Eine Schulklasse in einem sozialen Brennpunkt probt für ihr Abschlusstheater. Der Alltag ist geprägt von Teilnahmslosigkeit, Mobbing, Gewalt und familiären Problemen. Der plötzliche Tod eines Mitschülers wird zum Wendepunkt, zwingt die Jugendlichen, sich mit Verlust, Leistungsdruck und Identität auseinanderzusetzen und einander mit mehr Respekt zu begegnen. Das Stück wird schließlich zur Katharsis und Anklage gegen die Erwachsenenwelt. Die Klasse erlebt in dieser Dynamik Zusammenhalt und im Showdown Befreiung. Einmachglas verweist auf die Ambivalenz einer Generation, die sich zwischen steriler Online-Wirklichkeit und dem chaotischen Biotop des Erwachsenwerdens behaupten muss. In dieser scheinbar kontrollierten Welt brechen Risse auf, durch die neues Leben dringt. Cornu erzählt von Jugendlichen, die keine Opfer und keine Held:innen sind, sondern Suchende: verletzlich, rebellisch, voller Sehnsucht nach Freiheit und Zugehörigkeit. Mit schonungsloser Ehrlichkeit zeichnet der Roman ein intensives Porträt junger Menschen in einer Zeit, in der alles sichtbar, aber kaum noch echt ist – und stellt die existenzielle Frage: Wie lebt man, wenn die Welt um einen herum permanent auf Sendung ist, aber kaum noch zuhört?
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Was passiert wenn wir den Schüler*innen eine Stimme geben?
Demians Schüler*innen im Buch kommen aus unterschiedlichen Kulturen, sind unterschiedlich situiert und haben verschiedene Wertvorstellungen. In einer Welt, in der sich alles nur noch darum dreht «gesehen» zu werden oder perfekt sein zu müssen, wird den Schüler*innen das Leben wirklich schwer gemacht.
Nicht nur im schulischen Umfeld müssen sie sich beweisen, sondern auch zuhause, im Kreis der eigenen Familie. Sie kämpfen mit ihren inneren Dämonen und versuchen gleichzeitig einen Platz in der Gesellschaft zu finden.
Der Epilog ist ein enorm starker Einstieg, der viele Fragen aufwirft und mich emotional abgeholt hat. Demian schreibt aus den Perspektiven verschiedener Schüler*innen und dadurch wird das Buch lebendig. Der Schreibstil ist sehr kraftvoll und intensiv, wodurch die Emotionen greifbar wirken und die Protagonisten authentisch werden.
Die unterschiedlichen Gedankengänge sind intensiv, ehrlich und haben mich stellenweise sprachlos gemacht. Viele von uns können sich noch an die Zeit in der Schule erinnern, ob positiv oder negativ, ich habe mich in einigen Situationen wiedergefunden.
Wenn die ganze Klasse sich auf ein Theaterstück vorbereiten muss, erkennt man schnell, dass die Schüler sich in ihren Rollen oftmals wiedererkennen. Genau das beschreibt Demian in einem eindrucksvollen Setting und je näher wir dem Ende kommen, desto mitreissender und atmosphärischer wird die Handlung. Die Botschaft am Ende hat mich sehr berührt und ich kann jetzt schon sagen, dass dieses Buch mich nachhaltig begleiten wird.
Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung und ich bin dankbar, dass ich an der Lesung in der Buchhandlung Stauffacher in Bern dabei sein konnte. Demian hat eine besondere Art aus seinem Buch vorzulesen, ich hätte noch stundenlang zuhören können.
Ein Zitat das mich sehr berührt hat (Protagonistin Elif):
«Wir verbringen unser Leben damit, uns vorzubereiten. Auf Prüfungen, auf Jobs. Auf irgendetwas, das immer vor uns liegt. Je älter wir werden, desto weiter rückt der Tag nach hinten. Oder nach vorne. Je nachdem, wie man es betrachtet. Jedenfalls von uns weg. Bis der Tod das Spiel beendet und alle unsere Vorbereitungen auf einen Schlag völlig nutzlos macht».
Bewertung
Book Circle Community
5/5
26.03.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Echt und ehrlich
Mir gefällt, wenn sich Geschichten über Jugendliche nicht wie pädagogische Ratgeber für Eltern anfühlen. Die einzelnen Schülerinnen und Schüler, die uns von ihrer Sicht der Dinge erzählen, fühlen sich echt an. Wie ihr Alter es eben so mit sich bringt, sind sie selbstbezogen, unfair gegenüber anderen und unerträglich stur. Aber weil sie sich in ihren Emotionen so ehrlich anfühlen, ist man als Leser:in nur allzu gerne bereit, diese Gefühle zu teilen und zu verstehen. Unpolierte, kraftvolle Charaktere, eine starke Geschichte und eine gelungene Sprache machen dieses Buch zu einem wahren Geheimtipp. Also spread the word, gute Bücher müssen nicht geheim bleiben.
Bewertung
Book Circle Community
5/5
25.03.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Intensiv, heftig, etwas zum Nachdenken
Intensiv, heftig, etwas zum Nachdenken mit einem unfassbar packenden Epilog!
Rezension zu
Einmachglas – Demian Cornu
Eine Schulklasse, die siebzig Tage Zeit hat, sich auf das Schlusstheaterstück vorzubereiten. Genau hier startet das Buch und erzählt von ihrem Leben, von ihren Familien, aber auch von ihren Sorgen und Ängsten.
Am Anfang war ich etwas überfordert mit den schnellen Wechseln der Perspektiven, denn das Buch ist aus der Sicht der Schüler*innen geschrieben. Als ich jedoch in der Geschichte angekommen war, fand ich diese Perspektivenwechsel einfach nur genial.
Es sorgt dafür, dass man anfängt nachzudenken, denn jeder in dieser Geschichte hat seinen eigenen Rucksack zu tragen. So viele einzelne Geschichten kommen ans Licht, voller Probleme, Sorgen und Ängste, die die Jugendlichen versuchen zu verbergen. Genau das ist der Grund, weshalb all die Charaktere so viel Tiefe mitbringen. Denn genau so ist das Leben nun einmal.
Und genau das merkt man im Laufe der Geschichte. Nicht nur das Denken des Lesers verändert sich, sondern auch das unserer Protagonist*innen.
Es ist ein absolut genialer und fesselnder Roman. Ein Buch mit tiefen Emotionen, Einblicken und Wahrheiten. Wunderbar erzählt und in Szene gesetzt von Demian Cornu. Eine absolute Leseempfehlung.
Eine Schulklasse in einem sozialen Brennpunkt probt für ihr Abschlusstheater. Der Alltag ist geprägt von Teilnahmslosigkeit, Mobbing, Gewalt und familiären Problemen. Der plötzliche Tod eines Mitschülers wird zum Wendepunkt, zwingt die Jugendlichen, sich mit Verlust, Leistungsdruck und Identität auseinanderzusetzen und einander mit mehr Respekt zu begegnen. Das Stück wird schliesslich zur Katharsis und Anklage gegen die Erwachsenenwelt.
Zu leer, um zu fühlen. Und jetzt sitzen Sie da – als Pappfiguren ohne Rückgrat, als Zuschauer des Lebens, das Sie nicht mehr verstehen.
Natürlich ist niemand hier schuldig. Das System ist schuld, die Gesellschaft ist schuld. Aber wer ist das? Sie alle! Im Einzelnen Opfer, im Kollektiven Täter.
Weil auch Sie es nicht anders gelernt haben. Weil Sie in derselben Fake Welt leben wie wir.
Sie können jetzt nach Hause gehen. Das Stück ist vorbei.
Das Leben nicht. Wir bleiben, weil es uns nicht egal ist.
’
MarcoL
aus Füssen
5/5
09.03.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Intensiv mit einem packenden Epilog! Große Leseempfehlung!
Fünfzehn Schüler*innen der Abschlussklasse bereiten sich für ein Theaterstück vor, das sie am letzten Schultag aufführen sollen. Vier davon sind für die Technik zuständig, die anderen stehen auf der Bühne, alles unter der Leitung des Lehrers Herr Keller. Die Lust dazu hält sich in Grenzen, aber sie lernen auf ihre Einsätze. Siebzig Tage haben sie Zeit – und genau da fängt dieser Roman an. Siebzig Tage vor dem Epilog, beginnend mit Lisa. Abwechselnd kommen die Schüler*innen zu Wort, für maximal zwei Seiten. Im Wechsel erzählen sie von sich, von ihrem Leben, ihren Ängsten, Sorgen, von der Familie, und natürlich auch von den Vorbereitungen zur Theateraufführung.
Am Anfang ist dieser schnelle Wechsel zwischen den Handlungsträger*innen etwas anstrengend, aber man kommt schnell in einen Flow und fiebert darauf hin, wie es in den einzelnen „Minigeschichten“ weitergeht. Jedes Mädchen, jeder Junge, hat seinen eigenen Rucksack zu tragen – und dieser Inhalt wird nach und nach vor uns ausgeschüttet.
Es gibt welche, die keinen Vater haben, und darunter natürlich leiden. Andere werden zuhause verprügelt. Manche sind sanft, andere können sich nur über verbale oder sogar körperliche Gewalt äußern. Alle verstecken irgendwas vor den anderen, denn es könnte ja peinlich sein. Nur nicht zu viel von sich preisgeben ist die Devise, am besten cool sein. Besonders ein Junge führt ein Doppelleben als erfolgreicher Influencer, versteckt sich nicht nur vor seinen Mitschüler*innen, sondern auch vor seinem Vater. Allein diese Episoden sind sehr berührend und lassen tief blicken.
Alles in allem ist es ein Sammelsurium aus Gefühlen und Situationen, das mit dem Wort „Leben“ beschrieben werden kann. Der Theatertermin rückt näher, und wir merken, was die Proben in den jungen Menschen bewegen und auslösen. Sie beginnen sich leicht zu verändern, anzupassen.
Und je mehr Licht in das Leben der Einzelnen kommt, desto mehr keimt beim Lesen der Verdacht, dass das wahre Theater nicht auf der Bühne stattfindet, sondern im Klassenzimmer.
Und das Theaterstück dann selbst – der Epilog, auf den die Zeitlinie zuschreitet – wird dann zum absoluten Wow-Erlebnis. Mehr wird nicht verraten.
Es ist ein absolut fesselnder Roman, ein Psychogramm mit tiefen Einblicken und Wahrheiten. Wunderbar erzählt und in Szene (Worte) gesetzt von Demian Cornu
Ganz große Leseempfehlung
xxholidayxx
4/5
29.03.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Vorhang auf für eine Generation unter enormen Druck
TW: Suiz*d: „Eigentlich habe ich keinen Grund, mich umzubringen, aber auch keinen, es nicht zu tun. Niemand würde sich freuen. Niemand würde um mich trauern. Sogar zum Sterben zu langweilig." (S. 11) – Dieser Satz steht früh im Buch und er hat mich sofort mitten hinein in die sehr unterschiedlichen Lebensrealitäten dieser Jugendlichen gezogen: Identität, Druck, das Gefühl, den eigenen Platz in der Welt noch nicht gefunden zu haben.
„Einmachglas" von Demian Cornu ist am 01.03.2026 beim Zeitkind Verlag erschienen, 178 Seiten. Der Schweizer Autor hat selbst zwei Kinder und ist unter anderem Co-Präsident des DeutschSchweizer PEN Zentrums, Kurator der Diskussionsreihe h*story und Torwart der Schweizer Literatur Nati. „Einmachglas" ist sein zweiter Roman.
Worum geht's?
Eine Schulklasse in einem sozialen Brennpunkt probt für ihr Abschlusstheater. Der Alltag ist geprägt von Teilnahmslosigkeit, Mobbing, Gewalt und familiären Problemen. Als ein Mitschüler plötzlich stirbt, wird das zum Wendepunkt – die Jugendlichen werden gezwungen, sich mit Verlust, Leistungsdruck und Identität auseinanderzusetzen. Das Theaterstück wird zur Katharsis. Und zur Anklage.
Meine Meinung
Was mich von der ersten Seite an überzeugt hat: Dieser Roman fühlt sich nicht an wie ein Buch über Jugendliche. Er fühlt sich an wie ein Buch von ihnen, weil sie meiner Meinung nach sehr authentisch dargestellt sind. Die Perspektiven wechseln zwischen den Schüler:innen und geben so einen tiefen Einblick in unterschiedliche Lebensrealitäten innerhalb einer Generation. Man lernt nach und nach, wer da eigentlich zu uns als Lesende spricht. Jede Figur trägt einen eigenen Rucksack, hat ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Sorgen. Am Anfang hat mich der recht schnelle Perspektivenwechsel gefordert, aber bin dann doch recht schnell reingekommen.
Was dem Autor meiner Meinung nach besonders gut gelingt: Die Jugendlichen sind keine Opfer und keine Held:innen. Sie sind selbstbezogen, manchmal unfair, manchmal unerträglich. Und weil sie sich in ihren Emotionen so echt anfühlen, sind sie für mich so überzeugend.
Das Theaterstück als Rahmen ist mehr als dramaturgisches Mittel. Es ist das Herzstück des Romans: Der Moment, in dem die Jugendlichen auf der Bühne sagen, was sie sonst nicht sagen können, wenn die Erwachsenen endlich ihnen zuhören müssen, ist einer der stärksten des Buches – und die Anklage an die älteren Generationen sitzt: „Wer zeigt uns, wie man schwach sein darf? Wie man liebt?" (S. 167).
Wenn ich mir was anders wünschen dürfte: noch 50 bis 100 Seiten mehr. Nicht weil die Geschichte nicht auch so wirkt, sondern weil ich mit den Figuren gerne noch länger zusammen gewesen wäre. Ein kurzer Hinweis sei noch erlaubt: Das Buch thematisiert Suizidalität, Gewalt und psychische Belastungen von Jugendlichen mit einer Direktheit, die wahrscheinlich bewusst gewählt ist. Ein kurzes Vorwort oder ein Hinweis auf Unterstützungsangebote wäre bei einer solchen Thematik wünschenswert gewesen.
Fazit
„Einmachglas" ist ein Geheimtipp, der keiner bleiben sollte. Für alle, die wissen wollen, was Jugendliche wirklich beschäftigt. Herzlichen Dank an Gabriela vom Zeitkind Verlag für das Rezensionsexemplar!
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