Kana wäre eine vergessene Stadt irgendwo in Thüringen, hätte ihre abgelegene Trostlosigkeit nicht Neonazis angelockt. Die Einwohner betrachten sie mit Angst und Argwohn. Allein Florian Herscht meint, er habe Freunde auf beiden Seiten: ein hilfsbereiter Muskelprotz, der sich vor Tattoos fürchtet und glaubt, das Universum stürze demnächst ins Nichts. Um alle vor der vermeintlichen Katastrophe zu warnen, schreibt er Briefe an Frau Merkel, die ohne Antwort bleiben. Doch seine Unschuld macht ihn hellsichtig, und nur die Musik Bachs kann ihn trösten. Plötzlich tauchen am Waldrand Wölfe auf, die Apokalypse rückt tatsächlich näher…
Literarisch mit großem Sog überrascht László Krasznahorkai mit einem Roman voll beängstigender deutscher Gegenwart, mit melancholischem Humor und abgründigem Sarkasmus.
»Lange ist mir ein Protagonist nicht mehr so ans Herz gewachsen wie Florian Herscht. Gemeinerweise kann man in diesem Buch nie aufhören zu lesen. Ich sage es nicht mal neidisch, sondern als Beschenkter: László Krasznahorkai hat den heutigen deutschen Roman geschrieben.«
Ingo Schulze
»Dieses Buch ist wie der Teilchenbeschleuniger, vor dem sich Herscht so fürchtet ... Ein unfassbarer Teufelstango!«
Clemens Meyer
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Ohne Punkt und Komma * Nein, das stimmt nicht, es gibt Kommas, aber nur auf Seite 409 eine einzigen Punkt. Zwischendurch gibt es Überschriften, die als Regenbogenbänder bezeichnet werden. Abschnitte sind sonst genauso Fehlanzeige. * Nein, liebes Nobelpreiskomitee, das war wieder Mal ein Fehlgriff, wie bei der Polin mit den Jakobsbüchern. Ich habe mich nur darauf eingelassen, weil es meine Urlaubslektüre meiner Adventsreise war und ich immer wieder in den „Redeschwall“ – wie es Andreas Isenschmidt in der Kulturzeit nannte – interessantes fand, doch habe ich diese Anekdoten längst vergessen. Im Zug lässt sich ohnehin nicht gut lesen. * So schaffte ich es ohne viel Freude bis Seite 232, doch nach Urlaubsende ist es endlich an der Zeit sinnvolleres zu lesen. 1 Stern
Bach reloaded
Bewertung am 17.03.2022
Bewertungsnummer: 1677523
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Dass sich Krasznahorkai nach den literarischen Schauplätzen Japan, China, Mongolei, New York ausgerechnet Thüringen für sein neues Buch auswählt, ist eine Überraschung.
Noch dazu mit einer akribisch genauen Beschreibung der Lebensumstände der Menschen in einem im Osten von Thüringen gelegenen Ort, als hätte der Autor jahrelang dort gelebt und die Lebensumstände dort am eigenen Leib erfahren. Sogar im umgangssprachlichen Jargon wird die Atmosphäre stimmig wiedergegeben, aber das ist vermutlich auch das Verdienst des Übersetzers.
Die Realität ist so genau geschildert, dass man als Leser den Alltag förmlich miterlebt und am Leben teilnimmt, zumindest bis sich ein leises Frösteln beim Lesen einstellt, eine Ahnung, dass hier eine Realität aufgebaut und mit Leben erfüllt wird um sie dann um so brachialer zu zerstören und die darin verstrickten Lebenden gleich mit.
Florian Herscht, die Hauptfigur des Romans, ist ein naiver jugendlicher Hüne, ein Findelkind, das ein Kleinunternehmer, genannt der BOSS, als Leihvater und billige Arbeitskraft für sein Fassadenreinigungsunternehmen aufnimmt, und ihn mit ein paar hundert Euro zusätzlich zu Hartz-4 mit dem Notwendigsten zum Leben versorgt.
Der BOSS ist der Anführer einer Gruppe Rechtsradikaler die regelmäßige Treffen in der alten Burg veranstaltet. Sein Unternehmen ist, wie Florian erst zum Schluss erfährt, die Tarnung für Anschläge und Morde.
Dass die beginnende Covit-Pandemie schon im Roman angedeutet wird, gehört zur Realität. Aber dass Wölfe am Stadtrand auftauchen und Menschen anfallen, dass ein Adler als Kampfgefährte dem bedrohten Florian zu Hilfe kommt und dass die ganze Geschichte in einem blutigen Showdown endet, erhebt die mitleidlos geschilderte Realität über das Parabelhafte, was man anfangs als Absicht des Autors vermuten könnte, und wird zur puren Literatur, ohne Empathie für die Menschen, ohne Be- oder Verurteilungen der Vorgänge, und mit einer Brillanz geschrieben wie man sie schon lange nicht mehr gelesen hat.
Es passt zum Sarkasmus des Autors, dass der BOSS ein großer Verehrer von Johann Sebastian Bach ist, des größten Sohnes Thüringens, und mit Ergriffenheit die Kantaten und die Brandenburgischen Konzerte anhört. Bach zieht sich durch die ganze Geschichte und wird zur Begleitmusik im blutigen Finale.
Ach ja, das Buch besteht nur aus einem Satz, wie allseits der Stil des Autors beschrieben wird. Stimmt. Ist aber unwichtig. Man muss nicht nach jedem Satz Luft holen, sondern der Autor versteht es, uns ohne Satztrennung sozusagen atemlos durch die Geschichte zu führen, oder besser: zu drängen. Denn ein Ereignis folgt dem zweiten und das dritte wird gleichzeitig als Nebensächlichkeit angedeutet bis es sich als die noch größere Katastrophe herausstellt.
PS: Eine parallele Figur zu diesem Florian, dem reinen Tor, gab es schon in einem frühen Buch des Autors, *Melancholie des Widerstands*, in dem ein ähnlicher gesellschaftlicher Zerfall in einem Dorf in der ungarischen Tiefebene geschildet wird wie jetzt in Thüringen. Auch dort geriet der junge Mann, Valuska genannt, der es allen recht machen will, in den Strudel des allgemeinen Niedergangs.
Meinung aus der Buchhandlung
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Ein sprachgewaltiger, verstörender Text über Verfall, Macht und Orientierungslosigkeit. In dichten, fordernden Sätzen entsteht eine apokalyptische Stimmung, die Leser herausfordert und nicht loslässt. Literatur fern jeder Bequemlichkeit.
Quer durch die fahrigen Gedanken des jungen Protagonisten führt Krasznahorkais Roman, der zwar etwas anstrengernder zu lesen, aber letztlich doch sehr lohnenswert ist.
Ein absolut würdiger Vertreter des Literaturnobelpreises.
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