»Epochal, spannend und kraftvoll von der ersten bis zur letzten Seite.« Le Parisien
Im August 1934 gelingt 56 Jugendlichen einer Strafkolonie auf der bretonischen Insel Belle-Île-en-Mer die Flucht. 20 Franc – das ist der Preis, den die örtliche Polizei für jeden Jungen aussetzt, worauf die Inselbewohner eine Hetzjagd beginnen. Ein einziger Junge entkommt, seine Geschichte erzählt dieser Roman: Jules Bonneau, von den Eltern früh verlassen, nach Jahren im Heim zwischen Raserei und Hoffnungslosigkeit, gerät auf der Flucht an den bretonischen Sardinenfischer Ronan Kadarn und dessen Frau. Zum ersten Mal lernt er Zuneigung kennen, eine Zärtlichkeit, die ihn erschüttert. Er lebt mit den Fischern, begegnet Kommunisten und Faschisten. Und muss am Ende eine Entscheidung treffen, die ihn mit seiner Vergangenheit konfrontiert.
Ein neues Kapitel für Ihre Bücher
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Belle-Île-en-Mer, eine bretonische Insel, zu Beginn der 1930er-Jahre: In der Jugendanstalt Haute-Bologne herrschen grausame Zustände. Die Kinder und Jugendlichen werden nicht nur von den Aufsehern und Schließern drangsaliert, sondern gehen auch selbst aufeinander los. Immer gibt es einen Schwächeren, den man quälen und misshandeln kann. Der 19-jährige Jules Bonneau, Spitzname "Kröte", steht in der Hierarchie irgendwo in der Mitte. Von den stubenältesten Kapos erfährt er keine Unterstützung, doch anders als viele der anderen Jungen teilt er nicht nur nach unten aus. Freundschaft ist für die Jugendlichen ein Fremdwort, jeder ist sich selbst der Nächste. Nach einem gewaltvollen Aufstand und anschließenden Ausbruch sieht er sich ausgerechnet mit dem vermeintlich schwächsten Jungen Camille Loiseau auf der Flucht. Doch die Heimleitung hat die Jagd auf die Ausbrecher längst eröffnet und den Inselbewohnern zudem ein Kopfgeld versprochen...
"Herz in der Faust" ist der neue Roman von Sorj Chalandon, der in der deutschen Übersetzung aus dem Französischen von Brigitte Große bei dtv erschienen ist. Und wie schon der Vorgänger "Verräterkind" ist es ein großartiger Roman geworden, ein literarischer Wutausbruch erster Güte. Vom ersten Moment an gibt Chalandon Rhythmus und Tempo vor. Kurze, kraftvolle Sätze bestimmen das Leben in der Anstalt, Namen und Ränge sind Schall und Rauch. Die Figuren erhalten zwar welche, doch sind sie schnell wieder vergessen in diesem Rausch aus Gewalt und Erniedrigung. Jede Chance auf Individualität ist dahin, wenn man sich nicht durch Kampfnamen wie "Kröte" auszeichnet oder im schlechtesten Fall auch noch mit einem Nachnamen wie Loiseau, das Vögelchen, gezeichnet ist. "Wir sind der Wildwuchs. Die Quecken. Das Ungeziefer", heißt es an einer Stelle.
Nun ist die Lektüre wahrlich keine leichte Kost, drastisch und explizit sind die Darstellungen im Heim. Geschickt spielt Chalandon mit Perspektivwechseln, auf die ich gerade zu Beginn der Lektüre immer wieder hereingefallen bin. Protagonist und Ich-Erzähler Jules schildert nämlich oftmals übergangslos seine Fantasien, die tatsächlich noch härter ausfallen als die Realität. Trotz dieser Härte und Gewalt gelingt es dem Autor, Empathie für seine Hauptfigur zu wecken. Weil man spürt, wie wichtig es ihm ist, das gesellschaftliche und juristische Unrecht der damaligen Zeit aufzuzeigen und anzuprangern. Und weil sich seine eigene Empathie unmittelbar auf mich übertrug. "Herz in der Faust" setzt ganz eindeutig auf Intensität und Emotion, eben auf Herz und Faust. Manchmal fühlte ich mich fast überwältigt von dieser Wut, diesen überbordenden Gefühlen allüberall. Hinzu kommt, dass das Buch unglaublich mitreißend und mit großem Spannungsbogen erzählt ist.
In der zweiten Hälfte des Romans ändert sich der Ton ein wenig, was auch daran liegt, dass Jules erstmals in seinem jungen Leben so etwas wie Mitgefühl und Nächstenliebe erfährt. Chalandon gelingen hier ambivalente Figuren wie Krankenschwester Sophie oder der gerade im Vergleich zur ersten Hälfte wohltuend warmherzige Sardinenfischer Ronan. Jules kann sich ausprobieren und entfalten und passend zu einem Jugendlichen konnte ich nicht jede seiner Handlungen nachvollziehen. Denn nach wie vor befindet sich das Herz in seiner Faust - oder zumindest ein Teil davon. Das Buch stellt hier die richtigen Fragen nach Moral und vermittelt Werte wie Solidarität und Menschlichkeit. Und würde der Roman auf Seite 395 enden und nicht drei Seiten später, könnte man von einem bewegenden und großen Finale sprechen. Dieses bleibt den Leserinnen jedoch vergönnt, weil es sich Chalandon nicht nehmen lässt, der fiktiven Figur einen etwas überflüssigen Epilog auf den Leib zu schreiben.
Ein kleiner Wermutstropfen eines insgesamt erstaunlich intensiven Romans, der lange in Erinnerung bleibt und in Frankreich das bislang erfolgreichste Werk von Sorj Chalandon ist. Und das obwohl - oder weil - er der Grande Nation deutliche historische Missstände vor Augen führt, die durch die politischen Anspielungen der bretonischen und baskischen Figuren und den Umgang mit Minderheiten durchaus auch einen aktuellen Bezug aufweisen. Nachdem ich von den letzten beiden Romanen Chalandons nun gleichermaßen begeistert bin, bedeutet es für mich persönlich wohl, dass ich nicht umhinkommen werde, mich früher oder später auch mit seinen älteren Werken zu befassen.
Bories vom Berg
aus München
4/5
09.07.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Menschenverachtung versus Menschlichkeit
Der neue Roman «Herz in der Faust» des französischen Schriftstellers Sorj Chalandon ist in seinem Heimatland schnell zum Bestseller avanciert, es ist sein bis dato zehnter Roman. Auch als Journalist erfolgreich tätig, ist er zuletzt vor allem als Redakteur der Zeitung «Le Canard enchaîné», der bedeutendsten satirischen Wochenzeitung in Frankreich, bekannt geworden. Mit authentischem Hintergrund erzählt er hier die Geschichte eines Jungen, der als 13Jähriger in eine so genannte «Korrektionsanstalt» kommt, wo die jugendlichen Insassen derart brutal behandelt werden, dass ihre Wut darüber in pure Gewalt mündet. «Unsere Wut war überbordend, ohne Plan, ohne Ziel, ohne Kalkül», heißt es im Roman. Wie schon der Buchtitel es ausdrückt, wurde ihr menschliches Herz nicht nur symbolisch durch die kämpferische Faust ersetzt.
Der von seinen Eltern verstoßene Jules war zur falschen Zeit am falschen Ort und wurde, eher Mitläufer als Täter, in das blasphemisch frech als «Korrektionsanstalt» bezeichnete Straflager für Jugendliche auf der Zitadelle der bretonischen Insel Belle-Île-en-Mer eingewiesen. Als Ich-Erzähler berichtet Jules, der von allen nur «Kröte» genannt wird, von der brutalen Gewalt, die dort allgegenwärtig ist. Sie wird von heimtückischen Aufsehern und Kapos ausgeübt, die sadistisch die jugendlichen Insassen misshandeln und oft völlig grundlos sogar krankenhausreif schlagen, ohne deshalb je zu Rechenschaft gezogen zu werden. Auch die dort tätige und mit all den mutwillig zugefügten Verletzungen der Jungens voll beschäftigte Krankenschwester Sophie kann an diesen vom Direktor der Anstalt ausdrücklich gutgeheißenen Strafmaßnahmen nichts ändern, - und der Anstaltsarzt drückt beide Augen zu. Die Kinder und Jugendlichen müssen Zwangsarbeit leisten und werden gegen Entgelt sogar extern, zum Beispiel bei Erntearbeiten, eingesetzt. Alle Ausbruchsversuche sind bisher gescheitert, die Mauern sind hoch, und wer sie dennoch überwindet, der scheitert spätestens am Atlantik, denn die Insel zu verlassen ist völlig unmöglich. Gleichwohl, die verzweifelten jungen Inhaftierten versuchen es immer wieder!
So auch im August 1934, als nach einer Meuterei 56 Jugendlichen eine Massenflucht gelingt, unter ihnen auch der inzwischen zwanzigjährige Jules. An der Jagd auf die Häftlinge beteiligen sich auch viele Bewohner der Insel, immerhin ist ein Kopfgeld von zwanzig Franc auf sie ausgesetzt. Nach und nach werden alle gefasst, nur Jules nicht. Er kann sich schwimmend mit letzter Kraft auf ein ankerndes Fischerboot retten, wird dort aber frühmorgens von dessen Kapitän aufgestöbert, der zum Fang auslaufen will. Nach kurzem Kampf überwältigt der überraschte Käpt’n den Ausreißer, bietet ihm aber auch an, als Decksjunge mit zum Sardinenfang hinauszufahren. Den später eintreffenden vier Crewmitgliedern erklärt er, Jules wäre sein Neffe, der für den erkrankten Decksjungen einspringe. Diese nicht ganz ungefährliche Fluchthilfe des Käpt’n hat Jules dem Umstand zu verdanken, dass der Sardinen-Fischer zutiefst verärgert ist über die politischen Zustände im Lande. Er nimmt Jules auch mit nach Hause, wo der davon überrascht wird, dass Sophie, die Krankenschwester aus der Anstalt, die Frau des Käpt’n ist. Das Paar will dem jungen Mann eine Lebens-Perspektive geben, sie nehmen ihn auf wie Ersatzeltern und bringen ihn in einem nicht benutzten Zimmer ihres Hauses unter, das einst das Kinderzimmer ihres mit fünf Jahren verstorbenen Sohnes war.
Der nüchtern und sachlich ohne jedes Pathos, aber stets wütend und anklagend erzählte Roman bleibt mit seiner turbulenten Fluchtgeschichte bis zum Ende spannend, ab dem Ausbruch insbesondere natürlich durch die latent lauernde Gefahr einer Enttarnung des Protagonisten. Im Original trägt dieser Roman den Titel «L´Enragé«, was «Der Wütende» bedeutet und darauf hindeutet, das Jules wirklich nicht nur Opfer ist. Den auf Böses gefassten Leser erwartet eine hoch emotionale Lektüre, die um das Gegensatzpaar Menschenverachtung und Menschlichkeit kreist und im Epilog mit einem durchaus passenden Paukenschlag überraschend stimmig endet!
Eternal-Hope
aus Österreich
4/5
28.10.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Von einem einsamen Leuchtturm der Menschlichkeit
Der französische Schriftsteller und Journalist Sorj Chalandon ist bekannt dafür, als Basis für seine Romane Settings zu wählen, die es so tatsächlich gegeben hat. Das ist auch in seinem neuen Roman „Faust in der Hand“ der Fall: auf der bretonischen Insel Belle-Île-en-Mer gab es bis Ende der 1970er Jahre eine Strafanstalt für Minderjährige. Um diese geht es in der fiktiven Geschichte rund um den jungen Jules, der prägende Jahre seiner Jugendzeit dort verbringen muss.
Das Buch ist äußerst packend geschrieben. Aus der Perspektive des erst jugendlichen und dann jungen erwachsenen Jules erleben wir kurze Rückblicke in seine Kindheit, dann ausführlich geschildert – samt allen dort herrschenden Grausamkeiten und drakonischen Strafen – die Zeit in der Strafanstalt für Kinder und Jugendliche auf der Insel, und schließlich den Ausbruch und die Zeit danach.
Es ist zugleich spannender Abenteuerroman und interessantes Psychogramm eines jungen Menschen, der bisher in seinem Leben unglaublich viel Gewalt und Unterdrückung erfahren und bezeugen musste und der lange kaum daran glauben kann, dass es auch Gutes in Menschen geben kann – der aber gleichzeitig auch einen starken Gerechtigkeitssinn und Beschützerinstinkt und eine brennende Wut in sich spürt.
Passend zum Titel „Herz in der Faust“ ist das Buch voll von Gewalt: tatsächlicher und solcher im Kopf des Hauptcharakters. Es ist sehr bedrückend zu lesen, welches Leid die unschuldigen Kinder und Jugendlichen (die meisten haben sich kaum etwas Gröberes zu Schulden kommen lassen, manche haben auch überhaupt nichts verbrochen und nur das Pech, Waisenkinder zu sein, für die sonst kein Platz gefunden wurde) in dieser Haftanstalt erdulden müssen. Szenen der Gewalt und Demütigung werden immer wieder und sehr drastisch geschildert und nehmen einen großen Teil des Buches ein, das muss man aushalten können.
Zusätzlich gibt es die gewalttätigen Racheszenen im Kopf von Jules, die so unmittelbar geschrieben sind, dass man beim ersten Lesen erst einmal braucht, um sich klar zu machen, dass diese Gewalt nur in seinem Kopf ist und nicht wirklich stattfindet.
Wirklich interessant und berührend wurde das Buch für mich etwa ab der Hälfte, als es um den Ausbruch der Kinder und Jugendlichen geht, der so halb zufällig und nicht sehr geplant vonstatten geht und auf den folgend eine unbarmherzige Jagd nicht nur der Gefängniswärter, sondern auch der gesamten Zivilbevölkerung der Insel, die sich eine der auf die jungen Menschen ausgesetzten Kopfprämien erhofft, auf die jungen Menschen einsetzt, und alle außer Jules wieder gefangen und hart bestraft werden. Wie manche auch der zuerst nett und unterstützend wirkenden Menschen letztlich ihre Schützlinge verraten, macht sehr betroffen – doch es gibt eben auch Ausnahmen, wie den Fischer und seine Frau.
Es ist bei aller Abenteuerlichkeit auch ein sehr hartes Buch zu lesen, insbesondere für einfühlsame Menschen. Das macht es aber nicht schlecht, sondern wirft wichtige Fragen danach auf, was unsere Menschlichkeit ausmacht, gerade in herausfordernden Situationen, wo wir uns anpassen und wo wir mit unseren eigenen Werten dagegenhalten, wo wir uns für Außenseiter einsetzen und auch, ob und wie jemand, der so viel Schlimmes erfahren hat, noch Vertrauen zu Menschen und Glauben an das Gute finden kann. Ich kann das Buch allen empfehlen, die gerne spannende Abenteuerromane lesen und viele Gewaltszenen aushalten können.
galaxaura
aus Köln
4/5
15.10.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Leben im Stakkato der brutalen Aussichtslosigkeit
„Herz in der Faust“ von Sorj Chalandon, erschienen 2025 bei dtv, ist ein wuchtig-wütender Roman, der seinen Leser:innen einiges abverlangt und brachial ehrlich das Leben in Besserungs- und Erziehungsanstalten in den 30er Jahren zeigt. Der in Frankreich sehr erfolgreiche Roman trifft den Nerv einer Zeit, in der Ausgrenzung und unerbittliche Verfolgung wieder zunimmt, die Armen immer ärmer werden und der Faschismus, der im Roman als Randthema auftaucht, um sich greift. Wie lange kann Konformismus Regelzustand sein, wann muss er abgelöst werden durch Rebellion?
Jules Bonneau, mit Kampfnamen „Die Kröte“ genannt, wird früh in seinem Leben von seinen Eltern sich selbst überlassen und gerät auf die schiefe Bahn – nicht zuletzt, weil Zeit seines Lebens in ihm eine überdimensional große Wut tobt, die er nicht in den Griff bekommt. Eingesperrt in die Korrektionsanstalt Haute-Boulogne auf der Insel Belle-Île, erlebt Jules Machtwillkür und gezielte Demütigung tagein tagaus. Es ist ein fragiles System, in dem es kaum zu Freundschaften kommen kann unter den jungen Menschen und in dem der verliert, der Gefühle zulässt. Dennoch kommt es, eher ungeplant, zum Aufstand, bei dem insgesamt 56 Zöglinge fliehen – auch Jules, der in seine Flucht eher hineingerät. Eine Flucht, die von vornherein ein aussichtsloses Unterfangen ist, denn die Insel liegt zu weit vom Festland entfernt und die Einwohner:innen: sind den jungen Insassen gegenüber nicht freundlich gesinnt. Eine Kopfprämie von 20 Franc für jeden der Ausbrecher macht die erfolgreiche Flucht endgültig zu einem Hiobskommando. Jules trifft auf seiner Flucht auf den Fischer Ronan Kardarn – ein Mann, der sich mit Vergangenheit und Geheimnissen auskennt. Die Beziehung, die sich zwischen beiden entspinnt, ist geprägt von Vorsichtigkeit und Hoffnung, zögerlicher Nähe und notwendiger Distanz.
Chalandon schreibt brachial und bringt das karge Leben auf der Insel in gedrängte, kurze Sätze, die auf die Phantasie einhacken. Hier wird nicht geschont; explizit und ohne Filter wirft er uns in die unglaubliche Brutalität und Kälte von Haute-Boulogne. Hier gibt es keine Helden, hier gibt es nur Verlierer, und der Autor scheut nicht davor zurück uns zuzumuten, dass auch Sympathiefiguren in dieser Geschichte nicht sicher sind. Die irrige Idee der 30er, Menschen durch Brechen zu besseren Menschen zu machen, wird eindrücklich erlebbar. Ein dauerhaftes Fiebern wabert durch die Sätze, die im Stakkatotakt auf die Lesenden einhämmern und durchweg wehtun. Dazwischen immer wieder wilde Traumsequenzen, die schwer von der Wirklichkeit zu trennen sind.
Die Insel und die Erziehungsanstalt werden plastisch beschrieben ohne zu große Ausführlichkeit, Die Charaktere sind klar gegriffen, es ist durchweg kalt in diesem Buch bis zur Flucht. Mit dieser und mit der Begegnung mit Kardarn und seiner Frau wechselt ganz langsam der Ton, der Dialoganteil steigt, im Bilde gesprochen wird das Meer etwas ruhiger – auch wenn der bellende Grundton bleibt. Die Beziehung und Annäherung zwischen Jules, Ronan Kardarn und der Fischermannschaft wird grandios beschrieben, es ist ein Tasten und Wagen, das sich immer mehr ausbreitet, bedroht durch Intrige und Verrat.
Besonders gut gelungen finde ich, dass durch die Tätigkeit von Kardarns Frau Sophie auch die Welt der Frauen in dieser Zeit gezeigt wird inmitten dieses „Männerromans“, in dem männliche Charaktere durchweg der Zeit und dem Ort geschuldet die Handlung dominieren. Hier gibt es niemanden, der ein leichtes Leben hat. Und auch die Polarität von Faschismus versus Kommunismus, die im Untergrund durch das Buch wabert, ist sehr gut herausgearbeitet.
Mich hat das Buch beeindruckt und mitgenommen, vor allem auch, weil Jules nie eine Chance hatte, ein anderer zu sein. Die Prägung durch Kindheit und Biographie ist offensichtlich – und im Umkehrschluss wird auch klar, wie dankbar wir für das Wunder der Psychotherapie sein dürfen. Man würde das all den Kindern wünschen, die in diesen Zeiten so brutal von sadistischen Machtmenschen gebrochen wurden.
Insgesamt zog sich für mich die Lektüre aber leider etwas. Das mag an der Häufung von Brutalität liegen, die sich mit der Zeit einfach abnutzte, oder an dem durchgehenden Stakkato, dass bei mir auf Dauer etwas Anstrengung und Unlust erzeugte. Vielleicht hätte ich mir auch nur etwas mehr Kompaktheit gewünscht, die knapp 400 Seiten hätte ich so nicht gebraucht für die Geschichte. Insofern reicht es nicht ganz für 5 Sterne, aber das Buch ist auf jeden Fall sehr lesenswert und beachtlich.
galaxaura
aus Köln
4/5
15.10.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Leben im Stakkato der…
Ein Leben im Stakkato der brutalen Aussichtslosigkeit „Herz in der Faust“ von Sorj Chalandon, erschienen 2025 bei dtv, ist ein wuchtig-wütender Roman, der seinen Leser:innen einiges abverlangt und brachial ehrlich das Leben in Besserungs- und Erziehungsanstalten in den 30er Jahren zeigt. Der in Frankreich sehr erfolgreiche Roman trifft den Nerv einer Zeit, in der Ausgrenzung und unerbittliche Verfolgung wieder zunimmt, die Armen immer ärmer werden und der Faschismus, der im Roman als Randthema auftaucht, um sich greift. Wie lange kann Konformismus Regelzustand sein, wann muss er abgelöst werden durch Rebellion? Jules Bonneau, mit Kampfnamen „Die Kröte“ genannt, wird früh in seinem Leben von seinen Eltern sich selbst überlassen und gerät auf die schiefe Bahn – nicht zuletzt, weil Zeit seines Lebens in ihm eine überdimensional große Wut tobt, die er nicht in den Griff bekommt. Eingesperrt in die Korrektionsanstalt Haute-Boulogne auf der Insel Belle-Île, erlebt Jules Machtwillkür und gezielte Demütigung tagein tagaus. Es ist ein fragiles System, in dem es kaum zu Freundschaften kommen kann unter den jungen Menschen und in dem der verliert, der Gefühle zulässt. Dennoch kommt es, eher ungeplant, zum Aufstand, bei dem insgesamt 56 Zöglinge fliehen – auch Jules, der in seine Flucht eher hineingerät. Eine Flucht, die von vornherein ein aussichtsloses Unterfangen ist, denn die Insel liegt zu weit vom Festland entfernt und die Einwohner:innen: sind den jungen Insassen gegenüber nicht freundlich gesinnt. Eine Kopfprämie von 20 Franc für jeden der Ausbrecher macht die erfolgreiche Flucht endgültig zu einem Hiobskommando. Jules trifft auf seiner Flucht auf den Fischer Ronan Kardarn – ein Mann, der sich mit Vergangenheit und Geheimnissen auskennt. Die Beziehung, die sich zwischen beiden entspinnt, ist geprägt von Vorsichtigkeit und Hoffnung, zögerlicher Nähe und notwendiger Distanz. Chalandon schreibt brachial und bringt das karge Leben auf der Insel in gedrängte, kurze Sätze, die auf die Phantasie einhacken. Hier wird nicht geschont; explizit und ohne Filter wirft er uns in die unglaubliche Brutalität und Kälte von Haute-Boulogne. Hier gibt es keine Helden, hier gibt es nur Verlierer, und der Autor scheut nicht davor zurück uns zuzumuten, dass auch Sympathiefiguren in dieser Geschichte nicht sicher sind. Die irrige Idee der 30er, Menschen durch Brechen zu besseren Menschen zu machen, wird eindrücklich erlebbar. Ein dauerhaftes Fiebern wabert durch die Sätze, die im Stakkatotakt auf die Lesenden einhämmern und durchweg wehtun. Dazwischen immer wieder wilde Traumsequenzen, die schwer von der Wirklichkeit zu trennen sind. Die Insel und die Erziehungsanstalt werden plastisch beschrieben ohne zu große Ausführlichkeit, Die Charaktere sind klar gegriffen, es ist durchweg kalt in diesem Buch bis zur Flucht. Mit dieser und mit der Begegnung mit Kardarn und seiner Frau wechselt ganz langsam der Ton, der Dialoganteil steigt, im Bilde gesprochen wird das Meer etwas ruhiger – auch wenn der bellende Grundton bleibt. Die Beziehung und Annäherung zwischen Jules, Ronan Kardarn und der Fischermannschaft wird grandios beschrieben, es ist ein Tasten und Wagen, das sich immer mehr ausbreitet, bedroht durch Intrige und Verrat. Besonders gut gelungen finde ich, dass durch die Tätigkeit von Kardarns Frau Sophie auch die Welt der Frauen in dieser Zeit gezeigt wird inmitten dieses „Männerromans“, in dem männliche Charaktere durchweg der Zeit und dem Ort geschuldet die Handlung dominieren. Hier gibt es niemanden, der ein leichtes Leben hat. Und auch die Polarität von Faschismus versus Kommunismus, die im Untergrund durch das Buch wabert, ist sehr gut herausgearbeitet. Mich hat das Buch beeindruckt und mitgenommen, vor allem auch, weil Jules nie eine Chance hatte, ein anderer zu sein. Die Prägung durch Kindheit und Biographie ist offensichtlich – und im Umkehrschluss wird auch klar, wie dankbar wir für das Wunder der Psychotherapie sein dürfen. Man würde das all den Kindern wünschen, die in diesen Zeiten so brutal von sadistischen Machtmenschen gebrochen wurden. Insgesamt zog sich für mich die Lektüre aber leider etwas. Das mag an der Häufung von Brutalität liegen, die sich mit der Zeit einfach abnutzte, oder an dem durchgehenden Stakkato, dass bei mir auf Dauer etwas Anstrengung und Unlust erzeugte. Vielleicht hätte ich mir auch nur etwas mehr Kompaktheit gewünscht, die knapp 400 Seiten hätte ich so nicht gebraucht für die Geschichte. Insofern reicht es nicht ganz für 5 Sterne, aber das Buch ist auf jeden Fall sehr lesenswert und beachtlich.
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03.12.2025
eBook (ePUB 3)
Kampf um Freiheit
Frankreich in den 30ern - Mitgefühl, Vertrauen und Unrechtsbewußtsein helfen dem aus der Erziehungsanstalt geflohenen und gesuchten Jungen Jules
zu überleben.
Er stellt dieses Entgegenkommen immer wieder auf die Probe, denn sein Urvertrauen ist bis auf die Grundfesten erschüttert. Und Jules will seinen eigenen Weg gehen.
Dramatischer, kraftvoller Roman.
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