Komponistinnen. Frauen, Töne & Meisterwerke
Reclams Klassikerinnen – Die wichtigsten Komponistinnen von der Antike bis heute – Mit Playlists zu jedem Kapitel
In der Geschichte der klassischen Musik spielen Frauen noch immer kaum eine Rolle – dabei gab es bereits in der Antike die ersten Komponistinnen. Aliette de Laleu erzählt in eindringlichen Porträts ihre Geschichten und bringt uns das Schaffen so unterschiedlicher Persönlichkeiten wie Sappho, Hildegard von Bingen, Clara Schumann, Ethel Smyth oder Kaija Saariaho nahe. Und sie erklärt, warum Komponistinnen oft die ihnen zustehende Anerkennung versagt blieb.
»Ein brillantes und lehrreiches Buch.«
Anne-Laure Poisson, Le Point
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Vergessene Töne – Frauen, die die Musikgeschichte prägten
Bewertung (Mitglied der Book Circle Community) am 22.12.2025
Bewertungsnummer: 2683011
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Buch, das mehr ist als nur ein Streifzug durch die Musikgeschichte — es ist eine Einladung zum Neuhören, zum Entdecken und vor allem zum Umdenken.
Aliette de Laleu hat mit diesem kleinen, feinen Band ein Werk vorgelegt, das vieles zurechtrückt, was unsere Ohren viel zu lange überhört haben: Die Musik von Frauen. Und ja, es ist genau das, was der Untertitel verspricht — eine Musikgeschichte (fast) ohne Männer, aber ohne Besserwisserei, ohne moralischen Zeigefinger, sondern mit viel Begeisterung für die Kraft, die Neugier und den Eigensinn dieser Komponistinnen.
Beim Lesen hatte ich mehr als einmal den Impuls, das Buch zur Seite zu legen — aber nicht, weil es langweilig gewesen wäre, sondern weil ich sofort die Musik hören wollte, von der die Rede war. Von Sappho über die universell schaffende Hildegard von Bingen, die trotz (oder gerade wegen) klösterlicher Enge Räume aufgestoßen hat, bis hin zu Clara Schumann, die ein Leben lang unterschätzt, übersehen oder gar vereinnahmt wurde.
Am meisten berührt hat mich die Entdeckung von Hélène de Montgeroult. Eine Frau, deren Name selbst unter Klassikliebhaberinnen fast unbekannt ist — und das, obwohl sie nicht nur eine brillante Pianistin, sondern auch eine Pionierin der Klaviermusik war. Montgeroult hat ein beeindruckendes, über 700 Seiten starkes Lehrwerk für Klavier verfasst, das Cours complet pour l’enseignement du forte-piano — ein Werk, das nicht nur ihre Zeitgenossinnen prägte, sondern später Generationen von Pianist*innen beeinflusste, auch wenn ihr Name dabei oft nicht genannt wurde.
Und ihre Musik? Wenn man sie hört, glaubt man kaum, dass sie aus der Zeit um 1800 stammt. Ihre Kompositionen sind so modern, so feinfühlig und voller Ausdruckskraft, dass man sie problemlos neben Schumann, Chopin oder gar frühen Debussy stellen könnte. Geradezu unheimlich ist der Gedanke, dass ihre Werke über all die Jahre in Vergessenheit geraten sind — als hätte die Musikgeschichte entschieden, sie auszublenden, nur weil sie eine Frau war. Wie konnte eine so einflussreiche Musikerin, die als Lehrerin am Pariser Konservatorium wirkte, und mit ihren Etüden und Sonaten Generationen von Klavierspielenden den Weg bereitet hat, einfach ausradiert werden?
Diese Ungerechtigkeit zu spüren, während man ihre Musik hört — das ist vielleicht der bewegendste Moment, den dieses Buch in mir ausgelöst hat. Es hat mir gezeigt, dass Hélène de Montgeroult weit mehr ist als eine „wiederentdeckte Komponistin“ — sie ist ein Missing Link in der Entwicklung der Klaviermusik, den man gar nicht übersehen darf, wenn man verstehen will, wie sich dieses Instrument und seine Klangsprache entwickelt haben.
Besonders wertvoll an diesem Buch ist auch, wie Aliette de Laleu zeigt, warum so viele dieser Werke und Namen aus dem kulturellen Gedächtnis verschwunden sind. Es ist keine zufällige Vergesslichkeit, sondern das Ergebnis einer strukturellen Misogynie, die Frauen in der Musik über Jahrhunderte entweder in die Rolle von Musen oder Liebhaberinnen drängte — aber nicht als eigenständige Künstlerinnen wahrnehmen wollte.
Was mich beim Lesen begleitet hat, war oft eine Mischung aus Erstaunen, Freude und einer leisen Bitterkeit: So viele Namen, so viele Meisterinnen — und doch so wenig von ihnen geblieben, zumindest in den gängigen Konzertsälen und Lehrplänen.
Doch genau deshalb ist dieses Buch so wichtig: Es öffnet nicht nur die Ohren, sondern auch das Bewusstsein für jene, die viel zu lange in den Schatten gestellt wurden.
Und es macht Lust, gleich loszustreamen. Wer sich für klassische Musik interessiert — und sei es nur als neugieriger Laienhörerin — wird hier nicht nur fündig, sondern reich beschenkt.
Eine klare Leseempfehlung für alle, die Musik nicht nur hören, sondern auch verstehen und neu entdecken wollen.
Weitere Rezensionen auf Deutsch findest du auf meinem Goodreads- und LovelyBooks-Profil.
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