Über Liebe und Freundschaft in einer Welt, die Vertrauen nicht kennt
Ein Roman über das Ringen um Nähe, um Liebe, Loyalität und Freundschaft im Schatten staatlicher Kontrolle. Ein bestechendes Porträt von der Kraft und Zerbrechlichkeit menschlicher Bindungen, dem Enthusiasmus des Neuanfangs und dem Verlust von Illusionen.
»Selbstregulierung des Herzens« entfaltet ein vielfältiges Panorama des Lebens in der DDR und im frisch wieder vereinigten Deutschland. Im Zentrum stehen Georg, der anfangs noch hofft, seinen Staat mithilfe von ersten Computern und Kybernetik vorwärtszubringen, und die Künstlerin Mona.
Um sie herum entwickelt sich ein reiches Ensemble an Figuren: der illusionslose Intellektuelle Roland, der in den Westen flieht; Marlies, die versucht, das System von innen zu reformieren, sowie die Künstlerfreunde Monas. Alle treffen sich in einem Dorf in der Nähe von Wandlitz, wo bald seltsame geheime Bautätigkeiten beginnen.
Mit stiller Wucht schreibt Peggy Mädler über das Flirren zwischen Halt und Auflösung – über Nähe und Entfremdung, Anpassung und Resilienz.
Ein neues Kapitel für Ihre Bücher
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Von allen Büchern, die ich bisher über die ehemalige DDR, die Wende und die Zeit danach gelesen habe, ist "Selbstregulierung des Herzens" jenes, das mir am deutlichsten und detailliertesten ein Gefühl für die verschiedenen Aspekte dieser bewegten Zeiten vermittelt hat. Im Nachwort erwähnt die Autorin, dass es sich zwar um eine fiktive Geschichte handelt, sie aber sehr sorgfältig recherchiert und mit vielen Menschen Gespräche geführt hat, um ein möglichst realistisches Bild dieser Zeit zu zeichnen. Das ist auch bestens gelungen.
Im Zentrum stehen ein paar junge und dann älter werdende Menschen in der DDR und der Zeit danach, die wir über mehrere Jahrzehnte in ihrer Entwicklung und mit ihren Hoffnungen, Wünschen, Träumen, aber auch ihrer Desillusionierung, begleiten: der Computerexperte Georg, die Künstlerin Mona, die lange sehr systemtreue Marlies, der alte Fritzsch, der sich aus Eingangstüren ein eigenes kleines Ferienhäuslein am Bauersee gebaut hat und noch so einige weitere.
Wir erleben mit, wie in den 1960er Jahren das Klima in der neuen DDR von einer Aufbruchstimmung geprägt ist. Wie viele glauben, an etwas Gutem mitzuwirken und auf der richtigen Seite zu stehen, auf der der Gegner des Faschismus. Georg und seine Freunde studieren Ökonomie, zeitweise gibt es hier noch viel Raum zum Diskutieren, Denken und Hinterfragen über das richtige System und wie man es konkret gestalten könnte, bevor es immer enger wird im kommunistischen Staat und die Freiheiten zunehmend eingeschränkt werden.
Es ist sehr interessant, beim Lesen mitzuerleben, wie viel Hoffnung auf das gemeinsame Erschaffen eines besseren Systems es vielleicht auch gegeben haben kann, und wie diese über die Jahrzehnte durch das Miterleben von Repression, Bespitzelung, Ausgrenzung aller, die von der offiziellen Linie abweichen samt heftiger beruflicher und privater Nachteile auch für Verwandte, brutaler Niederschlagung von Freiheitsbewegungen (z.B. in Ungarn oder der damaligen Tschechoslowakei) durch die Sowjetunion und dem Erleben von Ineffizienz in den staatlichen Organisationen desillusioniert wird.
Dabei gehen die porträtierten Personen ganz unterschiedlich damit um: manche arrangieren sich im Stillen, andere bleiben lange idealistisch und möchten dazu beitragen, das System zu verbessern, andere werden zu Mitläufern und Profiteuren und wieder andere versuchen, die DDR in Richtung Westen zu verlassen.
Auch die herausfordernde Zeit nach der Wende, in der wiederum viele Träume zerplatzt sind, wird gezeigt: wie ehemals in der DDR sehr qualifizierte Menschen sich nun mit Hilfsarbeiterjobs durchschlagen müssen und oft arbeitslos sind, wie öffentliche Einrichtungen schließen und verfallen, wie viele Menschen den Ausverkauf ihrer geliebten Heimat durch kapitalstärkere Investoren aus dem Westen erleben, und vieles mehr.
Das Buch erzählt nah an den Figuren dran und aus wechselnden Perspektiven, sodass man gut mit ihnen mitfühlen kann. Gleichzeitig zieht sich - passend zum Titel - immer wieder die Frage durch das Buch, aufbauend auf Zitaten und Überlegungen aus der Kybernetik ("Zweifellos vollzieht jedes gesellschaftliche System, solange es durch die es bewegenden Widersprüche nicht gesprengt wird, eine ständige Reproduktion seiner selbst", aus einem Buch zur Gesellschaftsdialektik, S. 127 im E-Book), mit denen sich insbesondere Georg als Informatiker, aber auch seine Kommilitonen im Ökonomiestudium beschäftigen, ob und wie ein solches System wie die sozialistische DDR sich doch auch ein bisschen von innen durch die beteiligten Menschen selbst steuern könnte (natürlich ein Widerspruch zur staatlich verordneten Planwirtschaft), wenn die involvierten Menschen mit vollem Herzen dabei wären.
Das ist eine zusätzliche philosophische Dimension, die das Buch noch einmal auf einer anderen Ebene bereichert hat.
Auch sprachlich finden sich vieler sehr treffende Formulierungen darin, die nachdenklich machen:
"Kritik und Selbstkritik, so ein Verfahren war ja kein Pappenstiel, davon wusste Marlies ein Lied zu singen, wie ein Kind stand man in der Versammlung da und wurde über seine Verfehlungen aufgeklärt, und wer sich nicht reumütig zeigte, war für die Arbeit oder den Posten nicht mehr tragbar. Von einem Moment auf den anderen auf der falschen Seite. Dann doch lieber den Rückzug antreten, nicht in Erscheinung treten, unterm Radar bleiben, die eigene Meinung zurückhalten." (S. 95 im E-Book)
"Welchen Sinn machte es, über Regelgröße und Wechselbeziehungen in einem System nachzudenken, das sich selbst abriegelte, ja, jede Art Einwirkung von außen zu beschränken oder ganz auszuschließen versuchte, und dabei immer mehr eintrocknete, austrocknete und an Möglichkeiten, Informationen, Variationen verlor?" (S. 133 im E-Book)
"Er war mehr Rädchen als Sand im Getriebe gewesen." (S. 180 im E-Book)
Für mich war es kein Buch, das ich schnell lesen konnte, sondern eines zum langsamen Lesen, Verweilen und tiefgründigen Darüber-Nachdenken. Das spricht ebenfalls für seine Qualität. Ich kann es allen, die sich für die Zeit der ehemaligen DDR, von ihren Anfängen bis zu ihrem Ende und darüber hinaus, und die betroffenen Menschen interessieren, und die gerne nicht nur persönlich, sondern auch theoretisch über Wirtschafts- und Gesellschaftsmodelle und ihre praktischen Konzepte für alle Betroffenen nachdenken, sehr ans Herz legen.
Jürg K.
5/5
18.02.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein leises, kluges Buch über Bindungen
Für mich ein Roman über das Ringen um Nähe, um Liebe, Loyalität und Freundschaft im Schatten staatlicher Kontrolle. Die Geschichte hat mich auf eine stille, aber nachhaltige Weise getroffen. Es ist einer dieser Romane, die nicht laut werden müssen, um tief zu wirken. Peggy Mädler schreibt über Menschen, die versuchen, Nähe zu finden in einer Welt, die ihnen ständig misstraut und genau das hat mich berührt. Georg, der an die Möglichkeiten der Kybernetik glaubt, wirkt wie jemand, der sich verzweifelt an die Idee klammert, dass Systeme reparierbar sind, wenn man nur klug genug denkt. Mona dagegen lebt im Offenen, im Künstlerischen, im Fragilen. Zwischen den beiden entsteht ein Raum, der zugleich Schutz und Gefahr ist. Besonders eindrücklich fand ich, wie der Roman die DDR nicht als Kulisse, sondern als atmende Realität zeigt eine, die in die Körper und Beziehungen der Figuren eingreift. Roland, der illusionslose Intellektuelle, Marlies, die Reformerin wider Willen, die Künstlerfreundinnen: Sie alle tragen ihre eigenen Brüche, ihre eigenen Hoffnungen. Der Roman zeigt, wie schwer es ist, einander zu vertrauen, wenn man gelernt hat, sich selbst zu überwachen. Für mich ein leises, kluges Buch über Bindungen, die halten wollen, obwohl alles dagegenspricht. Es bleibt lange nach dem Lesen spürbar.
Alrik Gerlach
Thalia Book Circle Community
5/5
17.02.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Zwischen Misstrauen und zarter Hoffnung
Zwischen leiser Melancholie und vorsichtiger Hoffnung entfaltet sich eine Geschichte, die lange nachhallt. Die Figuren wirken nicht wie literarische Konstruktionen, sondern wie Menschen aus Fleisch und Erinnerung, deren Sehnsucht nach Nähe in einer misstrauischen Welt besonders verletzlich erscheint. Gerade diese stille Intensität hat mich tief berührt.
Das Panorama aus DDR-Vergangenheit und Aufbruch in ein neues Deutschland wird mit feinem Gespür für Zwischentöne erzählt. Beziehungen verschieben sich, Ideale bröckeln, und doch glimmt immer wieder ein zarter Funke von Verbundenheit auf. Besonders eindrucksvoll ist, wie unspektakulär große Gefühle sichtbar werden – in Blicken, Gesprächen, kleinen Entscheidungen.
Spürbar bleibt die Frage, wie viel Vertrauen ein Mensch wagen kann, wenn Sicherheiten verschwinden. Die Sprache trägt dabei eine ruhige Schönheit, die weder beschönigt noch verurteilt, sondern aufmerksam begleitet. Genau diese Sanftheit macht den Roman so eindringlich.
Ein stilles, kluges Buch über Verlust, Mut und die zerbrechliche Kraft von Freundschaft. Keine laute Lektüre, sondern eine, die sich behutsam ins Herz legt und dort lange weiterarbeitet.
drawe
aus Landau
5/5
06.05.2026
eBook (ePUB 3)
Man arrangiert sich ...
Mein Lese-Eindruck:
Was ist Selbstregulierung? Das Lexikon erläutert diesen Begriff aus der Kybernetik: man versteht darunter die Fähigkeit von Systemen, auf äußere Einflüsse zu reagieren und dabei Störungen so zu kompensieren, dass das System immer stabil bleibt.
Diesen Begriff wendet Peggy Mädler auf das Staatssystem der DDR und zugleich auf das Miteinander der Menschen in diesem Staat an. Eine originelle Idee, mit der dem Leser ein neuer, sehr fein ziselierter Blick auf die ehemalige DDR gelingt!
Der Leser begleitet einige Figuren über viele Jahre hinweg, beginnend in den 60er Jahren und endend in der jüngsten Vergangenheit: die Künstlerin Mona, die Puppenspielerin Elke, die Grafiker Konrad und Arno und ihre jeweiligen Partner. Im Zentrum steht Konrad, der Ökonom und Computer-Fachmann. Er ist beseelt von dem Gedanken, die Arbeit der Menschen mit den Mitteln der Computerisierung zu erleichtern. Seine Zukunftsgläubigkeit erfährt jedoch einen Dämpfer, als er erkennt, dass es weniger um das Schaffen von Freiräumen für den Menschen geht als darum, die Arbeitskraft der Bürger zu steigern - und darum, sie effizienter bespitzeln zu können. Seine Hoffnung auf Fortschritt, auf Optimierung der wirtschaftlichen Abläufe und ein Ende der Mangelwirtschaft zerschlägt sich auch sehr schnell. Er muss damit klarkommen, dass Selbstregulierung in einer sozialistischen Planwirtschaft keinen Platz hat. Er arrangiert sich.
Auch die anderen Figuren arrangieren sich in den Grenzen, die ihnen das System setzt. Sie gehen Beziehungen ein und trennen sich wieder. Auch die Beziehungen zu den Kindern sind fragil und zerbrechen leicht. So wie Menschen die Maschinen kontrollieren, so kontrollieren die Menschen ihre Gefühle, und so gibt es hier keine Liebesdramen oder hochkochende Leidenschaften. Immer geht es sowohl im Politischen als auch im Privaten um die Themen Anpassung oder Widerstand, um Kontrolle bzw. Bedrohung oder Freiheit, um Selbstregulierung oder Diktat von oben.
Sehr gut gefallen hat mir, wie Mädler z. B. die Befindlichkeiten ihrer Figuren nach der Wende beschreibt wie etwa den Zwang zur beruflichen Neu-Orientierung, bei der der Westen – wie sonst auch - seine Maßstäbe dem Osten überstülpte. Auch hier vermeidet die Autorin jede Anklage oder Kritik. Sie bleibt konsequent bei der Innenperspektive und rückt dadurch, trotz ihrer kühl-distanzierten Erzählweise, die Figuren nahe an den Leser heran.
Ein neuer, ungewohnter und hilfreicher Blick auf die DDR für jeden Betroffenen und Interessierten!
4,5/5*
Dorothea Koch
5/5
05.03.2026
eBook (ePUB 3)
Berührend, klug und unglaublich feinsinnig!
Ich habe das Buch gerade beiseitegelegt und muss erst einmal tief durchatmen. „Selbstregulierung des Herzens“ von Peggy Mädler hat mich auf eine Weise berührt, wie es nur selten ein Roman schafft. Es ist kein lautes Buch, aber eines, das mit einer unglaublichen „stillen Wucht“ (wie es der Klappentext treffend beschreibt) nachhallt.
Erzählt wird die Geschichte von Georg und Mona, eingebettet in die späte DDR und der Wiedervereinigung bzw. der Umbruchzeit. Georg ist ein leidenschaftlicher Programmierer, der fest an die Steuerbarkeit der Welt durch Computer glaubt. Er versucht, diese bzw. sein Leben durch Logik und Optimierung zu ordnen. Mona, Georgs Partnerin, ist eine freigeistige Künstlerin und sucht nach individueller Freiheit. Sie bildet den emotionalen Gegenpol zu seinem rationalen Weltbild, in dem Georg erkennen mus, dass das Leben und die Liebe sich oft gar nicht so einfach „programmieren“ lassen.
Der Schreibstil und die Wortwahl ist unaufgeregt, aber „fein gearbeitet“. Die Autorin braucht keine kalligen Effekte, um die Zerbrechlichkeit von Freundschaft und Loyalität spürbar zu machen. Sie schafft es auch so, die spröde Welt der frühen Informatik mit der tiefen Emotionalität menschlicher Beziehungen zu verweben. Besonders das Bild der „Selbstregulierung“ (die Bedeutung musste ich erstmal nachlesen) – sowohl im technischen als auch im emotionalen Sinne – zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte. Denn obwohl der Roman in der Vergangenheit spielt, fühlte ich mich ständig an unsere heutige Zeit erinnert. Die Frage „Wie verändern Maschinen unser Leben und unsere Gefühle?“ ist aktueller denn je.
Fazit:
Ein toller Roman über die Unberechenbarkeit der Gefühle und die Zerbrechlichkeit menschlicher Bindungen. Er zeigt, dass sich das Herz eben nicht wie ein Computerprogramm „regulieren“ lässt, egal wie sehr man es versucht. Wer kluge Geschichten über deutsche Geschichte und das menschliche Miteinander interessieren, wird dieses Buch mögen.
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