krass, was das Buch aber nicht weniger gut macht.
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