Die meisten Juristen, Wissenschaftler, Unternehmer, Publizisten, Ärzte und Offiziere, die bis 1945 dem Naziregime treu ergeben waren, konnten in der Nachkriegszeit ihre Karrieren fortsetzen. Immer wieder entfachten Skandale um ehemalige NS-Funktionäre in wichtigen Positionen die Debatte um das braune Erbe in Wirtschaft, Politik und Kultur.
Der Historiker Hans-Ulrich Thamer legt erstmals eine vergleichende Überblicksdarstellung vor und beschreibt die Strategien und Netzwerke, mit deren Hilfe weite Teile der NS-Elite in der Bundesrepublik und in der DDR ihren Platz behaupten konnten.
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28.03.2025
eBook (ePUB 3)
Zweite Karrieren, erste Lügen: Ein Buch über das Vergessen im Dienst der Ordnung
Es beginnt nicht mit dem Ende. Die Kapitulation 1945 war kein Schlusspunkt – sie war ein Übergang. Und in genau dieser Zwischenzeit, in der der Schutt noch nicht geräumt war und das Erinnern noch nicht begonnen hatte, fanden viele ihre zweite Karriere. Hans-Ulrich Thamer erzählt davon – ruhig, gründlich, ohne den moralischen Impuls zu verlieren. Zweite Karrieren ist kein Tribunal, aber auch keine Entlastung. Es ist ein historisches Protokoll über die Anschlussfähigkeit autoritärer Prägungen in einer neuen Ordnung.
Was dieses Buch so stark macht, ist seine Klarheit. Thamer verzichtet auf große Gesten. Er beschreibt, analysiert, ordnet ein. Kein sensationsheischender Duktus, kein Zitat mehr als nötig. Stattdessen: ein präziser Blick auf Biografien, Laufbahnen, Systeme – und auf das, was sich nach 1945 erstaunlich reibungslos fortsetzen ließ. Juristen, Verwaltungsbeamte, Professoren, Unternehmer – oft dieselben Lebensläufe, nur mit neuen Überschriften.
Dabei bleibt Thamer nicht im Einzelnen stecken. Er denkt vergleichend, strukturell. Westdeutschland und DDR erscheinen nicht als Gegensätze, sondern als zwei unterschiedliche Formen des Umgangs mit einer gemeinsamen Hypothek. Besonders eindrucksvoll: die feinen Unterschiede in den Legitimationsnarrativen, die sich die Betroffenen selbst zurechtlegten – vom „Mitläufer“ bis zum „Experten im Dienste der Demokratie“. Thamer dekonstruiert diese Selbsterzählungen mit leiser Beharrlichkeit.
Der Ton ist sachlich, aber nie kalt. Man spürt die lange Beschäftigung mit dem Thema – und die ethische Dringlichkeit dahinter. Es geht nicht um Vergangenheitsbewältigung als Ritual, sondern um die Frage, wie tief NS-Strukturen in den Nachkriegsstaat hineinwirkten – nicht als ideologisches Fortwirken, sondern als personelle, kulturelle und institutionelle Kontinuität.
Fazit:
Zweite Karrieren ist ein notwendiges Buch. Historisch präzise, methodisch reflektiert, politisch relevant. Es zeigt, wie viel 1945 nicht beendet wurde – und wie schwer es war, das Alte wirklich hinter sich zu lassen. Thamer gelingt eine kluge, differenzierte Analyse, die nicht belehren will, aber zur kritischen Selbstbefragung zwingt.
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