Mittelberge erzählt in poetischer Prosa die Lebensgeschichte der eigensinnigen Sophie. Ihre Kindheit ist geprägt von Armut und der Nähe zur Natur in einem oberfränkischen Dorf ab den 1930er Jahren. Hier kennt jeder jeden und die Erwartungen und Gedanken müssen nicht laut ausgesprochen werden, um für jedermann hörbar zu sein. Kerstin Specht zeichnet mit Sprachwitz und hintergründigem Humor das Panorama einer wundersamen Welt.„Ein Sog. Irgendwann lässt einen so viel Armut, Stärke, Schicksal, Tapferkeit, Geschichte, Versuch von Liebe, unbekanntes Landleben gar nicht mehr los.“ Elke Heidenreich
Ein neues Kapitel für Ihre Bücher
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Dörfliches Leben vor rund 100 Jahren auf dem Punkt
„Kleine Arbeiten kannst schon machen, sagt die Mutter. Den ganzen Tag gibt es kleine Arbeiten. Aber manchmal ist Sophie frei.“ (S. 59)
Sophie wächst in den 1930-er Jahren in einem oberfränkischen Dorf mit den einhergehenden Einschränkungen, der Eintönigkeit und dem kargen Lebensstil einer bäuerlichen Struktur auf. Von klein auf und selbst, als sie schon in Stellung ist, muss sie auf dem elterlichen und großelterlichen Hof mithelfen und doch versucht sie, ihren eigenen Weg zu finden, sich Freiräume zu verschaffen, sich abzugrenzen von der Enge des Lebens mit Nachbarn, die alles mit Argusaugen beobachten und einer Welt, die kurz vor einem großen Krieg steht.
Ohne zu beschönigen wird mit ungeheurer und scharfsinniger Weitsicht ein Bild des dörflichen Lebens skizziert, wie es lebensechter nicht sein könnte. Ohne viele Worte, weil sich die Denkweisen der Menschen so gleichen, entsteht eine Nähe zur damaligen Zeit, die sich sprachlich der Schroffheit und Gefühlsarmut der schwer arbeitenden Bevölkerung anpasst. Der Lesende wird herausgefordert, die Leerstellen im Text selbst zu füllen, Zusammenhänge herzustellen und zu kombinieren, um aus den kleinteiligen Fragmenten ein Ganzes zu bilden.
Das hemmt gelegentlich den Lesefluss, denn die kurzen Kapitel, umrahmt von treffender Lyrik, folgen keinem linearen Zeitstrahl, sondern überspringen, lassen aus und setzen an anderer Stelle wieder an. Und doch entsteht ein Sog in diesen klugen, poetischen und unangepassten Roman, öffnet sich das Herz für Sophie und ihr Schicksal. Man ist mittendrin, wenn gearbeitet, gelebt, getratscht, geliebt, geheiratet, geschaut und gestorben wird, sich die Geschichte am Ende wiederholt.
Ein ungewöhnliches und umso empfehlenswerteres Buch über die kleinen Leute einer längst vergangenen Zeit, mit kurzen Sätzen, aber großem Inhalt. Sehr besondere Coming-of-Age-Erzählung im authentischen Heimatroman-Gewand.
„Eine Hochzeit ist Arbeit. Vor allem. Das Schwein wird geschlachtet. Krapfen gebacken, der Teig über die Hand gepatscht, auseinandergezogen und in kochendes Fett getaucht, Blöchla über ein Hohleisen gerollt, dann in neuem Fett ausgebacken und heiß in Zimt und Zucker gewälzt.“ (S. 213)
Johanna
aus München
5/5
21.05.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein ausgezeichneter Roman! Horvath und Fleißer lassen grüßen.
Ein Heimatroman, der nichts romantisiert: Poetisch, atmosphärisch und karg in der Sprache, drastisch in der Darstellung der rauen Wirklichkeit. Ein Leben verdichtet in Momentaufnahmen und gesehen aus der Perspektive derer, denen der Hintern auf dem Häusl beinahe wegfriert, wenn sie im Winter nachts über den Hof müssen. Oberfranken von den Dreißiger Jahren bis zum Wirtschaftswunder.
Ein ausgezeichneter Roman! Horvath und Fleißer lassen grüßen.
Die siebzigjährige Autorin Kerstin Specht widmet das Buch ihrer Mutter und lehnt es wohl auch an deren Leben an. Die Romankapitel sind kurz, manchmal nur eine halbe Seite und sagen doch so viel. Eine Überschrift heißt „Christenlehre“:
„Der Gott schrieb vor, dass im Leben keine Freude sein sollte, nur Arbeit. Die Freude käme erst, wenn man tot war, sonst hätte er die Menschen gleich im Paradies lassen können.
Die Leute ziehen ihre besten Sachen an und tragen ihre Schmerzen in die Kirche und nehmen sie wieder mit nachhause, weil sonst hätten sie ja gar nichts mehr.“
Im Mittelpunkt steht Sophie. Ihr Leben hängt am seidenen Faden. Der Lehrer bestellt Milchpulver, damit sie nicht verhungern muss. Dann bekommt sie Rippenfellentzündung, dann Asthma. Andere haben Diphterie und sterben dran. Sophie trotzt dem Tod hartnäckig.
Sie ist eine Heldin, die an den haarsträubenden Bedingungen des Lebens in Armut nicht scheitert.
Specht erzählt vom Leben und Sterben, von Gewalt und Liebe, von Weihnachts- und Konfirmationsfesten, die man selber nicht erleben wollte, von einer Arbeit, die die Menschen auffrisst und von den sozialen Unterschieden.
Die große Politik ist auch in der oberfränkischen Provinz spürbar. Die Roten sind schuld, wenn die Scheune abbrennt. Und der Witz über Göring kommt nicht bei allen gut an. Als der Krieg ins Dorf kommt, werden die „Männer gesammelt wie Kartoffelkäfer“ und „in Gräben gesteckt“. Dass manche abgeholt werden, verschwinden, merkt auch Sophie. In den Wald geht sie nicht mehr, seit da Menschen gejagt werden.
Als mit fünfzehn die Schule für sie beendet ist, sieht sie einem Leben entgegen, das vorgezeichnet ist. Arbeiten, mit dem Verlieben aufpassen, bis der Richtige kommt.
Specht lässt eine Welt entstehen, die uns sehr fremd ist. Dabei ist das alles nicht mal hundert Jahre her. Und ganz vergangen ist die Vergangenheit auch nicht.
Eine fesselnde Geschichte, die ich verschlungen habe. Spechts Sprache ist Lesegenuss pur!
Bewertung
4/5
19.06.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Beeindruckend
Die kleine Sophie wird in den 1930er Jahren in einem kleinen Dorf geboren. Die Familie lebt in ärmlichen und sehr einfachen Verhältnissen. Geprägt vom 2. Weltkrieg und der Nachkriegszeit, wächst Sophie trotz aller Schwierigkeiten, zu einer starken Frau heran. Hunger, Krankheit und harte Arbeit sind ihr täglicher Begleiter. Doch das hat sie hart gemacht, sie lässt sich nicht so schnell unterkriegen.
Ein eindrucksvoller Roman über eine starke Frau. Die kurzen Kapitel gleichen fast schon Momentaufnahmen. Nach und nach lernen wir erst Sophies Vorfahren kennen, dann sie selbst. So setzt sich Stück für Stück das ganze Dorfleben zusammen. Die Sprache ist besonders. Am Anfang noch recht ungewöhnlich aber man gewöhnt sich rasend schnell daran. So wird dem Leser mit kurzen, prägnanten Sätzen, das einfache und karge Leben näher gebracht. Mitleid und Romantisierung des Dorflebens, sucht der Leser vergeblich. Hier gibt es die harte Realität aus Sicht der einfachen Menschen. Die ist manchmal nicht so leicht auszuhalten.
Ein atmosphärischer, sprachlich beeindruckender Roman, den ich euch sehr gern empfehle.
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