Vom Staatsmythos Buchenwald zum Angriff auf die Demokratie
Auch 80 Jahre nach der Befreiung von Buchenwald ist die Erinnerung an den Holocaust nicht in der demokratischen Mitte angekommen. Die Angriffe auf das, was im Land Gedächtniskultur heißt, kommen nicht mehr nur von rechts. Warum? Was ist da los? Ines Geipel taucht in ihrem neuen Buch »Landschaft ohne Zeugen« noch einmal in die Vergangenheit ein, sucht nach den Quellen der Lagerwelt und befragt die Legenden nach 1945: von der vorbildlichen Aufarbeitung im Westen bis zum antifaschistischen Staatsmythos der DDR. Ein bestürzendes, hochaktuelles Buch über die alte und neue Unfähigkeit zu trauern und die Erinnerungskälte nach zwei Diktaturen.
Platz 1 der Sachbuch-Bestenliste von NZZ, Die Welt, radio 3 RBB und ORF Radio Ö1 im Mai 2026
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Das Buch hat sehr viele Leser verdient
Bewertung aus Bad Münstereifel am 13.03.2026
Bewertungsnummer: 3075908
Bewertet: eBook (ePUB 3)
Sie war 14 Jahre alt, als sie zum ersten Mal den Ort des Verderbens besuchte: Buchenwald. Damals noch das stotternde Kind, welches das Wort Katze kaum aussprechen konnte. Ines Geipel, die Autorin von "Landschaft ohne Zeugen" wuchs in der DDR auf. Als sie sich näher mit den Verbrechen während des zweiten Weltkriegs befasst kommt sie zu dem Schluss, dass zu viele Ereignisse am liebsten vergessen werden. Das Bemühen der Aufarbeitung fand zwar im Westen statt, es blieb aber leider nur bei einem Bemühen. Zu viele Täter wurden nach dem Krieg mit hohen Positionen in Politik und Öffentlichkeitsarbeit „belohnt“.
Frau Geipel besuchte etliche Archive und las unendlich viele Zeitzeugenberichte. Danach war für sie klar, dass eine umfangreiche Aufarbeitung nie gewünscht war. Im Osten noch weniger als im Westen. Sie erläutert das unter anderem an dem Buch „Nackt unter Wölfen“. Aber auch die Einweihung des Erinnerungsortes Buchenwald stößt bitter auf. Außenstehende sahen viele Menschen und es schien ihnen, dass dort ein Volksfest stattfand. Heute heißt es wohl „Katastrophentourismus“, was damals dort ablief.
Das Buch ist für den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse nominiert. Für mich ein sehr gutes Sachbuch das eindringlich über die Morde während des Krieges aufklärt. Nach jedem Kapitel gibt es exakte Quellenangaben zu den hier dargestellten Taten. Das sind unter anderem Befragungen, die während einer Inhaftierung geführt wurden. Dieses Werk von Frau Geipel, in dem sie übrigens auch die Handlungen innerhalb ihrer Familie thematisierte, ist ein wichtiges Zeugnis unserer Geschichte. Auch wenn es nicht allen Deutschen gefällt und sie einen Schlussstrich ziehen möchten. Das darf niemals geschehen und Bücher wie dieses gehören auf alle Bestsellerlisten.
Zwischen Mythos und Wahrheit: ein unbedingt lesenswertes Plädoyer für eine gesamtdeutsche Erinnerung
Bewertung am 12.03.2026
Bewertungsnummer: 3074311
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Ines Geipel beleuchtet in ihrem Buch tief und vielschichtig Buchenwald, den Staatsmythos der DDR. Dieser reicht bis in unsere Gegenwart hinein und trägt bis heute zur Verklärung der DDR bei. Noch immer glauben viele, die DDR sei das bessere Deutschland gewesen und habe den Nationalsozialismus viel konsequenter überwunden als der Westen. Ines Geipel zeigt, wie sehr diese Erzählung auf politisch gesteuerter Erinnerung beruht.
Buchenwald wurde 1958 zur Mahn- und Gedenkstätte und paradoxerweise zu einem Ort des „staatlich gebotenen Nichterinnern“. Ein politisch aufgeladener Ort und ein Ort unvorstellbaren Leids, aus dem nach 1945 die Helden geboren wurden. Die Erfahrungen der Lagerinsassen blieben dabei unerzählt.
Gestützt auf umfangreiches Quellen- und Archivmaterial zeigt Ines Geipel anschaulich, wie dieses Wissen unterdrückt und Buchenwald gezielt zum Mythos des Antifaschismus verklärt wurde. Dabei fehlten die jüdische Geschichte, die der Sinti und Roma, der Homosexuellen, der Zeugen Jehovas, der Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen sowie der Opfer der Euthanasie. Zeugen wurden zu Nichtzeugen, die sich nicht erinnern durften.
Wie viele Generationen der DDR wurde auch meine groß mit Bruno Apitz und „Nackt unter Wölfen“. Was wir über das Konzentrationslager erfuhren, hatte jedoch nichts mit der Lagerrealität zu tun. Die heroische Rettung des jüdischen Jungen war ein hoch aufgeladenes Symbol, wurde sie doch angeblich und ausschließlich ermöglicht durch den kommunistischen Lagerwiderstand. Beim Lesen des Buches in der 9. Klasse wäre es für uns unvorstellbar gewesen, dass deutsche Kommunisten in Buchenwald an der Auswahl und Ermordung von Häftlingen beteiligt waren. Ein tödlicher Terror innerhalb des Nazi-Terrors? Die Helden der DDR zugleich Opfer und Täter? Ebenso unvorstellbar wäre es für uns gewesen, dass der jüdische Junge zwar in letzter Minute vom Transport ins Vernichtungslager bewahrt, an seiner Stelle und unmittelbar aber ein anderer Junge nach Auschwitz deportiert und dort vergast wurde. „Nackt unter Wölfen“ war, anders als von Bruno Apitz gewollt, nach zahlreichen Zensuretappen nur noch ein Märchen. Die Erinnerungen des Autors und Zeitzeugen waren, ebenso wie sein Wille, unwichtig. Sein Lektor: Walter Ulbricht.
Für die Erinnerungen der Eltern und Großeltern gab es in der DDR keinen Platz. Wie erinnerte man sich in einem Klima von Angst, Terror, Willkür und Gewalt, das nach 1945 im Osten herrschte? Konnte man der eigenen, durch den Mythos überschriebenen Erfahrung noch glauben? Ines Geipel geht immer wieder dicht an die Menschen heran. Zu einem Lagerinsassen und Zeitzeugen von Buchenwald schreibt sie:
„Was für eine brutal-surreale Welt hinter dem öffentlichen Heldenbild, denke ich. Was, wenn er angefangen hätte, über sein wirkliches Leben zu sprechen? Aber wie sprechen, was sprechen, bis wohin sprechen? Wie viel Erinnerung war ihm möglich? Welche? Die chronischen Verdächtigungen, die strittige Konfliktmasse, der unablässig bedrohte Status als Zeitzeuge. Wie das über Jahre aushalten? Als ob das Geschehene im inoffiziellen Gedächtnis steckengeblieben wäre, als ob die Macht definierte, wer man sei, als ob er nie ankommen durfte bei sich.“
Ines Geipel stellt die berechtigte Frage, wo die „große Generationsbiographie über die ostdeutschen Kriegskinder“ ist? „Wo ihr Ort, um zu sprechen, über sich zu sprechen? Über ihre Fluchten, über Vertreibung, über ihre Bilder des Krieges, über Gefangenschaft, Hunger, Ängste, über eine Kindheit ohne Puppen? Über ihre „tatenlos erworbene Schuld“ zu Zeiten des Nationalsozialismus, über ihre womöglich tätige Schuld zu Zeiten der DDR?“
Wie auch in ihren anderen Werken öffnet Ines Geipel Räume zum Nachdenken und Nachfühlen. Wissen ergänzt sie durch Kontext, Fakten und Quellen aus den Archiven, die als mitlaufendes Band auf jeder Seite des Buches zugänglich sind. Sie bieten die Möglichkeit, das Material beim Lesen zu sichten und geben dabei Sicherheit und Halt.
Was Ines Geipel mit „Erinnerungskälte nach zwei Diktaturen“ beschreibt, verstehen vermutlich jene, die sich intensiv mit Nationalsozialismus und DDR befassen und dabei vor allem auch ihre persönliche Geschichte und die ihrer Familie reflektieren und aufarbeiten. Ihnen und allen, die die Entwicklungen und Stimmungen im Osten unseres Landes besser verstehen möchten, sei dieses Buch sehr empfohlen.
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