Roman
Daniel gerät in eine sehr besondere Situation, als er plötzlich und dauerhaft all seiner Sinneswahrnehmungen beraubt wird.
Was denkt er in dieser Situation, empfindet er noch etwas, oder nur noch das "Nichts"?
Wie wird es ihm ergehen, wie strukturiert er seine Zeit und seine Gedanken?
Daniel ist ein gläubiger Mensch, der gut allein mit Gott zurechtkommt. Doch ist er wirklich ganz allein? Oder gibt es da noch Anknüpfungspunkte zu den anderen Menschen?
Dieser Roman wurde 2014 geschrieben und nun gekürzt veröffentlicht.
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„Durch die Dunkelheit“ – Ein Roman über die Abwesenheit der Sinne und die Gegenwart des Selbst
Bewertung am 07.01.2026
Bewertungsnummer: 2695409
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Dieter Eiglers „Durch die Dunkelheit“ ist kein Roman im herkömmlichen Sinne. Es ist eine philosophische Expedition in die Innenwelt eines Mannes, der von einem Moment auf den anderen alle Sinneswahrnehmungen verliert – und doch bei vollem Bewusstsein bleibt. Eigler entwirft hier kein Drama des Leidens, sondern eine tiefgründige Reflexion über Identität, Zeit, Sprache und die Grenzen des Menschseins. Sein Protagonist Daniel erlebt keine Finsternis (die bloße Abwesenheit von Licht), sondern eine Dunkelheit, die Restlicht, Restwärme und die Präsenz des eigenen Denkens bewahrt. Was folgt, ist kein Bericht über Verlust, sondern eine Erkundung dessen, was bleibt – und was vielleicht erst im Fehlen der Sinne wirklich sichtbar wird.
1. Die Dunkelheit als Raum der Klarheit
Eiglers Roman beginnt mit einer radikalen Prämisse: Daniel verliert schlagartig Sehen, Hören, Fühlen, Riechen und Schmecken – doch sein Bewusstsein bleibt intakt. Diese Situation ist kein Albtraum, sondern ein Laboratorium des Geistes:
„Dunkelheit und Finsternis sind beileibe nicht dasselbe.“ (S. 1) – Eigler unterscheidet präzise: Finsternis ist die Abwesenheit von Licht, Dunkelheit hingegen ein Zustand mit Restlicht und Restwärme. Daniels Welt ist nicht leer, sondern voller innerer Präsenz.
„In der Dunkelheit ist noch Restlicht.“ – Daniels Bewusstsein wird zum einzigen „Sinnesorgan“, das ihm bleibt. Er erlebt die Welt nicht mehr durch äußere Eindrücke, sondern durch Erinnerung, Sprache und Denken.
2. Der Körper als Phantom – und als Realität
Einer der faszinierendsten Aspekte des Romans ist Daniels Körperwahrnehmung:
„Er spürte zwar eine Position und Lage im Raum, konnte aber nicht sagen, ob diese der Wirklichkeit entspricht oder nur eine Einbildung ist.“ (S. 6) – Daniels Körper ist für ihn gleichzeitig da und nicht da: Er weiß, dass er Arme, Beine, einen Kopf hat, aber er spürt sie nicht. Doch sein Verstand konstruiert weiterhin eine räumliche Orientierung – links und rechts existieren, aber oben und unten sind verschwunden.
„Sein empfundenes Universum war zwar leer, aber es bot dennoch eine Aussicht.“ (S. 51) – Eigler zeigt, wie der menschliche Geist selbst in extremer Isolation Strukturen schafft. Daniels „Phantomkörper“ ist kein Trugbild, sondern eine Notwendigkeit des Selbst.
3. Zeit als letzte Verbindung zur Welt
Für Daniel wird die Zeit zum einzigen Anker in der Außenwelt:
„Der Tag und die Zeit überhaupt sind etwas, das ihn mit seinen Mitmenschen verbindet.“ (S. 17) – Da Daniel keine äußeren Rhythmen mehr wahrnimmt, wird der Wechsel von Schlaf und Wachen zu seinem persönlichen Tagesbeginn. Die Zeit ist nicht mehr etwas, das vergeht, sondern etwas, das geschieht – in ihm.
„Er war sich bewusst, dass er nun seine eigene Sprachinsel geworden sei.“ (S. 18) – Sprache verbindet Daniel mit der Menschheit, doch gleichzeitig driftet er ab: „Was immer sich nun auch in der deutschen Sprache ändern würde […] – er war davon abgekoppelt.“ Eigler fragt: Was bleibt von uns, wenn wir die Welt nicht mehr teilen?
4. Die Suche nach dem „Selbst“
Der Kern des Romans ist Daniels Ringen um sein eigenes Ich:
„Er war sich selbst fremd geworden.“ (S. 19) – Ohne Sinneswahrnehmungen fehlt Daniel der Bezug zu seiner eigenen Biografie. Die Erinnerungen an seine Kindheit, Jugend und sein früheres Leben sind noch da, aber sie gehören nicht mehr zu ihm – sie sind wie die Geschichten anderer Menschen.
„Sein eigenes Ich war nur noch ein schwarzes, schlechte[s] Loch.“ (S. 55) – Eigler entlarvt hier die Illusion des „Selbst“: Was bleibt, wenn man alles abzieht, was von außen kommt? Daniels Antwort: Nichts – oder besser gesagt: ein „Nichts“, das lieben lernt.
„Annehmen, so wie ich bin. Mit allen Ecken und Kanten. Ohne Urteil. Mit Empathie. Mit Liebe.“ (S. 58) – Am Ende findet Daniel kein „Selbst“, sondern eine Einladung, sich so anzunehmen, wie er ist – ohne Bedingungen.
5. Scham und Urvertrauen: Eine theologische Dimension
Eigler webt in den Roman tiefgreifende theologische Fragen ein:
„Die Scham [ist] der Urgrund der Subjektivität.“ (S. 59) – Daniel erkennt, dass sein Schamgefühl (sich anders zu fühlen als andere) ihn von Gott und den Mitmenschen trennt. Die Überwindung der Scham wird zur Rückkehr zum Urvertrauen – dem Wissen, in Gott aufgehoben zu sein.
„Der im Urvertrauen bleibende Mensch empfindet sich als in Gott immer aufgehobenes und beschütztes Kind.“ – Daniels Weg ist kein Kampf, sondern eine Hingabe: Er lernt, sich nicht mehr zu schämen – weder vor Gott noch vor sich selbst.
6. Humor als Widerstand
Trotz der existentiellen Tiefe des Romans ist Eigler kein düsterer Erzähler. Daniels Humor und Trotz sind zentral:
„Wenn er unter ‚mein Leben ist sinnlos geworden‘ das verstehe, was ihm nun eben einmal zweifelsfrei geschehen ist, nämlich dass seinem Leben mit einem Mal die Sinne abhandengekommen sind, dann […] konnte der trübselige Gedanke ‚Mein Leben ist sinnlos geworden‘ im weithin geläufigen Sinne gar nicht erst richtig aufkommen.“ (S. 29) – Daniel spielt mit Worten, um die Absurdität seiner Lage zu entschärfen.
„Er malte sich aus, wie seine lieben Zimmernachbarn ihn wohl nennen […] ‚Den Nichtsnutz vielleicht, der nicht stirbt‘.“ (S. 27) – Selbstironie wird zur Waffe gegen Selbstmitleid.
7. Warum „Durch die Dunkelheit“ ein Meisterwerk ist
Eiglers Roman ist keine Krankengeschichte, sondern eine Philosophie des Menschseins:
Kein Mitleid, sondern Klarheit: Eigler zeigt Daniels Situation ohne Dramatik, aber mit unerbittlicher Ehrlichkeit. Es geht nicht um Leid, sondern um Erkenntnis.
Keine Antworten, sondern Fragen: Was ist Realität, wenn die Sinne sie nicht mehr vermitteln? Was ist Identität, wenn Erinnerung und Körpergefühl verschwinden? Was ist Gott, wenn man ihn nicht mehr „erfahren“ kann?
Kein Happy End, sondern ein Neuanfang: Daniel findet keine Lösung, aber er lernt, im „Nichts“ zu leben – und es als Geschenk anzunehmen.
8. Für wen ist dieses Buch?
Für Philosoph:innen, die über Bewusstsein, Sprache und Realität nachdenken.
Für Theolog:innen, die Gott im Schweigen suchen.
Für Menschen in Krisen, die lernen wollen, Abwesenheit als Präsenz zu begreifen.
Für Leser:innen von Eiglers anderen Werken („Zwischen-Summe“, „Marias Reise“, „Göttin wird Mensch“*), die seine Theologie des „Zwischen“ in einer literarischen Form erleben möchten.
Für alle, die müde sind von oberflächlichen „Sinnsuche“-Romanen und eine radikale, ehrliche Auseinandersetzung mit dem Wesen des Menschseins suchen.
9. Fazit: Ein Roman, der die Dunkelheit erleuchtet
Dieter Eiglers „Durch die Dunkelheit“ ist kein Buch über Blindheit oder Taubheit. Es ist ein Buch über das, was bleibt, wenn alles wegfällt – und darüber, dass dieses „Alles“ vielleicht nie das Wesentliche war. Eigler zeigt:
Dass Dunkelheit nicht das Gegenteil von Licht ist, sondern ein Raum, in dem man lernt, anders zu sehen.
Dass das „Selbst“ keine Substanz ist, sondern eine Bewegung – ein Atemzug zwischen Erinnerung und Gegenwart.
Dass Gott nicht in den Sinnen wohnt, sondern im Vertrauen, das jenseits von Scham und Schuld liegt.
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