Sturmfälle – 12 emotionale, bewegende Fälle zum Thema Diskriminierung und Hasskriminalität. Abseits der bunten, scheinbar toleranten Regenbogenwelt kettet sich Kenneth vor lauter Verzweiflung an den Empfangstresen eines Krankenhauses. Edward verliert aus Enttäuschung die Kontrolle. Lawrie fällt einer Gruppe Vermummter in die Hände. Donalds Mutter will Gerechtigkeit für ihren Sohn. Jenna sieht sich auf einem dunklen Parkplatz von vier Männer umzingelt. Jamie erkennt, dass die ihr aufgedrängte Operation falsch ist. LGBTIQ*-Anwalt Gale muss Marlon vor einem Undercovercop und Alina vor ihrem Mann retten. Heather und Erin wollen einfach nur heiraten. Nadja und Phoebe müssen erfahren, dass einige Leute noch heute an die Existenz von Hexen glauben. Michael wird von seinen Eltern zu einer Konversionstherapie gedrängt. Und Gale selbst wird Zeuge eines tragischen Zwischenfalls am Rande eines CSD. Alle Gewinne werden an „Rosa Strippe e.V.“ gespendet, ein Verein für psychosoziale Beratung von und für LGBTIQ*-Personen. Co-Autoren P.R. Jung, Tenshi, Tuula Schneider, Domenic Blair, Miranda J. Fox, Jayden V. Reeves, Princess Poppy Gray, Jaden Quinn, Georg Brun, Olivia Lienau, Marvin Grauwolf
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Kriminalstatistik 2023: Über 1.400 offiziell registrierte Straftaten gegen queere Menschen in Deutschland. Beleidigungen, Angriffe, Bedrohungen. Die Dunkelziffer? Vermutlich noch viel höher. Und während sich viele lieber einreden, wir lebten in einer „toleranten Gesellschaft“, zeigt die Anthologie Sturmfälle, wie es tatsächlich aussieht, und zwar ungeschönt, schmerzhaft und realitätsnah. Zwar handeln die Geschichten in den 90er- und frühen 2000er Jahren, könnten aber genauso gut auch jetzt handeln.
Herausgegeben von Irvin L. Kendall, vereint Sturmfälle 12 Geschichten über queerfeindliche Gewalt, Ausgrenzung, Diskriminierung, erzählt von verschiedenen Autor:innen, verbunden durch eine Figur: Gale, ein schwuler LGBTIQ*-Anwalt, der sich unermüdlich für queere Menschen einsetzt, denen sonst niemand zuhört. Er kämpft in Gerichtssälen, recherchiert, begleitet Opfer, stößt auf Schweigen, Ablehnung, Widerstand. Und verliert selbst fast den Boden unter den Füßen.
Diese Anthologie ist mitnichten kein Wohlfühlbuch. Wer hier quietschbunte Queer-Romance erwartet, ist falsch abgebogen. Die Themen sind schwer: Vergewaltigung, Mobbing, Suizid, Ausgrenzung, Polizeigewalt. Aber sie sind verdammt wichtig, weil sie real sind. Und weil sie vielen queeren Menschen jeden Tag passieren. Auch heute noch. Auch hier.
Was mich besonders beeindruckt hat, ist die Struktur. Jede Geschichte startet mit einem konkreten Vorfall, mündet in juristische Ermittlungen, bringt uns vor Gericht und alles ist so klug, so spannend und so emotional geschrieben, dass ich oft durchatmen musste.
Gale ist dabei mehr als eine verbindende Figur, wir lernen ihn nicht nur als Anwalt kennen, sondern auch als Mensch, der selbst Teil der Community ist und die Demütigungen, die seine Mandant:innen erleben, am eigenen Leib kennt.
Am Ende bleibt mir nur zu sagen: Sturmfälle ist keine einfache Lektüre, aber eine, die ich jedem und jeder ans Herz lege. Es ist unbequem, ja. Aber genau deshalb so notwendig. Und: Alle Erlöse gehen an Rosa Strippe e.V. – Beratung von und für queere Menschen.
Ein absolut gelungenes Werk!
black_cat595 am 16.06.2025
Bewertungsnummer: 2516979
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Vibes:
traurig und berührend
schockierend und aufwühlend
aufklärend und anklagend
12 Geschichten und Schicksale
Die Anthologie bietet dem Leser die Möglichkeit in viele verschiedene Schicksale der queeren Szene einzutauchen. Dabei machen die Autoren eindrucksvoll aufmerksam auf die Ungerechtigkeiten, die Menschen ertragen mussten und müssen, die genauso wie jeder andere auch Liebe erfahren und ihren Platz in der Welt finden wollen.
Eine Hälfte der Geschichten spielt in den 90er-Jahren in den USA in South Carolina. Zu der Zeit gab es gesetzliche Regelungen, die das Ausleben der sexuellen Orientierung außerhalb der "Norm" verbot. Das ging so weit, dass die Polizei entsprechende Verdächtige verfolgte, um sie auf frischer Tat zu erwischen. Meist kam den Betroffenen niemand zur Hilfe. Nein, sie wurden sogar verhaftet und als Sexualstraftäter registriert.
Die Geschichten spiegeln Schicksale einer Zeit wieder, die lediglich stellvertretend für eine Zeit voller Ablehung, Ausgrenzung und Gewalt stehen, sodass Betroffene oft allein waren, sich versteckt hielten und zu extremen Maßnahmen greifen mussten, um das schützen zu können, was ihnen wichtig ist.
Die andere Hälfte der Geschichten spielt Anfang der 2000er in Boston. Diese drehen sich nicht mehr um existentielle Themen, aber immer noch um wichtige. Beispielsweise um die Thematik von Religion. Darf man aus religiösen Gründen ablehnen ein homosexuelles Paar unter Vertrag zu nehmen?
Die Geschichten gehen nicht immer gut aus und sind vor allem auch nicht immer leicht zu ertragen. Dabei ist vor allem der emotionale Faktor gemeint, da die Geschichten und die Schicksale in ihnen tief berühren.
Ein weiterer Pluspunkt sind viele Erklärungen von Begriffen und Begebenheiten der queeren Welt und Fußnoten, die Details aus der Realität wiedergeben. Die Fälle regen zum Nachdenken an.
Insgesamt ist das ein gelungenes Werk, dass schockt, aufmerksam macht und Dinge anspricht, die einfach nicht ungesehen sein sollten. Denn nicht jedes angesprochene Thema gehört der Vergangenheit an.
⭐⭐⭐⭐⭐/5
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