Vom Einverstandensein mit dem Leben - so, wie es ist
Eine Frau flaniert in den frühen Achtzigerjahren nach Feierabend durch Ostberlin, weil sie einmal nicht als Erste zu Hause sein möchte. In Moskau soll eine Schriftstellerin die Primaballerina Ulanowa portraitieren, wartet tagelang auf ein Treffen und erlebt dann Unverhofftes. Ein Kind atmet zum ersten Mal ein, eine Großmutter zum letzten Mal aus. Und eine Frau in den mittleren Jahren versucht, mit einer Krebsdiagnose umzugehen.
Von Sehnsucht und Fernweh, von Diktatur und innerer Freiheit, vom Menschsein und Menschbleiben erzählen diese Geschichten. So treffsicher, so lakonisch kann nur Helga Schubert dem Leben auf den Grund gehen.
Kundinnen und Kunden meinen
3.9/5.0
Bewertung
5/5
18.12.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Überleben
In diesem Buch finden wir Geschichten zum Thema Übergang. Es geht zum Beispiel um den Übergang von der DDR zum vereinigten Deutschland. Aber auch um Krankheit, Tod, dem weiterleben nach einschneidenden Erlebnissen. Einige dieser Texte haben in der DDR keine Druckgenehmigung erhalten. Wurden hier zum ersten Mal veröffentlicht. Die Geschichten erfassen eine Zeitspanne von 1960 - 2025. Helga Schubert hat viel zu erzählen, teils mit ihrer autobiografischen Erfahrung, teils fiktiv.
Klug, wortgewandt und still sind diese Geschichten. Die Sprache ist ganz klar, fast nüchtern. Keine Sentimentalität, kein Wort zu viel. Helga Schubert ist mittlerweile 85 Jahre alt und hat viel erlebt. Genau das merkt man den Geschichten auch an. Sie hat eine Stimme und nutzt diese auch. Vor allem die Geschichten in der ehemaligen DDR haben mich sehr berührt. Damals war ich noch zu klein um alles zu verstehen. Die Vergleiche mit den Menschen, die auf der anderen Seite Deutschlands gelebt haben, gibt’s ja immer schon. Ich kenne eher nur die Meinung über die Superfrau in der DDR. Vollzeitjob, Kinder, Haushalt. Das macht sie alles so nebenbei. Auch das prangert Helga Schubert an. So einfach war es dann wohl doch nicht. Das ist aber nur ein Beispiel. Ich möchte noch nicht alles verraten. Der Titel des Buches wird zum Sinnbild. Was brauchen wir als Menschen? Zugehörigkeit, die Möglichkeit sich selbst treu zu bleiben, Verständnis….
Eine intensive Leseerfahrung, die viel Aufmerksamkeit verlangt aber auch verdient. Ein stilles, literarisch hochwertiges, vom Themengebiet her wichtiges Werk, das ich euch sehr ans Herz legen möchte.
Alrik Gerlach
aus NordWestMecklenburg
5/5
22.11.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Spaziergänge, Sehnsucht, kleine Rettungen
Helga Schubert trifft einen mitten ins Morgengrauen und lässt einen gleichzeitig lachen und atemlos zurück. Diese Sammlung fühlt sich an wie ein Spaziergang durch Ostberlin mit offenem Kopf — mal lakonisch, mal schneidend, immer genau. Geschichten über kleine Alltage, große Leiberfahrungen und die Art, wie Menschen an sich und an die Welt gewöhnen: selten war Wahrnehmung so unaufgeregt en detail. Da ist die Frau, die nach Feierabend flaniert, weil sie nicht als Erste zuhause sein will — ein kleiner Aufstand gegen Routinen, den man sofort versteht. Die Moskau-Erzählung zeigt, wie Warten zum Leben gerinnt; die Szene mit dem ersten Atemzug eines Kindes und dem letzten Ausatmen einer Großmutter sitzen so tief, dass man die Stille zwischen den Worten hören kann.
Humor hat hier nichts mit Klamauk zu tun, sondern mit scharfem Auge und milder Ironie. Schubert schreibt, als würde sie einem guten Freund einen Tipp geben, der zugleich tröstet und wachrüttelt. Die Kapitel sind kurz, aber wie kleine Fenster: man lehnt sich kurz raus, sieht etwas Unverhofftes, und geht weiter — bereichert. Nur selten wird eine Geschichte so melancholisch, dass sie fast klebrig wirkt, aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Insgesamt ein Buch für Leute, die feine Beobachtungen mögen, keine Effekthascherei und trotzdem eine Portion Herzlichkeit erwarten. Wer kurzweilige, dennoch tiefe Literatur schätzt, findet hier Luft zum Atmen — und vielleicht ein kleines Rettungsseil fürs Herz.
Manfred Orlick
aus Halle (Saale)
5/5
17.11.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Auswahl von Texten voller Lebenserfahrungen
Nach ihren beiden Bestsellern „Vom Aufstehen“ (2022) und „Der heutige Tag“ (2024) legt die Schriftstellerin Helga Schubert nun einen Band mit Geschichten vor, die in einem Lebenszeitraum von 65 Jahren, von 1960 bis 2025, entstanden sind. Es sind ganz unterschiedliche Arten von Texten: Erzählungen, Vorträge, Aufsätze, Gedichte und sogar WhatsApp-Nachrichten. Darunter sind einige Erzählungen, die während der DDR-Zeit keine Druckgenehmigung erhielten. Trotzdem ließ sich die Autorin nicht entmutigen und schrieb immer weiter. Sie blieb sich und ihren Ansichten treu.
Schubert erzählt von Übergängen in ihrem Leben, von der Abhängigkeit des Kindseins in die Verantwortung für das eigene Leben, aber auch vom Übergang in eine andere Gesellschaftsordnung oder vom Übergang in den Tod, der auch als Erlösung kommen kann, wie sie beim Tod ihres Mannes erfahren hat. In ihrem Vorwort drückt Schubert die Hoffnung aus, dass diese Texte auch heute noch die Leser*innen erreichen. Am Anfang steht ein Text („Lebenstopf“) von 1960, in dem die damals Zwanzigjährige bereits ein erstes Fazit zieht: „Mein Topf Leben quillt über / Bilder, Stimmen, Geräusche, Gefahr.“ Sehr lesenswert.
Eternal-Hope
aus Österreich
4/5
17.12.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Einblicke in ein langes Autorinnenleben
Für mich war der Erzählband "Luft zum Leben" das erste Buch der Schriftstellerin Helga Schubert, ich habe somit keinen Vergleich mit anderen Werken und beurteile hier allein diesen Erzählband.
Im Vorwort schreibt die Autorin, dass sie sich wünscht, Menschen in ganz unterschiedlichem Alter und verschiedenen Lebenssituationen würden für sich etwas aus diesem Band mitnehmen können. Ich glaube, das ist tatsächlich so, denn in dem Buch finden sich Erzählschätze aus einem ganzen Leben. Die Autorin hat dafür sowohl schon einmal veröffentlichte als auch bisher unveröffentlichte Texte zusammengetragen und in eine einigermaßen chronologische Reihenfolge gebracht.
Es ist kein Buch zum Schnell-Durchlesen, da würde einem vieles entgehen. Wir erleben mit der Autorin verschiedene Situationen ihres langen Lebens mit: Zeiten, als sie als ganz junge Frau ungeplant mit ihrem Sohn schwanger wurde, ein weiteres Kind, das sie nicht bekommen hat, das Aufwachsen des Sohnes, ihre Sorge um ihn in der Zeit jugendlicher Rebellion, allgemeine Reflexionen über das Leben, eine Krebserkrankung in ihren 30ern und immer wieder verschiedene Situationen des Schriftstellerin-Seins in der DDR.
Insbesondere letzteres war für mich sehr interessant, da das Thema für mich in dieser Form neu war und ich überrascht war, wie viele Freiheiten Helga Schubert in ihrer Position als Schriftstellerin hatte, wie sie regelmäßig zu Literaturveranstaltungen in den Westen reisen konnte oder auch für einen Tagestrip aus Ostberlin in den Westen der Stadt. Bemerkenswert war für mich, wie gut sich die Autorin dem herrschenden politischen System anpassen und mit wenig Schwierigkeiten darin leben konnte, auch wenn sie sich insgeheim mehr Freiheit gewünscht hätte.
Vereinzelte Hinweise auf das, was in der DDR nicht möglich war, gibt es aber natürlich auch: einige der jetzt abgedruckten Texte durften damals nicht oder nur gekürzt erscheinen. Und in einer Geschichte erzählt sie davon, wie sie sich vor einer Kommission für einen ihrer Texte rechtfertigen muss und ihr geraten wird, ihre Beobachtungsgabe und Intelligenz lieber auf andere Themen zu fokussieren, als auf das politische System in der DDR.
Wenn man das Buch sorgfältig und mehrmals liest, fällt einem besonders auf, das die scheinbar für sich stehenden Texte durchaus so einige Bezüge zueinander haben und sich noch einmal eine differenziertere Erzählung ergibt, wenn man sie im Kontext miteinander betrachtet. Das zeigt sich an so einigen Themen, beispielsweise einmal, als es darum geht, dass Schreibende Informationen aus ihrem Umfeld verwenden und in ihre Texte einbauen: so erzählt die Autorin davon, dass sich jemand in einer ihrer Erzählungen mit der eigenen Familiengeschichte erkannt gefühlt hat - aber auch über den Verrat, den sie selbst empfunden hat, als sie sich selbst im Werk einer Schriftstellerkollegin auf unvorteilhafte und vielleicht in der DDR sogar potenziell nachteilige Art und Weise porträtiert und dadurch verraten gefühlt hat.
So ist es insgesamt ein vielseitiges Werk aus mal ganz kurzen, mal längeren Geschichten zu verschiedenen Aspekten des eigenen Lebens von Helga Schubert. Manches hätte ich vielleicht noch klarer einordnen können, wenn es dazu erläuternde Kommentare gegeben hätte oder wenn ich im Vorfeld schon mehr Bücher von der Autorin gelesen hätte. Und ein bisschen schade habe ich gefunden, dass der Zweitberuf der Autorin, die auch Psychologin und als solche therapeutisch tätig war, so gut wie gar nicht in den Erzählungen vorkam - doch auch dafür wird sie wohl ihre Gründe haben.
In Summe ist es ein interessanter Erzählband, den ich allen, die sich für diese Autorin oder auch speziell für das Schriftstellerin-Sein in der ehemaligen DDR interessieren, empfehlen kann.
Bewertung
aus Quickborn
4/5
26.11.2025
eBook (ePUB 3)
Drei Buchstaben reichen für ein ganzes Leben: MUT
Vor gut einem Jahr sah ich den Dokumentarfilm „Sonntagskind - Das Leben der Helga Schubert“, der mich sehr beeindruckt hat. Und zum Wiederlesen des längst vergilbten Buchs „Lauter Leben“ brachte. Nun also etwas Neues, etwas Altes, etwas Unveröffentlichtes vermischt, Rückblick und Ausblick in einem. Es ist ein Buch vom Leben und vom Tod, von dem ganz besonders, von Vernunft und Verderben, von den drei unterschiedlichen Deutschlands, die die Autorin durchlebte und durchlitt. Ich bin 14 Jahre später geboren als sie, meine Mutter war 14 Jahre älter als Helga Schubert. Für mich, die ich sozusagen mittendrin nur zwei Deutschlands kennengelernt habe, eine merkwürdige Art, noch einmal zurückzublicken auf die Jahre in der DDR. Aus heutiger Sicht sind die Stasiprotokolle und -berichte bizarr, eigentlich lächerlich, wenn sie damals nicht existenzbedrohend gewesen wären, könnte man sie mit einem Kopfschütteln abtun. Mir aber haben sie direkt ins Fleisch geschnitten, mir hat die Perversität die Luft abgedrückt.
Helga Schubert ist durch ihr ganzes Leben, nicht nur durch politische Ereignisse, auch durch schwere persönliche Zeiten immer mit erhobenem Kopf gegangen. Das fordert mir höchste Achtung ab, selbst wenn nicht alle Geschichten in diesem Buch meinen Geschmack getroffen haben.
Mir fiel es nicht immer leicht, ihrem Stil zu folgen, besonders ihr Versuch eines Porträts der legendären Tänzerin Galina Ulanowa in Moskau bedurfte besonderer Konzentration beim Lesen, aber die Geschichten über ihre Großmütter haben mich entschädigt! Hätte ich dem Buch einen Titel geb dürfen, dann würde es jetzt „Lauter Leben, lauter Sterben“ heißen. Das Cover ist wiederum reine Geschmackssache, mir gefällt es nicht. Vielleicht ist es vom Cover „Vom Aufstehen“ inspiriert, soll eine Reihe bilden, vielleicht.
Dieses Zitat lässt mich ein wenig vertrauensvoller in die Zukunft schauen: „Es bleibt mir nichts anderes als Vertrauen und Zuversicht übrig, dass der Mensch hinter mir auf der Rolltreppe mir nicht ein Messer in den Rücken rammt.“ Nur so kann man die schwierigsten Zeiten überstehen, danke Frau Schubert.
Fazit: Wer Helga Schubert kennt und gern liest, wird ohne Zögern zugreifen, allen anderen lege ich diese Geschichten sehr ans Herz. Lassen Sie sich nicht vom kühlen Cover abschrecken. Sie werden etwas kennenlernen, das langsam in Vergessenheit gerät: die Jahre der Autorin in der DDR-Diktatur, ihre Gedanken vor und hinter der Mauer, und die danach. Eine stimmungsvolle Zusammenstellung, ein ganzes mutiges Schriftstellerleben.
Diese Rezension gibt meine persönliche Meinung wieder und ist ohne KI erstellt.
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5/5
21.01.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Luft zum Leben
Helga Schubert veröffentlicht in ihrem neuem Buch neue aber auch nicht veröffentlichte oder in der DDR verbotene Erzählungen aus ihrem Leben. Erzählungen voller Mut, Zuversicht und Hoffnung.
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