Für den Eisenbahner Bertl und seine Frau Klara bedeutet der Semmering einen Aufstieg: Die Beförderung zum Stationsvorsteher und ein Häuschen mit Garten sind in Zeiten von Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit viel. Mit Schwung und Liebe zum Detail erzählt Tanja Paar von der Welt hinter den Kulissen der noblen Sommerfrische, von Dienstmädchen und Holzknechten, Groß- und Kleinbauern, vom Postfräulein Negrelli und von Rahel, die für die jüdischen Gäste koscher kocht. Immer stärker werden die politischen Konflikte auch im Kurort abseits der Großstadt Wien spürbar, und als die Nazis 1938 die Macht ergreifen, gerät die gefährdete Idylle gänzlich aus den Fugen. Wird Klara ihre Freundin Rahel vor der Deportation retten können?
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Das Leben der kleinen Leute oder wie Menschlichkeit gelingt
Kommen Sie an den Semmering! Gönnen Sie sich im Sporthotel am Semmering eine luxuriöse Auszeit von der Hektik Wiens und tauchen Sie ein in die Freuden exquisiter Kulinarik, herrlicher Landschaft, Wellness und fantastischer Sportmöglichkeiten in einem der beliebtesten Luftkurorte Österreichs.
Bis heute ist der Semmering bei Wien ein Luftkurort für die Wohlhabenden. Tanja Paar aber nimmt uns mit in die Parallelwelt der einfachen Leute. Klara und Bertl leben nicht in der mondänen Welt der Luxushotels, auch wenn Klara immer mal wieder einen Blick in Richtung Bürgertum wirft. Sie leben in der Gartenwohnung des Bahnwärterhäuschens, denn Karl hat sich vom einfachen Bahnarbeiter zum Fahrdienstleiter hochgearbeitet.
Gemeinsam mit Klaras bester Freundin Rahel, einer jüdisch-orthodoxe Witwe mit drei Kindern, Fritz, einem Ex-Baron, der sich auf die Seite der Roten schlägt und Szabo, Lebemann, Pianist und Hotelverwalter bilden Klara und Bertl ein fünfblättriges Freundschaftskleeblatt, das das Beste aus dem Leben herausholt.
Der Semmering wirkt wie ein Kokon, in den erst nach und nach die Zeitgeschichte Einzug hält, die Tanja Paar gekonnt mit der Familiengeschichte verwebt.
Die Erzählung beginnt 1928 und reicht bis 1945. Die Bürgerkriegskämpfe 1934 sind Thema, die illegalen Nazis während der Ständediktatur, der Anschluss Österreichs ebenso wie die Kämpfe zwischen Wehrmacht und Roter Armee 1945. So entsteht ein multidimensionales Bild aus Familiengeschichte, Existenzsorgen und Historie Österreichs.
Wunderbar wird der Roman vom authentischen Klang der Sprache getragen, stilsicher nachempfunden und zum Leben erweckt. Die Sprachmelodie trägt wunderbar durch den Alltag, die kleinen Sorgen und die großen Umbrüche.
Tanja Paar zeichnet ein persönliches, wortgewandtes und eindringliches Portrait von Menschen, die keine Held*innen waren und dennoch unweigerlich politisiert wurden. Die Großeltern der Autorin lieferten mit ihrer eigenen Geschichte die Inspiration zu diesem außergewöhnlichen Erzählprojekt, denn der Großvater war Eisenbahner und lebte mit seiner Frau ebenfalls am Semmering. Wieder einmal zeigt sich anschaulich, wie die politische Geschichte ins Private eindringt. Ein absolut lesenswerter Roman, der mit leisen, humorvollen und klangvollen Tönen die Schrecken und Freuden der Zeit einfängt.
Johanna
aus München
5/5
06.10.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Geschichte von unten
Keine Heldengeschichte, sondern ein Roman über die kleinen Leute am berühmten Semmering. Über Menschen, die die Nazis zwar verabscheuten, aber aus großer Angst dann beim „Anschluss“ doch mit „Ja“ gestimmt haben. Das Bild einer Gesellschaft zwischen 1928 und 1945. Die großen Linien der furchtbaren Zeitgeschichte muss man sich dazudenken. Im Roman geht es um das Leben und die Auswirkungen dieser Geschichte auf die Leute, die am Semmering wohnen, aber unterhalb der feinen Hotels und Villen. Worum geht es? Die Sorge um die jüdische Freundin, den Kampf ums tägliche Brot, die gehässige Nachbarin, die Sehnsucht nach dem eigenen Kind, die Empörung über den besoffenen Dorfschullehrer, um die Hakenkreuzler, Sozis und am Rand auch um die vornehmen Gäste hoch oben im Panhans oder im Südbahnhotel. Prominente Semmering-Bewohner wie Alma Mahler, Franz Werfel und die Besitzer des Loos-Hauses am Kreuzberg werden erwähnt, aber dabei bleibt es dann auch.
Tanja Paar erzählt zweistimmig: von hinten und von vorn. Der verkrachte Pianist und Hotelverwalter Szabo erinnert sich als alter Mann nach der Grenzöffnung 1989 an seine Zeit am Semmering, die tragische Beziehung zur jüdischen Köchin Rahel und die Freundschaft mit dem Fahrdienstleiter Bertl und seiner Frau Klara. Seine Rückschau kontrapunktiert Klaras dominante Perspektive: sehr nahe am mündlichen Erzählton, manchmal auch fast im inneren Monolog mit Satzabbrüchen und Wiederholungen. Die Tochter eines Flickschusters aus Böhmen, geboren in der Wiener Vorstadt, hat den Eisenbahner und Sozi Bertl geheiratet. Er schafft den Aufstieg vom Wagenputzer zum Fahrdienstleiter. Sie kümmert sich um den Haushalt in einer Zeit, in der beinahe jedes Gramm Mehl und jede Tasse Milch wertvoll sind. Kunststücke sind zu vollbringen, um beide satt zu bekommen. Sie sind Außenseiter; er einer, von dem die Leute nicht wissen, ob er ein Sozi ist, sie eine mit feinen Schuhen und dem Klavier in der Stube. Dazu liest sie Zeitung und tarockt auch noch klassenübergreifend mit dem Ehemann, der Freundin Rahel, dem Pianisten und einem Ex-Baron. Bis es nicht mehr möglich ist: Erst ist der Ex-Baron im „Anhaltelager“ verschwunden, später die Freundin deportiert. Spätestens als die Russen an den Semmering kommen, wird es auch für Klara lebensgefährlich.
Tanja Paar hat die Konturen ihres Romans der Lebensgeschichte ihrer Großeltern entnommen und zu einem Roman verdichtet. Mit großen Gespür findet sie den richtigen Tonfall und malt Bilder für den Kopf. Manchmal mag die Gutherzigkeit und Naivität der Hauptfigur zwar eine Idee „drüber“ sein, man möchte sie ihr aber gern glauben, besonders wenn sie so frech daherkommt:
„Weil sie war sicher, dass es ein Mädchen werden würde. Das sagte sie dem Bertl nicht mit seiner blauen Wiege. Aber sie war gewiss. In so einen Krieg hinein konnte man nur ein Mädchen auf die Welt bringen. Zur Sicherheit betete sie dafür jeden Tag. Sie zündete der Maria zu Hause neben dem Bett jeden Tag auf dem Nachtkastel ein Kerzerl an, aber der evangelischen! Mit der katholischen war sie fertig, ein für alle Mal.“
In der Danksagung erwähnt die Autorin den Ausgangspunkt ihrer Geschichte: „ein Scheitel – eine Perücke wie sie orthodoxe Jüdinnen tragen, wenn sie verheiratet sind – unter einer mysteriösen Porzellanpuppe.“ Die Teepuppe mit dem ausladenden Rock gehört im Roman der jüdischen Köchin Rahel. Ihre einzige Hinterlassenschaft.
Eine Leseempfehlung für alle, die an leicht lesbarer Zeitgeschichte von unten interessiert sind und sich nicht scheuen, auch mal ein paar Ausdrücke nachzuschauen. Ich weiß jetzt jedenfalls, was eine Bassenawohnung ist.
Bewertung
aus Villach
5/5
03.09.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Endlich eine andere Perspektive auf die Gesellschaft am Semmering - sehr gelungen!
Wenn man einen Roman über das Leben am Semmering in der Zeit zwischen 1900 und 1945 liest, dann sind die Protagonist*innen meist der sog. besseren Wiener Gesellschaft zuzuordnen. Jene Kreise, die zur Sommerfrische ins Panhans oder Südbahnhotel fuhren oder gar selbst eine Villa am Semmering hatten, wie etwa die Mayonnaisefabrikanten Kuhnert. Es war die große Zeit dieser beiden Hotels, wo Bälle im Sommer stattfanden und die Neue Freie Presse geliefert wurde, bis die Gäste im Herbst wieder nach Wien fuhren.
Tanja Paar schreibt aber über die „kleinen Leute“, die das Leben der Reichen dort am Laufen gehalten haben: über den Bahnwärter Bertl und seiner Frau Klara, über die Gasthofbesitzerin Meinhartinger und deren Mitarbeiterin Rahel, über Frau Negrelli vom Postamt, die den Leuten beim Lesen der Briefe und Einschreiben half, über Herrn Lechner, der in der Schule den Greißlerladen betreiben durfte, weil er sich bei den Kriegsanleihen verspekuliert und alles verloren hatte.
Der Roman umfasst die Zeit zwischen 1928 bis 1945. Bertl steigt als Wagenputzer bei der Eisenbahn auf und wird Bahnwärter am Bahnhof Semmering. Er zieht mit seiner Klara ins Bahnwärterhäuschen – die erste eigene Wohnung mit einem kleinen Garten für die beiden. Zuerst geht es ihnen gut, Klara kann die Zwetschken aus dem Garten der Mutter nach Wien mitgeben, wenn sie sie am Semmering besucht. Die Zeiten ändern sich jedoch, nach 1929 grassiert die Inflation und die Nazis sind im Aufschwung – das spüren auch die einfachen Menschen am Semmering.
Aus dem Nachwort geht hervor, dass der Roman vom Leben von Tanja Paars Großeltern Klara und Bertl, die die Hauptprotagonist*innen im Roman sind, inspiriert wurde. Auch ihr Großvater war Eisenbahner, jedoch ist der Roman fiktiv.
Sprachlich sind die Dialoge in einem feinen österreichischen Slang geschrieben. Das gibt dem Roman einen besonderen Touch – das gefällt mir sehr. Ich habe den Roman wahnsinnig gern gelesen, denn ich mag Geschichten besonders aus dieser Zeit und noch dazu, wenn mir die Gegend bekannt ist. Der Semmering wird endlich einmal aus einer ganz neuen Perspektive gezeigt, unglaublich gut gelungen. Der Roman hat für mich alles, was ich in Büchern mag: eine interessante Zeit, eine neue Perspektive und zum Teil reale Fakten. Daher empfehle ich den Roman uneingeschränkt weiter.
Frankenfrosch
4/5
02.11.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Mit ins Leben genommen
Es gibt Bücher, auf die freut man sich ab dem Moment, ab dem man weiß, dass es sie im Buchhandel gibt. So ging es mir mit Tanja Paars 'Am Semmering'. Deshalb erstmal ein 'Dankeschön' an den Residenz Verlag für das Rezensionsexemplar. Hat das Buch meine Erwartungen erfüllt? Jaaaaaein ... Die Geschichte von Klara und Bertl, von ihrem einfachen Leben im Bahnwärterhaus droben am Semmering, Ende der 1920er bis zum Ende des 2. Weltkrieges ist ein tolles romanhaftes Zeitdokument. Anschaulich und eindrucksvoll. Aber, selbst für mich als gebürtige und im Dialekt aufgewachsene Süddeutsche, waren Klaras Gedankenerzählungen, und fast 3/4 des Romanes bestehen daraus, manchmal zu schwer zu fassen. Denn Tanja Paar lässt das Alltägliche, das den Roman so nah und faszinierend macht, aus dem Kopf von Klara erzählen. Das ist kein geschliffenes Deutsch, da fallen österreichische Begriffe, da sind süddeutsch-österreichische Satzstellungen und Grammatiken und da bricht auch mal ein Satz mittendrin ab. Das ist nicht immer flüssig zu lesen, brachte mir die Person jedoch auch nah ans Herz. Da ist die tiefe Freundschaft zu Rahel, die versucht Klara ihre Religion zu erklären. Da gibt es noch Fritz und Szabo, dessen retrospektive Erinnerung noch eine andere Sicht in das Leben und Freundschaft bringt. Allerdings greift diese Erinnerung manchmal vor und brachte mir die ein oder andere Verwirrung. Wie entstand die Freundschaft zu Fünft? Doch trotz meiner temporären Verwirrung, meiner Meinung, dass sich mancher Nichtdialektler 'a weng schwer doa werd', möchte ich dieses Buch in meiner Leselaufbahn nicht missen. Wem das verwirrt, sollte es unbedingt selber lesen.
yellowdog
4/5
01.09.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Bertl und Klara
Am Semmering ist ein Zeitporträt: Ein bestimmter Ort in Österrreich und eine Zeit, ab 1928 bis in die dreißiger Jahre hinein.
Erzählt wird exemplarisch anhand eines Paares: Bertl und Klara.
Die Autorin wurde von ihren Großeltern zu diesen Figuren inspiriert. Daher wirken sie besonders authentisch.
Auch stilistisch ist der Roman geschickt und gut gemacht.
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