Die deutsche Einigung bedeutete für die Kulturlandschaft einen tiefen Einschnitt. Rasch kämpften im Osten wie im Westen Berlins Orchester und Chöre, die bisher vom Rundfunk getragen worden waren, um ihre Existenz – bis 1994 die ROC GmbH entstand, deren Gründungsgeschichte exemplarisch die wirtschaftlichen, sozialen und mentalen Verwerfungen des deutschen Einigungsprozesses zeigt. „Harmonielehre“ erzählt, wie aus Improvisation eine überraschende Lösung entstand, die „ungleich vereint“ (Steffen Mau) aus der bloßen Nachahmung der alten Bundesrepublik herausführte.
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An das Buch „Harmonielehre“ von Constantin Goschler und Stefan Pulte bin ich mit hohen Erwartungen herangegangen. Das farbenfrohe Cover soll viel positive Energie vermitteln und der Klappentext verspricht, einen Weg aufzuzeigen, „der aus der bloßen Nachahmung der alten Bundesrepublik herausführte“. Vorgestellt wird ein gemeinnütziges GmbH-Modell, das die tragenden politischen Kräfte Deutschlands spiegelt und gleichzeitig von ihnen geformt wird, die Rundfunk Orchester und Chöre gGmbH Berlin (35 % Bundesrepublik, 20 % Land Berlin, 40 % Deutschlandradio, 5 % RBB).
Was mich neugierig machte: Schon der Klappentext suggeriert, dass in der ROC-gGmbH Institutionen mit z. T. gesamtdeutscher Geschichte und Kultur auf der Basis vergleichbarer Grundlagen in Übereinstimmung und Einklang gebracht wurden.
Erwartet hatte ich eine Best-of-Liste von vier Spitzenensembles (Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin gegründet 1923, Rundfunkchor Berlin gegr. 1925, Deutsches Symphonie-Orchester Berlin gegr. 1946, RIAS Kammerchor gegr. 1948) und deren Werdegang. Eine Unternehmensgeschichte, in der sich West und Ost auf Augenhöhe begegnen und zu einer Einheit verschmelzen.
In flüssigem Schreibstil untersuchen die Autoren auf 150 Seiten die Zeit der Entstehung der ROC von 1994 bis 2009 und führen Quellen an, die ein Gefühl der Informiertheit vermitteln sollen. Die einseitige Perspektivierung ihrer Themen, ihre Wortwahl und z. T. falschen Schlussfolgerungen infolge fehlender Fakten verwehren dem Leser allerdings eine umfassende und kritische Meinungsbildung.
Wer die Unterschiede zwischen West und Ost als „soziale, wirtschaftliche und mentale Verwerfungen“ framed, impliziert, dass es sich um Naturgewalten handeln würde, die keiner beeinflussen könne. Diese Unterschiede innerhalb der ROC sind hingegen Ergebnisse bewusster und bis heute wirksamer politischer Entscheidungen. (Rundfunk-Überleitungsstaatsvertrag vom 17. Juni 1993). Der RStV kam weder „überraschend“ noch wurde er „improvisiert“. Als Basis für die einseitige Besitzstandswahrung legte er gleichzeitig die Grundlage für soziale und wirtschaftliche Ungleichheit.
In allen ihren Strukturen (Gesellschafter, Kuratorium, Geschäftsführung, Management, Tarifverträge, Pensionsansprüche etc.) spiegelt die ROC den Transformationsprozess des ÖRR mit seinem kompletten „System- und Elitetransfer“ (Sylvia Dietl) von West nach Ost sowie die deutsche „Beitrittslösung“ insgesamt wider.
Das 30-jährige Bestehen der ROC gGmbH nehmen die Herausgeber zum Anlass, um sich mit der „Harmonielehre“ u. a. an die Seite von Tom Buhrow (Ex-WDR-Intendant) zu stellen. Er hatte in seiner Rede vom Herbst 2022 eine erschreckende Distanz zum Kultur- und Bildungsauftrag erkennen lassen. Eine Haltung, die zugunsten der politischen Interessen der eigenen Klientel, ihrer unerhörten Pensionsansprüche und standortpolitischen Ziele den Auftrag des ÖRR als Säule unserer freiheitlichen Demokratie untergräbt.
Goschler und Pulte nennen z. T. die handelnden Akteure, die eine sowohl künstlerisch als auch wirtschaftlich-sozial sinnvolle Wiedervereinigung verhindern und führen dies auf die zugeschriebenen Herkünfte zurück. Nach dem Kalten Krieg sehen sie einen neuen „West-Ost-Gegensatz zweier deutscher Bevölkerungsteile“ und übertragen diese Sicht auf die ROC.
Die Beiträge der ausgewählten Interviewpartner, die selbst als Vertreter der Gesellschafter einseitig westliche Interessen vertreten und diese auch unter anderem mit Hilfe der Presse (Welt, Tagesspiegel, Morgenpost etc.) weiterhin durchsetzen, unterstreichen die verkürzte Sichtweise der Autoren.
Von Historikern erwarte ich eine umfassende, ausgewogene und unabhängige Darstellung der zeitgeschichtlichen Zusammenhänge. Sie sollten hinterfragen, was Mächtige gerne schönreden oder für sich behalten. Stattdessen wird sprachlich manipulativ und rückwärtsgewandt versucht, auf den gesellschaftlichen Diskurs einzuwirken.
Zum Schluss wird noch verraten, dass die „Harmonielehre“ auf Anregung und mit finanzieller Unterstützung der ROC gGmbH entstand.
Nur wer keine Lust auf fundierte, vorurteilsfreie und sorgfältige Recherche hat, sollte dieses Buch zur Hand nehmen.
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