UNIversal gescheitert?
Wissenschaft und Hochschule zwischen Machtmissbrauch, Leistungsdruck und Ausbeutung - Was wir dagegen tun können | Von Bildungsforscherin Lisa Niendorf alias @frauforschung
Bildungskrise in Deutschland: Lisa Niendorf zeigt, was sich ändern muss
"Bildungsfragen sind unweigerlich auch Machtfragen. Lisa Niendorf lädt uns ein, diese neu zu verhandeln. Ihr Buch ist nicht nur lehrreich, sondern vor allem auch lebensnah und echt!" – Maren Urner
Unser Bildungssystem steckt tief in der Krise:
soziale Ungleichheit – wer in Deutschland studieren kann, bestimmt zu oft der Geldbeutel
prekäre Arbeitsbedingungen – zu viele Forschende erhalten nur Zeitverträge
Geldmangel – viele Universitäten sind nicht mehr zeitgemäß ausgestattet
Lehrkräfte-Mangel – der sich in Zukunft noch verstärken wird
Defizite in der Digitalisierung und unzureichende Betreuungsverhältnisse
Bildungsforscherin Lisa Niendorf – auf Social Media bekannt als @frauforschung – deckt in ihrem Sachbuch die Schwächen unserer Bildungspolitik auf: Sie spricht über die Herausforderungen, denen Studierende und Wissenschaftler*innen gegenüberstehen, thematisiert Leistungsdruck, Ausbeutung, Machtmissbrauch, Diskriminierung und Mental-Health-Probleme. Geht es so weiter, so ihr alarmierender Aufruf, verlieren wir eine ganze Generation. Zugleich zeigt sie, welche Maßnahmen zur Lösung dieser Probleme beitragen. Denn ein menschliches Wissenschaftssystem ist möglich, so Niendorf – doch wenn die Krise zum Kollaps wird, verlieren wir alle.
"Dieses Buch ist besonders. Es ist einladend und barrierefrei geschrieben, erklärt viel, schenkt Rat, fühlt mit. Die Probleme unserer Hochschulen werden deutlich benannt. Mir hat das Buch geholfen und den Blick geöffnet." – Jutta Allmendinger
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Vor kurzem habe ich "UNIversal gescheitert?" von Lisa Niendorf fertig gelesen und ich bin voll der Bewunderung für dieses großartige Buch einer mutigen Frau, die so vieles von dem, was ich und viele meiner Kolleginnen und Kollegen im Laufe der Jahre als Studierende und Mitarbeitende auf unterschiedlichen Universitäten erlebt haben, offen ausspricht. Wie die Autorin das am Anfang ihres Buches anspricht, gibt es in den Köpfen vieler Menschen immer noch ein überhöhtes, idealistisches Bild von Universitäten und Wissenschaft, als ob das ein heiliger Raum wäre, in dem keine Missstände herrschen würden.
Wer aber näher mit diesem System in Berührung kommt, ob als Studierende oder später vielleicht als hoffnungsvolle Doktorandin oder wissenschaftlicher Projektmitarbeiter, wird oft bitter desillusioniert von all den Missständen, die es da gibt und gegen die man sich oft so machtlos fühlt. Denn kaum jemand unterhalb der ordentlichen Professuren - die nur von ganz wenigen privilegierten Menschen und wenn überhaupt, meist erst frühestens im mittleren Erwachsenenalter erreicht werden - hat kaum jemand eine gut abgesicherte Position auf einer Universität, die es erlaubt, offen Kritik zu üben, ohne die eigene Vertragsverlängerung zu gefährden.
Ich schätze die Ehrlichkeit der Autorin, mit der sie zugibt, selbst eine der wenigen zu sein, die im akademischen Mittelbau einen unbefristeten Vertrag erhalten haben, und wie das ihr dabei hilft, sich zu trauen, so ein mutiges Buch zu schreiben, das viele Widerstände so deutlich offen legt.
Um welche Missstände geht es in dem Buch? Um stark unterfinanzierte Universitäten, marode Gebäude, überfüllte Studiengänge. Um ein extrem hierarchisches System, in dem, wie oben beschrieben, alle unterhalb der allerhöchsten Positionen auch bei exzellenten Leistungen und noch so viel Fleiß und Anstrengung ständig um ihre Stelle zittern müssen, und das strukturell zu Machtmissbrauch regelrecht einlädt.
Denn es handelt sich bei näherer Betrachtung um ein System, das Ausbeutung und Missbrauch nicht nur verleugnet, sondern teilweise regelrecht fördert: denn Karriere macht etwa, wer die meisten Publikationen aufweisen kann. Und wer dafür abhängige wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausnützt, ihnen viele unbezahlte Überstunden aufbrummt, sie fast die ganze Arbeit alleine machen lässt und dann aber ausschließlich den eigenen Namen auf die Publikationen schreibt, der hat auf dem Papier eine längere und eindrucksvollere Publikationsliste vorzuweisen. Ehrlichkeit, Redlichkeit und insbesondere die Qualität der eigenen Lehre oder gar besonderes Engagement für Studierende zählen hingegen kaum etwas für das Vorankommen im akademischen Bereich, können sogar hinderlich sein.
Der Autorin gelingt es, überzeugend und anhand von vielen Beispielen und einer fundierten Analyse des Aufbaus des wissenschaftlichen Systems, zu zeigen, dass die vielen Missstände in diesem Bereich eben keine Ausnahmefälle sind, sondern mit der Struktur dieses Systems zusammenhängen, welche zum Teil aktiv und bewusst aufgebaut wurde und geschützt wird, um die Interessen der Mächtigen zu vertreten. Da ist es auch kein Wunder, dass mit jeder Hierarchieebene auf den Universitäten mehr weiße heterosexuelle Männer aus sozioökonomisch privilegierten Milieus vertreten sind und alle, die in einer oder mehreren Kategorien davon abweichen, weil sie etwa Frauen, queer, migrantisch, mit Betreuungspflichten oder aus Arbeiterfamilien sind, sich schwer tun, hier ihren Platz zu finden und ihn zu behalten. Denn Menschen fördern meist die, die ihnen ähnlich sind, und auch Themen wie Rassismus, Diskriminierung, Ausbeutung und sexualisierte Gewalt sind nicht nur in der Gesamtgesellschaft, sondern auch auf Universitäten weit verbreitet, wie die Autorin eindrucksvoll anhand von aktuellen Zahlen und Beispielen belegt.
Sprachlich ist das Buch sehr zugänglich und gut verständlich geschrieben und die Autorin hat sich große Mühe gegeben, sich nicht hinter akademischer Sprache zu verschanzen, sondern das Buch für eine breite Menge an Interessierten lesbar zu machen und alle nicht allgemein bekannten Konzepte zu erklären.
Ich wünsche diesem Buch von Herzen, dass es viele Leserinnen und Leser findet, in der allgemeinen Bevölkerung, aber auch unter jenen in Machtpositionen, bei denen es vielleicht ein Umdenken bewegen möge, um eine wissenschaftliche Landschaft zu gestalten, die gerade die engagiertesten und klügsten Köpfe aus der gesamten Bevölkerung nicht frustriert und vertreibt, sondern wertschätzt und ihnen einen Raum gibt, sich einigermaßen abgesichert zu entfalten und damit zum Wohle aller zur Vielfalt der Perspektiven im wissenschaftlichen Bereich beizutragen. Das würde den aktuellen und zukünftigen Studierenden, der Forschung und der Gesamtgesellschaft sehr zugute kommen. Danke für dieses mutige Buch!
Ein längst überfälliges Buch
Bewertung am 09.10.2025
Bewertungsnummer: 2621171
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Lisa Niendorf legt mit UNiversal gescheitert? ein Buch vor, das sich mit den Strukturen und Herausforderungen des deutschen Hochschulsystems auseinandersetzt - und dabei eine Perspektive bietet, die sowohl kritisch als auch reflektiert ist. Schon auf den ersten Seiten wird deutlich, dass es hier nicht um eine einfache Abrechnung geht, sondern um eine durchdachte Analyse eines Systems, das in vielen Bereichen an seine Grenzen stößt.
Was besonders überzeugt, ist die klare Sprache und die Fähigkeit der Autorin, komplexe Themen verständlich zu vermitteln. Niendorf schreibt zugänglich, ohne oberflächlich zu werden, und schafft es, ihre Beobachtungen so einzuordnen, dass sie auch für Leserinnen nachvollziehbar bleiben, die selbst nicht aus dem akademischen Umfeld kommen. Dabei gelingt ihr eine Balance zwischen persönlicher Erfahrung und sachlicher Einordnung.
Das Buch wirkt sorgfältig recherchiert und basiert offensichtlich auf intensiver Auseinandersetzung mit den realen Bedingungen von Studium, Forschung und Lehre. Niendorf macht deutlich, wie vielschichtig die Probleme sind - von organisatorischen und strukturellen Fragen bis hin zu gesellschaftlichen Erwartungen und individuellen Belastungen. Besonders eindrücklich ist, dass sie dabei nie in Schwarz-Weiß-Denken verfällt, sondern Raum für Ambivalenzen lässt.
Insgesamt entsteht das Bild eines Systems, das einerseits enorme Potenziale hat, andererseits aber von Widersprüchen und Belastungen geprägt ist, die nicht länger ignoriert werden können. Das Buch regt zum Nachdenken an, ohne belehrend zu wirken, und es lädt dazu ein, die eigene Haltung zu Wissenschaft und Bildung zu überdenken.
Fazit:
UNIversal gescheitert? ist ein kluges, ehrliches und gut geschriebenes Buch, das wichtige Fragen stellt, ohne einfache Antworten zu liefern. Es lohnt sich für alle, die verstehen wollen, warum Hochschulen heute so funktionieren, wie sie es tun - und was sich ändern müsste, damit sie wieder Orte echter Bildung und Chancengleichheit werden können.
Eine klare Empfehlung für alle, die sich für Bildung, Wissenschaft und gesellschaftliche Entwicklungen interessieren.
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