„Es werden reduzierte Bilder sein. Reduziert in der Farbwahl, reduziert in der Gegenständlichkeit. Luftbilder die einen, der Stachel des Schmerzes in den anderen. Ich habe alle zehn Bilder der Serie im Kopf und auch den Titel: Das Blau ferner Räume.“
Herlinde ist eine der wenigen Frauen, die im Mailand der 1930er-Jahre die Kunstakademie besuchen. Von ihren Mitstudenten liebevoll Tiglio, die Linde, genannt, sucht sie ihren Weg zwischen gegensätzlichen Welten: der Großstadt und dem dörflichen Milieu ihrer Herkunft, der Malerei und dem Brotberuf.
Als sich ihre erste Liebesbeziehung anbahnt, bricht der Krieg aus. Er verändert alles.
Einfühlsam und unaufgeregt zeichnet Vera Zwerger Bonell ein Frauenleben nach, das geprägt ist von den Schrecken des Faschismus, von Verlust und dem Wunsch nach Zugehörigkeit in der Welt der Kunst.
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Tiglio: ein Frauenleben für die Kunst zwischen Tradition und Emanzipation
Herlinde ist noch jugendlich als sie dank einer engagierten Lehrerin, die ihr Talent erkannte, aus einem Südtiroler Dorf nach Mailand zieht, um das Kunstgymnasium zu besuchen, das sie auf ein späteres Kunststudium vorbereiten soll. In Mailand lebt sie bei Signorina Dina, einer guten Freundin ihrer Lehrerin, die ihr für Unterstützung im Haushalt Kost und Logis gewährt und bald selbst zu einer ihrer wichtigsten Förderinnen wird. Der Kontrast zwischen dem einfach dörflichen Leben mit ihrem geliebten Vater, aber auch der Enge der Dorfgemeinschaft und den Möglichkeiten in Mailand und Herlindes Eintauchen in die Welt aus Kunst und Intellektuellen könnte kaum größer sein und verunsichert die ohnehin immer zweifelnde Herlinde anfangs sehr. Doch trotz aller Selbstzweifel und Hindernisse, die für Aufsteigerinnenbiografien so typisch sind, erkämpft sich Herlinde in den nächsten Jahren Stück für Stück ihren Traum, ein Leben so aufzubauen, wie sie es möchte und es ihren Talenten entspricht. Dabei verhandelt die Autorin in Herlinde zentrale Konflikte und Widersprüche, die diese in sich trägt und immer wieder und in jeder Lebensphase ausbalanciert, zwischen Bauerntochter und freiheitsliebender Künstlerin, zwischen traditionellen Geschlechterrollen und Selbstständigkeit, zwischen Verantwortung/Schuld und Unabhängigkeit.
Der Roman ist in drei Teile gegliedert, die jeweils unterschiedliche Zeitebenen abbilden. Teil eins stellt Herlindes Ankommen in Mailand und die Jahre auf dem Kunstgymnasium in den Mittelpunkt. Fremdheit und Scham angesichts der bürgerlichen, künstlerisch geprägten Kreise in denen sich die Bauerntochter nun bewegt, werden von der Autorin zurückhaltend jedoch nicht weniger pointiert herausgearbeitet. Wundervoll dargestellt ist in diesem Teil auch die beginnende und sich vertiefende Freundschaft zwischen Herlinde und ihren Klassenkameraden, eine Freundschaft auf Augenhöhe in der Herlinde auch zunehmend Selbstvertrauen mit Blick auf ihre Kunst entwickelt und die Leichtigkeit, wie Abwechslung in ihren fordernden strukturierten Alltag bei ihrer Hausmutter in Mailand bringt.
Im zweiten Teil dominiert der Ausbruch und Verlauf des zweiten Weltkriegs in Verbindung mit Herlindes Studienjahren an der Akademie. Liebe, Verlust, Trauer und Angst, aber auch (weibliche) Solidarität und tiefe Verbundenheit und Freundschaft werden hier thematisiert.
Eine Synthese aus Erinnerungen an die Nachkriegszeit, ihren Lebensweg und Herlindes Alltag in der Gegenwart nach einem ganzen Berufsleben als Lehrerin und Künstlerin in Bozen stellt der dritte Teil schließlich in den Vordergrund. Gerade in den Ruhestand eingetreten blickt Herlinde auf ihr Leben zurück.
Besonders macht den Roman der ruhige Erzählstil, der viel Wert auf das innere Erleben der Protagonistinnen legt. Sensibel werden Herlindes Scham, Ängste, Trauer und Konflikte ausgeleuchtet, aber auch ebenso die Herausforderungen und Gefühlswelten ihrer Freunde und Familie.
Neben den historischen Aspekten überzeugt mich der Roman außerdem mit den Einblicken in die Kunstwelt in den jeweiligen Dekaden, sowie der authentisch dargestellten Lebenswelt der Protagonistinnen darin.
Das Blau ferner Räume ist ein unaufgeregter, sensibler Roman. Eine Geschichte einer Emanzipation mit Hindernissen und Zweifeln, von einem Bauernmädchen, das Künstlerin wurde und doch nie ganz in der neuen Welt, in die sie sich hochgearbeitet hat, um ihre Träume zu erfüllen und Talente auszuleben, angekommen ist und doch oder gerade deswegen eine beeindruckende Frau ist, die versucht Prägung und Zukunft in ein erfülltes Bild zu zeichnen.
Bewertung
aus Bispingen
5/5
27.02.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Buch, das seine Zeit braucht
Ich habe einige Zeit gebraucht, um das Buch zu lesen. Nicht, weil es "schlecht" geschrieben ist o.ä., einfach weil ich es sacken lassen wollte. Es ist kein Buch, das man mal so eben nebenbei liest.
Es ist ein Buch, über das man sinnieren kann. Das in einem hängen bleibt.
Der Schreibstil der Autorin ist sanft, obwohl es schwierige Themen sind. Sie fasst alle Themen leise an, unaufgeregt.
Emotionen, die unter die Haut gehen.
Mir hat das Buch sehr gut gefallen und damit vergebe ich gern fünf Sterne.
Bewertung
Thalia Book Circle Community
5/5
22.02.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Buch über schwere Zeiten und der Hoffnung
Das Cover finde ich sehr gut gestaltet und passend zur Handlung. Es wirkt auf mich reduziert und ruhig, der Titel gefällt mir. Die Haptik des Hardcover Buches wirkt auf mich sehr hochwertig.
In dem Buch geht es um Herlinde, sie liebt die Kunst und kann durch die Unterstützung ihres Vaters in Mailand an der Kunstakademie lernen. Es sind die 1930er und die Rollenverteilung ist klar geregelt. Doch Herlinde möchte mehr erreichen, mehr Verantwortung in der Welt übernehmen. Sie wächst immer weiter und erhält Unterstützung von ihren Freunden an der Uni und Diana, bei der sie eine Wohnung bezieht. Unter den Freundin ist auch Piero und bald darauf entwickeln sich tiefe Gefühle für ihn. Der Krieg bricht aus und Herlinde muss zeigen, wie stark sie wirklich ist. Was wird der Schrecken des Krieges alles anrichten?
Das Buch hat mir wirklich sehr gut gefallen, besonders der Schreibstil war berührend. Ich mochte die Charaktere und die Handlung. Ein Buch, das für mich lange in Erinnerung bleiben wird, ich empfehle es auf jeden Fall weiter.
Bewertung
Thalia Book Circle Community
5/5
14.02.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Leben in schweren Zeiten
Herlinde kommt mit großer Unterstützung ihres Vaters nach Mailand um sich dort ihrer Leidenschaft der Kunst zu widmen. Als eine der Pionierinnen kämpft sie gegen das traditionelle Rollenbild und Vorurteile. Doch sie ist stark und geht ihren Weg, auch als der Krieg ausbricht.
Eine wunderbare Erzählung, die in leiser, aber eindringlicher Erzählweise ins Mailand der 30er Jahre entführt. Die Aufteilung in drei Teile ist gut gewählt und es macht Freude Herlindes Weg mitzugehen.
Bewertung
5/5
10.02.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Zugehörigkeit und Identität
Für mich ist das ein Roman über Zugehörigkeit, über Identität und darüber, wie sehr äußere Ereignisse ein ganzes Leben verändern können.
Dieses Buch hat mich vor allem durch seine leise, ruhige Art berührt. Es ist kein lauter Roman, sondern einer, der sich langsam entfaltet und dabei sehr tief unter die Haut geht. Besonders beeindruckt hat mich, wie das Leben einer Frau zwischen Kunst, Herkunft, Liebe und den Schrecken der Zeitgeschichte erzählt wird. Die Atmosphäre des Mailands der 1930er-Jahre ist sehr spürbar, genauso wie die Unsicherheit, der Verlust und die Suche nach einem Platz in der Welt. Herlinde wirkt dabei unglaublich echt: stark und verletzlich zugleich. Gerade dieser innere Kampf zwischen Pflicht, Sehnsucht und Selbstverwirklichung hat mich sehr bewegt.Ich mochte besonders die Sprache. Sie ist reduziert, ruhig, fast poetisch. Und sie passt perfekt zu der Geschichte, verstärkt die emotionalen Momente, ohne jemals überladen zu wirken.
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