Die Geschichte der Familie Ralf, Sophie, Kathrin, Lutz und Meike Beyer erzählt in drei verknüpften Handlungssträngen vom Alltag in der DDR. Privates ist oft schwer von Beruf und Politik zu trennen. Dabei funktionieren die Beyers wie das Land, mal mehr, mal weniger. Die Erzählung hat einen wahren Hintergrund und spielt in ihrer Zeit. Ohne späten Groll und neues Wissen schildert sie das Leben so, wie es auch viele andere gekannt haben.
Ab dem Kältewinter 1978/79 geht es für Ralf beruflich aufwärts, setzt aber fürs Fortkommen recht bald die Mitgliedschaft in der SED voraus. Kaum hat er sich mühsam eine Wohnung erstritten, gerät die Familie in den Hintergrund und die Planvorgaben bestimmen seinen Tag. Oft ist dem Mangel trickreich zu begegnen. Eine brüchige Schornsteinkrone bringt ihn unter Sabotageverdacht. Ausgerechnet Politbüromitglied Siegfried Lorenz löst Zweifel am wirtschaftlichen Bestand der DDR bei ihm aus. Und als er für die bedrohliche Herstellung zweier Bauteile der Landesverteidigung verantwortlich wird, resigniert er.
Für die entscheidenden zehn Jahre von 1979 bis 1988 und die Umbruchzeit ist jeweils ein Kapitel reserviert. In prägenden Ereignissen und begleitenden Rückblenden erzählt das Buch realistisch, ironisch und sarkastisch aus der Sicht eines jeweils Gleichaltrigen von vierzig Jahren DDR.
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Eine Kurzrezension
Das Jahr 1979, ein Leuchtenbaubetrieb im Erzgebirge am Rande der DDR: Ein junges, von Tatenkraft und Idealen geladenes Leben wird zu Beginn dieses Romans in die Handlung geschickt. Die Knappheit ist in der Erzählung genauso gegenwärtig wie der kreative Umgang damit. So sind es gerade die Lücken und Mängel des Staates, in denen sich das gesellschaftliche Leben einrichtet und ganz individuelle Blüten treibt – heute in dieser Form nicht mehr nachvollziehbar. Die Beschaffung von raren Baumaterialien und einer Heizung für die lange erkämpfte Wohnung wird über Kontakte geregelt; der frustrierende Arbeitsalltag der „Planzurechtrechnung“ im Klubhaus bei einem spontanen Spieleabend mit ebenso spontaner Gesellschaft emotional bewältigt. Hauptsache Menschsein, Hauptsache Menschbleiben, in dieser Rechnung, die zwar stimmt, aber doch nicht aufgeht.
Das gilt nicht nur für das Große Gamze, das immer mehr in Unwucht gerät, sondern auch für das eigene Leben. Es gibt kein Vorbeikommen am Staat, der für alles und jeden einen Plan vorsieht, sondern nur die Frage: „Wie weit lasse ich mich darauf ein?“ Auch der Protagonist sieht sich mit einer solchen Entscheidung konfrontiert. Er nimmt an, profitiert von den Aufstiegsmöglichkeiten des Systems und findet sich bald im Zentrum einer Ermittlung dieses Systems gegen ihn wieder. Opportunist oder Opfer oder beides?
Der Roman zeichnet nach, wie die DDR funktionieren wollte, wie sie es nicht konnte und dennoch schaffte, zu existieren. Auf der anderen Seite nennt das Werk auch den individuellen Preis und schildert, wie der Protagonist in den Zahnrädern eines absolut kalkulierten Plans mehr und mehr zerrieben wird. Diese persönliche, ja geradezu biografische Erzählung verwebt der Autor mit den weltpolitischen Ereignissen. Er zeichnet seinen Protagonisten als genauen Beobachter des Zeitgeschehens: Der strenge Winter 1978/79, die Stationierung der US-Amerikanischen Pershing II Raketen in der BRD, die Strauß-Kredite. Entstanden ist eine literarische Chronik der letzten zwei Dekaden der DDR. Eine Familiengeschichte einerseits, ein Gesellschaftsroman andererseits.
Gerade darin liegt die Stärke des Werkes. Durch die Verlagerung in den fiktionalen Bereich gelingt der direkte Zugriff auf ein bisher übel zugerichtetes Sujet. Ohne Zweifel sind Ostbiografien im literarischen Betrieb der zurückliegenden Jahre durchschlagskräftige und erfolgversprechende Rahmen, wenn sie denn das bereits vorab erwartete Bild liefern: Die DDR als Unrechtsstaat, die DDR als ostalgischer Sehnsuchtsort, die DDR als das gescheiterte Deutschland.
Diese Aspekte lässt der Roman nicht aus, doch er füllt den bisher im literarischen Betrieb nicht gefüllten Weißraum: mit dem Alltäglichen, mit dem Einfachen, dem Hässlichen und dem Schönen, kurz: der Conditio Humana der DDR.
Für die Zeitgenossen bietet das Buch somit einen Spiegel der Erinnerungen und für die damals Jenseitslebenden eine Innenansicht. Für die Nachgeborenen jedoch bietet der Roman eine Erklärung, was ihre Eltern und Großeltern erlebt haben, wie ihr Umfeld gewachsen ist und letztendlich, woher sie selbst kommen.
J. Wenzel
Erinnerungen mit einem lachenden und einem weinenden Auge
Anne aus Chemnitz am 22.01.2025
Bewertungsnummer: 2392379
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Ein Roman, der "ungefähr die Hälfte" eines Lebens schildert, eines Lebens in der DDR. Ein junger Mann, Diplomingenieur, Ehemann, Familienvater, will sich einrichten im sozialistischen Staat, organisiert, streitet, zweifelt, läßt zwischendurch Kindheits- und Jugenderinnerungen Revue passieren.
Sehr interessant die Erinnerungen an den Ausbau der Wohnung 1976 - in Eigenregie!
Im Improvisieren waren die DDR-Bürger Meister - man hat viele Dinge halt selbst in die Hand genommen, und anschließend war man stolz auf das Geleistete, egal, ob mal eine Fliese schief an der Wand klebte. Aber die Sache war erledigt - heute dagegen wartet man ewig auf einen Handwerker (der unter Umständen ebenso Pfusch abliefert).
Die Fähigkeit zum Improvisieren ist eindeutig eine Sache, die es wert gewesen wäre zu erhalten.
Was mir besonders gefiel, ist immer wieder die Feststellung, daß es der Familie im großen und ganzen gut ging, privat, im Freundeskreis. Wenn nicht die Ideologie so permanent genervt und immer mehr Dummheit in führende Positionen gekommen wäre. Zu dieser Einsicht gelangt Ralf im Laufe der Jahre. Immer wieder muß er in seiner Arbeit zunehmend höhere Hürden überwinden auf Grund von Ressourcenknappheit und zunehmender Ideologisierung der Wirtschaft.
In dem Buch ist so viel drin; ausgehend vom Aufwachsen der Kinder wird das Bildungswesen der DDR beleuchtet, an einzelnen Beispielen aus der Industrie der Verfall einer ganzen Infrastruktur. Philosophisch wird die französische Losung "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" aus eigener Sicht auseinandergenommen, und nach und nach erklärt sich irgendwie das fast folgerichtige Scheitern eigener Ideale und dieses Versuchs einer anderen Gesellschaft. Leider gab es zunehmend "Fachleute", die alles ideologisch begründen und entscheiden wollten, aber eben vom "Fach" nichts verstanden. An einem Beispiel wird beschrieben, daß ein Sich-Verweigern bestimmter Vorgaben sehr gefährlich sein konnte.
Fazit: Ich stelle verwundert fest, daß keiner der von mir gelesenen "Wenderomane" derart komplex ist.
Es ist die Dokumentation des Scheiterns einer Gesellschaftsordnung - wenn man einmal "drin" ist, kann man das Buch nicht mehr weglegen. Es ist kein "Reißer" im heutigen Wortsinne. Mitunter kann man laut lachen, teilweise fragt man sich, wie konnte dieser Staat so lange funktionieren? Hervorzuheben ist der Schreibstil, indem reale Ereignisse durch skurrile Passagen in ihrer Wirkung noch grotesker wirken.
Alles in allem ist das Buch sehr zu empfehlen.
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