Der detaillierte Fluchtbericht seiner Großmutter ist Ausgangspunkt für Jochen Buchsteiners Buch über Ostpreußen. Persönlich aber unsentimental verfolgt er den Weg der Gutsbesitzerfamilie in den Westen und spürt dabei dem Verlust nach, der nicht nur den Betroffenen entstanden ist. Es entsteht ein Portrait der fast vergessenen deutschen Provinz, die in ihrer Tragik, aber auch in ihrer historischen und kulturellen Einzigartigkeit sichtbar wird - als verdrängter Teil unserer nationalen Identität. Zwei Generationen nach Marion Gräfin Dönhoff liefert Jochen Buchsteiner eine Familienerzählung, die einen frischen Blick auf die deutsche Vergangenheit wagt.
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Familiengeschichte
Bewertung am 10.06.2025
Bewertungsnummer: 2512026
Bewertet: eBook (ePUB 3)
Die Notizen der Großmutter sind der besondere Rahmen eines Buches, das viel umfangreicher von Ostpreußen berichtet als die Familiengeschichte
Es steht beispielhaft ist für das Los von 14 Millionen Menschen aus den früheren deutschen Ostgebieten zum Ende des Zweiten Weltkriegs
Oma Else schreibt dazu einen Erfahrungsbericht, den der Autor dann wiedergibt.
Auf diese Weise lernt der Leser viel über die Geschichte Ostpreußens, über Land und Leute
Eine faszinierende Darstellung, welche die Leser zurück zu der Flucht aus Ostpreußen bringt
Weil das durch Flucht, Vertreibung und Neubeginn entstandene Chaos nicht nur auf denjenigen lastet, die es direkt erlebt haben, sondern auch in den kommenden Geschlechtern immer noch tief verwurzelt ist.
Das Bucjh hat sich gut gelesen
Sowas von informativ, interessant und wichtig!
Bewertung am 27.05.2025
Bewertungsnummer: 2500822
Bewertet: eBook (ePUB 3)
Nüchtern, unparteiisch und sachlich, dafür sehr informativ und teilweise in einem Wechsel aus Erinnerungen und Recherche.
Vieles schockiert und wundert einen, und es zeigt mal ganz andere Perspektiven als es in der Schule gelehrt wird.
Es berichtet von Flucht, Zwangsarbeit, Zwangenteignung. Wie war es vorher, währenddessen und heute?
Da mein Opa selbst aus Königsberg stammte, hatte ich sowieso ein Interesse an dem Buch, aber auch so ist es super interessant. Ich werde dieses Buch definitiv mehrmals lesen.
Meinung aus der Buchhandlung
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Jochen Buchsteiner arbeitet in diesem Buch seine eigene Familiengeschichte auf: die Geschichte seiner Großmutter Else, die er zugleich in einen großen, historischen und zeitgeschichtliche Zusammenhang stellt. Es geht um die Flucht seiner Großmutter aus Ostpreußen: Jochen Buchsteiner bekommt 1999, also vor über 25 Jahren, von seiner 90jährigen Großmutter Else eine grüne Kladde mit Erinnerungen geschenkt. Für Buchsteiner fügen sich bei der Lektüre zahllose Bruchstücke zu einem großen Ganzen zusammen: am Mittagstisch gehörte Anekdoten, fremdartige Dialekte, Gefühlsausbrüche etc. Über 25 Jahre später, nach mehreren Aufenthalten im Ausland, wo er als Journalist sehr schmerzhaft mit Flucht und Vertreibung anderer Menschen, anderer Nationen konfrontiert wird, beschließt er, dieses Buch zu schreiben.
Buchsteiners Großmutter Else stammt von einem mehrere 100 qm Hektar großen Gut
südlich von Kaliningrad, damals Königsberg, das sie nach dem Tod ihres Mannes allein führte. Im Januar 1945 machen sich 84 Menschen, 18 Wagen und 34 Pferde unter Elses Führung auf dem Weg über die kurische Haff Richtung Danzig und es ist eine lebensbedrohliche Flucht, gekennzeichnet von Hunger und Kälte, Tieffliegerangriffen, der verzweifelten Suche nach Übernachtungsmöglichkeiten, und natürlich von der Angst, den sowjetischen Truppen in die Hände zu fallen. Dann über die zugefrorene Haff; ein Schiff finden, das alle mitnimmt; das Lager in Dänemark überleben, die Verwandten finden, in Elses Fall die Kinder. Und dann, auch das beschreibt Buchsteiner sehr ausführlich: Der Beginn eines neuen Lebens, fern der Heimat, extrem mittellos - eine ganz gewöhnliche deutsche Familiengeschichte.
Buchsteiner arbeitet jedoch mit seiner eigenen Geschichte nicht nur die Geschichte seines
eigenen familiären Traumas auf, sondern benennt außerdem eine, wie er es nennt, nationale Tragödie: Es ist die Geschichte von 12 bis 14 Millionen deutscher Geflüchteter, deutscher Vertriebener, die, so Buchsteiner, in unserer Erinnerungskultur nicht angemessen vorkommen. Der Verlust der Ostgebiete nach dem Potsdamer Abkommen
1945, wo die Siegermächte Europa neu aufgeteilten und Ostpreußen Russland zugeschlagen wurde, war für Millionen von Menschen ein schwerer Verlust, der nicht aufgearbeitet wurde - in der jungen Bundesrepublik war dafür einfach kein Platz. Das Buch ist deshalb nicht nur ein bewegendes Denkmal für Buchsteiners Großmutter, sondern außerdem eine Auseinandersetzung mit der jüngsten Geschichte und deren Bedeutung für die Gegenwart - zum Beispiel von Kaliningrad, das ja eine russische Exklave ist, die zwischen den beiden NATO-Staaten Polen und Litauen liegt und für Putin von größter Bedeutung ist. Buchsteiner entwirft das nicht unrealistische Szenario, was wäre, wenn Putin auf die Idee käme, Kaliningrad wieder an das russische Reich anzugliedern. Dann würde sich auch hier die Frage stellen, ob die NATO Polen auf ostpreußischen Boden verteidigen würde.
„Wir Ostpreußen" ist Familiengeschichte und Weltgeschichte zugleich. Buchsteiner tritt damit in sehr große Fußstapfen, nämlich die von Ralf Giordano, Marion Gräfin Dönhoff und Günter Grass. Das ist ihm mit seinem sehr persönlichen, unglaublich dichten, historisch differenzierten und brandaktuellem Buch herausragend gelungen.
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