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Ein Vulkanausbruch auf Island legt den europäischen Luftverkehr lahm, zehntausende Menschen stranden an den Flughäfen. Während die Bilder der Aschewolke um die Welt gehen, steht über der Themse ein strahlend blauer Frühlingshimmel - die Stadt wirkt wie abgeschnitten vom Rest der Welt.
Auf der London Bridge begegnet die Erzählerin einem jungen Mann mit einem Feuermal im Gesicht. Jonathan verkauft die Obdachlosenzeitung; er ist ein lausiger Verkäufer, aber er ist ein begeisterter Erzähler. Und er hat eine abenteuerliche Reise hinter sich. Von der Südküste Englands ist er hierher geflüchtet, wie er sagt, weil sich das Meer dort unten immer mehr nimmt, als ihm zusteht. Jeden Tag treffen sie sich von nun an auf der Brücke über der Themse, und allmählich gehen die vergessenen Geheimnisse des einen in den anderen über. Dann verschwindet Jonathan ebenso plötzlich, wie sie einander begegnet sind, und die Flugzeuge kehren zurück. Als der Frühling sich seinem Ende nähert, macht die Erzählerin sich auf die Suche: nach Jonathan, nach sich selbst.
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Es bringt Unannehmlichkeiten mit sich, wenn so ein Vulkan in Island ausbricht. Da ist gleich mal der Flugverkehr lahmgelegt, und obzwar in London zu gleichen Zeit blitzblauer Himmel ist, wirkt die Stadt ohne Fluglärm wie abgeschnitten vom Rest der Welt. Auf der Londonbridge begegnet die Erzählerin Jonathan, dem Mann mit dem Feuermal, und einer abenteuerlichen Lebensgeschichte. Als die Flugzeuge wieder zurück kehren, verschwindet auch Jonathan, die Suche nach ihm beginnt.
Bewertung
aus Heppenheim
3/5
27.10.2014
eBook (ePUB)
anrührender Roman, der mich dennoch ratlos zurück ließ
Warum ich es gelesen habe?
Obgleich dieses Buch war den Deutschen Buchpreis 2014 nominiert war und es sogar auf die offizielle Shortlist schaffte, verpasste es den Einzug auf meine persönliche Shortlist denn knapp. Zwar war das Buch bei mir in der engeren Wahl; letzten Endes war es mir dann aber doch zu britisch.
Gelesen habe ich es nun trotzdem, weil es auch für den Schweizer Buchpreis nominiert wurde, was mich dann doch neugierig machte, zu erfahren, was das besondere an diesem Buch ist.
Wie war mein erster Eindruck?
Mir fiel es schwer, in die Geschichte hineinzufinden und dieser zu folgen.
Die Handlung springt sehr stark. Aktuelle Erlebnisse und Wahrnehmungen der Erzählerin rufen immer wieder deren Assoziationen und Erinnerungen zu Dingen aus der Vergangenheit wach. Diese sind zum Teil selbst erlebt, zum Teil aber auch rein historisch. Diese Wechsel kommen dabei vollkommen unvermittelt und ohne jede Ankündigung, was mich des Öftern orientierungslos machte. Auch verstand ich nicht alle Gedankensprünge der Erzählerin wie etwa diejenigen an die Anschläge auf die Londoner U-Bahn.
Hinzu kommt, dass es sich wieder einmal um einen dieser mich so nervenden Romane handelt, in dem es auch bei wörtlicher Rede keine Anführungszeichen gibt. Auch das trägt nicht gerade zu einem flüssigen Lesekomfort bei.
Wie fand ich das Buch insgesamt?
Über diese Frage habe ich lange nachgedacht, ohne sie wirklich beantworten zu können. Ich dachte, manches wird vielleicht klarer, wenn sich die Geschichte erst einmal gesetzt hat. Bis jetzt ist das aber nicht geschehen.
Ich gebe zu, dass ich mir unter diesem Roman etwas anderes vorgestellt hatte. Ich dachte, es ginge mehr um den Vulkanausbruch und die Sperrung des europäischen Luftraums. Leutenegger benutzt diese Ausnahmesituation in Panischer Frühling aber nur dazu, eine ganz besondere Atmosphäre des Abgeschnitten-seins der Briten vom europäischen Festland zu kreieren. Für mich persönlich war das eine kleine Enttäuschung.
Die Geschichte, die Leutenegger stattdessen erzählt, ist einerseits anrührend, machte mich andererseits aber auch etwas ratlos.
Anrührend, weil in der Erzählung sehr gut deutlich wird, dass Zeitungsverkäufer Jonathan und die Erzählerin trotz ihrer unterschiedlichen sozialen Herkunft in gewisser Weise ein ähnliches Schicksal nämlich den frühen Tod des Vaters teilen. Sie erkennen in den Geschichten des Anderen sich selbst wieder. Dies lässt zwischen beiden über alle offensichtlichen äußeren Unterschiede hinweg eine tiefe Verbundenheit entstehen, die beide zwar nicht benennen aber sehr wohl spüren können.
Leider bleibt die Erzählung jedoch auf dieser Ebene stehen, ohne sich in irgendeiner Form weiterzuentwickeln, was mich etwas ratlos zurückließ. Weder erlebt der Leser eine innere Veränderung bei der Erzählerin bzw. Jonathan, noch gelingt es den beiden, dieses diffuse, für beide nicht recht greif- oder beschreibbare Gefühl der Nähe und des gegenseitigen Erkennens weiter mit Leben zu füllen und zu nähren. Stattdessen belassen es beide dabei, sich Geschichte aus ihrer Vergangenheit zu erzählen und die Gegenwart zur Gänze auszusparen.
Der Roman endet dann ausgerechnet an der Stelle, an der es für mich sehr richtig interessant geworden wäre, nämlich als die Erzählerin nach Jonathans Verschwinden beschließt, in an der Südküste Englands, wo er aufwuchs, zu suchen.
Wie sieht diese Suche aus?
Findet sie Jonathan?
Wie reagiert er hierauf?
Wie geht es mit den beiden weiter?
Was verspricht sie sich von dieser Suche?
Was erwartet sie von Jonathan, sollte sie ihn tatsächlichen finden?
Keine dieser Fragen wird beantwortet. Die Einleitung des Romans nimmt so tatsächlich die gesamte Handlung bereits vorweg.
Auch blieb es mir bis zum Schluss ein Rätsel, weshalb die einzelnen Kapitel abwechselnd mit low water und high water überschrieben sind. Zwar findet sich auf Seite 69 der Hinweis, dass die Flut zurückbringe, was die Ebbe nimmt. Es ist aber keineswegs so, dass nur in den high water-Kapiteln Erinnerungen ausgetauscht und beschrieben würden, während in den low water-Kapiteln die Gegenwart geschildert wird.
Außerdem taucht immer wieder eine junge Frau im Amazonas auf -scheinbar die Tochter der Erzählerin. Aber auch dieser Charakter wird weder weiter entwickelt; noch ist die junge Frau in irgend einer Form relevant für das, was hier erzählt werden soll. Ein Streichen der Passagen hätte m.E. keinen Unterschied gemacht.
Diese Kritikpunkte sind vor allem deshalb so schade, weil Leutenegger einen sehr feinen Umgang mit Sprache pflegt. Dies beweist sie vor allem bei ihren bildreichen Schilderungen des Frühlings in den Londoner Parks, wo z.B. Wellen von lichtem Grün über die Welt flossen (Seite 65).
Auch an Medienkritik wird nicht gespart. So heißt es beispielsweise auf Seite 62: Doch der Flugverkehr hatte sich restlos normalisiert. Kein Wort mehr von den verendeten Tiere, den Kindern mit Atemnot, dem mühseligen Ascheräumen von Feldern und Gehöften. Die Tagesschau war längst zu neueren Sensationen übergegangen.
Hamaru
aus Nürtingen
2/5
14.09.2024
Buch (Taschenbuch)
Ein seltsames Buch. Liegt es…
Ein seltsames Buch. Liegt es daran, dass die Autorin zu viel wollte? Zur Zeit als der Vulkan Eyjafjallajökull auf Island den Flugverkehr in Europa zum Erliegen brachte, lernt die Ich-Erzählerin einen jungen Mann kennen, der auf der Londonbridge eine Obdachlosenzeitung verkauft. Seine rechte Gesichtshälfte ist von einem Feuermal verunstaltet, was für sie seltsam faszinierend ist. Sie verliebt sich in ihn und sie beginnen sich Jugenderinnerungen zu erzählen; er, die Geschichten seiner Großmutter aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, sie die Geschichte der Zimmer im Sommerhaus ihres Onkels in der Schweiz. Eine große Rolle spielen dabei die Tapeten. Dazwischen kommen Schilderungen aus dem Dschungel, denn die Tochter der Ich-Erzählerin ist offenbar auf einer Weltreise. Eines Tages reagiert der junge Mann verärgert, wirft seine Lederjacke in die Themse und verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Das Ganze wird in 41 Kapitel erzählt, die nach dem jeweiligen Pegelstand der Themse benannt sind. Gertrud Leuteneggers metaphernreiche Sprache lässt vieles in der Schwebe, was sehr schön bei Gedichten, bei einem Roman jedoch eher störend ist.
Bories vom Berg
aus München
2/5
22.12.2014
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Frau ohne Eigenschaften…
Die Frau ohne Eigenschaften Die Schweizer Schriftstellerin Gertrud Leutenegger hat es mit ihrem neuen Roman «Panischer Frühling» auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2014 geschafft, die bisher bedeutendste Ehrung für sie. Als Autorin einem breiteren Lesepublikum bisher zumeist unbekannt, wirkt die Platzierung im Finale des diesjährigen Buchpreises nun wie ein Ritterschlag, der für sie als literarisch längst Anerkannte hauptsächlich finanzielle, sprich Auflage erhöhende Wirkung zeitigen dürfte. Der kurze Roman, mit verschwenderisch bemessenem Blattspiegel, üppiger Schriftgröße und satter Papierstärke vom Suhrkamp-Verlag trickreich zum knapp über 200 Seiten starken, ansehnlichen Buch aufgepeppt, wirkt von seinem Inhalt her ganz im Gegenteil eher bescheiden zurückhaltend mit seinen stillen Tönen. Nach dem Ausbruch des Gletschervulkans auf Island mit dem unaussprechlichen Namen Eyjafjallajökull musste Mitte April 2010 der Flugverkehr in weiten Teilen Nord- und Mitteleuropas eingestellt werden. Eine namenlos bleibende Ich-Erzählerin hält sich während dieser Zeit vorübergehend in London auf, man erfährt im Übrigen nichts von ihren sonstigen Lebensumständen, «Die Frau ohne Eigenschaften» gewissermaßen. Dauernd unterwegs auf ziellosen Streifzügen durch die Stadt, trifft sie auf der London Bridge einen Mann, der dort eine Obdachlosenzeitung verkauft. Dieser zufälligen Begegnung folgen weitere, sie kehrt seltsam zwanghaft immer wieder dorthin zurück. Aus der anfangs kurzen Unterhaltung mit dem Zeitungsverkäufer, dessen halbes Gesicht von einem schlimmen Feuermal entstellt ist, werden mit der Zeit längere Gespräche, beide, deren Gemeinsamkeit der frühe Tod des Vaters ist, erzählen sich Geschichten aus ihrer Kindheit. Ihr Kontakt bleibt aber distanziert, es gibt keine weiteren Verbindungen zwischen ihnen außer den - lediglich durch das unangekündigte Erscheinen der Frau auf der Brücke - initiierten Begegnungen, lange kennt sie nicht mal seinen Namen. Bis Jonathan eines Tages spurlos verschwunden ist, sie trifft ihn mit seinem Zeitungsbündel nie mehr an auf seinem abgestammten Platze. Geradezu als kryptisch zu bezeichnen ist auch ihre Beziehung zur mutmaßlichen Tochter, über die es lapidar heißt: «Nachrichten vom Amazonas waren eingetroffen. Ich bin wirklich auf der anderen Seite der Welt, schrieb die junge Frau, das Kind von einst, immer mehr wird mir die Distanz bewusst, aber ich mag sie»! Mehr erfährt der Leser nicht, es gibt zusätzlich nur ein paar wenige und zudem noch deutlich kürzere Textstellen hierzu. Gertrud Leutenegger benutzt für ihre assoziative Prosa einen sehr spezifischen Stil, der vermutlich zurückzuführen ist auf ihre Arbeit am Theater, findet sich doch auffallend häufig die Form des dramatischen Poems in ihrem Werkverzeichnis. Ihr meditativer Roman erinnert, nicht nur topografisch, an ein Kammerspiel durch seinen äußerst reduzierten erzählerischen Blickwinkel und seine lyrisch wirkende Sprache, die sehr bildhaft ist und zugleich durch große Sensibilität gekennzeichnet. Einen weiten Raum nehmen liebevolle Beschreibungen der großstädtischen Flora ein, ihre Protagonistin, in der manche die Autorin selbst zu erkennen glauben, besucht immerfort die Parks von London auf ihren Streifzügen durch die Stadt. Ein nahezu handlungsloser Roman wie dieser ist von vornherein nicht jedermanns Sache, er wirft zudem durch seine nicht zu einem Ende hin führende, fragmentarische Erzählweise so viele Fragen auf, dass vielschichtiger Deutung und kühner Spekulation Tür und Tor geöffnet sind. Von dieser wahrscheinlich bewusst herbeigeführten Verwirrung der Leser zeugen offensichtliche Fehler in etlichen Inhaltsangaben bei deren Kritiken, ja sogar in solchen des Feuilletons. Wer Rätsel mag, wird hier also fündig, und wer gerne spintisiert, wer Anspielungen liebt, um selbst weiter zu fabulieren, kommt erst recht auf seine Kosten. Wer aber stringente Handlung sucht, der wird zutiefst enttäuscht sein. Fazit also: Wer’s mag!
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